Manuskripte

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Woche vom 18.09.2011 bis 24.09.2011




Wolf-Dieter Steinmann

Von Wolf-Dieter Steinmann, Ettlingen, Evangelische Kirche

Die Wand

Samstag, 24. September 2011     [Druckversion]

Wie kann es sein, dass Menschen sich mit so einer Wand arrangieren? Dass sie nicht berührt, was hinter der Wand geschieht? Mit den Menschen dahinter. Diese Frage war auf einmal ganz präsent. Unüberhörbar. Die gotische Klosterkirche in Breitenau - südlich von Kassel - hat sie mir gestellt. Bei einem Besuch.
Wie kann es sein, dass Menschen mit so einer Wand so „normal" leben konnten? Eine Normalität, die uns heute abwegig und abgründig vorkommt. Diese Frage lässt mich seither nicht mehr los. Weil dahinter die Frage steckt: Lebe ich vielleicht auch manchmal so? So abgründig „normal"?
Von außen sieht man die Wand nicht. Die Klosterkirche wirkt groß und weit. Aber innen ist das Kirchenschiff viel kleiner als erwartet. In der Mitte ist es zugemauert. Diesseits der Wand hat die Gemeinde Gottesdienst gefeiert. Sich Gott zugewandt. Gesungen, gebetet. Eigene Freude und eigenes Leiden vor Gott gebracht. Mit dem Blick nach vorn zu Altar und Orgel und zur Mauer.
Sie hat den Menschen verborgen, dass dahinter andere Menschen gelitten haben: Über 100 Jahre lang wurden dort im staatlichen Teil des Gebäudes immer wieder Menschen eingesperrt: Zuerst, 1870, französische Kriegsgefangene, danach Obdachlose, die „gebessert" werden sollten. Ab 1933 haben die Nazis zuerst politische Gefangene in der Kirche interniert, später Zwangsarbeiter. Und nach 1950 bis in die 70er Jahre hinein war hinter der Mauer ein Heim des Landes für so genannte „schwer erziehbare Mädchen".
Erst seither muss niemand mehr leiden hinter der Breitenauer Wand. Und in einer Gedenkstätte wird an die vielen Leidenden erinnert.
Mich beschäftigt seit dem Besuch in Breitenau die Frage:
Wo trage ich solche Mauern in mir, so dass Menschen und ihr Leid dahinter unsichtbar werden? Denn geschehen kann so etwas wie in Breitenau ja, weil die eigentliche Wand nicht aus Stein ist. Sondern im Kopf. Und im Herzen. Wenn man einen anderen oder ganze Gruppen nicht mehr sieht und ihnen Mitgefühl und Solidarität entzieht. Wenn ich „normal" finde, was anderen passiert. So schirmt man sich ab. Ist sich diesseits der Wand selbst genug.
„Sich nicht selbst genug zu sein." Das ist wohl ein Schlüssel gegen solche Mauern: Sondern zB. zu sehen: Wo und wie leben Flüchtlinge bei uns. Ist das „normal"? Zu sehen, wie wir Flüchtlinge von Europa fern halten, damit man von ihrem Leid unberührt bleibt. Manchmal ist es auch Ohnmacht, dass Mauern wie die in Breitenau so fest sind. Aber sie können nicht stehen bleiben.

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Der Papst - Luthers Erbe

Freitag, 23. September 2011     [Druckversion]

