Woche vom 30.10.2010 bis 05.11.2010 

Von Dr. Ursula Baltz-Otto, Mainz, Evangelische Kirche
Blindsein und sehen lernen
Freitag, 05. November 2010
Da weiß ein Mensch nicht mehr aus und ein. Er steht am Rand, fühlt sich allein und verlassen. Er ist blind geworden für das, was um ihn geschieht. Gefangen in seinem alten Lebensentwurf ist er ohne Hoffnung auf Veränderung. Vielleicht sieht er in seiner Not und Einsamkeit niemand, der ihn hört und der ihm hilft, sehend zu werden.
Gehört werden, das will auch Bartimäus.
Der Evangelist Markus erzählt seine Geschichte. Bartimäus ist blind, arm und fühlt sich wertlos, lebt am Rande der Gesellschaft, ohne Perspektive, abgeschnitten vom Leben. Dunkelheit umgibt ihn. Sein großer Wunsch: geheilt zu werden. Als Jesus in seiner Nähe ist, schreit er, will sich Gehör verschaffen. Aber die Menschen, die Jesus umlagern, wollen ihn abwimmeln. Jesus aber nimmt wahr, dass ein Mensch ihn braucht. Er geht nicht vorüber, hört diesen Schrei nach Leben.
Wie gut, wenn es Menschen in meinem Leben gibt, die mich nicht allein lassen, die Wesentliches sehen, Halt geben können und Wege finden, die mich tragen.
In den Evangelien wird mehrfach erzählt, dass Menschen sehend werden. Es sind Wundererzählungen, in denen es in einem viel tieferen Sinn um Blindsein und um Sehen können geht, als es etwa der Augenarzt meint, also auch um ein anderes Wunder. Jesus ist kein Augenarzt, sondern er will Menschen zu Heil und Leben verhelfen.
Und Bartimäus, der Mensch am Rande, findet Gehör. Er wirft seinen Mantel von sich, lässt zurück, was ihn einengt und eilt Jesus entgegen. Das heißt für mich: Er lässt sein altes Leben zurück, all das, was ihn bedrängt und bedrückt hat und steht vor Jesus wie er ist.
Und Jesus fragt: „Was willst du, das ich dir tun soll? Was ist deine Sehnsucht?" „Rabbuni, dass ich sehend werde", sagt Bartimäus.
Es ist der Wunsch nach Leben, nach Dazugehören, nach Halt und Geborgenheit im Leben. Sehen können. Das ist mehr als das Augenlicht. Es meint: nicht mehr gefangen sein in Dunkelheit und Enge.
In der Begegnung mit Jesus werden dem Blinden die Augen geöffnet. Sein Glaube und seine Hoffnung haben ihm geholfen, sehend zu werden. Er lässt Altes hinter sich, nimmt anderes wahr und sieht seinen Lebensweg neu.
Die Geschichte von Bartimäus ist für mich eine Ermutigungsgeschichte: Sehen als eine Lebensform und Lebensweise zu begreifen, damit ich mit anderen lebe wie jemand, der von Blindheit geheilt ist.
Nicht stumm und taub sein müssen
Donnerstag, 04. November 2010
Hörenkönnen ist wie eine Brücke zur Umgebung und gehört für mich elementar zum Leben. Es bedeutet: Dabeisein. Leben. Wahrnehmen zu können. Wer nicht hören kann, hört nicht die Sprache der Natur, nicht das Murmeln des Baches, nicht den Wind, nicht den Klang einer Stimme.
Nicht hören, nicht wahrnehmen - das sind trotzdem Erfahrungen, die Menschen immer wieder machen. Da sagt einer und er bindet damit ein bedrückendes Stück Lebenserfahrung zusammen: „Auf mich hört ja keiner." Was hat er erfahren? Jedenfalls: Als taub, als gehörlos erfährt er seine Mitmenschen, obwohl sie Ohren haben.
