Manuskripte

SWR2 Wort zum Sonntag

Woche vom 12.04.2009 bis 18.04.2009




Wolf-Dieter Steinmann

Von Wolf-Dieter Steinmann, Ettlingen, Evangelische Kirche

Zum Ostermontag: Das Ungegreifliche erfahren, erzählen und verstehen

Montag, 13. April 2009     [Druckversion]

Warum feiern Menschen Ostern, ein Fest, das man kaum begreifen kann?
„Christus ist auferstanden!“ Ein Mensch, gestorben, soll leben?
Ganz begreifen kann man es wohl nicht, aber ich kann mich nähern.
Mit Augen und Ohren, Kopf und den Füßen habe ich es versucht:
[prof_landmesser.jpg]
Zusammen mit Christof Landmesser - er ist Professor für Neues Testament in
Tübingen - bin ich hinaufgestiegen zur Wurmlinger Kapelle, zwischen Tübingen
und Rottenburg.

Viele Menschen gehen heute diesen Weg hinauf, um sich Ostern zu nähern.
Das Erste, was ich verstehe: Ostern fängt unten an. Das Ziel, die Kapelle, oben weithin sichtbar
auf dem Bergkegel, ist ohne den Weg hinauf nicht zu haben.
Den Weg hinauf säumen die 14 Stationen des Kreuzwegs Jesu. Man
muss sie beachten, wenn man Ostern verstehen will, meint Christof Landmesser.

Der Kreuzweg erzählt, dass es Ostern ohne die Passion, ohne das Leiden des Gottessohns nicht gibt.
Dieser Kontrast zwischen Leiden und Auferstehung Jesu und das Denken des Zusammenhangs beider
Ereignisse, ist die Provokation der Jesusgeschichte.


Das Leben ist kein Paradies. Und endlich ist es. Ich vermute, mit dieser Tatsache können sich die wenigsten
von uns wirklich versöhnen. Diese Seite des Lebens Jesu ist uns nur allzu vertraut. Aber der christliche
Glaube ermutigt zu einem zweiten Blick auf Jesus und damit auch auf uns selbst.
[wurmlinger_kapelle.jpg]
Geht man den Weg hinauf zur Kapelle, dann muss man schon – im Bild gesprochen - den Blick zum
Himmel richten: Dann öffnet sich die Passion Jesu als das Geschehen, in dem das Leid aller Menschen
gewendet wird.


Eine der 14 Stationen des Kreuzweges hinauf zur Kapelle stellt diese Wende eindrücklich dar.
Jesus am Kreuz. Aber nicht gebrochen, im Gegenteil: Im Hintergrund gehen Strahlen von ihm aus wie
von einer Sonne.

Hier kommt deutlich zum Ausdruck wie zum einen der Tod real erzählt wird, zum anderen aber auch die
theologische Pointe dargestellt wird, nämlich der Sieg des Christus über den Tod.


Im Gekreuzigten einen Sieger zu sehen, das war auch für die Menschen früher ein großer Glaubensschritt.
In einer Kreuzwegstation begegnet Jesus den Frauen von Jerusalem. Während diese ihre Hände verzweifelt
vors Gesicht schlagen, weist seine nach oben. Er will ihnen die Augen öffnen, so deutet Christof Landmesser
das Bild.

Das zeigt sehr deutlich wie die Menschen, die um Jesus sind, vor Ostern noch nicht verstehen können,
weshalb dieser Christus, der Gottessohn, leiden muss, obwohl Jesus dieses ihnen immer wieder erzählt hat.
Aber erst Ostern schließt gewissermaßen auf, was die Bedeutung dieses Leidens und dieses Sterbens und
dann der Auferstehung ist.


Für Prof. Landmesser ist wichtig, dass Kreuzwege wie in Wurmlingen auch in unserer säkularen Welt
präsent sind, weil sie die dunkle Seite des Lebens beleuchten.

Es ist das Leiden, das von vielen Menschen auch gelitten wird aber in einer besonderen Weise vom
Gottessohn. Er ist eben nicht ein Mensch wie wir anderen Menschen auch.


Um zu verstehen, was ihn anders macht, muss man den Weg zu Kapelle bis nach oben gehen.

Musik: „Jesu, Joy of Man’s“;
CD: Jacques Loussier Trio; The Bach Book, telarc Jazz

Wer es, wie Christof Landmesser und ich, schließlich geschafft hat und oben ankommt bei der Wurmlinger
Kapelle, der wird belohnt: Weit hinaus kann man schauen. Lebhaft pfeift der Wind um die Kapelle. Wie von
ihr beschützt liegt der kleine Friedhof. Die Welt unten, aus der wir gekommen sind, rauscht nur noch von fern.
Hier oben ist es anders. Für Christof Landmesser ein guter Ort, Ostern zu erfahren.

