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Woche vom 12.09.2010 bis 18.09.2010




Dr. Thomas Broch

Von Dr. Thomas Broch, Freiburg, Katholische Kirche

Was kann der Kirche Weite geben?

Samstag, 18. September 2010     [Druckversion]

Eine Kirche von großer Weite und Überzeugungskraft.. In den vergangenen Jahren hatte ich wiederholt Gelegenheit, sie zu erleben - eine Kirche, die aus Gottvertrauen lebt und Vertrauen ausstrahlt: In den Townships Südafrikas etwa, wo Ordensleute selbstlos für ein menschenwürdiges Leben von AIDS-Kranken sorgen. Oder in Indien. Hier gehören kirchliche Schulen zu den besten des Landes . Sie unterstützen junge Menschen aller Religionen darin, den Teufelskreis von Bildungsarmut und Elend zu durchbrechen. Ordensfrauen und Priester kämpfen dort in den Riesenslums an der Seite der Ärmsten für soziale Gerechtigkeit.Diese Beispiele stehen für ungezählte andere in der Weltkirche. Sie sind für mich ermutigend. Denn andererseits erlebe ich leider oft auch eine Kirche, die sich in menschliche Enge und doktrinäre Erstarrung zurückzuziehen droht. Das ist schmerzlich. Denn ich habe noch in lebendiger Erinnerung, wie Papst Johannes XXIII. die Fenster einer in sich verschlossenen Kirche weit zur heutigen Welt hin geöffnet hat. Wie das Konzil ein neues Verständnis einer geschwisterlichen Kirche verkündet und sich ausdrücklich zur Ökumene und zum Dialog mit den nichtchristlichen Religionen bekannt hat. Wie es die Solidarität der Kirche mit Freude und Hoffnung, Trauer und Schmerz aller Menschen betont und sich ausdrücklich auf die Seite der Armen gestellt hat. All dies kann ich auch heute noch vielfältig erfahren, Aber leider auch das Gegenteil. Viele engagierte Christen sind enttäuscht, und eine erschreckend große Zahl kehrt der Kirche den Rücken. Was kann der Kirche Weite geben? Eine Gemeinde in der Diözese Rottenburg-Stuttgart hat sich für die kommenden Jahre das Leitwort gegeben: "Der Tiefe trauen - Weite wagen". Das bedeutet für mich: sich einem Gott anzuvertrauen, der sich in Jesus Christus als Barmherzigkeit und als Freiheit gezeigt hat und von dessen Liebe uns nichts und niemand trennen kann. Und es bedeutet auch: diese Liebe dem Nächsten weiter zu schenken. Dem nahen und dem fernen Nächsten. Das genügt, sagt Jesus, um das ewige Leben, die Fülle des Lebens zu gewinnen. Nicht mehr und nicht weniger. Es ist schwer genug, allerdings auch befreiend. Es kann davon befreien, alle möglichen Nebenthemen zum Maßstab des rechten Glaubens zu erklären. Es kann mir Vertrauen in das eigene Leben und einen tiefen Respekt vor der Vielfalt der Lebens- und Glaubenswege anderer Menschen schenken.

Ich wünsche mir, dass ein biblisches Gebet für die Kirche immer wieder zum Leitbild wird: "Du, Gott, führst mich hinaus ins Weite. Du schenkst meinen Schritten weiten Raum."

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Menschliche Weite - sich dem Unverfügbaren anvertrauen

Freitag, 17. September 2010     [Druckversion]

Ein biblisches Gebet lautet: "Du führst mich hinaus ins Weite, Gott, du schenkst meinen Schritten weiten Raum." Es bedeutet mir viel.

Der Blick, der Gang ins Weite ist ein Gleichnis menschlichen Lebens. Leben heißt über sich hinausgehen. Von Anfang an erweitern wir unseren Lebensraum. Mit tastenden Händchen erkundet ein Kleinkind seine Welt; die ersten noch unsicheren Schritte auf den eigenen kleinen Beinchen  bedeuten die erste Erfahrung von Freiheit. Junge Menschen müssen die Welt und das eigene Leben erkunden. Sie müssen lernen und eigene Erfahrungen machen - glückliche und schmerzliche. Sie müssen sich manchmal Freiräume erkämpfen und erstreiten. Wählen, Abwägen und Entscheidungen treffen, Beziehungen knüpfen und sich lösen, einen Platz in der Gesellschaft finden: all dies bedeutet, den Weg in die Weite hinein zu suchen und zu finden - in einer fast unendlich erscheinenden Fülle von Zeit und von Möglichkeiten. So stellen wir uns das Leben im Idealfall vor -  wenn wir jung sind, aber auch noch in der Lebensmitte. Dass dies alles auch mühsam sein kann, mit Enttäuschungen, mit Rückschlägen, ja oft mit Scheitern verbunden - auch das ist richtig. Aber im geglückten Fall heißt Leben ins Weite gehen.

Weite ist keine Frage des Lebensalters. Junge und ebenso ältere Menschen können eng und ängstlich sein und meinen, alles müsse sich überschauen und planen lassen. Oft werden die Lebensmöglichkeiten radikal begrenzt - durch eine schwere Krankheit etwa oder durch einen Unfall; oder wenn der Arbeitsplatz verloren geht oder die Familie zerbricht. Auch älter zu werden ist mit oft schwerwiegenden  Einschränkungen verbunden. Dann steht die Welt nicht mehr einfach offen, obwohl sich manchmal überraschend Neuland auftut. Aber die Weite ist vor allem eine innere menschliche Qualität - Weite der Seele, des geistigen Horizonts, des Verständnisses für andere. Gerade unter bedrängten Lebensumständen können Menschen über sich hinaus wachsen und weit und offen werden. Sie müssen diese Freiheit oft mühsam durch Rückschläge und Phasen der Verzweiflung hindurch erringen. Manchmal liegen Enge und Weite, Angst und Freiheit auch eng neben einander - in ein und demselben Menschen.

Ich kenne hoch betagte Menschen von großer innerer Freiheit und einem weiten geistigen Horizont. Obwohl ihr Lebensradius eng geworden ist. Obwohl auch sie wahrscheinlich immer wieder mit der Angst ringen müssen. Vielleicht sind sie weit geworden, weil sie niemand mehr etwas beweisen, nichts mehr erstreiten und keine großen Pläne mehr schmieden müssen. Vielleicht aber auch, weil sie im Auf und Ab ihres Lebens gelernt haben, sich dem Offenen, dem Unverfügbaren anzuvertrauen. Sie müssen nicht mehr ins Weite gehen, nicht mehr die Weite suchen; sie dürfen sich in die Weite führen lassen.

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Weite und Enge - Enge und Weite

Donnerstag, 16. September 2010     [Druckversion]

In diesem Sommerurlaub verbrachte ich einige Tage auf der Halbinsel Höri am Bodensee - in einem kleinen Sommerhäuschen am Hang mit einzigartigem Blick über den See. Stundenlang saß ich da und ließ den Blick ins Weite gehen - bei schönem und bei schlechtem Wetter, morgens, mittags und abends. Ich war fasziniert von den Stimmungen, die der Landschaft immer wieder einen anderen Charakter gaben, und von dem vielfältigen Wechselspiel der Farben. Es gab Stunden, da lag der See still da, und doch war die Wasserfläche in ständiger Bewegung mit immer neuen Mustern, Strömungen und Abstufungen. Das weiche Licht der Spätsommersonne modellierte die Bäume am Rand des nahen Ufers mit kontrastreichen Schatten und legte über die Höhenzüge in der Ferne einen feinen Schleier. Es gab auch Stunden, an denen von Westen her immer wieder dunkle, ungestüme Wolkenformationen und heftige Regenschauer herüber  zogen, das aufgewühlte Wasser grau und schwarz färbten und den Horizont verbargen. Und dann konnte es sein, dass unter dunklem, grau-blauem Himmel plötzlich die Abendsonne durchbrach und Ufer, See und die fernen Hügelketten in goldenes Licht tauchten. Ein wunderbares Schauspiel.

Was mich an dem Blick über den See so fasziniert, ist die Weite. Vielleicht ist die Weite eine Ursehnsucht des Menschen. Vielleicht gehört es zu den tiefsten Hoffnungen des Menschen, ins Weite zu sehen und ins Weite zu gehen. Ins Weite sehen heißt, den Blick über das Alltägliche, über Verpflichtungen und Sorgen hinaus  zu richten. Ins Weite gehen heißt, das vordergründig Nahe, das Hier und Jetzt zu überwinden, das uns so oft gefangen hält und unsere Schritte lähmt.

Das Gegenteil der Weite ist nicht die Nähe, sondern die Enge und die Angst. Beides ist miteinander verwandt. Enge macht Angst und Angst macht Enge. Es gibt vieles, was uns hindert, uns der Weite anzuvertrauen. Es kann uns ängstigen, wenn der Horizont verhangen ist und wir kein Ziel sehen. Es kann aber auch sein, dass uns das Unvorhersehbare den Atem raubt, dass wir den Weg ins Offene und Unbekannte fürchten. Es ängstigt uns, wenn sich der Blick im Unendlichen verliert, das wir nicht planen und über das wir nicht verfügen können. Die Angst macht uns eng und lässt uns festhalten am Greifbaren,  Bekannten und Vertrauten. Das gibt uns scheinbare Sicherheit. Und doch ahnen wir im Weiten, im Offenen, im Unverfügbaren etwas vom Sinn unseres Lebens. Die Weite ist ein Zeichen der Freiheit.

