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Woche vom 12.06.2011 bis 18.06.2011




Dr. Peter Haigis

Von Dr. Peter Haigis, Kernen im Remstal, Evangelische Kirche

Das Jesus-Evangelium

Samstag, 18. Juni 2011     [Druckversion]

Vor einigen Jahren hat der amerikanische Schriftsteller Norman Mailer ein hierzulande wenig beachtetes Buch geschrieben: „Das Jesus-Evangelium". Frommes Spätwerk eines häufig als enfant terrible aufgefallenen alternden Literaten? Weit gefehlt!
Provokativ klingt der Titel und ist auch so gemeint: Nachdem etliche, mit dem historischen Jesus gar nicht mehr persönlich bekannte Autoren es unternommen haben, die Jesus-Geschichte aufzuzeichnen, ergreift der Herr und Meister selbst das Wort. Die biblischen Evangelisten werden mancher Übertreibung und Unkorrektheit bezichtigt. Schon sieht es so aus, als wolle Norman Mailer seine Leser aus dem Dickicht der vielen, zum Teil sich widersprechenden biblischen Aussagen befreien, um ihnen die autoritative Version des „Herrn" selbst anzubieten.
Doch Mailer verfolgt ein anderes literarisches Ziel. Sein Jesus-Roman ist konsequent in der Ich-Form geschrieben - das Leben und Sterben Jesu also, von ihm selbst erzählt. Nur, wann? An die frühe Kindheit kann sich der literarische Ich-Erzähler Jesus natürlich nicht mehr erinnern; er ist auf die Berichte seiner Eltern angewiesen, doch seinen Tod, seine Auferweckung, seine Verwandlung und seine eigene Wirkungsgeschichte bekommt der Mailersche Jesus durchaus in den Blick. Es ist also der Auferstandene, der hier spricht - und das dürfte das Besondere an Mailers Fassung sein: sie ist im besten Sinn eine Ostergeschichte.
Was der Leser bei seiner Lektüre geboten bekommt, ist zunächst ein Jesus aus Fleisch und Blut, ein wirklicher Mensch, mit seinen Gefühlen, vor allem seinem Mitleid den Kranken und Ausgebeuteten gegenüber, aber auch mit seinem Zorn gegen jedes religiöse Machtgebaren und mit seinem Zweifel an der eigenen Lebensbestimmung. Im Ohr des Mailerschen Jesus mischen sich die Einflüsterungen Gottes, des Satans und der Menschen und werden verwechselbar. Schon das macht das Buch zu einer authentischen Beschreibung dessen, was Glaube genannt werden kann. Im Hier und Heute ist Glaube selten eindeutig - und darum Wagnis.
Ganz am Ende greift der Lebensbogen weit über die kurze irdische Frist hinaus. Mailers Jesus-Evangelium mündet in eine Schau, in der Jesus seine Lebensbestimmung im klaren Licht Gottes sieht, jenseits von Leben und Tod, in der vollendeten Gemeinschaft mit Gott. Und das hoffen Christen ja auch, dass sie einmal - nach diesem Leben - ihr Leben im Licht Gottes sehen oder, wie Paulus sagt, sich selbst erkennen, wie sie von Gott erkannt sind.

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Das Evangelium nach Pilatus

Freitag, 17. Juni 2011     [Druckversion]

„Das Evangelium nach Pilatus" - in der Bibel gibt es das nicht. Aber der Bestseller-Autor Eric-Emmanuel Schmitt hat einen Roman mit diesem Titel veröffentlicht. Eine spannende und zeitgemäße Auseinandersetzung mit dem, was Kern der christlichen Botschaft ist, und damals wie heute so schwer zu glauben und noch schwerer zu begreifen - die Auferstehung Jesu.
Der historische Pilatus war zu Lebzeiten Jesu römischer Statthalter in der Provinz Palästina, also eine Art „Gouverneur". Er hatte damit zugleich das Amt des obersten Richters inne. Das Neue Testament erzählt, wie Jesus vor Pilatus der Prozess gemacht wurde. Pilatus war ein Realpolitiker und scheute den Konflikt mit der jüdischen Priesterschaft, die wegen Gotteslästerung Jesu Tod forderte. Schließlich gab er ihrem Drängen nach und unterschrieb das Todesurteil.
Schmitt schildert Pilatus als einen Skeptiker. Jesus sei von den Toten auferstanden - behaupten seine Anhänger. Pilatus hält das für unmöglich und versucht das Phänomen „Auferstehung" mit Polizeimethoden aufzuklären: Verdacht auf Diebstahl des Leichnams Jesu, Untersuchung des Grabes, Verhöre der Jünger und so weiter - die ganze Palette des kriminalistischen Handwerks.
Mitten in den Ermittlungen kommt Pilatus seine Frau Claudia in die Quere. Sie hat eine gewisse Sympathie für den Mann aus Nazareth. Vor längerer Zeit war sie Jesus begegnet. Er hatte sie von einer schweren Krankheit geheilt. Deshalb erhob sie gegen die bevorstehende Verurteilung und Kreuzigung Einspruch. Doch bei ihrem Mann vermochte sie nichts auszurichten. Inzwischen - nach Jesu Tod - hat sich Claudia der Jüngerbewegung angeschlossen.
Langsam, ganz langsam beginnt der skeptische Widerstand von Pilatus zu bröckeln. Er macht sich auf die Suche nach seiner Frau und begegnet einer Reihe von Menschen, deren Leben durch die Liebesbotschaft Jesu verändert wurde. Das sind andere Begegnungen als die Verhöre und Zeugenbefragungen von einst. Und nun spürt Pilatus auch, warum es den so genannten Anhängern Jesu nicht um den toten Jesus im Grab geht. „Auferstehung" ist mehr: „Unsere Welt wird durch die Liebe Gottes verwandelt" - so sagt es Pilatus in Schmitts Roman und kommt damit dem Bekenntnis aus dem biblischen ersten Johannesbrief nahe: „Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen einzigen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen."

