Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Woche vom 04.03.2012 bis 10.03.2012




Dr. Traugott Schächtele

Von Dr. Traugott Schächtele, Freiburg, Evangelische Kirche

Gottes Welt kennt keine Grenzen

Samstag, 10. März 2012     [Druckversion]

Neulich saß mir im Zug eine junge Frau gegenüber. Munter telefonierte sie in perfektem Englisch. Bis sie das Gespräch beendet hatte und sofort jemand anderen anrief. Dieses Mal verständigte sie sich auf Deutsch. Ohne Akzent. Aber auch dieses Gespräch war nicht das letzte. Kaum hatte sie wieder jemanden erreicht, telefonierte sie in fließendem Spanisch weiter.
Eine neue Generation, die da heranwächst, dachte ich. Mit mehreren Sprachen gut vertraut. In der Lage, ohne Mühe, von der einen in die andere zu wechseln. Viele junge Menschen studieren auf jeden Fall ein oder zwei Semester im Ausland. Sie lesen Bücher und Magazine von irgendwo her. Polyglott. Vielsprachig. Und weltoffen.
Irgendwann musste ich dann doch aussteigen. Die junge Frau telefonierte immer noch. Normalerweise nervt mich das mit der Zeit. Dieses Mal hat es mich fasziniert. Die Selbstverständlichkeit und die Leichtigkeit, mit der die junge Frau scheinbare Grenzen ignorierte - sie strahlte auf mich etwas Befreiendes aus. So, dachte ich mir, so also könnte ich mir Gottes neue Welt vorstellen. Jede versteht jeden. Niemand fragt danach, woher jemand kommt. Was er kann. Was ihr wichtig ist.
Mit einem Mal wird ganz anschaulich, was Jesus meint, wenn er sagt: „Sie werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tische sitzen werden im Reich Gottes." Eine Art himmlisches Multi-Kulti als Kennzeichen des Reiches Gottes. Gottes neue Welt, sie stößt nicht an Sprachgrenzen. Oder an die Grenzen von Kulturräumen. In ihr spiegelt sich die Vielfalt der Schöpfung wider. Und die Unterschiedlichkeit der Menschen. Ich könnte es auch anders sagen: Diese junge Frau hat für mich etwas vorweggenommen von dem, was ich mir für die Zukunft wünsche. Durch sie ist für mich etwas vom Reich Gottes aufgeleuchtet.
Es braucht nicht immer eine Zugfahrt oder gar eine Reise, um derartige Grenzen zu überschreiten. Die afrikanische Familie im Nachbarhaus. Die lateinamerikanische Band in der Fußgängerzone. Die koreanische Gemeinde, die in der Kirche um die Ecke Gottesdienst feiert. Orte, um Menschen aus anderen Ländern und anderen Kulturen zu treffen, gibt es genug. Allesamt Möglichkeiten die helfen, den eigenen Horizont zu erweitern.
Eine Form der Globalisierung ist das also, die mancher Ängstlichkeit Engstirnigkeit ein Ende setzt. Und die dabei sogar die Bibel auf ihrer Seite hat.

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Der Tisch - ein heiliges Möbelstück

Freitag, 09. März 2012     [Druckversion]

