Woche vom 10.02.2008 bis 16.02.2008 

Von Dr. Angela Rinn, Mainz, Evangelische Kirche
Meine Wege sind nicht eure Wege, sagt Gott
Samstag, 16. Februar 2008
Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und meine Wege sind nicht eure Wege - das gilt selbst für einen so klugen und frommen Mann wie den Apostel Paulus. Denn eigentlich wollte der auf einer seiner Missionsreisen gar nicht nach Griechenland, sondern nach Asien. Aber das klappte nicht, der Geist Jesu, so erzählt die Bibel, verhinderte die Apostelpläne.
Paulus hat in seinem Leben so seine Erfahrungen mit den verschlungenen Wegen Gottes gemacht. Gott ist Paulus in den Weg getreten, manchmal regelrecht mit Gewalt. Es sollte eben nicht Asien sein, sondern Griechenland. Warum? Vielleicht, weil Gott eben wollte, dass Lydia zum Glauben kommt. Eine Frau, die, Ironie der Geschichte, ursprünglich aus Asien kam.
Meine Wege sind nicht eure Wege. Verschlungene Gotteswege...
Wenn es nach Paulus gegangen wäre, dann wäre Lydia weiter auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, dann hätte eine kluge, nachdenkliche Frau nicht gefunden, was ihr gefehlt hatte. Weil es aber nicht nach Paulus geht, sondern nach dem Willen Gottes, finden in Griechenland zwei Menschen zueinander, die Gott zusammenbringen wollte. Die Mittel, die er in diesem Fall wählte, sind zart: Ein Traum führt Paulus zu Lydia. Es lohnt sich offenbar, auf unsere Träume zu achten.
Merkwürdige Wege sind sie oft, diese Gottes-Wege.
In meinem Leben habe ich einmal eine wichtige Entscheidung revidiert, weil mich ein Traum nachdenklich gemacht hat. Eigentlich war schon alles klar, aber dann kam dieser Traum, irritierend, verstörend. Ich besprach ihn mit klugen Menschen und fand für mich heraus: Was du ursprünglich gewollt hast, ist falsch für dich. Ich schlug einen neuen Weg ein, der viel besser zu mir passte.
Im Rückblick ist es oft erstaunlich, wie eigentümlich die Wege sind, die einen Menschen an den Punkt kommen lassen, an dem er gerade ist. Meine Wege sind nicht eure Wege, sagt Gott, aber unsere Wege können zu Gottes Wegen werden.
Manchmal wird es erst im Rückblick klar werden, was Gottes Weg mit einem Menschen war, vielleicht aber auch nie und es bleibt ein Rätsel. Meine Wege sind nicht eure Wege, und meine Gedanken nicht eure Gedanken. Ganz enträtseln werden wir unser Leben nicht können. Gott führt auf sehr verschlungenen Wegen. Aber ich finde es tröstlich, dass, wie schwer ein Weg auch sein mag, wie rätselhaft eine Begnung, wie verstörend ein Traum, wie fremd seine Gedanken, er uns doch auf keinem Weg alleine lässt.
Paulus hat in seinem Leben so seine Erfahrungen mit den verschlungenen Wegen Gottes gemacht. Gott ist Paulus in den Weg getreten, manchmal regelrecht mit Gewalt. Es sollte eben nicht Asien sein, sondern Griechenland. Warum? Vielleicht, weil Gott eben wollte, dass Lydia zum Glauben kommt. Eine Frau, die, Ironie der Geschichte, ursprünglich aus Asien kam.
Meine Wege sind nicht eure Wege. Verschlungene Gotteswege...
Wenn es nach Paulus gegangen wäre, dann wäre Lydia weiter auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, dann hätte eine kluge, nachdenkliche Frau nicht gefunden, was ihr gefehlt hatte. Weil es aber nicht nach Paulus geht, sondern nach dem Willen Gottes, finden in Griechenland zwei Menschen zueinander, die Gott zusammenbringen wollte. Die Mittel, die er in diesem Fall wählte, sind zart: Ein Traum führt Paulus zu Lydia. Es lohnt sich offenbar, auf unsere Träume zu achten.
