Woche vom 11.04.2010 bis 17.04.2010 

Von Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, Freiburg/i. Br., Katholische Kirche
Weißer Sonntag
Sonntag, 11. April 2010
Heute läuten in zahlreichen Gemeinden die Kirchenglocken zu einem besonderen Fest: Die Kinder gehen heute zur Erstkommunion. Viele Familien feiern die Erstkommunion ihres Kindes mit einem frohen Familienfest; viele Dörfer schmücken Plätze und Häuser und stellen Fahnen auf.
Angesichts der Tatsache, dass das Thema Kirche und Kinder seit Wochen und Monaten belastet ist, tun wir uns schwer, unbefangen von diesem Fest für Kinder zu sprechen. Dennoch möchte ich den Blick auf das engagierte Dasein von Gemeinden und Seelsorgern für Kinder nicht unterlassen. Und da ist Erstkommunionvorbereitung ein wichtiges Feld und der Weiße Sonntag ein bedeutendes Fest. Lassen Sie mich deswegen einiges sagen über den Ursprung und den Sinn dieses Tages.
Die Bezeichnung „Weißer Sonntag" gründet nicht auf den weißen Kleidern der Kommunionkinder, sondern stammt schon aus der Urkirche. Damals war die Osternacht der zentrale Termin im Jahr, an dem getauft wurde, an dem neue Christen in die Gemeinschaft des Glaubens aufgenommen wurden. Die Täuflinge zogen nach der Taufe ein neues, weißes Taufkleid an. Damit verdeutlichten sie, was der Apostel Paulus schreibt: „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt" (Gal 3,27). Ein ungewöhnliches Bild für die Nähe zwischen den Menschen und Gott! Dieses neue Gewand trugen die Neugetauften sieben Tage lang, bis zum nächsten Sonntag. Es war der erste Sonntag, an dem sie als volles Gemeindemitglied den Gottesdienst mitfeierten; sie dankten für das Geschenk der Taufe und trugen zum letzten Mal ihr weißes Taufkleid. Daher der Name „weißer Sonntag".
Das „Weiß" der Gewänder hat einen tiefen Ursprung. Der Seher Johannes schildert in der Apokalypse, dem letzten Buch der Bibel, seine Vision des auferstandenen Jesus: „Als ich mich umwandte", schreibt Johannes,
„sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der wie ein Mensch aussah; er war bekleidet mit einem Gewand, das bis auf die Füße reichte (...). Sein Haupt und seine Haare waren weiß wie weiße Wolle, leuchtend weiß wie Schnee (...)" (Offb 1,13).
Johannes erschrickt, doch Jesus Christus sagt zu ihm:
„Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige." (Offb 1,17).
„Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige", sagt der Auferstandene. Und mehr als das: Christus sagt es nicht nur, er bürgt vielmehr mit seinem Leben dafür, dass er der Erste und der Letzte ist. Als Letzter, als zum Tode Verurteilter wurde er ans Kreuz geschlagen. Er starb als Unschuldiger am Kreuz wie ein Verbrecher.
Und er ist der Erste. Der Erste der Auferstandenen, und er lässt uns folgen. Er, der Letzte, ist für uns gestorben, um uns als Erster zum Leben voranzugehen.
Jesus Christus ist - das Wort fasst es zusammen - „der Lebendige". Der Gott des Lebens, der uns zum Leben ermutigt.
Viele Kinder haben in den vergangenen Monaten in der Erstkommunionvorbereitung diesen Gott des Lebens näher kennengelernt. Und sind hineingewachsen in die Gemeinschaft von Menschen, denen Gott und Glaube etwas bedeuten. Ich bin dankbar, dass wir das Fest der Erstkommunion für die Kinder haben. Und ich danke all denen, die in diesem Jahr Kinder dahin begleitet haben. Umso mehr schmerzt es mich, wenn bei einer ganzen Anzahl von Menschen das Vertrauen zur Kirche im Umgang mit Kindern erschüttert ist. Und ich hoffe um der Kinder willen, dass wir dieses Vertrauen Stück für Stück wiedergewinnen werden.
Allen Kindern, die heute Weißen Sonntag feiern, und ihren Familien wünsche ich einen gesegneten, frohen Tag.