Von einer Gastwirtschaft möchte ich ihnen erzählen. Mitten in einem hochgelegenen Dorf im Schwarzwald. Engagierte Menschen haben das Haus vor dem Abriss bewahrt. Und eine Gruppe von Frauen führt das Gasthaus seitdem in Eigenregie weiter. Wenn meine Frau und ich uns an einen Tisch setzen, bleiben wir nie sehr lange allein. Es dauert nur kurze Zeit, dann sitzen weitere Gäste mit am Tisch. Wenn alle Tische besetzt sind, setzen wir uns einfach dazu.
An anderen Orten habe ich das selber nicht immer gerne. Aber in diesem Lokal macht mir das überhaupt nichts aus. Hier spüre ich, was Tischgemeinschaft bedeutet. Sie ist ein Zeichen dafür, dass Menschen zusammengehören. Wenn sie als Familie miteinander essen. Wenn sie als Freunde miteinander feiern. Wenn sie nach einem schweren Konflikt zum ersten Mal wieder an einem Tisch sitzen und miteinander reden. Sie leben „getrennt von Tisch und Bett", sagte man früher, wenn zwischen einem einst verliebten Paar nichts mehr ging. Wenn die Beziehung aus war. „Solange du die Beine unter meinen Tisch streckst", so hat ein anderer, eher gefürchteter Satz gelautet, wenn Eltern den Anspruch erhoben, in das Leben eines ihrer Kinder hineinreden zu wollen. Auch wenn sich die Lebensverhältnisse geändert haben - das Bild des Tisches als Zeichen der Gemeinschaft ist nach wie vor verständlich.
In der Bibel ist die Tischgemeinschaft ein Sinnbild für Gleichwertigkeit. Und für Zusammengehörigkeit. Jesus setzt sich mit vielen Menschen an einen Tisch. Mit seinen Freunden. Mit Menschen, die am Rande der Gesellschaft lebten. Mit Betrügern. Mit Prostituierten. Mit kranken Menschen. Am letzten Abend vor seinem Tod isst er noch einmal zusammen mit seinen Freunden. Dieses Essen wird zum Sinnbild himmlischer Gastfreundschaft. Miteinander essen - das bedeutet: Die Unterschiede fallen lassen. Die Vorwürfe ruhen lassen. Auf seine Überlegenheit verzichten. Ein Tisch ist ein heiliges Möbelstück. Kein Wunder, dass in jeder Kirche ein Tisch im Zentrum steht. Und dass die Einladung an diesen Tisch zum Zeichen gelebter Geschwisterlichkeit wird. An einem Tisch sitzt man darum lieber nicht allein. Deshalb liebe ich die Tische in diesem Schwarzwaldlokal. Deshalb freue ich mich, wenn Menschen sich dazu setzen. Da fühle ich mich Gott näher. Das muss ja keine Erfahrung bleiben, die diesem Lokal in luftiger Höhe vorbehalten ist. Vielleicht entdecken sie heute ja auch einen Tisch, an dem noch Platz ist.

 Über das besondere Restaurant im Schwarzwald erfahren Sie mehr:
http://www.cafe-goldene-krone.de/cafe.html

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Glaube - Krise - Hoffnung

Donnerstag, 08. März 2012     [Druckversion]

Glaube - Krise - Hoffnung! Ich bin zusammengezuckt, als ich diese Überschrift in einem Nachrichtenmagazin entdeckt habe. Statt der Liebe die Krise. Da hat sich ein Autor der vielleicht berühmtesten Verbindung dreier Begriffe in der ganzen Bibel bemächtigt. Aber er hat einen der drei Begriffe ausgetauscht. Und damit ihre Botschaft an einer entscheidenden Stelle verändert. Nicht mehr Glaube - Liebe - Hoffnung. Wie im Original. Sondern Glaube - Krise - Hoffnung.
Werden hier nur zwei Begriffe getauscht, habe ich mich gefragt? Oder ist in diesem Tausch nicht auch eine Botschaft enthalten? Etwa in dem Sinn: Fehlt die Liebe, folgt die Krise. Allein schon das Thema des Artikels bestätigt diese Vermutung. Denn nach der Überschrift folgt eine Auflistung der derzeitigen Krisensymptome: Auf den Finanzmärkten mit der Euro- und Bankenkrise. In der Politik. In den Krisenregionen der Erde.
Wenn die Liebe fehlt, ist das zentrale Stück dieser Dreierreihe herausgebrochen. Wie gut, habe ich gedacht, dass nicht auch die Hoffnung verlorengegangen ist. Und der Glaube - zumindest der, dass es schon irgendwie weitergehen wird.
Von Paulus stammt dieses Lied, das mit dem Hinweis auf den Glauben und die Hoffnung endet. Vor allem aber mit dem Hinweis auf die Liebe. Entstanden ist dieses Lied übrigens auch in einer Krisensituation. Ich bin sicher: Die Liebe, von der Paulus hier spricht, bewährt sich auch heute noch. Sogar in der großen Politik. Was nützt uns in Deutschland der eigene wirtschaftliche Erfolg, wenn wir übersehen, dass die Trennmauer, die andere uns gegenüber empfinden, immer höher wird? Und wenn wir dabei verdrängen, dass wir aus den Krisen der anderen doch auch Gewinn ziehen. Was nützt es, wenn ich meine eigenen Schäfchen ins Trockene bringe? Und dabei aus den Augen verliere, was ich dafür alles dran gebe. Und wofür mir keine Zeit mehr bleibt.
Hätte ich keine Liebe, schreibt Paulus, dann nützte mir alles andere auch nichts. Diese Form von Liebe ist etwas ungemein Praktisches. Nicht nur ein romantisches Gefühl. Ihr geht es um Beziehung auf Augenhöhe. Im ganz persönlichen Bereich gilt das. Aber auch in der Gesellschaft. Sogar in der Beziehung zwischen Staaten. Beziehung auf Augenhöhe. Verzicht, der anderen zugute kommt.
Es mit dieser Liebe zu versuchen, lohnt den Versuch. Für die Politik wüsche ich mir das derzeit. Und für die Beziehung zwischen Menschen sowieso. Beziehung auf Augenhöhe. Manchmal ist das schon genug, um eine Krise in den Griff zu bekommen. Und irgendwie ist das doch auch eine Form der Liebe.

