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Woche vom 10.01.2009 bis 16.01.2009




Monika Renninger

Von Monika Renninger, Stuttgart, Evangelische Kirche

Kraft und Verzagtheit

Freitag, 16. Januar 2009     [Druckversion]

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht ...“
Wenn man nicht weiß, was vor einem liegt, kann das manchmal wirklich zum Fürchten sein. Zum Fürchten ist bisweilen aber auch das, was man kennt oder wovon man schon weiß, dass es auf einen zukommt. Mit einem nicht mehr so oft gebrauchten Wort könnte man dieses Gefühl noch besser ausdrücken: Es macht einen verzagt. Dieses Wort kann man richtig spüren, finde ich. Wenn man sich verzagt fühlt, dann ist man kraftlos. Es fühlt sich an, als sei man in sich gekrümmt, kaum kann man den Blick heben, die hochgezogenen Schultern wieder senken, sich aufrichten. So fühlt sich das an, was hier „Geist der Furcht“ genannt wird: Man ist verzagt.

Paulus schreibt das an Timotheus: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit!“ (2. Tim.1,7). Paulus hat so einen verzagten Menschen vor Augen. Was kann er ihm sagen, was für ihn tun? Paulus dröhnt hier nicht schulterklopfend: „Nun reiß dich mal zusammen“ oder „Es wird schon nicht so schlimm werden“. Sondern er tröstet ihn. Trösten heißt: Er nimmt wahr, wie es Timotheus geht. Und er erinnert er den Verzagten an die Kraft, die in ihm wohnt und derer er sich wieder neu bewusst werden soll. Denn wenn man verzagt ist vergisst man leicht, was man eigentlich kann und weiß, und was einem Zuversicht gibt.

Timotheus soll sich nicht fürchten vor den Widerständen und vor den schwierigen Aufgaben, die vor ihm liegen, sondern er soll erneut die Kraft spüren, die ihn im wohnt. Paulus ermutigt ihn: Denk doch daran, mit welcher Kraft und Zuversicht schon deine Großmutter und Mutter den Glauben an Christus weiter getragen haben. Diese Gabe Gottes liegt auch in dir. Ich habe sie an dir schon erlebt. Ich bin sicher, sie ist noch da. Sie wird dich wieder erfüllen, wenn du ihr Raum gibst in dir. Bei diesen Worten hört man heraus, wie Paulus am liebsten bei ihm sein und ihn berühren möchte. Er schreibt: Ich lege dir die Hände auf und helfe dir, die Gabe Gottes, die in dir ist, wieder aufzuwecken. Paulus stärkt ihm den Rücken. Er hilft ihm, sich aus der Verzagtheit wieder aufzurichten, gibt ihm von seiner Kraft weiter.

Sich-Erinnern und Sich-Begleiten-Lassen sind Heilmittel gegen das Verzagtsein. Ich will sie mehren in den kraftvollen Zeiten und wissen: Meine Kraft ist auch getragen und umgeben von anderen, die mir gut tun und den Rücken stärken.

Kraft und Vergänglichkeit

Donnerstag, 15. Januar 2009     [Druckversion]

„Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu!“ (Pred. 9,10) Ein guter Satz am Jahresanfang, wenn alle Pläne und Vorhaben noch ganz frisch sind. Ein guter Satz auch dann, wenn sich alles schon wieder eingespurt hat in die täglichen Aufgaben und Herausforderungen: „Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu!“

Manches fällt einem ja wirklich geradezu vor die Füße oder in die Hände: Eine von allen ungeliebte Aufgabe am Arbeitsplatz zum Beispiel, die immer liegen bleibt und die dann irgendwann alles blockiert. Wer macht’s? Wer die schlechtesten Nerven hat? Oder wer die Kraft hat, den Berg des Aufgeschobenen endlich anzugehen? Und dabei vielleicht Mitstreiterinnen und Mitstreiter findet, wenn der Bann gebrochen ist und endlich jemand angefangen hat, das zu tun, was nötig ist. Gut, wo es solche Menschen gibt, die mit ihrer Kraft das dann anpacken. Als sei es selbstverständlich tun sie, was zu tun ist. Das hat etwas Befreiendes und vertreibt das Kraftlose und Lähmende, das einen angesichts von Problemen und Aufgaben, die wie ein Berg vor einem stehen, besetzen kann.

„Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu!“ Zupackend und konsequent handeln, nicht zögern und zaudern. Die Begründung dafür folgt im nächsten Satz: „Denn bei den Toten, zu denen du fährst, gibt es weder Tun noch Denken, weder Erkenntnis noch Weisheit.“ Wenn du tot bist, ist es zu spät, sagt der kluge Prediger Salomo. Jetzt ist die Zeit. Jetzt ist uns Lebenszeit geschenkt, die wir mit unserer Kraft gestalten und ausfüllen sollen. Diese Lebenszeit ist zugleich aber nichts Absolutes und nichts, dessen wir uns rühmen können. Wir Menschen sind endlich und begrenzt. Wir werden irgendwann kraftlos werden und sterben, unser Tun und Denken wird ein Ende haben und das, was wir wissen und können auch.

Ich finde diesen Gedanken nicht beängstigend oder einschüchternd, ich finde ihn tröstlich: Das Leben ist ein Geschenk, und auch die Kraft und Vitalität, die wir haben. Aber es ist auch gut zu wissen, dass das, was wir tun und sagen, was wir planen und verwirklichen, was wir auf den Weg bringen oder auch verhindern mit unserer Kraft, dass das nicht das Ende ist. Wir haben nicht das letzte Wort. Wir tun nicht den letzten Handgriff.

Das ist tröstlich. Weil es daran erinnert: Was wir sind und wer wir sind, ist in Gott geborgen. Da kommen wir her, mit all unserer Kraft zum Leben, und in Gott sind und bleiben wir. Deshalb: „Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu!“


Dr. Peter Haigis

Von Dr. Peter Haigis, Kernen im Remstal, Evangelische Kirche

Gott - Mutter

Mittwoch, 14. Januar 2009     [Druckversion]

„Ich glaube an Gott, den Vater“ – so beginnt ein altes christliches Glaubensbekenntnis. So wurde es über Jahrhunderte hinweg in Gottesdiensten gesprochen – bis auf den heutigen Tag. Doch manchen geht die Rede vom Vatergott nicht mehr so leicht über die Lippen. Es regt sich Widerstand.
Gott, der Vater, der Herr, der König. Das sind alles männliche Bilder. Ist Gott denn ein Mann? Sollen, müssen wir
ihn uns männlich vorstellen, so wie ihn auch die bildenden Künstler zu allen Zeiten immer wieder als Mann gemalt und damit unserer Vorstellung eingeprägt haben? Sind das nicht Restbestände patriarchalen Denkens, die in Zeiten von Emanzipation und Gleichwertigkeit der Geschlechter entsorgt gehören? Entstehen hier nicht Gottesbilder, die nicht deshalb gefährlich sind, weil sie Bilder sind, sondern weil sie einseitig sind?
Natürlich ist Gott nicht männlich. Er ist auch nicht weiblich. Geschlechtlichkeit ist keine Kategorie, die auf Gott anwendbar wäre. Es sind eben Bilder. Aber an Gott zu glauben, ohne solche Bilder im Kopf zu haben – das geht wiederum auch nicht. Selbst wenn wir Gott eher mit einem Ozean, mit dem unendlichen Universum oder einer kosmischen Kraft und Energiequelle verbinden, gebrauchen wir dabei schon Bilder. Und wenn wir Gott, wie es die christliche Tradition tut, mit dem in Verbindung bringen, was wir selbst sind, nämlich Personen, die reden und denken, planen, handeln, versprechen und erinnern – dann legen sich die männlichen oder weiblichen
Rollenklischees auch sehr schnell nahe.
Ohne Bilder geht es nicht im Blick auf Gott. Deshalb sind auch nicht die Bilder das Problem, sondern die Art, wie sehr wir uns auf diese Bilder festlegen und uns von ihnen festlegen lassen. Oder anders: Es geht darum, welche Bilder wir gebrauchen und welche nicht. Gott sollte nicht einseitig von männlichen Bildern vereinnahmt werden – auch wenn die Bibel, als Dokument einer von Männern beherrschten Kultur, überwiegend männliche Bilder von
Gott benutzt.
Es gibt aber auch weibliche Bilder von Gott in der Bibel. Gott bringt Leben zur Welt. Sie ernährt ihre Kinder. Sie pflegt sie und vermittelt Geborgenheit. Und wenn ihre Kinder weinen, nimmt sie sie in die Arme, tröstet sie und wischt ihnen die Tränen ab. Gewiss, diese Bilder entsprechen dem Mutterbild einer anderen Zeit. In ihrem emotionalen Gehalt werden sie dadurch jedoch nicht falsch. Und viel bedauerlicher ist, dass sie nicht in unser Glaubensbekenntnis Eingang gefunden haben. Sonst könnte es zum Beispiel lauten: „Ich glaube an Gott, unsere Mutter, die jeden Menschen liebt und umfängt wie ihr leibliches Kind.“