Merkwürdige Wege sind sie oft, diese Gottes-Wege.
In meinem Leben habe ich einmal eine wichtige Entscheidung revidiert, weil mich ein Traum nachdenklich gemacht hat. Eigentlich war schon alles klar, aber dann kam dieser Traum, irritierend, verstörend. Ich besprach ihn mit klugen Menschen und fand für mich heraus: Was du ursprünglich gewollt hast, ist falsch für dich. Ich schlug einen neuen Weg ein, der viel besser zu mir passte.
Im Rückblick ist es oft erstaunlich, wie eigentümlich die Wege sind, die einen Menschen an den Punkt kommen lassen, an dem er gerade ist. Meine Wege sind nicht eure Wege, sagt Gott, aber unsere Wege können zu Gottes Wegen werden.
Manchmal wird es erst im Rückblick klar werden, was Gottes Weg mit einem Menschen war, vielleicht aber auch nie und es bleibt ein Rätsel. Meine Wege sind nicht eure Wege, und meine Gedanken nicht eure Gedanken. Ganz enträtseln werden wir unser Leben nicht können. Gott führt auf sehr verschlungenen Wegen. Aber ich finde es tröstlich, dass, wie schwer ein Weg auch sein mag, wie rätselhaft eine Begnung, wie verstörend ein Traum, wie fremd seine Gedanken, er uns doch auf keinem Weg alleine lässt.
Barmherzigkeit
Freitag, 15. Februar 2008
Mein erster Ausflug in alpine Herrlichkeiten endete schnell mit einer schlimmen Fraktur. Das ist lange her - aber die Narben kann man heute noch erkennen.
Im Hebräischen gibt es ein Wort, das sowohl Schilfrohr als auch Knochen bedeuten kann. Beides ist zerbrechlich. So wie die Seele eines Menschen.
Schilfrohr, einmal geknickt, ist wertlos geworden. Ein Mensch mit einem gebrochenen Knochen kann kaum arbeiten. Was ist ein solcher Mensch wert?
In der Bibel wird von einem Mann erzählt, der das geknickte Rohr nicht wegwirft. Einen glimmenden Docht löscht er nicht aus.
Er tut nicht das, was eigentlich wirtschaftlich wäre und vernünftig. Er tut nicht das, was nahe liegt. Er tut nicht, was durchaus recht und billig wäre. Billige Lösungen liegen nahe, aber das Recht, das er vertritt, ist kein billiges Recht, sondern das Recht Gottes. Dieses Recht sieht anders aus. Die Bibel nennt es: Barmherzigkeit.
Vielleicht muss man es so deutlich erlebt haben wie Menschen, deren Leben schon einmal auf der Kippe stand, um zu begreifen, was das heißt: Barmherzigkeit. Ein göttliches Recht, das mit leiser Stimme verkündet wird. Das nicht laut schreit oder brüllt. Ein zartes Gericht.
Ein Recht, auf das auch die Völker warten. Dieses göttliche Recht ist keine Privatangelegenheit, auch wenn es eine leise Stimme hat. Es ist ein Recht, das auch die Gesellschaft der Menschen betrifft. Viele Menschen warten darauf. In vielen Ländern der Welt!
So ertönt diese leise Stimme beharrlich und liebevoll auch dort, wo auf den Straßen geschossen und gebrüllt wird, wo die Sprache der Gewalt gesprochen wird, das Recht der Bosheit herrscht. Es gibt doch immer einen Menschen, der im Namen dieser Stimme protestiert, sich nicht abfindet, die Kraft zur Liebe und zur Vergebung aufbringt - wenn auch oft nur mit Tränen in den Augen.
Ich stelle mir vor, dass die glimmenden Dochte, die vorher so kraftlos waren, durch diese göttliche Stimme angefacht werden und leuchten. Da wächst eine neue, fremde Kraft zu.
Kraft auch für alle Menschen, die in den Ländern dieser Erde die Hoffnung nicht aufgegeben haben, dass es mehr gibt als nackte Gewalt und das Gesetz der Macht, mehr als wirtschaftliche Zwänge.
Barmherzigkeit lässt uns leben. Mit den Brüchen in unserem Leben, mit unserer ganz persönlichen Geschichte. So dass die Narben unseres Lebens zu Linien werden, die durchlässig werden für einen göttlichen Schein.
Im Hebräischen gibt es ein Wort, das sowohl Schilfrohr als auch Knochen bedeuten kann. Beides ist zerbrechlich. So wie die Seele eines Menschen.
Schilfrohr, einmal geknickt, ist wertlos geworden. Ein Mensch mit einem gebrochenen Knochen kann kaum arbeiten. Was ist ein solcher Mensch wert?
In der Bibel wird von einem Mann erzählt, der das geknickte Rohr nicht wegwirft. Einen glimmenden Docht löscht er nicht aus.
Er tut nicht das, was eigentlich wirtschaftlich wäre und vernünftig. Er tut nicht das, was nahe liegt. Er tut nicht, was durchaus recht und billig wäre. Billige Lösungen liegen nahe, aber das Recht, das er vertritt, ist kein billiges Recht, sondern das Recht Gottes. Dieses Recht sieht anders aus. Die Bibel nennt es: Barmherzigkeit.
Vielleicht muss man es so deutlich erlebt haben wie Menschen, deren Leben schon einmal auf der Kippe stand, um zu begreifen, was das heißt: Barmherzigkeit. Ein göttliches Recht, das mit leiser Stimme verkündet wird. Das nicht laut schreit oder brüllt. Ein zartes Gericht.
Ein Recht, auf das auch die Völker warten. Dieses göttliche Recht ist keine Privatangelegenheit, auch wenn es eine leise Stimme hat. Es ist ein Recht, das auch die Gesellschaft der Menschen betrifft. Viele Menschen warten darauf. In vielen Ländern der Welt!
So ertönt diese leise Stimme beharrlich und liebevoll auch dort, wo auf den Straßen geschossen und gebrüllt wird, wo die Sprache der Gewalt gesprochen wird, das Recht der Bosheit herrscht. Es gibt doch immer einen Menschen, der im Namen dieser Stimme protestiert, sich nicht abfindet, die Kraft zur Liebe und zur Vergebung aufbringt - wenn auch oft nur mit Tränen in den Augen.
Ich stelle mir vor, dass die glimmenden Dochte, die vorher so kraftlos waren, durch diese göttliche Stimme angefacht werden und leuchten. Da wächst eine neue, fremde Kraft zu.
Kraft auch für alle Menschen, die in den Ländern dieser Erde die Hoffnung nicht aufgegeben haben, dass es mehr gibt als nackte Gewalt und das Gesetz der Macht, mehr als wirtschaftliche Zwänge.
Barmherzigkeit lässt uns leben. Mit den Brüchen in unserem Leben, mit unserer ganz persönlichen Geschichte. So dass die Narben unseres Lebens zu Linien werden, die durchlässig werden für einen göttlichen Schein.
Der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz
Donnerstag, 14. Februar 2008
Nun ist er also im Amt - der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Auch ich als evangelische Christin setze Hoffnungen in seine Person. So wünsche ich mir, dass der ökumenische Kirchentag in München in zwei Jahren wichtige Zeichen setzt. Wie gut das gelingt, hängt entscheidend auch von dem neuen Vorsitzenden ab. Viele für beide Kirchen wichtige Themen sollen auf diesem Kirchentag zur Sprache kommen - und nicht erst dort.
In der letzten Zeit ging es im ökumenischen Gespräch oft um eine abgrenzende Profilierung. Sind die Evangelischen eine Kirche oder nicht - das beschäftigte den Dialog.
