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SWR2 Wort zum Sonntag

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Woche vom 11.03.2007 bis 17.03.2007




Klaus Nagorni

Von Klaus Nagorni, Karlsruhe

Sonntag, 11. März 2007     [Druckversion]

„Du öffnest ein Buch, und das Buch öffnet dich.“ Den Satz las ich irgendwo. Tatsächlich: zwischen den Buchdeckeln, die man öffnet, wohnt eine ganze Welt. Lesend trete ich hinaus in weite Räume.
So ging es mir bei der Lektüre des Buches von Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon. Die Geschichte von einem Menschen – ein 57-jähriger Latein- und Griechischlehrer aus Bern – der sein Leben bislang pflichtbewusst und korrekt gelebt hat.
Durch eine seltsame Begegnung mit einer fremden Frau wird er auf ein Buch eines portugiesischen Autors aufmerksam. Gleich beim Lesen der ersten Sätze zieht es ihn in seinen Bann. „Wenn es stimmt“, so liest er, „dass wir nur einen Teil von dem leben können, was in uns ist – was geschieht mit dem Rest?“
Die Frage lässt ihn nicht mehr los: die Frage, was ihn eigentlich dazu gebracht habe, sein ganzes Leben ein Latein- und Griechischlehrer zu sein. Wo sind die nicht realisierten Möglichkeiten seines Lebens geblieben?
Er beschließt, eine Reise nach Lissabon zu unternehmen auf den Spuren, die ihm das Buch gewiesen hat. Und steigt ein in ein anderes Lebens. In den folgenden Tagen und Wochen scheint es so, als könne er in der fremden Stadt einen Teil seines nicht gelebten Lebens nachholen.
„Du öffnest ein Buch und das Buch öffnet dich.“ Mich erinnerte diese Geschichte an eine andere, viel ältere. Im Neuen Testament, in der Apostelgeschichte, wird uns von einer Pilgerreise erzählt, die ein ranghoher Beamter am Hof der Königin von Äthiopien nach Jerusalem unternimmt. Auch er ist in seinem Leben weit vorangekommen. Hat eine Position erreicht. Und fragt sich dennoch: War’s das?
Irgendetwas hatte ihn auf diese Reise nach Jerusalem gezogen. Am Ziel kommt er mit einer ganz und gar befremdlichen Geschichte in Berührung: der Geschichte vom Leben und Sterben des Jesus von Nazareth.
Jetzt – auf der Rückreise in sein altes Leben vertieft sich der Kämmerer in eine Buchrolle des Propheten Jesaja. Er sucht nach dem Schlüssel, um das rätselhafte Geschen in Jerusalem zu verstehen. Wie passt das zusammen, was er bei Jesaja liest mit dem, was er vom Leben und Sterben dieses Jesus gehört hat?
Dann wird uns eine rührende Szene geschildert. Durch einen Engel, so die Überlieferung, wird Philippus auf die Straße geschickt, auf der der Kämmerer unterwegs ist. Philippus ist mit der Geschichte Jesu vertraut. Er soll dem fremden Mann aus Äthiopien ein Dolmetscher sein für alle seine Fragen.
„Verstehst du auch, was du liest?“, fragt Philippus den lesenden Fremden. Und der antwortet bekümmert: „Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet?“ Er bittet Philippus, sich zu ihm zu setzen. Es ist der Beginn einer Freundschaft, bei der Philippus erspürt, was dem Kämmerer fehlt. Und bei der Kämmerer nicht zu stolz ist, um Hilfe anzunehmen.
„Du öffnest ein Buch und das Buch öffnet dich.“ Manchmal brauchen wir dafür einen Menschen, der sich an unsere Seite stellt oder setzt, und fragt: „Verstehst du auch, was du da liest?“ Denn der Glaube fällt nicht vom Himmel. Es braucht Menschen, die Übersetzungsdienste leisten.
Philippus hatte dem Kämmerer geholfen den Text zu erschließen, der so sperrig vor ihm stand. Jetzt konnte er ihn verstehen und in der Geschichte des Jesus von Nazareth seine eigene Geschichte entdecken.
Was kann einer Besseres tun, als die Geschichte Gottes mit den Menschen so zu erzählen, dass andere einsteigen möchten in diesen Fluss dieser großen Erzählung, in diesen Strom eines größeren Lebens? Als die beiden an einem Wasser vorbeikommen, lässt sich der Kämmerer taufen. Dann, so schließt die Geschichte, zog er fröhlich seiner Straße.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag.