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Woche vom 19.06.2011 bis 25.06.2011




Dr. Thomas Broch

Von Dr. Thomas Broch, Freiburg, Katholische Kirche

Du bist da

Samstag, 25. Juni 2011     [Druckversion]

„Weiter sehen als wir sind" - ein Wort des holländischen Theologen und Dichters Huub Oosterhuis[1], das mich durch diese Woche geleitet hat. Warum hat mich dieses Wort in seinen Bann gezogen? Ich glaube deshalb, weil es von einer unermesslichen Weite ist. Stellen sich im Licht dieses scheinbar schlichten Gedankens nicht sehr viele Fragen an mein Leben und an meinen Glauben? „Weiter sehen als wir sind" - das ist ein Wort der Zuversicht. Es ist immer Grund zur Hoffnung. Es gibt immer ein Mehr, das weit über das vorläufige Jetzt hinausreicht. Aber der Weg nach vorne bedeutet auch Abschied von gewohnten Sehweisen, bedeutet Unsicherheit und oftmals Angst. Loslassen kann schwer sein. „Weiter sehen als wir sind." Es geht um „Visionen". Aber was ist das? Geht es dabei um Großes, um den Mut zu weit reichenden Veränderungen? Ja, gewiss. Aber weiter zu sehen kann auch bedeuten, den Blick in die Nähe zu wagen. Wahrnehmen, „dass hundert Blumen blühen dürfen", wie Oosterhuis sagt; Klee und Sauerampfer, sogar Disteln auf Schutt und Müll. Ist das nicht ein großes Wunder? „Weiter sehen als wir sind." Es geht auch um mich selbst. Wir leben „von Name zu Name", sagt Huub Oosterhuis. Ich bin ein Leben lang unterwegs auf mich selbst hin, auf die Bestimmung, auf den Sinn meines Lebens hin. Ich bin mir vertraut und fremd. Und ich kann die Frage, warum ich lebe, nicht theoretisch beantworten, sondern nur „mit Herz und Hand" und „als Mensch dazu", so Oosterhuis. Und er ermutigt mich: „Sei Frage [und] Antwort - [sei] der Mensch, der einzig du sein kannst." Und es geht schließlich um den Glauben. Es geht um Gott. Um Gott in der Tiefe des eigenen Selbst. Um Gott in der Fülle meines Glücks, auch in der quälenden Angst, im Tod. Ist Gott für mich das Wort, das tröstet und befreit, wie Huub Oosterhuis auch einmal sagt? Das Wort, das mich über mich selbst hinaus führt - in das Offene vor mir, aber auch in die unbekannte Tiefe meiner selbst? Ist er der Gott meiner Sehnsucht? Ist er die befreiende Antwort, die meinen Fragen ihre lähmende Ungewissheit nimmt? Ist er die Frage, die stets größer ist als alle Antworten? Oder ist Gott zu einer selbstverständlichen Vokabel geworden, die nicht mehr beunruhigt und die nichts mehr bewegt? „Weiter sehen als wir sind."  Lassen wir uns in die Weite führen? In die Weite eines freien Lebens? In die Weite eines freien Glaubens? Ich habe Bilder von geglücktem Leben; und ich habe Bilder von Gott. Kann ich auch über diese Bilder von Gott und der Welt und dem Leben hinaus sehen? Kann ich diese Bilder hinter mir lassen, auch wenn sich dann vielleicht mein Sehen- und Erkennen-Wollen in der Ferne, im Zweifel, im Dunkel verlieren? Aber könnte dann nicht doch etwas in mir ahnen: Du bist da? 


[1] Huub Oosterhuis, Weiter sehen als wir sind. Meditationstexte - Gebete - Lieder, Freiburg-Basel-Wien 1973.

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Unterwegs auf die unfassbare Fülle Gottes hin

Freitag, 24. Juni 2011     [Druckversion]