Dabei gibt es so viele drängende Fragen, die beide Kirchen gemeinsam angehen müssen! Das letzte gemeinsame Sozialwort der Kirchen liegt mehr als 10 Jahre zurück, die soziale Situation ist seitdem nicht einfacher geworden. Vor einigen Tagen habe ich mit einem jungen Mann gesprochen, der wieder in die Kirche eingetreten ist. 20 Jahre hat er mit Christentum nicht viel anfangen können, jetzt hat sich seine Einstellung geändert. Seine bislang gut gehende Firma, ein Zulieferbetrieb, ist den Rationalisierungsmaßnahmen der großen Firmen zum Opfer gefallen. „Ich bin ein Opfer der Globalisierung“ sagt er mit einem Schmunzeln. Aber so witzig ist das nicht. Seine finanziellen Polster schmelzen dahin - wovon soll er sich und seine Familie ernähren? In die Kirche eingetreten ist er, weil er gespürt hat: Was mir bisher Sinn gegeben hat, das trägt nicht mehr. Ich suche nach Alternativen. Dafür setzt er, dem es jetzt finanziell wirklich nicht gut geht, sogar Geld ein!
Menschen hungern nach Sinn, suchen nach Spiritualität und Tiefe in einer Welt, die kalt und unbarmherzig geworden ist. Sie fragen danach, was das Christentum zu sozialer Härte und Ungerechtigkeit konkret zu sagen hat. Ich finde es ganz wichtig, dass katholische und evangelische Kirchen hier gemeinsam nach Wegen und Antworten suchen. Wir stehen gemeinsam in der Verantwortung und sollten unsere Kräfte bündeln.
Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, hat Hermann Hesse gesagt. Möge dieser Zauber auch über diesem Anfang liegen und der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz ein Gespür dafür haben, was die Menschen brauchen.
Gott segne diesen Anfang, so dass er nicht zu einem faulen Zauber verkommt. Gott segne den neuen Vorsitzenden, er segne uns alle, er schenke uns wache Sinne, einen mutigen Glauben und ökumenische Verbundenheit.
In der letzten Zeit ging es im ökumenischen Gespräch oft um eine abgrenzende Profilierung. Sind die Evangelischen eine Kirche oder nicht - das beschäftigte den Dialog.
Dabei gibt es so viele drängende Fragen, die beide Kirchen gemeinsam angehen müssen! Das letzte gemeinsame Sozialwort der Kirchen liegt mehr als 10 Jahre zurück, die soziale Situation ist seitdem nicht einfacher geworden. Vor einigen Tagen habe ich mit einem jungen Mann gesprochen, der wieder in die Kirche eingetreten ist. 20 Jahre hat er mit Christentum nicht viel anfangen können, jetzt hat sich seine Einstellung geändert. Seine bislang gut gehende Firma, ein Zulieferbetrieb, ist den Rationalisierungsmaßnahmen der großen Firmen zum Opfer gefallen. „Ich bin ein Opfer der Globalisierung“ sagt er mit einem Schmunzeln. Aber so witzig ist das nicht. Seine finanziellen Polster schmelzen dahin - wovon soll er sich und seine Familie ernähren? In die Kirche eingetreten ist er, weil er gespürt hat: Was mir bisher Sinn gegeben hat, das trägt nicht mehr. Ich suche nach Alternativen. Dafür setzt er, dem es jetzt finanziell wirklich nicht gut geht, sogar Geld ein!
Menschen hungern nach Sinn, suchen nach Spiritualität und Tiefe in einer Welt, die kalt und unbarmherzig geworden ist. Sie fragen danach, was das Christentum zu sozialer Härte und Ungerechtigkeit konkret zu sagen hat. Ich finde es ganz wichtig, dass katholische und evangelische Kirchen hier gemeinsam nach Wegen und Antworten suchen. Wir stehen gemeinsam in der Verantwortung und sollten unsere Kräfte bündeln.
Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, hat Hermann Hesse gesagt. Möge dieser Zauber auch über diesem Anfang liegen und der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz ein Gespür dafür haben, was die Menschen brauchen.
Gott segne diesen Anfang, so dass er nicht zu einem faulen Zauber verkommt. Gott segne den neuen Vorsitzenden, er segne uns alle, er schenke uns wache Sinne, einen mutigen Glauben und ökumenische Verbundenheit.

