Woche vom 09.11.2008 bis 15.11.2008 

Von Bischof Dr. Franz-Peter Tebartz-van Elst, Limburg, Katholische Kirche
Die gerettete Thorarolle
Sonntag, 09. November 2008
Ein Bild macht mich nachdenklich. Es hängt in einem Tagungshaus und ist wie die Reliquie eines Ereignisses, das nie vergessen werden darf, damit es sich nie wiederholt. Das Bild zeigt einen kleinen Teil aus einer größeren Thorarolle, die heute vor siebzig Jahren beim schrecklichen Terror der Reichspogromnacht zerstört wurde. Nach der Verwüstung der Synagoge in einer deutschen Stadt hat damals ein 17-jähriger Jugendlicher im Respekt vor der Buchrolle, die den Juden heilig ist, diese beschädigten Ausschnitte von der Straße aufgenommen und aufbewahrt. Als Christ verspürte er Ehrfurcht und Anteilnah-me.
Diese Thorareste enthalten Worte des Alten Testamentes aus den ersten fünf Büchern der Bibel. Beim Gottesdienst in der jüdischen Synagoge wird die Thorarolle aus dem Schrein genommen und geöffnet, um daraus Gottes Wort zu verkünden. Die Ausschnitte, die wie Buchseiten hinter dem Glasrahmen des Bildes zu sehen sind, zeigen deutliche Spuren von Zerstörung. Der Text ist nur schwer zu entziffern. Und doch spricht aus die-ser Schrift laute Mahnung. Bevor man überhaupt ein Wort identifiziert hat, begreift man: Wo Menschen so brutale Gewalt angetan wird, wie es vor 70 Jahren in der Reichspog-romnacht geschehen ist, wird sie auch Gott angetan. Wo Gottes Wort mit Füßen getreten wird, wie die braunen Barbaren es vor 70 Jahren getan haben, hat der Mensch entsetz-lich zu leiden. Der Blick auf diese Reliquie der Thora macht bewusst, was am Ende dieser Schriftrolle aus dem Mund des Mose im Buch Deuteronomium des Alten Testamentes zu lesen ist: „Heute beschwöre ich euch: Verpflichtet eure Kinder, dass auch sie auf alle Be-stimmungen dieser Weisung achten und sie halten. Das ist kein leeres Wort, das ohne Bedeutung für euch wäre, sondern es ist euer Leben.“ (Dtn 32,46-47)
Wo Menschen den Respekt vor Gott verlieren, geht auch die Achtung voreinander verlo-ren. Für immer müssen die schrecklichen Ereignisse der Reichspogromnacht zur Mahnung dafür werden, dass wir nicht wegschauen dürfen. Was heute vor 70 Jahren geschehen ist, darf nie vergessen werden. Wir müssen es auch als Christen immer wieder anspre-chen, denn mit einer Stummheit vor der Geschichte wächst eine Gleichgültigkeit im All-tag, mit der eine Gottvergessenheit einhergeht, aus der am Ende brutale Menschenver-achtung wird. Der Theologe Johann Baptist Metz hat gerade im Blick auf die Gräueltaten, die die Nationalsozialisten dem jüdischen Volk angetan haben, von der Notwendigkeit ei-ner „gefährlichen Erinnerung“ gesprochen.
Das Bild mit den Ausschnitten der Thorarolle, die 1938 geschändet wurde, geht mir nahe. Es macht mir bewusst, wie sehr gerade uns Christen das Schicksal des jüdischen Volkes angeht. Die ersten fünf Bücher der Bibel, aus denen die beschädigten Worte kommen, die ich vor Augen habe, erinnern mich an das Wort von Papst Johannes Paul II., der uns eindrucksvoll ins Gedächtnis und ins Herz geschrieben hat, dass die Juden unsere älteren Geschwister im Glauben sind. Diese besondere Verwandtschaft bedeutet umso mehr Ver-pflichtung in der Anteilnahme und im Einsatz für eine wachsame Erinnerung.
Im Sommer dieses Jahres hatte ich die Gelegenheit, in einer Synagoge im Norden Israels an einer Barmizwa Feier teilzunehmen. Bei diesem Fest der Religionsmüdigkeit eines jü-dischen Jungen wurde ihm der Gebetsschal umgelegt, das Sch’mah Israel in einer Kapsel auf die Stirn gebunden und ein silberner Gebetsfinger wie ein Zeigestab überreicht. Dann öffneten die älteren Männer eine kostbar dekorierte Thorarolle und zum ersten Mal durfte dieser Jugendliche öffentlich aus der Thora lesen. Ihm wurde Gottes Wort so anvertraut, wie es in Psalm 119 aus den Gebeten Israels zur Sprache kommt: „Wie geht ein junger Mann seinen Pfad ohne Tadel? Wenn er sich hält an dein Wort. (…) Gott, ich berge deinen Spruch im Herzen, damit ich gegen dich nicht sündige. Gepriesen seiest du Herr, lehre mich deine Gesetze.“ (Ps 119, 9.11-12) Mit Jubelrufen und Tanz antwortete die umste-hende Gemeinschaft auf diese Berührung mit dem Wort Gottes.
Wo Menschen sich Gottes Wort aneignen, ist geheiligter Boden. Wo Menschen Gottes Wort mit Füßen treten, tun sich Abgründe auf.