Lange schon ist mir ein biblisches Gebet, ein Psalm, sehr wichtig: "Du, Gott, führst mich hinaus ins Weite", heißt es da. Und: "Du schenkst meinen Schritten weiten Raum."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dr. Thomas Weißer

Von Dr. Thomas Weißer, Mainz, Katholische Kirche

: Jeder soll doch glauben, was er will

Mittwoch, 15. September 2010     [Druckversion]

„Jeder soll doch glauben, was er will!" sagt meine Kollegin. Und sie erzählt mir, dass sie nicht immer so gedacht hat. Sie ist wie selbstverständlich mit dem christlichen Glauben groß geworden ist. Aber heute kann sie mit dem Glauben nichts mehr anfangen kann. Wie ihre Mutter auch. Ich will wissen, was sie dazu gebracht hat. „Meine Mutter", sagt sie, „ist aus der Kirche ausgetreten, weil sie die Doppelmoral nicht ausgehalten hat." Da hat der Pfarrer vor vielen Jahren einen Kronleuchter in der Kirche haben wollen. Ein Unsumme sollte der kosten. Aber der Pfarrer hat es geschafft. Hat Geld gesammelt, Spenden eingetrieben. Und als der Kronleuchter endlich in der Kirche hing, da hat der Priester über Armut gepredigt. Da ist der Mutter der Kragen geplatzt und sie ist ausgetreten.
„Jeder soll doch glauben, was er will!" sagt mir die Frau. Aber wenn ich ihre Geschichten hören, dann spüre ich: So einfach ist das nicht. Glaube hat mit Glaubwürdigkeit zu tun. Und wo ich diese Glaubwürdigkeit nicht finde, da kann sich Enttäuschung einstellen, vielleicht Trauer, oft aber auch Resignation und dann Wut. Für mich klingt da Heimatlosigkeit durch. Weil ich mit meinem Glauben in einer Kirche nicht mehr zu Hause bin, deshalb muss ich gehen. Muss meinen Glauben für mich leben, kann meinen Glauben nicht teilen.
Mir ist es anders gegangen. Ich hatte das Glück, Menschen kennen zu lernen, die glaubwürdig ihren Glauben lebten und leben. Da war zum Beispiel der Pater, Leiter eines Jugendbildungshauses, der mit uns Jugendlichen immer wieder diskutiert hat, der offen war für Fragen und Zweifel. Und der selbst mit seinen Fragen nicht hinter dem Berg gehalten hat. Heute versuche ich selbst, meinen Glauben glaubwürdig zu leben. Das ist nicht ganz einfach. Oft genug schaffe ich das nicht. Kann mich nicht versöhnen, obwohl das nach einem Streit eigentlich angezeigt ist. Möchte, dass das Geld weniger wichtig ist in meinem Leben. Und kann mich vom Blick auf das Geld nicht lösen. „Jeder soll doch glauben, was er will!" Das ist ein Satz von großer Weite. Aber auch eine Anfrage an jeden: Was will ich eigentlich glauben? Und: Lebe ich das dann auch? Glaube, das ist mir wichtig, braucht solche Glaubwürdigkeit. Braucht Menschen, die den Glauben praktisch machen. Dass ich wirklich und ernsthaft glauben kann, was ich glauben will.

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Das Kreuz mit dem Kreuz

Dienstag, 14. September 2010     [Druckversion]