Gott - Vater

Dienstag, 13. Januar 2009     [Druckversion]

„Ich glaube an Gott, den Vater“ – so beginnt eines der ältesten christlichen Glaubensbekenntnisse. Gott – ein Vater? So hat es auch Jesus verstanden. Immer wieder gebraucht er Bilder aus dem Familienverbund, um seinen Zeitgenossen zu verdeutlichen, wie Gott ist. Dann dient meist die Vaterrolle als Gleichnis für Gott. Das Johannesevangelium überliefert uns die besondere Verbundenheit zwischen Gott, dem Vater, und Jesus, dem
Sohn, die alle, die an ihn als den Weg zum Vater glauben, zu „Kindern Gottes“ macht. Und nicht zuletzt ist jenes Gebet zu nennen, das auf Jesus selbst zurückgeführt wird: das „Vater unser ...“
Das in Bibel, Gebet und Bekenntnis so gerne für Gott gebrauchte Bild vom Vater birgt aber auch Probleme in sich. Welchen Beiklang bekommt die Rede vom Vatergott nahezu zwangsläufig für diejenigen, die mit ihren leiblichen Vätern keine guten Erfahrungen machen konnten? Väter, die zum Beispiel zu streng und zu hart waren und mit ihrer kantigen, unbarmherzigen oder groben Art das Bild der Liebe und Zuwendung verstellen, von dem der christliche Glaube sprechen will. Oder wie hört sich die Rede vom Vatergott an, wenn ich meinen eigenen Vater gar nicht kenne, wenn es ihn für mich nie gegeben hat?
Die schlechten Erfahrungen mit den irdischen Vätern können leicht auf den himmlischen Vater abfärben. Bilder sind immer doppeldeutig, weil die Welt, in der wir leben, und die Erfahrungen, die wir in ihr machen, doppeldeutig sind.
Dennoch sind die Bilder vom liebenden und fürsorgenden Vater, die Jesus für Gott gebraucht, auch in solchen
Fällen nicht sinnlos oder leer. Gerade dort, wo irdische Väter als unzureichend erlebt werden, wächst die Sehnsucht nach einem „echten Vater“. Nach einem, der es verdient, „Vater“ genannt zu werden. Diese Sehnsucht greift Jesus auf.
Offenbar bleibt also auch dort, wo die leiblichen Väter enttäuschen, das Idealbild, das Wunschbild eines „echten Vaters“ lebendig. Sigmund Freud hat diese Tatsache dazu genutzt, die Vorstellung vom Vatergott als infantile Wunschprojektion zu entwerten. Seine Kritik kann befreiend sein, doch wird etwas nicht dadurch unwahr, dass
man es sich wünscht. Umgekehrt möchte ich formulieren: Jesus stellt uns Gott als Projektionsfläche für den Wunsch nach einer Vaterfigur vor Augen. Er kann dies tun, weil Gott der Urquell unseres Vertrauens, unseres Bedürfnisses nach Zuwendung, unserer Menschlichkeit ist. Und er tut es, weil er zu einer Vertrauensbeziehung zu Gott einladen will. Da ist Gott nicht wie ein Vater – weder wie ein schlechter noch wie ein guter. Sondern er wird
uns zum Vater, indem er sich unserem Vertrauen als Gegenüber anbietet.

Gott sehen

Montag, 12. Januar 2009     [Druckversion]