Der 17-jährige Christ, der 1938 die beschädigten Ausschnitte der jüdischen Thora aus dem Dreck der Straße und dem Schmutz einer Gott und Menschen verachtenden Ideolo-gie gerettet hat, betrachtete diesen Rest der Thora Zeit seines Lebens mit Ehrfurcht und hat sie als Reliquie gegen das Vergessen gezeigt. Als er 1970 starb, wurde sie zum Ver-mächtnis einer Erinnerung, die nie verblassen darf. So habe ich heute dieses Bild vor Au-gen.
Diese Thorareste enthalten Worte des Alten Testamentes aus den ersten fünf Büchern der Bibel. Beim Gottesdienst in der jüdischen Synagoge wird die Thorarolle aus dem Schrein genommen und geöffnet, um daraus Gottes Wort zu verkünden. Die Ausschnitte, die wie Buchseiten hinter dem Glasrahmen des Bildes zu sehen sind, zeigen deutliche Spuren von Zerstörung. Der Text ist nur schwer zu entziffern. Und doch spricht aus die-ser Schrift laute Mahnung. Bevor man überhaupt ein Wort identifiziert hat, begreift man: Wo Menschen so brutale Gewalt angetan wird, wie es vor 70 Jahren in der Reichspog-romnacht geschehen ist, wird sie auch Gott angetan. Wo Gottes Wort mit Füßen getreten wird, wie die braunen Barbaren es vor 70 Jahren getan haben, hat der Mensch entsetz-lich zu leiden. Der Blick auf diese Reliquie der Thora macht bewusst, was am Ende dieser Schriftrolle aus dem Mund des Mose im Buch Deuteronomium des Alten Testamentes zu lesen ist: „Heute beschwöre ich euch: Verpflichtet eure Kinder, dass auch sie auf alle Be-stimmungen dieser Weisung achten und sie halten. Das ist kein leeres Wort, das ohne Bedeutung für euch wäre, sondern es ist euer Leben.“ (Dtn 32,46-47)
Wo Menschen den Respekt vor Gott verlieren, geht auch die Achtung voreinander verlo-ren. Für immer müssen die schrecklichen Ereignisse der Reichspogromnacht zur Mahnung dafür werden, dass wir nicht wegschauen dürfen. Was heute vor 70 Jahren geschehen ist, darf nie vergessen werden. Wir müssen es auch als Christen immer wieder anspre-chen, denn mit einer Stummheit vor der Geschichte wächst eine Gleichgültigkeit im All-tag, mit der eine Gottvergessenheit einhergeht, aus der am Ende brutale Menschenver-achtung wird. Der Theologe Johann Baptist Metz hat gerade im Blick auf die Gräueltaten, die die Nationalsozialisten dem jüdischen Volk angetan haben, von der Notwendigkeit ei-ner „gefährlichen Erinnerung“ gesprochen.
Das Bild mit den Ausschnitten der Thorarolle, die 1938 geschändet wurde, geht mir nahe. Es macht mir bewusst, wie sehr gerade uns Christen das Schicksal des jüdischen Volkes angeht. Die ersten fünf Bücher der Bibel, aus denen die beschädigten Worte kommen, die ich vor Augen habe, erinnern mich an das Wort von Papst Johannes Paul II., der uns eindrucksvoll ins Gedächtnis und ins Herz geschrieben hat, dass die Juden unsere älteren Geschwister im Glauben sind. Diese besondere Verwandtschaft bedeutet umso mehr Ver-pflichtung in der Anteilnahme und im Einsatz für eine wachsame Erinnerung.
Im Sommer dieses Jahres hatte ich die Gelegenheit, in einer Synagoge im Norden Israels an einer Barmizwa Feier teilzunehmen. Bei diesem Fest der Religionsmüdigkeit eines jü-dischen Jungen wurde ihm der Gebetsschal umgelegt, das Sch’mah Israel in einer Kapsel auf die Stirn gebunden und ein silberner Gebetsfinger wie ein Zeigestab überreicht. Dann öffneten die älteren Männer eine kostbar dekorierte Thorarolle und zum ersten Mal durfte dieser Jugendliche öffentlich aus der Thora lesen. Ihm wurde Gottes Wort so anvertraut, wie es in Psalm 119 aus den Gebeten Israels zur Sprache kommt: „Wie geht ein junger Mann seinen Pfad ohne Tadel? Wenn er sich hält an dein Wort. (…) Gott, ich berge deinen Spruch im Herzen, damit ich gegen dich nicht sündige. Gepriesen seiest du Herr, lehre mich deine Gesetze.“ (Ps 119, 9.11-12) Mit Jubelrufen und Tanz antwortete die umste-hende Gemeinschaft auf diese Berührung mit dem Wort Gottes.
Wo Menschen sich Gottes Wort aneignen, ist geheiligter Boden. Wo Menschen Gottes Wort mit Füßen treten, tun sich Abgründe auf.
Der 17-jährige Christ, der 1938 die beschädigten Ausschnitte der jüdischen Thora aus dem Dreck der Straße und dem Schmutz einer Gott und Menschen verachtenden Ideolo-gie gerettet hat, betrachtete diesen Rest der Thora Zeit seines Lebens mit Ehrfurcht und hat sie als Reliquie gegen das Vergessen gezeigt. Als er 1970 starb, wurde sie zum Ver-mächtnis einer Erinnerung, die nie verblassen darf. So habe ich heute dieses Bild vor Au-gen.