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Der gute Herr Jesus

Donnerstag, 16. Juni 2011     [Druckversion]

und der Schurke Christus

„Dies ist keine frohe Botschaft" steht in goldenen Lettern auf der Rückseite des schwarzen Umschlags - und es stimmt: Was der englische Schriftsteller Philip Pullman in seinem Jesus-Roman „Der gute Herr Jesus und der Schurke Christus" präsentiert, ist alles andere als ein Evangelium, also eben keine frohe Botschaft.
Der literarische Trick, den Pullman anwendet, um die Jesus-Geschichte neu zu erzählen, ist so einfach wie faszinierend: Als Maria in Bethlehem niederkam, gebar sie nicht einen Sohn, sondern zwei - den einen nannte sie „Jesus", den anderen „Christus". Die Zwillingsbrüder waren äußerlich gleich und doch so unterschiedlich, wie zwei Individuen nur sein können: Jesus - kräftig und von entschlossenem, bisweilen frech-provokativem Charakter. Christus - etwas schwächlich und ängstlich, stets am Rockzipfel der Mutter hängend.
Das könnte der Auftakt einer spannenden literarischen Bearbeitung des Evangelienstoffs sein, der sich einmal mehr dem Menschen Jesus zuwendet, der zugleich der „Christus" genannt wird, seiner äußeren Rolle und seiner inneren Berufung und allen Spannungen und Zwiespältigkeiten, die in diesen beiden Persönlichkeitsaspekten erscheinen können. Ähnlich vielleicht, wie es seinerzeit Nikos Kazantzakis in seinem Roman „Die letzte Versuchung" unternommen hat.
Doch Pullman vergibt die Chance. Nach der Lektüre war ich ent-täuscht, denn es geht Pullman nicht um die Doppelnatur Jesu, sondern um die alte, reichlich angestaubte Religions- und Kirchenkritik: Jesus war ein frommer Gutmensch, aus dem eine suspekte religiöse Organisation den Messias gemacht hat, um Macht über die Menschen zu gewinnen. Eine Art Verschwörungskrimi. Und der etwas naive Christus spielt dabei den nützlichen Idioten.
Das mag unterhaltsam sein. In Pullmans Roman geht jedoch unter, dass die biblischen Evangelien Glaubensgeschichten sind. In ihnen wird kein historisch exaktes Protokoll der Ereignisse um Jesus von Nazareth geboten, sondern Menschen bezeugen - lange nach Jesu Tod - wie sie aus der Kraft Jesu - die Bibel nennt es Glauben - ihr Leben bewältigen. Das kann man für sich persönlich ablehnen. Und dass die Kirche im Lauf der Jahrhunderte diesen Glauben und seine Bezeugung auch missbraucht hat, ist zweifellos richtig. Die Leben spendende und ermutigende Energie, die aus diesen Erzählungen strömt, wurde dadurch aber nicht zum Versiegen gebracht - und das ist die frohe Botschaft.

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Monika Renninger

Von Monika Renninger, Stuttgart, Evangelische Kirche

Geist des Lebens

Mittwoch, 15. Juni 2011     [Druckversion]