„Weiter sehen als wir sind", dieses Wort des holländischen Theologen und Dichters Huub Oosterhuis[1] könnte ein wegweisendes Wort für die gegenwärtige Situation der Kirche sein. Für die katholische Kirche, aber auch für alle Kirchen, die sich unterwegs wissen auf Jesus Christus hin. 
„Weiter sehen als wir sind." Dieses Wort hat verschiedene Tönungen. Manche fordern voller Ungeduld, doch endlich theologische Denkblockaden zu überwinden, sich aus erstarrten Strukturen zu befreien und mutig nach vorne aufzubrechen. Viele sind da zuversichtlich, andere beginnen zu resignieren oder haben sich bereits äußerlich oder innerlich zurückgezogen. Für andere wiederum scheint die Zukunft darin zu liegen, zu einer scheinbar glaubenstreuen Vergangenheit zurück zu kehren. Diejenigen, die den Blick über das Heute hinaus auf das Morgen richten, vergessen keineswegs Geschichte und Tradition. Die Erinnerungen an die Zukunftsvisionen des Zweiten Vatikanischen Konzils sind noch sehr lebendig. Weithin wurden sie noch  nicht eingelöst und teilweise sogar verdrängt: Es hat sich zur Ökumene bekannt; es hat den nichtchristlichen Religionen erstmals in der Kirchengeschichte eine hohe Wertschätzung erweisen; es hat das Bild einer Kirche mit kollegialen Leitungsstrukturen gezeichnet und allen Christen ein hohes Maß an Mitverantwortung und Mitgestaltung zugewiesen. Und es hat den „Jüngern Christi", wie es heißt, eindeutig ihren Platz an der Seite der Armen und Entrechteten zugewiesen. Solidarisch sein mit dem, was Menschen heute freut, worauf sie hoffen, was sie ängstigt - daran soll die Kirche zu erkennen sein. Was ist daraus geworden? Viele erleben die heutige Situation der Kirche als lähmend und leiden daran. Viele haben Angst davor, das Gewohnte und scheinbar Sichere in Frage zu stellen. Aber ich sehe auch, dass viele Christen an ihrem Platz und in ihren Gemeinden unbeirrt den Aufbruch wagen, den Dialog suchen, das noch Neue und Unbekannte zu denken und danach zu handeln wagen. Das macht mich zuversichtlich. Die Kirche ist immer vorläufig. Sie lebt aus der überschüssigen, nie ausgeschöpften  Fülle des Evangeliums. Und sie lebt auf die unfassbare Fülle Gottes hin - Reich Gottes genannt. Und zwischen diesem unerschöpflichen Ursprung und dieser unfassbaren Zukunft suchen Christen heute und morgen ihren Weg. Zum Schluss ein tröstliches Wort von Pierre Teilhard de Chardin, dem tief gläubigen Ruhestörer: „Ich glaube, dass die Kirche noch ein Kind ist. Christus, von dem sie lebt, ist unermesslich viel größer als sie sich vorstellt; und deshalb werden in Tausenden von Jahren, wenn das wahre Antlitz Christi sich ein wenig mehr enthüllt haben wird, die Christen dann immer noch ohne Zögern ihren Glauben bekennen."[2]


 [1] Huub Oosterhuis, Weiter sehen als wir sind. Meditationstexte - Gebete - Lieder, Freiburg-Basel-Wien 1973. 

[2] Nach: WW XIII 137.

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Europa - eine Vision des Friedens

Mittwoch, 22. Juni 2011     [Druckversion]