Und es gibt auch die Erfahrung von Stummsein: Ein anderer sagt, noch mitgenommen von dem, was er eben erlebt hat: „Das hat mir die Sprache verschlagen." Was mag es gewesen sein? Jedenfalls: Sprachlos, stumm wird einer, obwohl er eine Stimme hat. Das sind Redewendungen, die Erfahrungen von Taubsein und Stummsein spiegeln.
Wer ist taub? Taub ist, wer nicht hört, was der andere mitteilen möchte. Taub ist, wer nur die Außenseite der Wörter wahrnimmt, aber nicht das viel Wichtigere: den verhallenden Klang zwischen den Wörtern, den Ton der Pause.
Wer ist stumm? Stumm ist, wer kein Wort für den anderen hat. Leben versickert, wo die Sprache aufhört. Schweigen ist etwas anderes. Im Schweigen kann man sich einig sein. Verstummen lässt das Leben verdorren.
Taubsein und Stummsein, das sind nicht nur organische Defekte.
Im Markusevangelium wird von der Heilung eines Taubstummen erzählt. Diese Geschichte sagt mir: Die Erfahrung von Taubheit und Stummsein, von verschlossenen Ohren und erstorbener Stimme, ist nicht das Ende, sondern die Hoffnung gilt, dass die verschlossenen Ohren sich öffnen können, die erstarrte Zunge gelöst werden kann.
Wo denn? Wie denn?
Zum Beispiel da, wo ich ein Ohr habe für den Fröhlichen und Traurigen, für den Einsamen und Betrübten, wo ich offen und berührbar bin für den, der mich braucht. Zum Beispiel da, wo in der Familie oder in der Schule, im Betrieb oder in der Behörde ein einzelner einem anderen einzelnen seine Stimme leiht, weil der selber keine Worte hat.
Wir alle leben davon, dass wir gehört werden, dass mir ein anderer das Wort des Lebens schenken kann und mir - wie es Ingeborg Bachmann einmal gesagt hat - „in die Mulde meiner Stummheit" ein Wort legt und so meine blockierte Zunge löst, meine verschlossenen Ohren öffnet, so dass ich nicht mehr stumm, nicht mehr taub sein muss.

Von Harry Waßmann, Tübingen, Evangelische Kirche
Morgenmuffel
Mittwoch, 03. November 2010
Wie beginnt Ihr Tag? Am Frühstückstisch?
Mit neuen Nachrichten? Greifen Sie gleich zur Zeitung?
Geht´s gleich los mit Gesprächen, Absprachen, mit Plänen?
Oder anders - still - ohne Worte - noch in sich gekehrt?
Nicht mitteilend, sondern vernehmend, nachsinnend, Tag träumend.
Wer nicht gleich den Mund aufkriegt - wird oft als „Morgenmuffel" angesehen.
Ich bin so ein Morgenmuffel. Ich brauche Zeit für den Rückweg ins Leben.
Im Schlaf - so die Vorstellung in verschiedenen Religionen - geht die Seele zurück - zu Gott - und im Erwachen kehrt sie wieder in diese Welt zurück.
Mit hat diese Vorstellung geholfen, meine Morgenmuffelei besser zu verstehen.
Denn Schlafen ist mehr als nur Energieregeneration, mehr als „Fit werden" für den nächsten Tag. Einschlafen ist wie ein Abschied vom Leben - Aufwachen ist wie eine Rückkehr ins Leben - wie - noch einmal neu ins Leben kommen.
Alles Alte ist gestern - auch alle Sorge - auch aller Kummer - die schweren Worte, die kratzigen, die Fragen und Mühen des vergangenen Tages - auch der Schmerz von gestern - Ist Gestern ! Liegt hinter mir! „Auf ein Neues", sagen wir und: Ein neuer Tag will Zeitraum sein für ein neues Leben, für neue Erfahrungen.
Jeder neue Tag meines Lebens hat eine besondere Würde. Nicht der Wecker - nicht der Terminkalender - auch nicht der Stundenplan der Schüler ruft mich ins Leben. Über unser Erwachen heißt es im Buch Jesaja wörtlich: „Morgen für Morgen weckt ER/Gott mich ..." Und zwar zuerst „das Ohr"
Hören - die Ohren öffnen.
