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Woche vom 11.09.2011 bis 17.09.2011




Dr. Madeleine Spendier

Von Dr. Madeleine Spendier, Katholische Kirche

Kickboxen für Jugendliche

Samstag, 17. September 2011     [Druckversion]

Karim ist 23 und arbeitet zurzeit in der Caritas-Schreinerei in Stuttgart. Diese Schreinerei gehört zur JAP. JAP - das steht für Jugendarbeitsprojekt der  Caritas Stuttgart. Hier werden junge Menschen aufgefangen, die aus der Bahn geworfen sind und keine guten Berufsaussichten haben. Durch verschiedene „Maßnahmen" versucht man die jungen Menschen fit zu machen für das Leben und fit für den Berufsalltag. 
"Die Arbeit mit Jugendlichen ist Beziehungsarbeit. Das kann sogar so weit gehen, dass ich meine Jungs oder Mädels morgen anrufe, um sie zu wecken", erzählt die Sozialarbeiterin. So ein persönliches coaching imponiert mir. Den Jugendlichen fehlen oft die so genannten „soft skills" - das bedeutet sie haben zu Hause keine Strukturen kennen gelernt. Oft wissen sie die einfachsten Regeln des Zusammenlebens nicht. Und manchmal sind sie einfach nur zu faul, um höflich, pünktlich oder verlässlich zu sein. Was macht junge Menschen fit fürs Leben? Lob, Anerkennung und Wertschätzung. Genau das haben sie in ihrem Leben selten oder noch nie gehört: "Das hast du gut gemacht, weiter so. Du kannst es. Du schaffst es." Karim zeigt mir sein neuestes Werkstück aus der Schreinerei. Überglücklich hält er sein Schatzkistchen in den Händen.  „Das habe ich für meine Wertsachen gemacht." "Sie lernen in ihre Fähigkeiten zu vertrauen, sie werden selbstbewusst und trauen sich wieder etwas zu", sagt die Sozialarbeiterin. "Wir wollen den jungen Menschen vermitteln, dass sie so wie sie sind, liebenswert sind, dass sie gebraucht werden und dass ihr Leben lebenswert ist." Neben der Schreinerei oder sozialen Ausbildungsberufe wie Altenpflege gehen die Mädchen und Jungs gemeinsam zum „Kickboxen". Auch das gehört dazu: Sie lernen hier in die eigene Körperkraft zu vertrauen und sie so zu nutzen, dass sie andere nicht verletzten, sondern sie selbst stark macht. "Nur so können sie aussteigen aus dem verquerten Kreislauf, indem sie selbst merken, dass sie etwas ändern müssen", erklärt die Trainerin. Zwar gibt es ab und an kleine Verletzungen, weil einer mal zu fest draufdrückt, aber danach wird ein fixes Ritual eingehalten: Sich beim anderen ernsthaft zu entschuldigen. "Das ist Respekt vor dem Nächsten und der erste Schritt in die richtige Richtung." Was für andere eher selbstverständlich ist, müssen diese Jugendlichen hart erarbeiten. Mit Ausdauer und leider auch vielen Rückschlägen fangen sie wieder an zu träumen, von einer besseren Zukunft, von einem Berufsziel, von einer Ausbildung. Karim hat mir erzählt, er will Pilot werden. Er ist zuversichtlich. Zurzeit arbeitet er noch am Flughafenbistro, aber er weiß, wenn er erst seinen Realabschluss in der Tasche hat, kann er es schaffen.

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Wer Ohren hat, der höre

Freitag, 16. September 2011     [Druckversion]