Von Dr. Peter Haigis, Kernen im Remstal, Evangelische Kirche
Wehr dich gegen Unrecht
Mittwoch, 13. Februar 2008
Welche Werte sind heute wichtig? Bei einer Befragung wurden prominente Deutsche um eine persönliche Einschätzung und Formulierung dessen ge-beten, was sie an Lebensregeln für unverzichtbar halten. Eine der genann-ten Normen lautete: „Wehr dich, wenn dir oder anderen Unrecht ge-schieht!“ Interessant fand ich den Bezug zu traditionellen religiösen Moral-vorstellungen, der dabei hergestellt wurde: Zivilcourage sei die zeitgemäße Verwirklichung der Nächstenliebe, so der Kommentar.
Das liegt durchaus auf der Linie Jesu. Nach einer Erzählung aus dem Lu-kasevangelium wurde Jesus einmal ganz ähnlich befragt – nicht als Promi-nenter und nicht von einem Journalisten. Ein Experte in Religionsangele-genheiten hatte ihn um Rat ersucht: „Was ist das oberste und wichtigste Gebot?“, wollte er wissen.
Seine Antwort formulierte Jesus kurz und knapp: „Liebe Gott – und deinen Nächsten wie dich selbst!“ Und um das Gebot der Nächstenliebe noch ein wenig zu erläutern, hat er kleine Beispielgeschichte nachgeschoben: Von einem Händler, der nachts auf offener Straße überfallen und halbtot ge-schlagen wurde. (Wie aktuell das hineinpasst in unsere mehr oder weniger sinnvollen Debatten um Gewalt!) Einige Passanten, die später an der Stelle des Überfalls vorbeikamen, machten einen großen Bogen um den schwer Verletzten. (Auch die Versuchung wegzuschauen ist offenbar uralt!) Nur ein Samariter – für Juden übrigens ein Ausländer – hat sich um den am Boden Liegenden gekümmert und ihm ärztliche Hilfe verschafft.
Dass der Samariter erst auftaucht, als der Überfall schon vorbei ist, tut nichts zur Sache. Der Logik der Geschichte zufolge hätte er auch früher dazukommen können und dann wohl kaum anders gehandelt. Er hätte nicht weggesehen wie die anderen, sondern eingegriffen, um dem Opfer zu helfen. Er hätte sich gegen geschehendes Unrecht gewehrt – im Namen der Nächstenliebe.
Heute kann man sich den „barmherzigen Samariter“, wie er später ge-nannt wurde, gut als Gast bei einer Fernseh-Sendung wie „Menschen des Jahres 2008“ vorstellen. Kräftiger Applaus wäre ihm sicher. Man würde ihn als Helden verehren. Doch Applaudieren im Studio ist immer leicht, weil man da auf Seiten der Mehrheit steht. Couragiert handeln im entscheiden-den Augenblick ist dagegen schwer. Einschreiten, wenn anderen Unrecht geschieht. Nicht Wegsehen. Sich auf die Seite der Opfer stellen.
„Wehr dich, wenn anderen Unrecht geschieht, wie du dich um deiner selbst wehren würdest.“ Nächstenliebe kann ganz schön anstrengend sein.
Das liegt durchaus auf der Linie Jesu. Nach einer Erzählung aus dem Lu-kasevangelium wurde Jesus einmal ganz ähnlich befragt – nicht als Promi-nenter und nicht von einem Journalisten. Ein Experte in Religionsangele-genheiten hatte ihn um Rat ersucht: „Was ist das oberste und wichtigste Gebot?“, wollte er wissen.
Seine Antwort formulierte Jesus kurz und knapp: „Liebe Gott – und deinen Nächsten wie dich selbst!“ Und um das Gebot der Nächstenliebe noch ein wenig zu erläutern, hat er kleine Beispielgeschichte nachgeschoben: Von einem Händler, der nachts auf offener Straße überfallen und halbtot ge-schlagen wurde. (Wie aktuell das hineinpasst in unsere mehr oder weniger sinnvollen Debatten um Gewalt!) Einige Passanten, die später an der Stelle des Überfalls vorbeikamen, machten einen großen Bogen um den schwer Verletzten. (Auch die Versuchung wegzuschauen ist offenbar uralt!) Nur ein Samariter – für Juden übrigens ein Ausländer – hat sich um den am Boden Liegenden gekümmert und ihm ärztliche Hilfe verschafft.
