Manuskripte

SWR2 Wort zum Sonntag

Woche vom 20.04.2008 bis 26.04.2008




Wolf-Dieter Steinmann

Von Wolf-Dieter Steinmann, Ettlingen, Evangelische Kirche

Mehr Zeit zum leben

Sonntag, 20. April 2008     [Druckversion]

Singen kann wirken wie ein Zauber. Auf den der singt, genauso wie auf diejenigen, die dem Gesang zuhören. Gesang kann aber nicht nur Menschen verzaubern, auch der Welt kann er neuen Zauber verleihen.
Ob deswegen nicht mehr so viel gesungen wird, weil wir nicht mehr verzaubert werden wollen, weil uns die Welt entzaubert wahrhaftiger scheint? Bloß kein falscher Zauber?
Ich möchte trotzdem für den Zauber des Singens plädieren. Das Leben verliert zu viel, wenn wir das Singen sein lassen.
Eine der eindrücklichsten Erfahrungen welche Kraft im Singen steckt habe ich im Pflegeheim gemacht: Viele von den alten Menschen, die man zur Andacht gebracht hat, schienen ganz weit weg. In einer fernen Welt versunken. Nicht mehr zu erreichen mit Worten. Und dann fängt man an zu singen, einen alten Choral, und auf einmal kommt das Leben wieder zurück.
Menschen singen leise aber hörbar mit, von denen ich das nie für möglich gehalten hätte. Singen kann wirken wie ein Zauber: Bringt auf einmal Leben in die Zeit, die sonst nur endlos und leblos dahin zu kriechen scheint.
Und genauso kann singen auch die verzaubern, die einfach nur zuhören. Sie haben bestimmt schon Ähnliches erlebt wie ich:
Ich sehe mir eine Übertragung von den Salzburger Festspielen an: Figaro's Hochzeit. Nur vor dem Fernseher. Und trotzdem, auf einmal spüre ich, dass ich gebannt da sitze, der Zauber des Gesang legt sich auf mich und ich wünsche mir, dass er nie aufhört und als er dann doch zu Ende ist, will ich genauso „bravo“ rufen wie die Festspielgäste vor Ort, und lasse es nur, weil es so allein vor dem Fernseher doch etwas komisch wäre.
Und singen kann uns auch die Welt verzaubern. Es kann ihr einen Glanz wieder geben, den sie sonst oft verloren hat. Gesungene Worte können uns die Welt wieder schön machen, wo sie uns selbstverständlich oder sogar alt und hässlich geworden ist. Aber diese Kraft haben oft nur gesungene Worte. Gesprochen hätten sie diese Kraft nicht oder wir würden ihnen misstrauen. Sie für falschen Kitsch halten.
Oder könnten Sie die folgenden Worte über Männer und Frauen Ernst nehmen, wenn Sie nur gesprochen würden.
„Bei Männern, welche Liebe fühlen, fehlt auch ein gutes Herze nicht.“ Und dann weiter: „Nichts edler's sei, als Weib und Mann. Denn Mann und Weib und Weib und Mann, reichen an die Gottheit an.“ Ein wenig fehlt mir da doch der Glaube, und ein Zauber stellt sich auch nicht ein. Aber gesungen im Duett von Pamina und Papageno, kann und will ich mich dem Zauber nicht entziehen. Kann annehmen und für möglich halten, dass die Musik recht hat. Dass Männer und Frauen tatsächlich so lieben können. Die Musik verzaubert nicht nur im Augenblick des Zuhörens, sie macht mir auch die Verheißung glaubhaft, dass Menschen durch die Liebe über sich hinauswachsen können.
Und schließlich kann Musik der Welt einen neuen Glanz geben, weil sie auch dem Glauben aufhilft. Nur gesprochen würde ich manchem Liedvers schnell ins Wort fallen. Aber gesungen, lass ich ihn mir gefallen und er erreicht sogar mein Herz.
Mir geht es z.B. so mit dem Lied:
„Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut.“ Der Dichter hat recht, wenn er Sie und mich darum in der letzten Strophe ermutigt.
“Sing, -- bet und geh auf Gottes Wegen. Verricht das Deine nur getreu und trau des Himmels reichem Segen; so wird er bei dir werden neu.“ Singen gibt dem Leben Zukunft und Glanz. Per E-Mail empfehlen