Auch der Papst ist ein Erbe Martins Luthers. Finde ich. Und ich glaube es wäre gut für die weltweite Christenheit, wenn er das auch so sehen und öffentlich zum Ausdruck bringen würde.
Der Papst „Erbe" Martin Luthers? Normalerweise bezeichnet man so uns Evangelische. Ich finde aber, das greift zu kurz. Für mich ist auch der Papst ein Erbe Luthers.
Drei Gedanken bringen mich darauf:
Erstens ist es ein geschichtliches Faktum: Der Papst steht wie jeder Christenmensch, egal ob wir evangelisch, katholisch oder orthodox sind, im Erbe der Reformation. Was vor 500 Jahren in Wittenberg mit Martin Luther begonnen hat und sich dann weltweit ausgewirkt, das bestimmt die Christenheit seit damals. Es gibt viele christliche Kirchen. Nicht mehr die Eine. Keine Kirche hat das Monopol auf Christlichkeit. Das ist schlicht Fakt. Selbst wenn man es bedauert, man kann die Reformation nicht ungeschehen machen. Dieses Erbe prägt uns Christen alle.
Mein zweiter Gedanke: Für eine ökumenische Zukunft der Christenheit wäre es mE. gut, wenn Papst Benedikt -und jeder Christenmensch- sich nicht nur historisch, sondern auch aus Überzeugung als Erbe Luthers verstehen könnte. Ökumene gibt es dann, wenn Christen weltweit auch das Erbe der Reformation annehmen und in die Zukunft mitnehmen. Dazu gehört auch die Kritik an der eigenen Kirche. Auch bei uns Protestanten.
Darum wünschte ich, der Papst würde sich als Erbe Luthers sehen und öffentlich machen: „Es war wichtig und gut, dass Luther diese Anstöße für Glauben und Kirche gegeben hat. Die Reformation war kein Irrtum. Echte Ökumene gelingt nicht durch ein 'zurück hinter die Reformation', sondern nur indem sich Christen und Kirchen aufeinander zu reformieren."
Mein dritter Gedanke: Martin Luther hat immer wieder daran erinnert: Christ bin ich und werde ich, wenn ich an Jesus Christus glaube - nicht wenn ich zu einer bestimmten Kirche gehöre. Christ sein ist Vertrauenssache: Ich kann darauf vertrauen, dass Gott in Jesus Mensch geworden ist, Gott ist liebevoll da, für Sie und mich und diese Welt, die nahe am Abgrund schlingert.
Das ist die Botschaft Luthers: Als Christ bin ich Erbe Jesu Christi. Ich glaube nicht Luther oder dem Papst, sondern an Jesus Christus. Manchmal ist das schwer. Man muss sich das immer wieder durch den Kopf gehen lassen und zu Herzen.
Und dazu muss man immer wieder in die Bibel schauen. Als Christ bin ich nicht zuerst lutherisch, reformiert, orthodox oder römisch-katholisch. Sondern jesus-christlich. Dieses Erbe Luthers kann man doch nur von Herzen annehmen.

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Toleranz - mindestens

Donnerstag, 22. September 2011     [Druckversion]

Ich wünschte mir, die Abgeordneten, die den Papst nicht hören wollen, könnten heute über ihren Schatten springen. Und der Rede von Papst Benedikt im Bundestag zuhören und nicht wegbleiben.
Es wäre ein Signal von Toleranz und Dialogbereitschaft. Gerade wenn sie seinen Positionen nicht zustimmen. Es wäre für mich ein gutes Zeichen über den geistigen Zustand unserer Gesellschaft. Wenn Volksvertreter, auch wenn sie mit Religion selber nichts im Sinn haben, zeigen: Ich bin trotzdem bereit, mir die Gedanken des Papstes, eines religiösen Menschen anzuhören. Eine Ahnung davon zu bekommen. Und mich damit auseinander zu setzen. Immerhin ist Religion für viele Menschen, für die ich als Abgeordneter politisch verantwortlich bin, wichtig.
Ich glaube, solche Toleranz und Dialogbereitschaft werden für unser Zusammenleben immer wichtiger in Zukunft. Weil unsere Gesellschaft grundsätzlich pluralistisch ist. Gerade auch religiös und weltanschaulich. Und Pluralismus wird nur dann nicht zum sozialen Sprengstoff, wenn ich die, die anders denken und ticken als ich selbst, mit ihrer Überzeugung kenne. Und sie als Menschen toleriere.
Noch besser wäre, wenn wir zum Dialog miteinander finden, wenn wir uns offen und kritisch auseinander setzen mit den Überzeugungen, die den anderen prägen. Mit dem Ziel, dass möglichst viele das demokratische Zusammenleben aktiv mit gestalten können. Dialog beginnt, wenn ich neugierig werde auf den anderen.
Katholiken müssen, so glaube ich, in Zukunft begreifen, warum ein humaner Atheist mit Überzeugung Atheist ist und bleiben will. Ein Atheist sollte sein Wissen über einen Protestanten nicht aus Vorurteilen beziehen, sondern aus wirklicher Begegnung, Für mich als Protestanten genügt es in Zukunft nicht, ein Zerrbild über Muslime zu haben. Und umgekehrt gilt das gleiche.
Für mich als Christen gründet diese Bereitschaft zum offenen Dialog darin: Jeder verdient grundsätzliche Achtung als Mensch. Weil er genauso Geschöpf Gottes ist, wie ich.
Diese Achtung gilt auch dann, wenn ich meine, er liegt falsch mit seiner Überzeugung und ich das auch nicht verschweige.
Aber genauso gehört zu diesem Dialog, dass ich meine Überzeugung kritischen Fragen aussetze. In diesen Tagen vielleicht vom Papst. Ob als Abgeordneter oder als normaler Bürger.