„Wer Ohren hat, der höre." Der Dialog- und Erneuerungsprozess der Katholischen Kirche hat begonnen. Weil die Kritik an der Kirche im Zuge der Missbrauchsdebatte immer lauter wurde und die Sorge um die Zukunft der Kirche größer. Deshalb hat die Katholische Kirche in Deutschland zum Dialog eingeladen. Auch die Diözese Rottenburg-Stuttgart will sich Zeit nehmen zu hören. Und dabei soll intensiv zugehört werden, was die Menschen bewegt, was sie bedrückt, was ihnen am Herzen liegt. Was soll sich ändern? Was wünsche ich mir von meiner Kirche? Wo fange ich damit an?
Es soll darüber nachgedacht werden, wie Kirche heute und in Zukunft glaubwürdig ihren Auftrag erfüllen kann. Denn es geht um eine  Frohe Botschaft, die in den Herzen der Menschen ankommen soll. Viele Erwartungen sind an diesen Dialogprozess geknüpft. Hat das ganze  überhaupt einen Sinn? Was genau soll erneuert werden? Paulus hat zu seiner Zeit einen Brief an seine Freundinnen und Freunde in Ephesus geschrieben. Und die Worte des Apostels sind Wegweiser für diesen Erneuerungsprozess der Kirche: "Erneuert euren Geist und Sinn. Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist" (Epheser 4, 23b-24a). Erneuert euren Geist und Sinn. Wie kann so ein Erneuerungsprozess mit Geist und Sinn für mich aussehen? Damit Kirche ein glaubwürdiger und einladender Ort ist, braucht es glaubwürdige und gastfreundliche Menschen. Angefragt sind die Kirchenleitungen, ihre Lehren und Strukturen. Es kommt aber auch auf jeden Einzelnen an, auch auf mich. Wie will und kann ich mich mit meinen Talenten und Begabungen in diesen Dialog einbringen? Wie kann ich die Nähe Gottes spüren und andere erfahren lassen? "Wer Ohren hat, der höre", heißt es im Matthäusevangelium (Matthäus 13, 43). Dabei ist es wichtig auf den Heiligen Geist zu hören. Ein guter Geist schafft eine gute Atmosphäre zwischen Menschen, ermöglicht Begegnung und Beziehung. Ein guter Geist wirkt und bewirkt etwas zwischen den Menschen, zwischen Gott und den Menschen. Um diesen guten Geist will ich bitten, dass er der Kirche einen langen Atem schenkt und viele Menschen, die diesen Prozess mit hörenden Herzen begleiten. Im Gebetbuch zum Dialogprozess der Kirche steht: 

Herr, erneuere deine Kirche und fange bei mir an!
Ermutige deine Kirche und fange bei mir an!
Öffne deine Kirche und fange bei mir an!
Herr, sende deine Kirche und fange bei mir an!

 

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Dr. Maria Meesters

Von Dr. Maria Meesters, Baden-Baden, Katholische Kirche

Schmerzen würdigen

Donnerstag, 15. September 2011     [Druckversion]

Im kirchlichen Kalender steht heute ein bemerkenswertes Fest; das Fest der Schmerzen Mariens. Schmerzen - oft ist es gut, sie zu vergessen, aber manchmal sind sie es auch wert, dass man ihrer gedenkt. Daß man sie würdigt, darauf schaut. Auch Schmerzen sind ein Stück Menschenleben, das nicht einfach nebenrunterfallen soll, sondern das Aufmerksamkeit verdient. Oft gehören Schmerzen zu Lebenszeiten, in denen wichtiges geschieht, auch wenn wir geneigt sind, sie nur negativ zu erleben und zu bewerten. Das Fest der Schmerzen Mariens lenkt den Blick auf 7 Ereignisse in ihrem Leben, von denen die Bibel erzählt oder die sie andeutet. Das erste ist die Begegnung mit einem alten Mann namens Simeon, als Maria und Josef zum 1. Mal mit dem 6 Wochen alten Jesus in den Tempel kommen. Simeon weissagt Maria, dass sie mit diesem Kind viel leiden wird: „Ein Schwert wird deine Seele durchdringen" (Lukas2,34f) sagt er. Das nächste ist die Flucht nach Ägypten mit dem Säugling. Dann, als Jesus 12 Jahre alt ist, wallfahren seine Eltern mit ihm von Nazareth nach Jerusalem. Jesus entfernt sich unbemerkt von ihnen - im Klartext: er reißt aus - und Maria und Josef suchen ihn 3 Tage, bis sie ihn im Tempel wieder finden. Er sitzt dort unter den Lehrern und unterhält sich mit ihnen. Und als Maria fragt: „Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht", bekommt sie zur Antwort: „Warum habt ihr mich gesucht?" Bei einem andern Kind als Jesus würde ich sagen: welche Frechheit! Hier ist es wohl Zeichen einer tiefen Fremdheit, die die Mutter gegenüber ihrem Sohn erleben muß. Und dann folgen die Schmerzen im Zusammenhang mit dem Tod Jesu: Maria begegnet ihm, als er sein Kreuz zur Hinrichtungsstätte trägt, sie harrt unter dem Kreuz aus, während er stirbt, sie ist dabei, als man den Leichnam vom Kreuz abnimmt und sie trägt ihn mit zu Grabe. Seit Jahrhunderten haben Künstler diese Szenen dargestellt, besonders oft Maria mit dem toten Jesus auf dem Schoß. Und seit Jahrhunderten schon haben Eltern, Männer und Frauen ihre eigenen Schmerzen hier wiedergefunden. Die Sorge und auch Angst um Kinder, den Schmerz, sich fremd zu werden, die Ohnmacht, das eigene Kind leiden zu sehen, die Erfahrung, einen Menschen zu verlieren. Natürlich ändern Marias Schmerzen nichts an den Schmerzen heutiger Eltern. Aber ich glaube, dass der Blick auf sie seit Jahrhunderten viele Menschen getröstet hat, die spüren durften: auch mein Schmerz hat einen Ort, einen Ort in der Nähe Gottes.  