Die Auferstehung des Gottessohnes beschreibt den Durchbruch des Lebens in einer ganz endgültigen
Weise. Und es ist ein regelrecht menschliches Bedürfnis, einen solchen Inhalt auch nachzuvollziehen, so weit
das eben möglich ist, einen solchen Inhalt sinnfällig zu machen. Und da passt es schon, einen Kreuzweg
entlang zu gehen und dann in der Frühe des Ostermorgens beim ersten Tageslicht die Weite zu erleben
und in seiner Seele zum Klingen zu bringen, was es bedeutet, in das Leben durchzubrechen. Entscheidend
ist aber, dass die Jesusgeschichte erzählt wird.


Ein Osterspaziergang kann eine Ahnung von Lebensdurchbruch geben, aber er bleibt Bild. Auch wenn ich weit
hinaus blicke ins Land, ich bleibe innerhalb der Grenzen unserer Welt, die wir vorfinden. Die Auferstehung Jesu,
wie sie in der Bibel erzählt wird, weist darüber hinaus. Wer daran glaubt, versteht auch, dass unsere Welt
grundsätzlich offen ist. Entgrenzung nennt Christof Landmesser das:

Mit diesem Stichwort wird deutlich gemacht, dass der christliche Glaube Dimensionen aufzeigen kann,
die eben nicht in einer materialen Vorläufigkeit sich erschöpfen. Was dadurch gewonnen wird, sind
Handlungsdimensionen, die uns tatsächlich Leben eröffnen. Und das ist das Symbol der Auferstehung,
dass Leben eröffnet wird, dass Handeln ermöglicht wird, und zwar ein Handeln, das nicht unter der
Bedrohung des Todes steht, das nicht unter der Bedrohung des Zu-kurz-kommens steht, das nicht unter
der Bedrohung des gegenseitigen Kampfes steht.


Der Glaube an die Auferstehung ist nicht nur Kopfsache. Weil er einem die Angst nehmen kann um sich selbst.
Und wie oft hindert diese Angst, Gewohntes hinter sich zu lassen, Grenzen zu überschreiten. Der Glaube
an die Auferstehung ist nicht nur für Ostern. Er prägt das Weltverständnis insgesamt.

Das Sehen ist die Perspektive, die der Mensch auf die Welt hat. Und so sieht ein glaubender Mensch jetzt
die Welt, nämlich unter dem Vorzeichen der Auferstehung des Christus.


Wie der Blick von der Wurmlinger Kapelle den Blick auf das Land weitet, so weitet die Auferstehung den Blick
auf den Menschen und die Welt, hin auf Gott.

Musik: s.o.

Unser Blick fällt von der Kapelle nach Osten, direkt auf Tübingen: Universitätsstadt, Symbol unser geistigen
Kultur. Für Christof Landmesser, den Professor für Neues Testament, ist es wichtig, dass die Theologie ihren
Ort im Haus der Wissenschaften behält. Im Fundament des Hauses könnte ihr Ort sein. Alle Wissenschaften
wollen ja die Welt besser verstehen.

Dazu gehört aber auch, die Grenzen des jeweiligen Verstehens zu bestimmen und zu beschreiben. Wenn
in einem Fach diese Grenzen nicht beschrieben werden, dann wird ein schwerer Fehler begangen.
Positiv gewendet heißt das: Der christliche Glaube kann von diesen Grenzen so reden, dass über diese
Grenzen hinaus eine Perspektive eröffnet wird. Dh. in der Theologie ist die Rede von der Schöpfung und ist
auch die Rede vom Ziel des Menschen mit Blick auf Gott. Und genau diese Grenzen und Grundlagen des
Daseins müssen von der Theologie beschrieben werden. So bekommt dann ein wissenschaftlicher Blick in
die Welt erst sein Fundament.


Musik: s.o.

Der Glaube an Kreuz und Auferstehung Jesu lässt mich verstehen, dass Leben und Welt begrenzt sind.
Aber damit begründet er für Christof Landmesser auch Freiheit.

Freiheit meint, dass ich zum einen von meinen Grenzen weiß, dass diese Grenzen mich aber nicht mehr erschrecken.
Freiheit meint, dass ich vom Grund meines Lebens weiß und vom Ziel meines Lebens.
Dh nicht, dass ich ungebunden wäre in einer völligen Beliebigkeit, vielmehr bin ich durch das Geschehen
von Kreuz und Auferstehung in einen Raum versetzt, der mich bindet an den Schöpfergott, der das Leben
schafft. Und daran sich in seinem Leben zu orientieren, daran sein Handeln auszurichten, daran die Gestaltung
der Beziehungen auf allen Ebenen des Lebens darzustellen, das ist die Herausforderung, die mit Freiheit
gesetzt ist.
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„Er geht Euch voraus nach Galiläa“ (Mk 16,7)