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Dr. Marita Rödszus-Hecker

Von Dr. Marita Rödszus-Hecker, Heidelberg, Evangelische Kirche

Bloß nicht aufwachen

Mittwoch, 21. September 2011     [Druckversion]

Als ich dreizehn Jahre alt war, fand ich in meinem Zeugnis unter der Rubrik: „Bemerkungen" diese: „Marita träumt im Unterricht. Sie muss sich mehr beteiligen." Ich muss damals wohl überdurchschnittlich viel aus dem Fenster geschaut haben, ins Himmelsgrau über dem Pausenhof und wenn mich der Lehrer aufrief, nicht bei der Sache gewesen sein. Statt aufzupassen, hing ich meinen Gedanken nach. Meinen Tagträumen, meinen Lebensträumen. Ich träumte von einem Jungen, den ich jeden Morgen auf der Zugfahrt bewunderte. Ich träumte von den Sommerferien, die so wunderschön gewesen waren. Ich träumte davon, was ich eines Tages werden könnte. Schriftstellerin, schwebt mir vor. Oder ein weiblicher Sigmund Freud. Oder einfach ausreißen und nach Paris gehen. Und anschließend ins Kloster. Oder umgekehrt. Ich träumte wirklich, und war doch hellwach.
Man muss an solchen Träumen nicht lange herumdeuten. Im Gegensatz zu dem, was einem nachts träumt, ist so ein Traum mit offenen Augen sofort verständlich. So ein Lebenstraum - eine Tagphantasie, entwirft das Leben recht kühn und mit einem ordentlichen Schuss Größenwahn. Er beginnt mit einem Wunsch, mit einer Sehnsucht. Aber er will sich damit nicht begnügen, nicht immer nur Traum sein. Er zielt auf Erfüllung, er will wirklich werden. Wie der Traum von Freiheit, von Glück. Wie die Lebensträume der Deutschen, die, laut Umfrage von Eigenheimen, Kreuzfahrten und dem Haus im Grünen träumen, am meisten aber davon, Ruhe genießen zu können.
 Lebensträume müssen nicht ein Leben lang dieselben bleiben. Sie verändern sich mit dem Älterwerden. Aus manchen Lebensträumen erwacht man und ist merkwürdig berührt davon, dass man diesen Traum wirklich einmal geträumt hat, so fremd ist er einem geworden. Oder aber man kann Lebensträume zu Lebzeiten erfüllt sehen, und neue können sich daran anschließen.
Im Unterschied zu dem, was wir nachts träumen, können wir Lebensträume mit anderen teilen. Auch den Traum von Erlösung, den Traum vom Paradies „Wir werden sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens sein."", heißt es in einem Psalm. (Ps 126,1) Wir werden uns dann in den Arm zwicken, gegenseitig, und sagen: Ich glaub ich träume! Das ist so schön! Ist das wirklich wahr? Wir werden sein wie die Träumenden - das ist als Verheißung gemeint, nicht als etwas, was abgeschafft gehört.

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Stahlhart und mild

Dienstag, 20. September 2011     [Druckversion]