Vor wenigen Wochen war ich in Polen, in dem Städtchen Landsberg in Schlesien, das heute den Namen Gorzów Sląski trägt. Eine kleine Gruppe aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart war gemeinsam mit Bischof Gebhard Fürst dorthin gereist, um eine Glocke zurückzubringen. 1941 war sie von den Nationalsozialisten abgehängt worden und  sollte - wie Hunderttausende andere Glocken auch - als Raubgut eingeschmolzen und für die Rüstungsproduktion genutzt werden. Aber sie hat überlebt. Seit 1953 läutete sie vom Turm des Rottenburger Doms dreimal täglich zum Gebet. Zufällig wurde vor kurzem ihre Herkunft und ihre Geschichte entdeckt. Bischof Fürst hat entschieden, dass die Glocke den Menschen wieder zurückgegeben werden soll, denen sie einst gehört hatte. 
In Gorzów Sląski wurde die Glocke - und wir mit ihr - mit einem großen Fest empfangen. Die ganze Gemeinde war auf den Beinen - Junge und Alte, Polen ebenso wie Angehörige der deutschsprachigen Minderheit. In den vielen Ansprachen wurde deutlich, dass es den Menschen dort um mehr ging als um eine noch so schöne Glocke. „Die Rückkehr dieser Glocke ist für uns ein Zeichen, dass es nach so vielen Jahren des Leids und der Feindschaft wieder möglich geworden ist, versöhnt und als Freunde miteinander zu leben", sagte eine junge Frau. Und weiter: „Ihr Klang wird in uns die Vision eines friedlichen Europa wach halten und uns immer an unsere Verantwortung dafür erinnern." Wer hätte das noch vor einem Menschenalter für möglich gehalten? Ich fühle mich an ein Wort des holländischen Theologen und Dichters Huub Oosterhuis erinnert: „Weiter sehen als wir sind."[1] Schon vor Jahrzehnten haben weitsichtige Persönlichkeiten an eine solche Friedensvision geglaubt - kurz nach einem mörderischen Krieg, dessen Wunden bis heute noch nicht vollständig verheilt sind. Ich denke an Willy Brandt und die Politiker der Ostverträge, die in den 1970er Jahren von manchen als Vaterlandsverräter beschimpft worden sind. Ich denke auch an Menschen wie die Franzosen Robert Schuman und Charles de Gaulle oder den deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer, die schon Jahre zuvor eine Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland, den alten „Erbfeinden", begründet hatten. Sie haben damals wirklich weiter gesehen - weiter als viele Zeitgenossen es für möglich hielten. Warum erzähle ich das? Ich sehe heute mit Sorge, wie diese wunderbare Vision eines im Frieden vereinten Europa zerrieben wird zwischen den Mühlen der Finanzpolitik und in engstirniger Kleinstaaterei. Und wie wir den Muslimen und Angehörigen anderer Religionen misstrauen, mit denen wir Europa heute doch auch teilen. Europa ist weithin vom Christentum geprägt - gewiss. Aber davon können Christen nur glaubwürdig reden, wenn sie „weiter sehen als wir sind"; wenn sie an der Vision der Versöhnung und des Friedens in einer gemeinsamen Heimat unbeirrt festhalten. 


[1] Huub Oosterhuis, Weiter sehen als wir sind. Meditationstexte - Gebete - Lieder, Freiburg-Basel-Wien 1973.

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Wachsen - weiter gehen - vertrauen

Dienstag, 21. Juni 2011     [Druckversion]

„Weiter sehen als wir sind." Dieses Wort des holländischen Theologen und Dichters Huub Oosterhuis leitet mich in dieser Woche.[1] Es lenkt den Blick über das Heute hinaus auf das Morgen. Es wirft aber auch die Frage auf: Wie gehe ich mit dem um, was heute ist? Gewiss, Leben bedeutet, dass wir immer über das Heute hinaus auf das Morgen hin unterwegs sind, dass wir uns auf das Neue, Offene hin entwerfen. Das Jetzt lässt sich nicht festhalten, es vergeht immer. Und doch zeigt sich im Jetzt, was aus mir geworden ist, wer ich bin. Wie ich erzogen worden und aufgewachsen bin, was ich gelernt habe und wem ich begegnet bin, was mich glücklich gemacht und was mich belastet hat - all das gehört zu mir und macht mich zu dem, der ich bin. Das ist ein Gesetz meines Lebens und ein Gesetz aller Geschichte. Es verlangt meinen Respekt, ich stehe dazu. 
Das Bild eines Baumes fällt mir ein. Jedes Jahr legt einen neuen Ring um seinen Stamm. Und jeder Jahresring zeigt, wie der Baum gewachsen ist, wie er sich entwickelt und entfaltet hat. Die älteren Jahresringe sind nicht weniger wichtig als die jüngsten. Alle zusammen machen den Baum zu dem, der er jetzt ist; keiner darf fehlen. Allerdings hat mit jedem Jahresring auch einmal Neues begonnen, er konnte sich nur im Wachsen bilden. Wo dem neuen Wachsen die Nahrung fehlt, wo Raum und Licht verwehrt werden, verkümmert das Leben oft oder stirbt sogar ab. Was geworden ist, kann nur bestehen, wenn es über sich hinauswächst. Aber nicht alles, was in meinem Leben geschehen ist, trägt immer zur Lebendigkeit bei. Es gibt darin auch vertane Chancen, verweigerte Liebe und Schuld. Auch Tragik und Scheitern können zum Leben gehören. Und auch dies macht mich zu dem, der ich bin. Auch dazu muss ich stehen, selbst wenn es schwer fällt. Huub Oosterhuis' Wort „Weiter sehen als wir sind" heißt dann nichts anderes als: weiter gehen. Nicht verdrängen und nicht verleugnen, auch wenn das vielleicht am bequemsten scheint; auch nicht resignieren und verzweifeln - sondern: weiter gehen. Dann kann ich auch daran wachsen. Ich werde frei und offen für die Zukunft. Das macht Vergangenes nicht ungeschehen, aber es nimmt ihm die lähmende Last. 
Bäume wachsen nicht in den Himmel. Auch wir wachsen nicht in den Himmel. Wir sind und bleiben Menschen, endliche Menschen - immer neu dem Jetzt verhaftet, mit seinen Zwiespältigkeiten, mit seinem Glück und seinen unerfüllten Sehnsüchten. Aber ich vertraue darauf, dass der Himmel immer in uns offen ist, dass Gott ein Leben lang in uns lebt und mit uns lebt und dass wir an den letzten Grenzen unserer Endlichkeit einmal unendlich viel „weiter sehen als wir sind".