Dass der Samariter erst auftaucht, als der Überfall schon vorbei ist, tut nichts zur Sache. Der Logik der Geschichte zufolge hätte er auch früher dazukommen können und dann wohl kaum anders gehandelt. Er hätte nicht weggesehen wie die anderen, sondern eingegriffen, um dem Opfer zu helfen. Er hätte sich gegen geschehendes Unrecht gewehrt – im Namen der Nächstenliebe.
Heute kann man sich den „barmherzigen Samariter“, wie er später ge-nannt wurde, gut als Gast bei einer Fernseh-Sendung wie „Menschen des Jahres 2008“ vorstellen. Kräftiger Applaus wäre ihm sicher. Man würde ihn als Helden verehren. Doch Applaudieren im Studio ist immer leicht, weil man da auf Seiten der Mehrheit steht. Couragiert handeln im entscheiden-den Augenblick ist dagegen schwer. Einschreiten, wenn anderen Unrecht geschieht. Nicht Wegsehen. Sich auf die Seite der Opfer stellen.
„Wehr dich, wenn anderen Unrecht geschieht, wie du dich um deiner selbst wehren würdest.“ Nächstenliebe kann ganz schön anstrengend sein.
Achte menschliches Leben
Dienstag, 12. Februar 2008
Die biblischen zehn Gebote haben über Jahrtausende hin menschliche Mo-ralvorstellungen geprägt. Heute gelten sie keineswegs mehr als unumstöß-lich oder unhinterfragbar. Umfragen zeigen, dass viele Zeitgenossen den Inhalt der zehn Gebote nicht mehr kennen, zumindest nicht vollständig. Manche wissen nicht einmal, ob es nun drei, sieben oder zehn Regeln wa-ren, die Mose den Israeliten am Sinai als Gottes Normenkatalog vorgelegt hat. Eines dieser zehn Gebote wird dennoch mit großer Treffsicherheit bei jeder Befragung genannt: „Du sollst nicht töten!“
Dazu steht allerdings in merkwürdigem Widerspruch, dass das Töten in der Welt trotz dieses Gebots nicht verschwunden ist. Dass im gleichen Maß, in dem das „Töte nicht!“ beschworen wird, getötet wird. Trotz dieses Gebotes wurden ja Kriege geführt – zu allen Zeiten. Es wurde und es wird dennoch die Todesstrafe praktiziert. Es wird gestritten, ob alte und schwerkranke Menschen nicht das Recht erhalten sollen, die Todesspritze zu verlangen. Fünftes Gebot hin oder her! Und es wird gestritten, wann das Leben im Mutterleib beginnt und ab wann es mithin schützenswert ist im Sinne jenes „Du sollst nicht töten“.
Ist das Gebot „Du sollst nicht töten“ so etwas wie das schlechte Gewissen der Menschheit – umso kräftiger erinnert, je häufiger getötet wird? Oder gibt es einen Unterschied zwischen einem Töten, das legitim ist, und einem Töten, das nicht legitim ist?
Die Aufklärung hat uns beigebracht, die Würde eines jeden einzelnen Men-schen als unerschütterlichen und zentralen Wert zu verstehen und anzuer-kennen. Doch die Rede von der Menschenwürde macht es nicht leichter zu entscheiden, ob und wann das grundsätzliche „Töte nicht!“ außer Kraft ge-setzt werden darf.
Gewiss: eine allgemein gültige Antwort kann es nicht geben und das apo-diktische „Du sollst nicht töten“ wirkt in unserer menschlichen Lebens- und Todeswirklichkeit sehr schnell ohnmächtig.
Für mich ist das fünfte Gebot so etwas wie ein Spiegel: Tagtäglich erleben wir, was Leben bedeutet. Wir erleben es im Umgang miteinander, aber wir erleben es auch an uns selbst, hautnah. Und deshalb spüren wir – wenn wir auf unser eigenes Leben schauen – etwas vom Wert und der Schutzbe-dürftigkeit eines jeden menschlichen Lebens.