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Klaus Nagorni

Von Klaus Nagorni, Karlsruhe

Was reicht zum Glück?

Mittwoch, 07. März 2012     [Druckversion]

Wie viel Erde braucht der Mensch? So lautet der Titel einer Geschichte, die der russische Schriftsteller Leo Tolstoi geschrieben hat. Er schildert darin den unersättlichen Hunger des Bauern Pachom nach immer mehr Land. „Wenn ich genug Land hätte", sagt sich Pachom, „so fürchtete ich niemand, nicht einmal den Teufel!"
Also macht er sich auf die Suche in immer abgelegenere Regionen. Bis er zu dem gastfreundlichen Steppenvolk der Baschkiren kommt. „Du kannst soviel Land haben, wie du an einem Tag umrunden kannst", sagen sie ihm. „Nur, du musst abends wieder dort sein, von wo du aufgebrochen bist. Sonst verfällt der vereinbarte Kaufpreis."
Pachom geht los. Er läuft und läuft - ohne eine einzige Pause einzulegen. Kurz vor Sonnenuntergang ist er schließlich wieder am Ausgangspunkt. „Viel Land hast du gewonnen!", rufen die Baschkiren ihm zu. Pachom aber bricht in völliger Erschöpfung tot zusammen.
Sein Knecht, so heißt es am Ende, gräbt dem toten Pachom ein Grab. Genau so lang wie das Stück Erde, das er mit seinem Körper, von den Füßen bis zum Kopf, bedeckt. So viel Erde braucht der Mensch!
Tolstois Geschichte kreist um die Frage: Wann ist es genug? Was reicht aus zum Glück? Wo liegt das richtige Maß für meine Wünsche und Sehnsüchte? Und sie verschweigt nicht, dass es gefährlich wird, wenn die Gier das Steuer des Handelns übernimmt. Wenn uns das Maß abhanden kommt für das, was wir zum Leben brauchen.
Mich erinnert die Geschichte an eine Stelle im Buche Hiob, wo es heißt: Der Mensch wird nackt ins Leben geboren, und fährt ebenso nackt wieder dahin. Ein ähnlicher Gedanke stammt aus dem Neuen Testament: Denn wir haben nichts in die Welt gebracht; darum werden wir auch nichts hinausbringen, heißt es einmal.
Wenn er das bedacht hätte, wäre dem Bauern Pachom weniger genug gewesen. Längst besaß er ja, was zu einem erfüllten Leben gehörte. Was ihm allerdings fehlte: Bescheidenheit und eine realistische Selbsteinschätzung.
Ich denke, die Fastenzeit ist eine gute Gelegenheit, die eigenen Wünsche und Sehnsüchte auf den Prüfstand zu stellen. Und zu fragen, was ist das Kostbare an dem, was ich heute schon habe? An erfüllten Augenblicken, an kleinen täglichen Freuden, an Gemeinsamkeiten mit dem oder den Menschen an meiner Seite? Ist nicht alles Wesentliche, das ich zum Leben brauche, schon da?

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Die Lust an der Verkleidung

Dienstag, 06. März 2012     [Druckversion]