Was mich an der katholischen Kirche immer wieder fasziniert: Sie hat den Mut zur Korrektur. Beispielhaft dafür: Die Geschichte der Engländerin Mary Ward. Ungewöhnlich an Mary Ward war vieles. Ihr Eigensinn, ihre Energie. Ihre Demut, ihr Glaube. Ihre feste Überzeugung, dass „das Frauengeschlecht etwas Außergewöhnliches" leisten kann und soll.
Mary Ward wuchs auf in England zur Zeit der Katholikenverfolgung im 17. Jahrhundert. Unter falschem Namen flüchtete sie nach Frankreich und trat dort in ein Kloster ein. Doch Mary wollte sich nicht damit abfinden, dass Frauen in der „Kirche nur die niedrigsten Dienste" verrichteten. Kurze Zeit später verließ sie darum das das Kloster, zog nach Flandern, um in ihrem „Institut der Englischen Fräulein" katholische englische Mädchen zu unterrichten, denn, so sagte sie: „Gott liebt die Einfalt, nicht aber die Unwissenheit."
An Spott über die „Englischen Fräulein" fehlte es nicht. Man nannte sie „Klatschbasen" und warf ihnen vor, überall mit ihren Predigten Unordnung zu stiften. All das brachte Mary Ward nicht von ihrer Absicht ab, dem Institut die päpstliche Anerkennung zu verschaffen. Sie machte sich auf den Weg, um dem Papst persönlich ihr Anliegen zu unterbreiten. Zwei Monate dauerte die Pilgerreise über den verschneiten Gotthard-Pass nach Rom. Dort bat sie den Papst, „auf Erden zu bestätigen, was im Himmel von Ewigkeit her bestätigt ist." Der aber sagte nicht ja und nicht nein. 1631 wurde das Institut verboten und Mary Ward als Ketzerin inhaftierte. Man verurteilte sie, „sich an Dinge gemacht zu haben, die weder der Schwäche des Geschlechts angemessen wären, noch für die weibliche Bescheidenheit und zumal die jungfräuliche Sittsamkeit sich schickten." Mary Ward fügte sich ohne Widerworte. Vielleicht ahnte sie, dass ihr Werk weiterleben würde. Denn wohl hatte der Papst den „Englischen Fräulein" klösterliche Gemeinschaft untersagt. Die religiöse Erziehungsarbeit aber hatte man in dem Katalog der Verbote vergessen.
Natürlich ist es immer besser, keine Fehler zu machen. Aber es „gereicht der Kirche zur Ehre, dass sie die Kraft und die Fähigkeit aufbrachte, ein offensichtliches Fehlurteil zu korrigieren" (Nigg). Das lässt hoffen. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts bekannte die katholische Kirche öffentlich, dass Mary Ward sich um die Gleichstellung der Frau verdient gemacht hat - als  eine Christin von „stahlhartem Charakter" und „milder Sanftmut".

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Haute Couture

Montag, 19. September 2011     [Druckversion]

Was den Glauben anging, war mein Schwiegervater ein Skeptiker. Er wäre niemals auf die Idee gekommen, aus der Kirche auszutreten. Er glaubte an Gott. Aber ihm blieb die Rolle des Heiligen Geistes und die Rede von einem Gott, der doch gleichzeitig Vater, Sohn und Geist war, rätselhaft. Er blieb ein skeptischer Christ. Das machte die Gespräche über Religion mit ihm so anregend. Er weigerte sich, mit dem Kopf zu nicken, wo er nicht verstand. Je älter er wurde fragte er immer wieder. Was kommt nach dem Leben? Die Auferstehung der Toten - wie soll man sich das denken? Jeder sieht doch, dass unser Fleisch vergeht. Vom Menschen bleibt am Ende nur noch ein bisschen Staub, ein bisschen Asche übrig.     
Vielleicht hätte mein Schwiegervater gelten lassen, was Schopenhauer über den Tod geschrieben hat. In Schopenhauers Aufsatz: „Zur Lehre von der Unzerstörbarkeit unseres wahren Wesens durch den Tod" heißt es: „Zu ewiger Fortdauer ist kein Individuum geeignet: es geht im Tode unter". Klar, das hätten wir gerne, ewige Fortdauer. Aber: Was lebt, stirbt. Daran ist nicht zu rütteln. Doch, so fährt der Philosoph fort, sollten wir aufhören, diesen Tod als einen Verlust zu betrachten. „Wir verlieren dabei nichts. Denn dem individuellen Dasein liegt ein ganz anderes (Dasein) unter." Es gibt ein Leben, das unser Leben trägt. Von dem unser Leben nur eine Art flüchtige Blüte ist. Wie eine Blume ja auch aus derselben Wurzel immer wieder blühen kann, so auch unser Leben. Dieser Grund, aus dem wir wachsen „ kennt keine Zeit, also auch weder Fortdauer noch Untergang." Was stirbt, geht dahin, wo alles Leben herkommt.
Wir sollten, rät Schopenhauer, nicht immer nur auf das sehen, was uns durch den Tod genommen wird. Wir sollten auf das schauen, was wir durch ihn gewinnen.  „Wenn man stirbt, sollte man seine Individualität abwerfen wie ein altes Kleid und sich freuen über eine neue und bessere, die man nun annehmen kann."
So ähnlich sagt´s die Bibel auch: „ Das Verwesliche muss anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit." (1. Kor 15,53). Das alte Kleid, das mit dem Leben immer fadenscheiniger wird, können wir am Ende ablegen. Auf dem Bügel wartet schon ein neues auf uns. Mein Schwiegervater ist vor einigen Jahren gestorben. Oder sagen wir besser mit Schopenhauer und der Bibel: Er ist neu eingekleidet.

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