Das erste Sinnesorgan, so meint die Bibel, das Gott öffnet, ist das Ohr.
Die erste Wahrnehmung, die Gott eröffnet: Hören.
Nicht sprechen, nicht gleich auf Sendung gehen - sondern
Aufwachen und Hören.
Hinhören: Wie geht es mir? Und zuhören: Wie geht es wohl dir?
Hören - heißt es bei Jesaja weiter - soll man wie „Schüler Gottes hören". -
Wie Schüler Gottes hören - kann heißen: Zuerst ein gutes Wort hören, ein Wort, das mich aufrichtet für den Tag.
Das war und ist der Sinn der Herrnhuter Losungen, die seit mehr als 275 Jahren ausgelost werden. Ein Bibelwort - am Morgen für jeden neuen Tag.
Für heute steht das Losungswort im Buch der Sprüche:
„Der HERR behütet deinen Fuß, dass er nicht gefangen werde." (Spr. 3,26)
Mit diesem Wort - freie Wege im neuen Tag!
Christen in den USA
Dienstag, 02. November 2010
Mit großen Hoffnungen habe ich vor zwei Jahren die US-Präsidentschaftswahl verfolgt. Barack Obama - für mich und für so viele in Deutschland ein Hoffnungsträger. Vieles ist in diesen zwei Jahren vorangekommen: die atomare Abrüstung weltweit - und die medizinische Versorgung in den USA.
Jetzt ist Halbzeit seiner Regierungszeit - heute wird in den Vereinigten Staaten von Nordamerika gewählt. Und es wird vermutet, dass Obamas Partei die Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses verliert. Seine Politik wird scharf kritisiert. Auch aus religiösen Kreisen, von ultrakonservativen Christen.
Die betreiben gezielt eine Dämonisierung des Präsidenten.
Was über die Unterdrückung in der römischen Kaiserzeit in der Bibel steht - der Staat, das böse Tier aus dem Abgrund - das wird bisweilen eins zu eins auf den Präsidenten übertragen.
Auch Hitler-Vergleiche fehlen nicht.
Manchmal schäme ich mich richtig für meine Schwestern und Brüder im Glauben.
Wie kann man als Christ so Demokratie untauglich sein?
Wie Männer, die zueinander zärtlich sind, verdammen? Und gleich noch eine wissenschaftliche Theorie - die Evolutionstheorie - verbieten wollen?
Doch dann höre ich auffallend häufig in Gesprächen mit Älteren: „Typisch Amerika!", sei das. „Fastfood, unnötige Verpackungen, verlängerte Ladenöffnungszeiten...! Alles, d a s haben wir von Amerika. Und der religiöse Fundamentalismus gehört auch dazu."
Spätestens dann muss ich meiner Scham über etliche US-Christen eine andere Wahrnehmung entgegen stellen - und mich daran erinnern: Alle 100 US-Senatoren sind ausnahmslos religiös verwurzelt - das sind bis heute 87 Christen und 13 Juden. Und dennoch sind die USA alles andere als ein Gottesstaat. Sie kennen eine klare Trennung, eine Selbstbeschränkung von Religion.
Und - wie ich neu gelernt habe - auch die besonders Frommen im Land verändern sich, engagieren sich zusehends für Umweltschutz, für Armutsbekämpfung, für die Überzeugung, dass für die Sicherung des Friedens Diplomatie wichtiger sei als militärische Stärke. Die „Neuen Evangelikalen", wie sie auch genannt werden, engagieren sich in beiden großen Parteien. (vgl. „Friedfertige Evangelikale" - Marcia Pally - welt.de; 19.10.2010) Das will ich nicht übersehen.
Und - ganz gleich wie die Wahlen ausgehen - vielleicht kann der Reformierte Christ Barack Obama auch mit dem Rückenwind gerade dieser Christen seine christlich motivierte Politik fortsetzen: für Arme eintreten, für Abrüstung und Frieden weltweit. In diesem Sinn wünsche ich heute besonders: God bless America !
