Manuskripte

SWR2 Wort zum Sonntag

Aktuelle Woche   Archiv

Woche vom 02.03.2008 bis 08.03.2008




Dr. Stephan Ackermann

Von Dr. Stephan Ackermann, Trier, Katholische Kirche

4. Fastensonntag

Sonntag, 02. März 2008     [Druckversion]

Verehrte Hörerinnen und Hörer!

»Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.« So lautet das Leitwort der diesjäh-rigen »Woche der Brüderlichkeit«. Heute Morgen wird sie in Düsseldorf eröffnet. Jahr um Jahr wird sie im März von den Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zu-sammenarbeit in Deutschland veranstaltet. Mit Ausstellungen, Gottesdiensten, Vorträgen und Begegnungstreffen will diese Woche dazu beitragen, den Dialog und das Verständnis zwischen Juden und Christen zu fördern. Der Satz »Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist« stammt von David Ben-Gurion, dem Gründer des modernen Staates Israel. Das mit Bedacht ausgewählte Zitat soll erinnern an die Staatsgründung, die sich im Mai 1948, also vor genau 60 Jahren, mit der Er-klärung der Unabhängigkeit durch Ben-Gurion vollzog.
Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist. Der Reiz dieses Satzes liegt in seiner Paradoxie: Ist doch das Wunder nach allgemeinem Verständnis gerade das, womit sich realistischerweise nicht rechnen lässt, weil es sich unseren regulären Gesetz-mäßigkeiten entzieht. Wer nüchtern denkt, wird sich hüten, mit Wundern zu rech-nen. Der Ausspruch von Ben-Gurion stellt diese Alltagsweisheit auf den Kopf. Er macht darauf aufmerksam, dass unsere menschlichen Alltagsweisheiten nicht notwendig und immer der Weisheit letzten Schluss enthalten. Wer nicht an Wun-der glaubt, ist kein Realist: Mit seiner scheinbaren Widersprüchlichkeit warnt uns der Satz davor, unsere begrenzten Kategorien und Denkmuster zum Maß aller Dinge zu machen. Die Wirklichkeit ist größer als unsere Vorstellungen. Das mag uns erschrecken, nicht selten aber befreit und beglückt uns diese Einsicht. Wer über seine eigenen Denkschablonen und Berechnungen hinaus Raum für das Un-erwartete lässt, wer also in diesem Sinne an Wunder glaubt, ist kein Phantast, son-dern Realist.
Es ist schon ein Wunder, in welcher Normalität, ja vielfältiger Freundschaft Juden und Deutsche heute wieder miteinander verkehren. Und das nur sechs Jahrzehnte nach den unvorstellbaren Schrecken des Holocausts. Und man kann es auch durchaus als ein Wunder bezeichnen, dass ein Papst an der Klagemauer in Jerusa-lem beten darf. Schon im Jahr 2000 ist dieses Wunder Realität geworden, als Papst Johannes Paul II. das Hl. Land besuchte.
Freilich, es wäre realitätsfremd zu glauben, dass Wunder völlig losgelöst wie Me-teore vom Himmel fallen. Wunder nehmen den Menschen in Anspruch. Wunder haben einen Anweg, und sie wollen weiter begangen werden. Die Wunder in der Beziehung zwischen Juden und Deutschen, sowie zwischen Juden und Christen hätten sich ohne die unbeirrbare Bereitschaft zum Dialog und den Mut, sich besser kennen zu lernen, nicht ereignet. Und nur ein naiver Wunderglaube könnte der Ansicht sein, dass nun alle Missverständnisse endgültig ausgeräumt und Rück-schläge ausgeschlossen wären.
Liebe Hörerinnen und Hörer! Seit einiger Zeit begleitet mich ein Wort von P. Alf-red Delp, Jesuit und Opfer der Nationalsozialisten wie Millionen von Juden. Wäh-rend seiner Haft in Berlin schrieb er: »Gott hat viele seiner Verheißungen an das Vertrauen gebunden, das Menschen ihm entgegenbringen. Die Verwirklichung vieler Wunder und Gnaden Gottes hängt von dem Vertrauen ab, mit dem sie er-wartet und erbetet werden ... [Deshalb muss man] sich auf jeden Fall in die Ver-fassung bringen, dass die Dinge nicht daran scheitern, dass wir sie Gott nicht zu-getraut haben« (zitiert aus: A. Delp: Mit gefesselten Händen. Aufzeichnungen aus dem Gefängnis, Freiburg 2007, 218).
Wunder für möglich zu halten, ist nicht automatisch ein Zeichen unaufgeklärter Naivität. Es kann vielmehr Ausdruck einer Weite des Geistes sein, die damit rech-net, dass jederzeit Größeres möglich ist als wir uns in unserer engen Gedanken-welt zurechtlegen. Je mehr Menschen aus einer solchen Offenheit des Geistes le-ben, umso realistischer werden Ereignisse, die wir gemeinhin Wunder nennen. Wir brauchen sie (die Menschen und die Wunder), nicht nur für den Staat Israel und seine Nachbarn, sondern auch für die großen und kleinen Zusammenhänge unseres persönlichen Lebens.