Jesus hat das Kreuz abschaffen wollen - und deshalb wurde er auch gekreuzigt. Eine steile These - vielleicht. Aber ich bin sicher: Das Kreuz ist für Jesus die Konsequenz aus seinem engagierten Auftritt für den Menschen. Jesus nimmt nicht sein Kreuz auf sich - er bekommt es aufgedrückt, weil er Gott als einen menschenfreundlichen und liebenden Gott verkündigt. Ein solcher Gott aber passt vielen nicht. Damals nicht - und heute auch nicht. Und so stirbt diese Jesus am Kreuz, weil er glaubt, dass Gott die Freiheit des Menschen will.
Das ist nicht immer so gesehen worden. Jahrhundertelang knüpft sich an das Kreuz Jesus eine problematische Theologie. Sie lautet: So wie Jesus sein Kreuz auf sich genommen hat, so muss auch der Mensch sein Kreuz tragen, sein Leid, seine Schmerzen, sein Unglück. Fatal daran: Unterdrückung und Demütigung wurden als gottgegeben interpretiert. Statt Lösungen zu suchen, wie etwa Leid verringert werden kann, musste man es als guter Christ ertragen. Viele Predigten, Kirchenlieder und Bücher transportierten diese Theologie.
Und wenn ich mir viele Kreuze in Kirchen und Krankenhäusern, Schulen und Wegrändern ansehe, dann kann ich diese Theologie auch verstehen. Schließlich ist eine Kreuzigung ein grausamer Akt und der geschundene Körper am Kreuz lässt mich nach dem Sinn von Leid und Tod fragen.
Umso schlimmer, dass das Kreuz nicht nur Kennzeichen der Christen wurde. Nicht nur Symbol eines grausamen Todes. Sondern das Kreuz selbst steht auch für die Gewalt und den Fanatismus von so genannten Christen. Sie führten im Zeichen dieses Kreuzes Kriege, unterdrückten Menschen, wollten sich Macht und Einfluss sichern. Bis heute.
All das macht es nicht einfach, wenn die katholische Kirche heute das Fest Kreuzerhöhung feiert. Angeblich fand im vierten Jahrhundert Helena, die Mutter des römischen Kaisers Konstantin, auf einer Wallfahrt nach Jerusalem das Kreuz Jesu. Das wird dann in Jerusalem aufgestellt, wird erhöht. Und wird prompt Gegenstand massiver kriegerischer Auseinandersetzungen. Das Kreuz wird geraubt, nach Jerusalem zurückgebracht und geht in den Wirren der Kreuzzüge verloren. Das Kreuz und die Gewalt gehören also zusammen. Mir hilft da der Gedanke, dass Jesus das Kreuz, die Gewalt, das Leid abschaffen wollte - und deshalb gekreuzigt wurde.

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Fremd im eigenen Land?

Montag, 13. September 2010     [Druckversion]

Immer noch schlagen die Wellen rund um Thilo Sarrazin hoch. Seine Thesen werden diskutiert, seine Lesungen sind proppenvoll. Und immer wieder ist zu hören, dass viele seiner Aussagen richtig seien. Vor allem, wenn es um die Furcht der Deutschen geht, dass sie mehr und mehr fremd im eigenen Land werden.
Was mich verblüfft: Wie aufgeregt das Thema diskutiert wird. Denn gerade Deutschland ist doch ein Land, in dem seit Jahrhunderten verschiedene Kulturen, Religionen und Konfessionen zusammenkommen. Dass sich etwa jahrzehntelang mitten in unserem Land Protestanten und Katholiken bekriegten, dass noch nach dem zweiten Weltkrieg aufrechte Katholiken nur zum katholischen Uhrmacher, echte Protestanten nur zum evangelischen Bäcker gingen, das wissen viele gar nicht mehr. Dass viele Bergarbeiter im Ruhrgebiet aus Polen kamen, ist kaum einem heute noch bewusst. Und dass Baden und Württemberg, dass die Eifel und die Pfalz mit ihren Menschen und Mentalitäten bis in die Gegenwart hinein als total unterschiedliche Kulturkreise gelten, blenden viele aus. Also: Wir waren uns schon unter den scheinbar normalen Deutschen oft genug fremd.
Wie aber der Umgang mit dem Fremden aussehen kann, damit kennen sich Christen wie Juden aus. Denn die gemeinsame Geschichte dieser großen Religionen beginnt als Geschichte in der Fremde. Die ersten Juden sind Sklaven in Ägypten, sind unterdrückt - und, heute würden wir sagen, alles andere als integriert. Dann aber flüchten sie unter der Leitung eines charismatischen Führers und erobern sich ihr eigenes Land. Und immer wenn im Folgenden in der Bibel das Thema Fremdheit auf der Tagesordnung steht, erinnern sich Juden wie Christen an diese Ursprungserfahrung. Interessant dabei ist, dass die Texte immer wieder mahnen: „Vergiss nicht, das auch du fremd im Land warst!" Und daraus leiten die biblischen Texte die Verpflichtung ab, sich um den Fremden zu sorgen.
Perspektivenumkehr heißt das. Und sie hilft mir, das eigene Land auch mit den Augen des Fremden wahrzunehmen. Dann kann ich nicht immer nur fordern: „Du musst dich integrieren!" Dann muss ich mich auch fragen: Was tue ich eigentlich, damit sich Fremde, Migranten, Zugezogene hier integrieren können? Ich muss mich fragen: Wie mache ich mein Land, meine Werte, meine Lebenshaltungen so attraktiv, dass Fremde hineinwachsen wollen und können in meine heimische Kultur? Eine solche Perspektivumkehr löst nicht auf die Schnelle die bestehenden Probleme. Aber sie bietet eine Chance, anders auf die Probleme von Fremdheit und Integration zu sehen.

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