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Dr. Dietmar Bader

Von Dr. Dietmar Bader, Freiburg, Katholische Kirche

Das Kreuz-Zeichen und Erinnerung

Mittwoch, 14. September 2011     [Druckversion]

14. September - Kreuzerhöhung. So heißt der heutige Tag in der katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen. Das Kreuz ist das Zeichen des Glaubens der Christen, des Glaubens an Jesus Christus, vor allem an seine Auferweckung aus dem Tod. Es steht dabei nicht nur für diesen Glauben an Jesus Christus, sondern auch für alles Gute und alles Schlimme, das im Namen des christlichen Glaubens geschehen ist. Das Kreuz ist ein höchst ambivalentes Zeichen: Zeichen für ein Leben im Sinne Jesu und für die Bereitschaft, das eigene Leben nicht für das Wichtigste zu halten. Es steht also für die großzügige Bereitschaft, Zeit und Kräfte und sich selbst zu verschenken. Und das Kreuz steht für jenes Bewusstsein der Überlegenheit, in dem Christen meinten, anderen ihren Glauben aufzwingen zu müssen. So ist es auch Zeichen für die kleinliche Vorstellung von einem Gott, dessen Segen nur für christliches Leben gelten würde.
Welchen Sinn kann es haben, ein so belastetes Zeichen zu feiern wie heute am kirchlichen Fest „Kreuzerhöhung"? Der Blick auf das Kreuz Christi zeigt, wie Leben und Tod miteinander verbunden sind. Aber wo zeigt sich beim Kreuz Leben? Dort, wo es aufersteht, wo es aus einer Verborgenheit, aus einer Dunkelheit, einer Bedrohung hervorgeht als immer wieder verletzlicher Beginn von Leben. Sicher sind Leben und Tod Gegensätze, aber Leben zeigt sich als auftauchendes Leben nur im Durchgang durch den Tod.
Die Bibel bezeugt von Anfang bis Ende eine einzige Gotteserfahrung: Der Gott, von dem das Volk Israel unendlich oft weggeht, und von dem es dennoch immer wieder angezogen wird, ist ein Gott, der das Leben will, das Leben nicht nur dieses Volkes, sondern aller Menschen. Im Alten Testament heißt es: „Das Leben und den Tod habe ich dir vorgelegt (...), erwähle nun das Leben, damit du lebst (...)." (Deut 30,19)Zwischen Leben und Tod zu wählen, kann nichts anderes heißen als zwischen zwei Weisen des Lebens zu wählen: zwischen dem Leben, das zum Sterben bereit ist, in Trennungen und Verlusten, und dem Leben, das sich gegen die vielfältigen Durchgänge durch den Tod zu wappnen und zu wehren sucht - zwischen dem Leben also, das in Bewegung lebendig bleibt, und dem Leben, das aus Angst vor Verlusten und Trennungen auf seine Lebendigkeit verzichtet. Wenn es darum geht, das Kreuz zu feiern, so geht es nicht zuletzt darum, die erste Wahl zu feiern: die Wahl des lebendigen Lebens, das durch den Tod hindurchgeht.

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Kirche und Moschee

Dienstag, 13. September 2011     [Druckversion]

