Manuskripte

SWR2 Wort zum Sonntag

Aktuelle Woche   Archiv

Woche vom 19.04.2009 bis 25.04.2009




Gerd Schmoll

Von Gerd Schmoll, Karlsruhe, Evangelische Kirche

nicht sehen und doch glauben

Sonntag, 19. April 2009     [Druckversion]

Nicht sehen und doch glauben – ist das nicht zu viel verlangt? Hat blinder Glaube in der Geschichte der Menschheit nicht viel Schlimmes angerichtet? Wenn Menschen einer Führergestalt oder einer Ideologie blind vertraut haben, wurden sie meist in die Irre geführt und haben die Verantwortung für ihr eigenes Verhalten abgegeben. Dann waren und sind u.U. ganz „normale“ Menschen auch zu unmenschlichen und grausamen Taten bereit. In
den Diktaturen unserer Geschichte gibt es dafür genug Beispiele; in den Terroranschlägen unserer Zeit kann man es immer wieder sehen.

Andererseits: Wenn man einen Menschen liebt und geliebt wird, kann man diese Liebe weder „sehen“ noch beweisen. Man vertraut dem geliebten Menschen ganz selbstverständlich. Allerdings können auch Ereignisse eintreten, die an der Aufrichtigkeit der Liebe des Anderen zweifeln lassen. Eine Liebesbeziehung kann dadurch zerstört werden.

Es ist ganz ähnlich mit dem Vertrauen auf Gott. Davon erzählt die Geschichte vom „ungläubigen Thomas“. Der hatte wie alle Jünger Jesu dessen Tod am Kreuz als Katastrophe erlebt. Die Hoffnung auf Befreiung und Erlösung, auf ein anderes und besseres Leben war zerstört. Wieder einmal hatten Unrecht und Gewalt gesiegt. Und Jesus hat die großen Erwar-tungen an ihn enttäuscht. Aber dann ist es Ostern geworden. Und der Auferstandene ist den Jüngern erschienen und hat neues Vertrauen und neue Hoffnung geweckt. Aber – Thomas war nicht dabei, als die Anderen die Ostererfahrung gemacht hatten. Sie erzählen von ihr, aber er kann ihrem Bericht nicht glauben. Tot ist doch tot. Ist alles andere nicht Wunschdenken? Er will sehen und mit Händen greifen, was er glauben soll. In Jesu Wundmale will er seine Hände legen. Die sind Realität, über die man nicht hinwegsehen kann. Da erscheint Jesus den Jüngern erneut – und nimmt die Hand des Thomas und legt sie an seine Wundmale. Dann aber sagt er ihm: Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Und jetzt bekennt Thomas seinen Glauben.

Auch heute nehmen Unrecht und Gewalt kein Ende und provozieren die verzweifelte Frage: Wo warst du, wo bist du, Gott? In Krisen, in Dürrezonen des Lebens können Vertrauen und Hoffnung verkümmern und Zweifel wachsen. Was kann da neues Vertrauen schaffen und neue Hoffnung wecken?

Thomas war nicht bei den anderen, als ihnen Jesus begegnete. Er war mit seinen Zweifeln
allein. Ob nicht die Rückkehr zu Menschen, die Zweifel kennen, aber auch von ihrem Vertrauen und ihrer Hoffnung berichten können, ein Anfang sein kann, Glauben zu lernen oder wieder zu finden? Mit den anderen zusammen kommt es zur Begegnung mit Jesus.-
Und der geht auf seinen Zweifel ein. Er verurteilt ihn nicht. Er wirbt um Thomas. Zweifel hat offenbar sein Recht, seinen Platz bei Menschen, die es schwer haben mit dem Vertrauen und der Hoffnung. Er fasst Thomas bei der Hand und lässt ihn „begreifen“, dass Jesus gerade den Zweifelnden ganz nahe kommt - und gerade keinen blinden Glauben erwartet. -
Was dann Jesu Wort 'Selig sind, die nicht sehen und doch glauben' bedeutet, kann man im Freiburger Münster sehen: Dort stehen an den Säulen, die den Mittelgang umrahmen, Skulpturen der Apostel. Dem Chorraum am nächsten ist der Zweifler Thomas. Ihm gegenüber steht Christus, der seine Seitenwunde zeigt. Thomas ist also ganz nahe dem Ort, von wo aus Gottes Wort verkündet und Abendmahl gefeiert wird. Im Hören begegnet der Auferstandene auch heute Menschen, im Abendmahl lässt er sie begreifen, dass sie auch
in den Dürrezonen des Lebens nicht verlassen sind und hilft ihnen zum Vertrauen, zur Hoffnung und auch zu einem verstehenden Glauben.