Woche vom 12.10.2008 bis 18.10.2008 

Von Bischof Dr. Gebhard Fürst, Rottenburg-Stuttgart, Katholische Kirche
Wahrheit
Sonntag, 12. Oktober 2008
„Man muss die Wahrheit dort suchen, wo sie sich meist verborgen hält – an der Oberfläche.“ Dieser Satz von Robert Musil provoziert und verstört: Normaler-weise verstehen wir unter Wahrheit doch das Hehre, das Wesentliche. Die Wahr-heit erscheint doch als das, was sich hinter den alltäglichen Dingen verbirgt, was sich in den Tiefen der Erscheinungen versteckt. Und nun dieser Satz, der schein-bar das Gegenteil besagt, dass Wahrheit sich an der Oberfläche befinde.
Vielleicht hilft es, den Satz von Robert Musil leichter zu verstehen, wenn man ihn Schritt für Schritt bedenkt.
Da ist zunächst die Aufforderung, die Wahrheit zu suchen. Musil spricht damit den Kern aller Philosophie an: die Wahrheitssuche. Den Menschen unterscheidet vom Tier, ja, er fängt vielleicht überhaupt erst da wirklich an, Mensch zu sein, wo er sich auf die Suche nach Wahrheit begibt. Wo er Dinge nicht einfach so hinnimmt, wo er Geschehen und Abläufe nicht fraglos akzeptiert, sondern nach-bohrt: Warum ist etwas so und nicht anders? Was steckt eigentlich dahinter, wenn jemand behauptet: ‚Das ist die Wahrheit!’ Nachfragen, sich nicht zufrieden geben mit Behauptungen, hellwach sein, vermeintliche Autoritäten kritisch hin-terfragen, anders, gründlicher leben: eben die Wahrheit suchen!
Doch was ist Wahrheit? Darauf gibt der zweite Teil des Satzes von Musil Aus-kunft: ‚Man muss die Wahrheit dort suchen, wo sie sich meist verborgen hält.’ Wahrheit hält sich also verborgen. Sie ist selten offensichtlich, verbirgt sich und will erst gesucht, enthüllt werden. Das griechische Wort für Wahrheit ist daher „A-letheia“: das ‚Nichtmehrverborgene’, das Ent-Hüllte. Um die Wahrheit zu er-reichen, ist Mühe notwendig, sie fällt einem nicht einfach zu. Mögliche Hinder-nisse sind aus dem Weg zu räumen, die den Blick auf die Wahrheit verstellen. Wahrheit verbirgt sich, zuweilen wird sie bewusst verborgen gehalten.
Wir müssen sie aufspüren: Gerade dort, wo etwas als wahr behauptet wird, nach-fragen und erst zufrieden sein, wenn man auf den Grund der Dinge, beim Kern der Wahrheit angekommen ist. Der beharrliche Versuch, das täuschende Tuch wegzuziehen, das die Wahrheit zu verschleiern versucht.
Und damit bin ich beim dritten, dem entscheidenden Teil des Satzes von Robert Musil: „Man muss die Wahrheit dort suchen, wo sie sich meist verborgen hält – an der Oberfläche.“ Wenn das so ist, müssen wir gerade da genau hinschauen, wo wir oft Gewöhnliches, Alltägliches übergehen. Denn eben da, an der Oberflä-che, ist nach Musil die Wahrheit zu suchen – und zu finden.
Zum Beispiel: Wie Menschen miteinander umgehen, das zeigt, was sie in Wahr-heit voneinander denken. Die Wertschätzung, die wir für den anderen haben, wird daran deutlich, wie wir ihn behandeln.
Ein zweites Beispiel: Unsere Haltung dem Sonntag gegenüber zeigt, wie wir in Wahrheit mit der Zeit umgehen, die uns als Lebenszeit gegeben ist. Wenn wir al-les nur der Gewinnmaximierung und den Gesetzen der Ökonomie unterordnen, verlieren wir den Blick auf das, was uns zu Menschen macht.
Ein letztes Beispiel: Ob am Lebensbeginn oder am Lebensende, ob wir an Zeu-gung und Geburt denken oder an Krankheit, Sterben und Tod. Wie wir vom Menschen und seiner Würde in Wahrheit denken, das hat direkte Auswirkungen auf unser Reden und unser Handeln. Nehmen wir den anderen Menschen als menschliches Gegenüber wahr oder als Ding, über das wir verfügen können? Die Art, wie wir mit embryonalen Menschen, wie wir mit Kranken, Behinderten, mit Sterbenden und auch mit Toten umgehen, verrät viel von dem, was wir in Wahr-heit vom Menschen denken.