Ein Foto in der Zeitung: Vor dem Modell eines Gebäudes sitzen - sichtlich fröhlich und zufrieden - ein lutherischer Pfarrer und ein muslimischer Imam; es sind Pastor Dahlbäck und der Imam Awad Olwan in einem Vorort von Stockholm. Das Modell des Gebäudes vor ihnen heißt „Ein Haus Gottes". Und die Zeitungsüberschrift lautet: „In Stockholm entstehen Kirche und Moschee in einem Gebäudekomplex - Kreuz und Kuppel auf gleicher Höhe".
Wenn etwas Neues entstehen soll, bedarf es derer, die das Neue realisieren, trotz aller Bedenken bei sich und anderen. Es bedarf des Mutes zu tun, was bisher in den Augen der meisten als unmöglich erscheint: christliche Kirche und Moschee unter einem Dach, in freundlicher Nachbarschaft, in gegenseitigem Respekt. Der lutherische Pfarrer und seine Kirchenältesten in einem Vorort von Stockholm - 7000 Einwohner, davon 40% Muslime - haben diesen Mut. In der Kirche sind bisher schon die Katholiken Gäste; nun wird noch eine Moschee angebaut. Wer durch den Eingangsbereich kommt, tritt links in die christliche Kirche ein, rechts in die Moschee, dazwischen liegt ein Foyer, das alle nutzen können, jede Gruppe für sich oder gemeinsam. Den Entwurf gibt es schon, in drei Jahren wird das Gotteshaus schlüsselfertig sein. Die Kirche bekommt einen Turm, die Moschee eine Kuppel, und Kreuz und Halbmond sollen in gleicher Höhe in den Himmel ragen. In der je eigenen Tradition feststehen, offen sein für die Eigenart der anderen, ihre  Verschiedenheit achten, ehrlich und großzügig zuhören und versuchen, den anderen zu verstehen, auf diese Werte soll das Haus Gottes in Stockholm gebaut werden; so erklärt es der lutherische Gemeindepfarrer, der im muslimischen Imam einen gleich denkenden Partner fand. Der Glaube an „einen einzigen Gott, Schöpfer von Himmel und Erde", der barmherzig und liebevoll ist, und der Glaube an den gleichen Wert und die gleichen Rechte aller Menschen machen für den Pfarrer die „theologische Plattform" des Projekts aus. Und der Imam ergänzt: „Ein modernes Friedensprojekt, zu dem die Religionen ihren Beitrag leisten".

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Dialog der Religionen

Montag, 12. September 2011     [Druckversion]

In München findet seit gestern ein internationales Friedenstreffen statt.  Da treffen sich etwa 400 politische und religiöse Vertreter aus 60 Ländern. Es sind Christen verschiedener Konfessionen, Vertreter des Islam und des Judentums, Buddhisten, Hindus, Schintoisten und Menschen aus altindischen Religionen. „Zusammen leben - unsere Bestimmung. Religionen und Kulturen im Dialog", so das Motto des Treffens. 
Begegnungen dieser Art haben Tradition. Im Oktober 1986 hatte Papst Johannes Paul II. Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften zum ersten Mal nach Assisi eingeladen. „Die Herausforderung des Friedens - sagte er damals - übersteigt die religiösen Differenzen. Alle Religionen der Welt sind aufgerufen, ihren Beitrag zum Entstehen einer menschlichen, gerechten, geschwisterlichen Welt zu leisten. Nachdem die Religionen selbst oft genug Grund für Spaltungen waren, möchten sie jetzt zum Aufbau des Weltfriedens beitragen." Das Treffen der Religionsvertreter, die der Einladung des Papstes gefolgt waren, war bei jedem der Teilnehmer vom Respekt geprägt. Jeder sprach sein Gebet in der Gegenwart der anderen. Jeder empfing hörend das Gebet der anderen. So nahmen die Teilnehmer einander als Betende wahr: als Menschen, die sich in ihren jeweiligen Sprachen und Bildern, von ihren Traditionen und Glaubensgeschichten und ihrem eigenen Gottesverständnis her Gott zuwenden. Die Begegnung von Assisi hat deutlich gemacht, dass die Menschen entscheidend sind: an erster Stelle der Einladende, in diesem Fall Johannes Paul II., dann genauso die Religionsvertreter, die seine Einladung annahmen. Nicht Religionen treten in einen Dialog - oder tun es nicht, sondern Menschen unterschiedlicher religiöser Kulturen sprechen miteinander - oder tun es nicht. Heute finden in München etwa 40 Podiumsdiskussionen statt. Morgen, zum Abschluss des Treffens, wird an 9 Orten der Stadt in verschiedenen religiösen Traditionen gebetet, anschließend ziehen alle in einer gemeinsamen Prozession zum Marienplatz. Jede Religion hat es mit Menschen zu tun, die imstande sind, das Heiligste und das Schlimmste zu tun. In München sprechen Menschen miteinander und beten im Respekt voreinander - eine weitere Etappe auf einem guten Weg - damit Religionen, mehr als bisher, der Versöhnung und dem Frieden in der Welt dienen.

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