In diesen Tagen nach Pfingsten sind viele in den Urlaub gefahren. Wer wegfahren und sich ausruhen oder Neues kennen lernen kann, will Atem holen, will durchatmen und aufatmen, will sich frischen Wind um die Nase wehen lassen und der Atemlosigkeit entfliehen. All das passt gut zum Pfingstfest. Denn da geht es auch ums Atemholen: Gottes Atem durchweht die Welt, so wird das Pfingstfest beschrieben (Apg. 2).
Ein Brausen, ein Sturm, ein heftiger Wind erfüllte den Himmel und das Haus, in das sich die Freundinnen und Freunde Jesu zurückgezogen hatten. Dieses Bild malen die Erzähler der Pfingstgeschichte vor Augen und wecken damit die Erinnerung an die ersten Tage der Schöpfung. An den Beginn der Welt, als Gott Atem holte und die Geschöpfe ins Leben rief, ihnen seinen Atem einhauchte, sie belebte (1. Moses 2,7).
Das hebräische Wort ruach, das in der Bibel für Gottes Atem und Schöpferkraft steht, ist verwandt mit dem Begriff für „Weite", für: „Raum schaffen", für: „in Bewegung-Setzen". Deshalb kann man von Gottes ruach als von Gottes Atem, Geist, Lebenskraft, Energie, Schöpferkraft sprechen. Wie ein Wind, wie ein Sturm weht sie durch die Welt.
Im ersten Satz der Bibel beschreibt der Erzähler: Als noch nichts da war von Gottes Schöpfung, als alles dunkel und leer war, da schwebte und flatterte Gottes ruach, Gottes Atem über den Wassern, wie ein Wind, wie eine Kraft, die gerade dabei ist, die ganze Schöpfung in Bewegung zu setzen (1. Moses 1,2). Daher kommt übrigens die Darstellung vom Geist Gottes, der wie eine Taube um Gottvater und um Jesus herum schwebt.
Ohne diesen Atem Gottes ist kein Leben möglich. Im Psalm 104 ruft der Beter: „Wenn du, Gott, dein Angesicht verbirgst, erschrecken deine Geschöpfe, nimmst du ihre ruach, ihren Atem, hin, so sterben sie und werden wieder Staub. Sendest du deine ruach, deinen Atem aus, so werden sie geschaffen, und du erneuerst das Angesicht der Erde." (Psalm 104,29f).
Gottes Atem schenkt Leben, haucht neuen Atem ein, wo Atemlosigkeit einem zu schaffen macht. Wo man sich atemlos gerannt hat in der Hektik seines Alltags, oder wo man kurzatmig geworden ist in der Trägheit und Unbeweglichkeit dessen, was man erreicht hat.
Ich finde den Gedanken schön, dass Gottes Atem neu die Welt belebt. Ich stelle mir vor: Ich atme tief durch und hole Atem für meinen Alltag. Ich atme aus und mit diesem Ausatmen auch alle Atemlosigkeit und Kurzatmigkeit. Gottes ruach, Gottes Atem durchweht die Welt - und mich.

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Geist der Wahrheit

Dienstag, 14. Juni 2011     [Druckversion]

„O komm, du Geist der Wahrheit und kehre bei uns ein, verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein ...". So dichtet Philipp Spitta in seinem Pfingstchoral. Ich singe ihn von Herzen gerne mit. Meistens. Manchmal allerdings stolpere ich über diesen innigen Wunsch nach dem Geist der Wahrheit und denke: Will ich das überhaupt?
Wahrheitsansprüche kleiden sich gerne in das Gewand des Absoluten. Dann ist für individuelle Bewertungen oder persönliches Erkennen kein Platz: Entweder etwas ist wahr oder es ist nicht wahr, entweder du glaubst es oder du glaubst es nicht. Wer sagt, er verkündige die Wahrheit, signalisiert damit manchmal: Widerspruch zwecklos, Diskussionen nicht erwünscht. Davor fürchte ich mich. Vor absoluten Wahrheiten und ihren absoluten Vertretern. Vor Wahrheiten, denen man das Ringen darum nicht mehr abspürt.
Wenn ich es mit solchen Positionen zu tun bekomme, stelle ich fest: Wo „die Wahrheit" behauptet wird, wird nicht etwas beschrieben, sondern vorgeschrieben, wird eine Sichtweise festgelegt, nicht eröffnet. Mich beschäftigt die zunehmende Neigung zu fundamentalistischen Positionen, egal in welcher Religion. Dort hat der Anspruch, die Wahrheit zu kennen, zur Folge, dass Zweifel und Fragen nicht erlaubt, sondern verboten sind.
Das ist für manche Menschen durchaus attraktiv in unseren komplexen Zeiten, in denen man oft nicht mehr weiß, was man noch für wahr halten soll, und welche Entscheidungen einem überhaupt noch möglich sind. Denn je mehr wir wissen, desto komplizierter wird es, zu persönlichen, verantwortlichen Entscheidungen zu gelangen, weil uns zugleich dann immer auch bewusst ist, worauf wir verzichtet oder wogegen wir uns entschieden haben.
Im Johannesevangelium sagt Jesus einen für mich wichtigen Gedanken über den Geist der Wahrheit: Dass dieser nicht aus sich selbst reden wird, sondern dass er hören und dann reden wird (Joh. 16,13). Das erschließt für mich den Begriff „Wahrheit" positiv: Wahres erkennen hat zuallererst mit dem Hören und mit dem genau Hinschauen zu tun. Wahrheit kommt nach biblischem Verständnis nicht aus einem absolut gesetzten Gedanken, sondern aus dem Gespräch, aus Fragen und Antworten. Dieses wird symbolisiert und abgebildet in der Vorstellung, dass Gott selbst sich gerade nicht absolut setzt in seinem Sein, sondern dass er sich - gewissermaßen wie in einem inneren Gespräch - im seinem Schöpfer-Sein, in Jesus und eben auch im Geist zeigt.
Daher kommt der Geist der Wahrheit, der am Pfingstfest besungen wird. Und lädt zum Bekennen, aber auch zum Fragen und Um-Antworten-Ringen ein.

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