Wir erzeugen unser Leben nicht selbst, sondern wir empfangen es als eine geheimnisvolle Gabe. „Du sollst nicht töten“ ist so etwas wie der Herz-schlag unseres Gewissens: „Achte menschliches Leben. Es ist doch die Kraft, die Energie, das Geschenk, von dem du selbst lebst.“ Es ist die inne-re Mahnung: „Im Zweifelsfall für das Leben!“
Dazu steht allerdings in merkwürdigem Widerspruch, dass das Töten in der Welt trotz dieses Gebots nicht verschwunden ist. Dass im gleichen Maß, in dem das „Töte nicht!“ beschworen wird, getötet wird. Trotz dieses Gebotes wurden ja Kriege geführt – zu allen Zeiten. Es wurde und es wird dennoch die Todesstrafe praktiziert. Es wird gestritten, ob alte und schwerkranke Menschen nicht das Recht erhalten sollen, die Todesspritze zu verlangen. Fünftes Gebot hin oder her! Und es wird gestritten, wann das Leben im Mutterleib beginnt und ab wann es mithin schützenswert ist im Sinne jenes „Du sollst nicht töten“.
Ist das Gebot „Du sollst nicht töten“ so etwas wie das schlechte Gewissen der Menschheit – umso kräftiger erinnert, je häufiger getötet wird? Oder gibt es einen Unterschied zwischen einem Töten, das legitim ist, und einem Töten, das nicht legitim ist?
Die Aufklärung hat uns beigebracht, die Würde eines jeden einzelnen Men-schen als unerschütterlichen und zentralen Wert zu verstehen und anzuer-kennen. Doch die Rede von der Menschenwürde macht es nicht leichter zu entscheiden, ob und wann das grundsätzliche „Töte nicht!“ außer Kraft ge-setzt werden darf.
Gewiss: eine allgemein gültige Antwort kann es nicht geben und das apo-diktische „Du sollst nicht töten“ wirkt in unserer menschlichen Lebens- und Todeswirklichkeit sehr schnell ohnmächtig.
Für mich ist das fünfte Gebot so etwas wie ein Spiegel: Tagtäglich erleben wir, was Leben bedeutet. Wir erleben es im Umgang miteinander, aber wir erleben es auch an uns selbst, hautnah. Und deshalb spüren wir – wenn wir auf unser eigenes Leben schauen – etwas vom Wert und der Schutzbe-dürftigkeit eines jeden menschlichen Lebens.
Wir erzeugen unser Leben nicht selbst, sondern wir empfangen es als eine geheimnisvolle Gabe. „Du sollst nicht töten“ ist so etwas wie der Herz-schlag unseres Gewissens: „Achte menschliches Leben. Es ist doch die Kraft, die Energie, das Geschenk, von dem du selbst lebst.“ Es ist die inne-re Mahnung: „Im Zweifelsfall für das Leben!“
Glaube, woran du willst ...
Montag, 11. Februar 2008
Die biblischen zehn Gebote sind so etwas wie ein eiserner Bestand an Le-bensregeln. An zehn Fingern kann man abzählen, was wichtig ist, damit menschliches Leben gelingen kann: „Nicht töten, nicht stehlen, nicht lü-gen“ ... So weit, so gut! Doch die biblischen zehn Gebote regeln nicht nur die Moral der Menschen untereinander, sondern auch die Beziehung zwi-schen Mensch und Gott. Welche Bedeutung hat das heute noch? In einer pluralen oder säkularen Welt?
Das erste Gebot beispielsweise: „Ich bin Gott, der Herr, der dich aus der ägyptischen Sklaverei herausgeführt hat. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“ Kann das heute noch Geltung beanspruchen?
Befragt nach grundlegenden Normen und Regeln, die in unserer Zeit letzte Gültigkeit beanspruchen, formulierte Tobias Künzel, Sänger der Gruppe „Prinzen“: „Glaube, woran du willst, aber füge keinem Menschen Leid zu.“
Das klingt ganz und gar nach dem Glaubensbekenntnis der „Aufklärung“: Jeder soll nach seiner eigenen Fasson selig werden. Religion ist Privatsa-che. Freiheit in Sachen Glauben und Weltanschauung, aber gleiche Freiheit für alle und Vermeidung jeden Zwanges.