Gott kann man nicht sehen. Oder vielleicht doch? Vielleicht kann man ihn weniger „sehen“, aber dennoch in etwas erkennen, das man „sieht“.
Eine Legende erzählt von einem römischen Kaiser, der am Ende seiner Tage von Schwermut geplagt war. Alles
hatte er in seinem Leben gehabt: Reichtum, Macht, Triumph, Ruhm und Ehre. Nur ein Wunsch blieb unerfüllt: Er wollte Gott sehen. So schickte er seine Berater und Priester los, dass sie ihm Gott zeigten. Die kehrten mit einer Vielzahl von Bildnissen zurück, die der Kaiser – aufgeklärt wie er war – jedoch alle als menschliches Machwerk verwarf.
Da begehrte ein Rabbi zum Kaiser vorgelassen zu werden. „Ihr wollt Gott sehen? Also gut, schaut her“, rief er, nahm eine Silberplatte von dessen festlicher Tafel und hielt sie dem Kaiser so entgegen, dass sich in ihr das Sonnenlicht spiegelte und ein gleißender Schein in die Augen des Imperators fiel. Geblendet wich der Herrscher zurück: „Willst du, dass ich erblinde?“ – „Mein Kaiser“, antwortete der Rabbi, „das ist doch nur ein kleiner Stern
in Gottes Schöpfung, der schwache Abglanz der strahlenden Größe Gottes. Und ihr wollt wirklich Gott selbst sehen?“
Dem Kaiser gefiel die schlaue Antwort des Rabbi und er sagte zu ihm: „Ich sehe, dass du sehr klug bist. Sage
mir: Was war, bevor Gott war?“ Der Rabbi forderte den Kaiser auf zu zählen. „Eins, zwei, drei“, begann der Kaiser. Doch der Rabbi unterbrach ihn sofort wieder: „Nein! Fangt mit dem an, was vor ‘eins’ kommt.“ Der Herrscher starrte den Rabbi fragend an: „Wie denn? Vor ‘eins’ gibt es doch nichts.“ – „Ich sehe, dass auch ihr sehr weise seid“, erwiderte der Rabbi. „Vor Gott gibt es auch nichts.“
„Antworte mir noch auf eine dritte Frage“, bat der Kaiser den Gelehrten. „Was macht Gott?“ Der Rabbi forderte
den Kaiser auf, mit ihm die Kleider zu tauschen. Der Herrscher legte seine kostbaren Gewänder ab und zog sich
das schlichte Gewand des Rabbi an. Der Rabbi aber kleidete sich in den Ornat des Kaisers und bestieg dessen Thron. „Schaut!“, sagte er. „Das macht Gott: Die einfachen Leute verwandelt er in Herren und die Mächtigen in Bettler.“
Dann tauschten beide wieder ihre Kleider. Der Kaiser aber war von den Worten des Rabbi tief beeindruckt und sagte: „Jetzt sehe ich Gott.“
Man muss wohl nicht Kaiser oder Rabbi sein, um auf diese Weise Gott zu sehen. Das Licht von Weihnachten
genügt – oder manches Wort Jesu, das uns lehrt, ihn, den Christus, im Nächsten, in den Ohnmächtigen, in den Geringsten seiner Brüder zu finden.


Mechthild Alber

Von Mechthild Alber, Stuttgart, Katholische Kirche

„Großzügig“

Samstag, 10. Januar 2009     [Druckversion]

Mit großzügigen Menschen zusammen zu sein tut gut. Sie knausern und geizen nicht sondern sie schöpfen aus dem Vollen. In ihrer Nähe scheint das Leben üppiger zu fließen, was kleinlich und eng ist, wird weggeschwemmt. Großzügig kann man in vielerlei Hinsicht sein: man kann großzügige Geschenke machen, man kann sein Haus großzügig für andere Menschen öffnen, man kann andere für ihre Arbeit großzügig entlohnen oder man kann seine Kenntnisse oder seine Zeit großzügig zur Verfügung stellen.
Wer großzügig ist, muss etwas zu geben haben. Kann sich das überhaupt jeder leisten? Oder ist Großzügigkeit nur etwas für Menschen, die so viel haben, dass sie sich das Schenken leisten können?
Es gibt im Neuen Testament dazu eine wunderbare Geschichte.
Jesus ist im Tempel und beobachtet die Menschen, die am Opferstock vorbeigehen. Manche legen viel hinein. Es sind reiche Leute, die einen Teil ihres Reichtums Gott zurückgeben möchten, ganz wie es der Auffassung eines frommen Juden entsprach. Dann kommt eine Frau, die nur zwei Heller hineinlegt. Fast muss sie sich schämen, so wenig ist es. Sie ist ärmlich gekleidet und kommt allein. Eine Witwe – in der damaligen sozialen Ordnung gehörte sie zu den Ärmsten. Und Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Diese arme Witwe hat mehr eingelegt als alle anderen. Sie haben aus ihrem Überfluss gegeben, diese aber hat aus ihrem Mangel heraus all ihr Gut eingelegt, das sie hatte. „(Lk 21,1-4)
Jesus misst mit dem Maßstab des Herzens. Und es ist ein radikaler Maßstab, den er anlegt. Alles sollen wir geben, nicht nur einen Teil. Das ist wahre Großzügigkeit. Aber was bleibt dann für mich selbst übrig, wenn ich alles gebe? Ist das nicht verrückt und leichtsinnig? Widerspricht es nicht aller Vernunft?
Die Großzügigkeit der Witwe kommt paradoxerweise aus ihrem Mangel, aus ihrer Armut. Sie hat nicht etwas gegeben sondern sich selbst – das ist das Gut, das sie geben konnte. In diesem Akt verwandelte sich ihre Armut in Reichtum. Denn dieses Geschenk ist das Kostbarste, das wir machen können: uns selbst zu verschenken an andere Menschen und an Gott.