
Von Klaus Nagorni, Karlsruhe
Kunst trifft Religion
Sonntag, 05. September 2010
Reichlich verrückt, war mein erster Gedanke. Eine Frau in einem langen weißen Gewand sitzt auf einem Stuhl. Sie tut nichts anderes als dazusitzen. 75 Tage lang. Sie sitzt in einem Ausstellungsraum des New Yorker Museums für moderne Kunst.
Ihr gegenüber, in dem großen und ansonsten leeren Raum, steht ein zweiter Stuhl. Dort kann sich von den Museumsbesuchern hinsetzen, wer will. Kann so lange sitzen bleiben, wie er oder sie mag. Kann dort sitzen und sich von der Frau anschauen lassen.
Die Frau ist die serbische Künstlerin Marina Abramović. In der Kunstszene ist sie bekannt für ihre oft provokativen Auftritte. Ihre Museums-performance in New York ist hingegen eine stille Darbietung, sehr still.
Ein in sich versammelter Mensch, der nichts anderes tut, als still dazusitzen und sein Gegenüber anzuschauen. Namenlose wie prominente Museumsbesucher, Schauspieler, Politiker, Künstlerkollegen sind fasziniert. Sie alle, so berichteten die Medien, können sich der suggestiven Wirkung dieser Situation nicht entziehen. Viele sind so gerührt, dass Tränen fließen. Manche fragen nach dem Sinn der Sache. Warum quält sich die Frau so? Was will sie damit sagen? Welchen Sinn hat das alles?
Das Geheimnis, so schrieb eine Zeitung, liegt wohl darin, dass mit dieser künstlerischen Inszenierung drei Dinge geboten werden, die in unserer westlichen Lebenswelt besonders knapp sind. Erstens: Jemand schenkt Zuwendung und ungeteilte Aufmerksamkeit, selbst wenn das für ihn mit erheblichen Schmerzen verbunden ist.
Zweitens: jemand verschenkt Zeit, unendlich viel Zeit, und das in einer Stadt, wo sonst Hektik und Geschwindigkeit triumphieren. Und drittens: jemand gibt Sicherheit und Verlässlichkeit. Denn wenn eines sicher war in der Zeit dieser Aus-stellung, dann dies, dass Marina Abramović auf ihrem Stuhl im Museum anzutreffen war.
Ich hatte nicht die Gelegenheit, auf dem Stuhl gegenüber der Künstlerin Platz zu nehmen und mich der Eigenart dieser besonderen Situation auszusetzen. Aber es fällt mir nicht schwer, die Faszination nachzuvollziehen, die davon ausgeht.
Es handelt sich um eine, wie ich finde, zutiefst religiöse Szene. Sie erinnert mich an die Intimität einer Segenshandlung. „Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir. Gott erhebe sein Angesicht auf dich", heißt es in der biblischen Segensformel im 4. Buch Mose. Gott segnet einen Menschen, indem er ihn anschaut.
Das bedeutet zugleich, dass Gott sich Zeit nimmt. Im Fluss des Geschehens, in der Hektik der vielen Augenblicke, die sich überstürzen und uns immer neu herausfordern, tritt Ruhe ein, wenn Gott sein Angesicht auf einen Menschen hebt. Die verfließende Zeit wird erfüllte Zeit im Angesicht Gottes.
Und schließlich: Gott ist verlässlich. Er ist da, weil und indem er mich anschaut. Ich muss ihn nicht suchen, weil er mich längst gefunden hat. Er, dessen Name lautet: Ich bin da.
Für mich knüpft Marina Abramović an diese religiöse Urszene an. Man muss schon ein bisschen verrückt sein, um das so zu tun, wie sie es getan hat: um ein solches Bild, eine solche Szene, in die Welt zu setzen, die sonst von ganz anderen Bilder beherrscht wird.
Und doch, was tut Religion anderes, als die Normalität der Welt zu verrücken, so zu verrücken, dass wir das nicht Sagbare und das nicht Darstellbare wenigstens ein wenig erahnen können? Ich glaube, wir brauchen solche verrückten Aktionen um zu begreifen, dass es hinter der Oberfläche unseres oft hektischen Lebens eine Wirklichkeit gibt, unverrückbar und verlässlich, von der her wir kommen und zu der hin wir leben.