Auf den ersten Blick scheint das im diametralen Gegensatz zu dem zu ste-hen, was der biblische Dekalog an erster Stelle fordert, nämlich jene Aus-schließlichkeit eines eifernden Gottes, der alleinige Verehrung bean-sprucht: „Ich bin Gott, der Herr. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“
Vergessen wird dabei allerdings der kleine Zwischensatz: „Ich bin Gott, der Herr, der dich aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat.“ Dreh- und Angel-punkt dieses Gebotes ist eine Befreiungserfahrung. Dreh- und Angelpunkt ist die Erfahrung und die Zusage von Freiheit. Aus dieser Gewährung von Freiheit heraus beansprucht Gott die Treue seines Volkes. Wie wäre es, wenn wir weltliche oder religiöse Machthaber einmal daran messen, wie viel Freiheit sie gewähren?
„Glaube, woran du willst, aber füge deshalb niemandem Leid zu“ ist genau genommen ebenso eine Regel, die die Erfahrung von Freiheit bereits hinter sich hat – und sie bewahren will.
Nehmen wir einmal an, Gott würde sein erstes Gebot so formulieren: „Mensch, woran du auch glaubst, nimm deinen Glauben ernst, aber unter-drücke niemanden im Namen deiner Überzeugungen. Opfere niemanden für deine Religion. Foltere niemanden im Namen deines Glaubens.“ Das wäre erneute Befreiung aus der Sklaverei. Befreiung von einem missver-standenen Glauben, der sich nur stark fühlt, wenn er andere knechtet. Es wäre Befreiung vom Götzendienst einer verlogenen Religion.
Das erste Gebot beispielsweise: „Ich bin Gott, der Herr, der dich aus der ägyptischen Sklaverei herausgeführt hat. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“ Kann das heute noch Geltung beanspruchen?
Befragt nach grundlegenden Normen und Regeln, die in unserer Zeit letzte Gültigkeit beanspruchen, formulierte Tobias Künzel, Sänger der Gruppe „Prinzen“: „Glaube, woran du willst, aber füge keinem Menschen Leid zu.“
Das klingt ganz und gar nach dem Glaubensbekenntnis der „Aufklärung“: Jeder soll nach seiner eigenen Fasson selig werden. Religion ist Privatsa-che. Freiheit in Sachen Glauben und Weltanschauung, aber gleiche Freiheit für alle und Vermeidung jeden Zwanges.
Auf den ersten Blick scheint das im diametralen Gegensatz zu dem zu ste-hen, was der biblische Dekalog an erster Stelle fordert, nämlich jene Aus-schließlichkeit eines eifernden Gottes, der alleinige Verehrung bean-sprucht: „Ich bin Gott, der Herr. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“
Vergessen wird dabei allerdings der kleine Zwischensatz: „Ich bin Gott, der Herr, der dich aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat.“ Dreh- und Angel-punkt dieses Gebotes ist eine Befreiungserfahrung. Dreh- und Angelpunkt ist die Erfahrung und die Zusage von Freiheit. Aus dieser Gewährung von Freiheit heraus beansprucht Gott die Treue seines Volkes. Wie wäre es, wenn wir weltliche oder religiöse Machthaber einmal daran messen, wie viel Freiheit sie gewähren?
„Glaube, woran du willst, aber füge deshalb niemandem Leid zu“ ist genau genommen ebenso eine Regel, die die Erfahrung von Freiheit bereits hinter sich hat – und sie bewahren will.
Nehmen wir einmal an, Gott würde sein erstes Gebot so formulieren: „Mensch, woran du auch glaubst, nimm deinen Glauben ernst, aber unter-drücke niemanden im Namen deiner Überzeugungen. Opfere niemanden für deine Religion. Foltere niemanden im Namen deines Glaubens.“ Das wäre erneute Befreiung aus der Sklaverei. Befreiung von einem missver-standenen Glauben, der sich nur stark fühlt, wenn er andere knechtet. Es wäre Befreiung vom Götzendienst einer verlogenen Religion.