„Man muss die Wahrheit dort suchen, wo sie sich meist verborgen hält – an der Oberfläche.“ Schauen wir hin auf die vermeintliche Oberfläche, sie lässt uns verstehen, wer wir sind – in Wahrheit!
Vielleicht hilft es, den Satz von Robert Musil leichter zu verstehen, wenn man ihn Schritt für Schritt bedenkt.
Da ist zunächst die Aufforderung, die Wahrheit zu suchen. Musil spricht damit den Kern aller Philosophie an: die Wahrheitssuche. Den Menschen unterscheidet vom Tier, ja, er fängt vielleicht überhaupt erst da wirklich an, Mensch zu sein, wo er sich auf die Suche nach Wahrheit begibt. Wo er Dinge nicht einfach so hinnimmt, wo er Geschehen und Abläufe nicht fraglos akzeptiert, sondern nach-bohrt: Warum ist etwas so und nicht anders? Was steckt eigentlich dahinter, wenn jemand behauptet: ‚Das ist die Wahrheit!’ Nachfragen, sich nicht zufrieden geben mit Behauptungen, hellwach sein, vermeintliche Autoritäten kritisch hin-terfragen, anders, gründlicher leben: eben die Wahrheit suchen!
Doch was ist Wahrheit? Darauf gibt der zweite Teil des Satzes von Musil Aus-kunft: ‚Man muss die Wahrheit dort suchen, wo sie sich meist verborgen hält.’ Wahrheit hält sich also verborgen. Sie ist selten offensichtlich, verbirgt sich und will erst gesucht, enthüllt werden. Das griechische Wort für Wahrheit ist daher „A-letheia“: das ‚Nichtmehrverborgene’, das Ent-Hüllte. Um die Wahrheit zu er-reichen, ist Mühe notwendig, sie fällt einem nicht einfach zu. Mögliche Hinder-nisse sind aus dem Weg zu räumen, die den Blick auf die Wahrheit verstellen. Wahrheit verbirgt sich, zuweilen wird sie bewusst verborgen gehalten.
Wir müssen sie aufspüren: Gerade dort, wo etwas als wahr behauptet wird, nach-fragen und erst zufrieden sein, wenn man auf den Grund der Dinge, beim Kern der Wahrheit angekommen ist. Der beharrliche Versuch, das täuschende Tuch wegzuziehen, das die Wahrheit zu verschleiern versucht.
Und damit bin ich beim dritten, dem entscheidenden Teil des Satzes von Robert Musil: „Man muss die Wahrheit dort suchen, wo sie sich meist verborgen hält – an der Oberfläche.“ Wenn das so ist, müssen wir gerade da genau hinschauen, wo wir oft Gewöhnliches, Alltägliches übergehen. Denn eben da, an der Oberflä-che, ist nach Musil die Wahrheit zu suchen – und zu finden.
Zum Beispiel: Wie Menschen miteinander umgehen, das zeigt, was sie in Wahr-heit voneinander denken. Die Wertschätzung, die wir für den anderen haben, wird daran deutlich, wie wir ihn behandeln.
Ein zweites Beispiel: Unsere Haltung dem Sonntag gegenüber zeigt, wie wir in Wahrheit mit der Zeit umgehen, die uns als Lebenszeit gegeben ist. Wenn wir al-les nur der Gewinnmaximierung und den Gesetzen der Ökonomie unterordnen, verlieren wir den Blick auf das, was uns zu Menschen macht.
Ein letztes Beispiel: Ob am Lebensbeginn oder am Lebensende, ob wir an Zeu-gung und Geburt denken oder an Krankheit, Sterben und Tod. Wie wir vom Menschen und seiner Würde in Wahrheit denken, das hat direkte Auswirkungen auf unser Reden und unser Handeln. Nehmen wir den anderen Menschen als menschliches Gegenüber wahr oder als Ding, über das wir verfügen können? Die Art, wie wir mit embryonalen Menschen, wie wir mit Kranken, Behinderten, mit Sterbenden und auch mit Toten umgehen, verrät viel von dem, was wir in Wahr-heit vom Menschen denken.
„Man muss die Wahrheit dort suchen, wo sie sich meist verborgen hält – an der Oberfläche.“ Schauen wir hin auf die vermeintliche Oberfläche, sie lässt uns verstehen, wer wir sind – in Wahrheit!