Woher kommt die Lust an der Verkleidung? Warum lieben Menschen Maskierungen und Maskeraden?
Schon als Kinder haben wir gerne in Kleiderschränken und Kleiderkisten gestöbert. Und uns mit den dort gefundenen Textilien ein neues Aussehen verpasst. Der weiche Fuchspelz der Mutter, der Hut des Vaters, Handschuhe, die bis zum Ellbogen reichten, eine bunte Schürze. Das war alles recht, um sich für eine bestimmte Zeit in jemand anderen zu verwandeln.
Der Wunsch nach Verwandlung steckt in uns seit Kindesbeinen. Und manchmal darf er ganz offiziell heraus: in der Faschings- und Karnevalszeit. In diesem Wunsch verbirgt sich im Kern, und oft ironisch verfremdet, eine Sehnsucht. Die Sehnsucht, einmal jemand anderes zu sein. Wenigstens spielerisch auszuprobieren, was mir in der Routine meines Alltags versagt bleibt oder sogar verboten ist.
Dass diese Zeit äußerer Verwandlungslust der Fastenzeit vorausgeht, ist kein Zufall. Denn auch wer fastet, probiert ein anderes Leben aus, äußerlich, aber vor allem auch innerlich. Er legt Verhaltensweisen oder Eigenschaften ab, die unter normalen Umständen den Alltag prägen. Er oder sie lässt sein, was sonst üblich ist. Und verzichtet.
Neulich hatte ich die Gelegenheit, mit einer Gruppe von Schülern das Thema Verzicht zu diskutieren. Ein eher sprödes Thema für junge Leute, die gerade dabei sind, die Welt zu entdecken, dachte ich. Und war überrascht, wie positiv sie dieses Thema bewerteten. Natürlich, wer verzichtet, gibt etwas auf, das war allen klar. Dennoch, die Gewinne würden eindeutig überwiegen, meinten die Schüler.
Ich kann mich besser konzentrieren, sagte einer, wenn ich nicht versuche, überall mitzuspielen. Wenn ich mit meinem Freund zusammen bin, verzichte ich zwar während dieser Zeit auf alles mögliche Andere, aber unserer Beziehung tut das gut. Ich entdecke eher, was für mein Leben wichtig ist, war eine weitere Auskunft.
Die jungen Leute haben das richtig gesehen, denke ich. Was vordergründig als Verlust erscheint, erlaubt bei genauerem Hinschauen ein tieferes Eintauchen ins Leben. Da muss keiner erst mit der moralischen Keule kommen.
Denn es liegt auf der Hand: Verzichten bringt Gewinn. Einfach mal loslassen, was mich im Griff hat oder was ich für unverzichtbar halte. Auch wenn es Überwindung kostet. Neues zulassen. Und dabei unbekannte Seiten an mir entdecken. Oder solche, die lange verschüttet waren.

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Weniger ist mehr

Montag, 05. März 2012     [Druckversion]

Auf nichts im Leben verzichten müssen, sich alles leisten zu können - wäre das nicht ein schönes Ideal? In der Werbung arbeitet man gerne mit diesem Versprechen. Abnehmen, aber auf nichts verzichten. Ein neues Auto anschaffen, aber auf nichts verzichten. Urlaub machen, aber auf nichts verzichten.
Suggeriert wird, alles kannst du haben! Alle Türen stehen dir offen. Verzichten ist altmodisch. Doch, wenn ich genau hinschaue, dann hat vieles, was ein Mensch im Leben erreicht, mit Verzicht zu tun.
Eltern, die Kinder haben, verzichten auf ein dickes Auto oder eine weite Reise, weil Kinder Geld kosten. Sind die Kinder dann groß und die Eltern alt, verzichtet manche Tochter und mancher Sohn auf ein Stück Freiheit, um Zeit für die Mutter oder den Vater zu haben.
Jede kulturelle Leistung beruht im Grunde auf Verzicht. Wer sich der schweißtreibenden Anstrengung eines Studiums oder einer Ausbildung ausgesetzt hat, weiß das. Schriftstellerinnen, die ein Buch schreiben. Ingenieure, die an einer Erfindung basteln. Mediziner, die eine unbekannte Krankheit erforschen.
Sie alle verzichten auf manche Annehmlichkeiten des Alltags, um hervorzubringen oder herauszufinden, was dann schließlich vielen Anderen zu Gute kommt: ein spannender Roman, ein neues Medikament, eine technologische Errungenschaft.
Im Verzicht stecken Kreativität und Innovation. Wo ich mich dem Taumel entziehe, im Supermarkt des Lebens jedes Sonderangebot ergreifen zu müssen, verflüchtigt sich der Schwindel in meinem Kopf. Kalorien, Konsum und Komfort verlieren an Wichtigkeit. Ruhe und Konzentration stellen sich ein. Und es gelingt mir eher, die wirklichen Prioritäten in meinem Leben zu erkennen.
Bevor Jesus in die Öffentlichkeit ging, so erzählt die Bibel, zog er sich für vierzig Tage in die Wüste zurück. Dort war er allein. Ganz allein mit sich und den wilden Tieren. In dieser Einsamkeit wurde er sich darüber klar, was seine Aufgabe im Leben war. Wo die Versuchungen lagen, die es zu meiden galt. Und was seine ganze Kraft und sein ganzes Engagement erforderte.
Es bedurfte dieser Auszeit, dieses Verzichtes, um zu erkennen, was das Leben wirklich ausmacht. Mich regt diese Erfahrung an, in der Fastenzeit vor Ostern an der einen oder anderen Stelle das Verzichten auszuprobieren. Um so Zeit und Spielräume zu gewinnen für das, was im normalen Getriebe zu kurz kommt.

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