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Woche vom 06.04.2008 bis 12.04.2008




Dr. Peter Haigis

Von Dr. Peter Haigis, Kernen im Remstal, Evangelische Kirche

Der Mythos vom Sündenfall

Sonntag, 06. April 2008     [Druckversion]

Eine der bekanntesten Geschichten der Bibel ist die Erzählung vom so genannten „Sün-denfall“. Bekannt, aber auch oftmals missverstanden: als moralisch wird sie abgetan, als lustfeindlich, als lebensverneinend und frauenverachtend, als naiv und dem heutigen, wissenschaftlich geprägten Bewusstsein unannehmbar.

Das alles sind Reaktionen auf die Auslegungsgeschichte dieser Erzählung. Die Erzählung selbst, ihr tieferer Sinn und ihre Wahrheit bleiben dabei meist auf der Strecke.
Die biblische Geschichte erzählt vom Menschen im Garten Eden. Sie erzählt nicht von einer bestimmten historischen Persönlichkeit, sondern vom Menschen an sich, von einem Mann und einer Frau. Eines Tages taucht – wie in einem Märchen – eine sprechende Schlange auf und überredet die Frau dazu, von den Früchten eines geheimnisvollen Baumes zu essen, der die Erkenntnis von Gut und Böse verheißt. Die Frau – neugierig geworden – kostet und gibt auch ihrem Mann davon. Darauf gehen den beiden nun wirklich die Augen auf, doch die neu gewonnene Freiheit ist mit Scham verknüpft. Und das Leben wird kompliziert: Mit der einstmals paradiesisch-kindlichen Naivität ist es vorbei.

Also doch eine Erzählung von Sünde, Schuld und schlechtem Gewissen? So ganz verkehrt scheint das nicht. Die Geschichte beschreibt immerhin die Verführbarkeit des Menschen und die Folgen einer verhängnisvollen Entscheidung. Doch über die Jahrhunderte hinweg diente die so genannte „Sündenfall“-Erzählung immer wieder dazu, den Menschen als schlecht, böse und ungehorsam – eben als sündig und moralisch verdorben – zu charakterisieren. Sie war ein Instrument, ihn klein zu machen und zu demütigen.
Aber das ist eine zu grobe Sicht für diese so feinfühlige Geschichte, die von einer feminis-tischen Theologin aus den USA eine „Liebesgeschichte mit tragischem Ausgang“ genannt wird. In der Tat geht es um den Menschen mit seiner ganzen Lebendigkeit und Leidenschaft, mit seiner Kraft zu lieben und seiner Ohnmacht vorbehaltlos vertrauen zu können. Es geht um die Freiheit des Menschen, die immer auch die Freiheit einschließt, sich gegen sich selbst und gegen seine Sinnbestimmung zu entscheiden. Eine Geschichte voller Tragik und Wahrheit, wie sie nur ein Mythos erfassen kann.

Dieser Mythos benennt in kompromissloser Klarheit die Konsequenzen, die der Mensch zu tragen hat, nachdem er die Früchte vom „Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen“ ge-nossen hat. Er macht Gebrauch von seiner Freiheit und ist nun für sein Handeln aber auch vollauf selbst verantwortlich.
Der Theologe Paul Tillich sagt: Wir können diese Geschichte nur verstehen, wenn wir sie nicht als Schilderung einer historischen Begebenheit aus ferner Zeit verstehen, sondern als eine Darstellung des menschlichen Wesens selbst – in erzählerischer Form. Der Mensch fällt im Ergreifen seiner Freiheit heraus aus der „träumenden Unschuld“, und zugleich muss er doch diesen Schritt gehen, um von seiner Freiheit Gebrauch zu machen.
Die Geschichte vom so genannten Sündenfall führt uns die Größe und Tragik menschlicher Freiheit vor Augen: Ohne sie wäre der Mensch nicht Mensch, sondern nur eine willenlose, fremd gesteuerte Puppe. Mit ihr wird er zum Partner Gottes in dessen Schöpfung – aller-dings stets in der Gefahr, sich zu irren, Fehlentscheidungen zu treffen, sich dem Sinnvol-len und Guten zu verweigern.

Genau so hat Gott den Menschen offenbar gewollt – als sein Gegenüber, mit einem freien Willen, mit der Fähigkeit, Beziehungen einzugehen und zu gestalten. Weil dies so ist, kann die Geschichte des Menschen auch gar nichts anderes sein als die Geschichte einer Partnerschaft zwischen Gott und Mensch – oftmals schwierig, stets aber getragen von Gottes Liebe und Geduld. Gott überlässt den Menschen nach dessen erstem Fehltritt nicht seinem traurigen Schicksal inmitten eines verlorenen Paradieses. Er beginnt mit ihm ei-nen verschlungenen und abenteuerlichen Weg jenseits von Eden.