Von Dr. Madeleine Spendier, Katholische Kirche
"Eat Art" - oder die Kunst miteinander zu essen
Samstag, 30. Oktober 2010
Eat Art heißt die Kunstausstellung im Stuttgarter Kunsthaus. Was bleibt vom gemeinsamen Essen, habe ich mich bei einem Kunstgegenstand gefragt, der einen Tisch mit leeren Gläsern und Pappbechern zeigt.
Mitten in der Kunstausstellung „Eat Art", die „Kunst des Essens", in Stuttgart steht ein großer, langer Tisch. Der Tisch ist voll gestellt mit Trinkgefäßen: Glasflaschen, Kaffeetassen, Papierbecher, Dosen. Allesamt leer, ausgetrunken. Der Künstler will damit zeigen, alles ist vergänglich. Er hat die Becher und Tassen selbst gesammelt. Sie sind von berühmten Persönlichkeiten, die daraus getrunken haben. Auf die Trinkgefäße hat er ihre Namen geschrieben. Einer der Pappbecher ist zum Beispiel von Paul McCartney. Jedes Trinkgefäß erzählt auch eine Geschichte von den Menschen. "Es kann schon sein, dass nach der Ausstellung die eine oder andere Tasse fehlt", hat die junge Frau gesagt, die die Kunstgegenstände erklärt hat. "Denn die Menschen sehen in den Trinkgefäßen mehr als nur Müll, es sind Relikte von Persönlichkeiten, ja fast so etwas wie Heiligenreliquien."
Diese Trinkgläser erinnern also an Menschen, die daraus getrunken haben. Das, was sie hinterlassen haben, und sei es nur ein Pappbecher, wird wertvoll, weil es von einem ganz bestimmten Menschen ist.
Ich denke an die biblische Szene vom Letzten Abendmahl. Jesus lädt, bevor er zum Tode verurteilt wird, seine Freundinnen und Freunde ein und trinkt und isst mit ihnen. Dann sagt er zu ihnen: "Erinnert euch an mich, wenn ihr daraus trinkt und davon esst, dann bin ich mitten unter euch." (1 Kor 11, 26) Das sind Worte, die für mich die leeren Becher auf dem langen Tisch in der Ausstellung füllen. Wenn ich im Gottesdienst bin, und auf den Altar schaue, erinnere ich mich beim Abendmahl nicht nur an Jesus, sondern ich spüre auch seine Gegenwart. "Wenn ihr den Wein trinkt und das Brot esst, dann bin ich mitten unter euch." Wenn das Brot in der Gemeinschaft geteilt wird und aus dem Kelch getrunken wird, dann ist Jesus da. Der Altar ist der Tisch, um dem sich Menschen im Glauben versammeln, um die Erinnerung an Jesus lebendig zu halten. Für Jesus war das Abendmahl mit seinen Freunden auch der Moment, ihnen seine Botschaft mitzugeben. Er hat damit ihre Becher mit Hoffnung und einem Versprechen gefüllt. Er sagt: "Ihr sollt in meinem Reich mit mir an meinem Tisch essen und trinken" (Lukas 22, 30). Das ist die Hoffnung, an die ich glaube. Ich finde es ist wichtig, gemeinsam zu essen und zu trinken. Sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen, sich zu freuen, auf Gelungenes anzustoßen, aber auch Abschiede zu feiern, Schweres loszulassen. Hier wird Gemeinschaft gestiftet, die bleibt. Wenn ich an den Tisch mit den leeren Bechern und Gläsern in der Kunstausstellung denke, hoffe ich, dass diese Becher und Gläser von guten Worten begleitet waren. Es wäre schön, wenn die Menschen, die sich da getroffen und miteinander getrunken haben, eine Gemeinschaft gespürt haben. Hoffentlich gab es versöhnende Gesten, freundliche Blicke und hoffnungsvolle Wege, die nach dem Zusammentreffen gegangen werden konnten. Denn dann waren die Becher gefüllt, mit Liebe. Dann war Gott auch mit am Tisch.