Sonntag, 12. April 2009     [Druckversion]

„Christus ist auferstanden!“ – so grüßen sich seit Jahrhunderten Christen in der Osternacht. Vielleicht haben auch Sie schon eine „lange Nacht“ hinter sich und haben die Osternacht in Ihrer Gemeinde mitgefeiert. Ich habe im Freiburger Münster gefeiert und bin wie jedes Jahr aufs Neue mitgerissen von diesem besonderen Gottesdienst: nach den 40 Tagen der Fastenzeit erklingt zum ersten Mal wieder das Halleluja; die Orgel, die seit Gründonnerstag geschwiegen hat, erfüllt den Kirchenraum wieder mit ihrem Klang, das Licht der Osterkerze breitet sich im ganzen Raum aus. Die Feier der Osternacht ist ein Fest für alle Sinne. Ich habe sie schon fast 60 mal erlebt, in vielen verschiedenen Kirchen und Gemeinden. In jedem Jahr ist sie etwas ganz Besonderes, Feierliches, Erhabenes und Erhebendes für mich.
Und gleichzeitig ein notwendiges, ein wichtiges Fest. Denn es gibt ja auch die unzähligen Erfahrungen von Tod: Den Tod von Menschen jeden Alters, den natürlichen und den gewaltsamen Tod. Und dazu hat Ostern etwas zu sagen. Ostern ist eine Botschaft für unser Leben, so wie es ist, und für den Alltag!
Das Osterevangelium, das in den katholischen Gottesdiensten auf der ganzen Welt gelesen wird, erzählt, wie die Jünger und die Frauen zum Grab Jesu gehen, um ihn zu salben, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Doch der Leichnam ist weg! Das Grab ist leer! Die Jünger sind zutiefst bestürzt und erschüttert. Im leeren Grab tritt ihnen eine leuchtende Gestalt entgegen. Sie sagt ihnen: „Jesus ist nicht hier, er ist auferstanden. Er geht euch voraus nach Galiläa.“ Diese atemberaubende Geschichte bezeugt zweierlei. Einmal: dieser Tote, Jesus Christus, ist nicht im Tod geblieben – so unfasslich das auch ist. Und zum andern: Jesus geht ihnen voraus dorthin, wo sie leben. Er ist bei ihnen als der Auferstandene mitten in ihrer Lebenswelt.
Galiläa, das ist ja der Ort, an dem die Jünger Jesu zuhause sind. Es ist der Ort, an dem er mit ihnen zusammen war; wo er Kranke geheilt und zu den Menschen gesprochen hat. Dorthin geht der Auferstandene ihnen voran: in ihre Heimat, in ihren Alltag.
Jesu Leben ist also nicht eine Episode in der Geschichte, sondern Frohe Botschaft für uns, aktuell bis heute. Gott erweckt Jesus Christus zu neuem Leben. Er will uns, jedem und jeder von uns, die Erfahrung schenken, dass er mit uns geht – ganz konkret in unserem Leben, in unserem Alltag.
Der evangelische Theologe und Märtyrer Dietrich Bonhoeffer drückt im Gefängnis sein Vertrauen aus, auch auf dem schwersten Weg nicht alleine zu gehen. Er schreibt: „Keinen Weg lässt uns Gott gehen, den er nicht selbst gegangen wäre und auf dem er uns nicht voranginge.“ Diese Zusage ist so gewaltig, dass die Kirche ihren ganzen Schatz an Symbolen und Farben, an Musik, Gerüchen, Licht und Jubel vereint, um das Osterfest zu gestalten.
Heute, an Ostern, feiern Menschen auf der ganzen Welt, dass sich das Leben verändert hat. Der Tod ist nicht verschwunden. Aber er ist nicht die alles beherrschende Macht, ist nicht das Ende für die, die gestorben sind, und für die, die zurückbleiben. Und das macht wiederum zweierlei möglich. Zum Einen, dass wir den Tod geschehen lassen können als Teil des Lebens. Dass wir Abschied nehmen, wo es an der Zeit ist. Und zum andern, dass wir tödliche Kräfte in der Gesellschaft, in uns selbst bekämpfen. Dass wir tun, was wir können gegen Gewalt, Hunger, todbringende Armut. Dass wir in Medizin und Pflege das uns Mögliche tun.
Wenn Jesus, der von Gott Auferweckte, uns voraus geht in unserm Leben, dann heißt das: Der Tod ist nicht getilgt, aber wir haben eine Freiheit gewonnen. Die Freiheit, den Tod anzunehmen, und die Freiheit, zu leben und für das Leben da zu sein – für ein Leben über den Tod hinaus.
So wünsche ich uns beides: das Vertrauen, Abschied zu nehmen, und den tätigen Glauben an ein unzerstörbares Leben. Per E-Mail empfehlen