[1] Huub Oosterhuis, Weiter sehen als wir sind. Meditationstexte - Gebete - Lieder, Freiburg-Basel-Wien 1973.

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Visionen statt Prognosen

Montag, 20. Juni 2011     [Druckversion]

„Weiter sehen als wir sind." Dieses Wort stammt von dem holländischen Theologen und Dichter Huub Oosterhuis.[1] „Weiter sehen als wir sind" - wer wollte das nicht gerne? Über den heutigen Tag hinausblicken, der Zukunft ihre Geheimnisse entlocken? Wie geht es morgen und übermorgen weiter: mit meinem Leben, mit unserer Gesellschaft, mit der Kirche. Wir tun uns oft schwer mit dem Offenen, Undurchschaubaren, das vor uns liegt - voller Möglichkeiten und Chancen, gewiss, aber auch durchsetzt mit vielem, was uns ängstigt. Der Blick in die Zukunft ist uns verwehrt, wir können nicht darüber verfügen, was das Leben für uns bereit hält. Da helfen alle Prognosen nichts.
„Weiter sehen als wir sind": Es geht dabei nicht um Prognosen, mit denen wir das Jetzt in die Zukunft hochrechnen. Es geht um Visionen, in denen gelingendes Leben in das Jetzt hereinscheint. Das bedeutet, dass wir nicht im Heute verharren, sondern dass wir der Hoffnung etwas zutrauen, dass wir die Sehnsucht nach Glück, nach einem Mehr an Frieden, an befreitem Leben nicht als Illusion abtun. 
Visionen setzen oft ungeahnte Energien frei. Ohne Menschen, die den Mut für Neues haben, die weiter sehen als wir sind - ohne sie wäre in der Geschichte nie etwas aufgebrochen, auch in der Kirche nicht. Ein Franz von Assisi musste kommen, um einer von Macht und Reichtum korrumpierten Kirche zu zeigen, was das heißt: in der Nachfolge Jesu leben. Es bedurfte eines Martin Luther, der dem biblischen Gedanken der Freiheit wieder zu seinem Recht verhalf. Helder Camara, Oswald Romero, Leonardo Boff, die Vertreter der Befreiungstheologie - sie haben uns wieder den Blick dafür geöffnet, dass der Platz der Kirche an der Seite der Armen ist.  Visionäre werden oft als bedrohlich erlebt, auch in der Kirche. Sie gelten dann als Ruhestörer, als Ketzer, als Modernisten. Sie können sehr einsam sein. 
Pierre Teilhard de Chardin, ein großer Visionär der Kirche im 20. Jahrhundert, hat als junger Mann geschrieben: „Es gibt eine Tendenz, das, was etabliert ist, als heilig und tabu gelten zu lassen - es als das Wahre und Gute gelten zu lassen. Damit läuft der ‚Neuerer' Gefahr, als Gotteslästerer zu erscheinen." Die Lage solcher Menschen, die zu früh geboren seien, sei  „voller Gefahren, Traurigkeit und Schönheit", sagt Teilhard de Chardin. Und doch sei ihre Rolle fruchtbar und notwendig. „Durch ihre Fragen, ihre neuen Notwendigkeiten verbreiten sie eine heilsame Unruhe."[2] 

Ich hoffe, dass die Visionäre unserer Tage sich nicht entmutigen lassen, auch wenn sie manchmal unbequem sind und einsam leben. 

als wir sind. Meditationstexte - Gebete - Lieder, Freiburg-Basel-Wien 1973.[2]Nach: Journal 212, dt. Tagebücher II 116f (15. August 1917).

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