Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Aktuelle Woche   Archiv



Dr. Karoline Rittberger-Klas

Von Dr. Karoline Rittberger-Klas, Stuttgart, Evangelische Kirche

Alle sind willkommen

Donnerstag, 09. September 2010     [Druckversion]

Der Speisesaal der Jugendherberge auf der niederländischen Nordseeinsel ist gut besetzt. Neben einem Tisch döst ein Blindenhund und wartet darauf, dass seine Herrin ihr Frühstück beendet hat. Drumherum sitzen Pärchen, Singles und Familien unterschiedlicher Sprache und Hautfarbe. Die Eltern mit den sechs Kindern haben sich zwei Tische zusammengeschoben, genauso wie die Seniorengruppe. Ein Mädchen mit Gehbehinderung steuert ihren Rollator über die abgesenkte Türschwelle auf die Terrasse. Draußen fragt ein junger Mann mit geistiger Behinderung alle Gäste, wo sie herkommen - und bekommt freundliche Antworten.
Ein niederländisches Hostel im Sommer. Mich hat die Atmosphäre dort begeistert. Da treffen sich Menschen mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen, aber alle fühlen sich willkommen. Verschieden zu sein ist kein Problem, sondern ganz normal - und sogar eine Bereicherung, weil alle bereit sind, sich auf diese bunte Mischung einzulassen.
Auch bei den Mitarbeitern der Jugendherberge ist die besondere Atmosphäre zu spüren. Alle sind für alles zuständig, niemand auf eine Rolle festgelegt. Die Chefin trifft man ebenso an der Rezeption wie beim Putzen, der junge Mann, der am Abend zuvor den coolen Barkeeper gegeben hat, zeigt am nächsten Tag beim Kinderprogramm seine fürsorgliche Seite.
Ich finde, das kommt dem ziemlich nahe, was Jesus gelebt und gewollt hat. Er hat Menschen zusammengebracht, die sich sonst nicht begegnet wären. Und er hat sie ganz neue Möglichkeiten und Fähigkeiten entdecken lassen. Weil in seiner Gegenwart eine besondere Atmosphäre - ein besonderer Geist zu spüren war, in dem sich Menschen angenommen und erst genommen gefühlt haben.
Mich hat diese Urlaubserfahrung zum Träumen gebracht. Wie wäre es, wenn unsere ganze Gesellschaft von diesem Geist beseelt wäre?
Natürlich, ich mache mir nichts vor. In einem Hostel treffen sich entspannte Menschen in Urlaubsstimmung, die meisten aus der Mittelschicht, für eine begrenzte Zeit. Und Ferienjobber, die im Herbst an die Uni zurückkehren. Im normalen Leben, umgeben von Konkurrenzdruck am Arbeitsplatz, Konflikten in der Nachbarschaft und Stress im Familienalltag, ist alles komplizierter.
Trotzdem - ein wenig möchte ich diesen Urlaubstraum weiterträumen: Wie wäre das? Menschen mit Behinderungen sind überall akzeptiert und werden nicht noch zusätzlich behindert. Es ist normal, dass die eine keine Kinder hat und der andere dafür sechs. Und niemand muss das gleich bewerten. Es gibt weniger Einrichtungen nur für Kinder, nur für Jugendliche oder nur für ältere Menschen und dafür mehr Orte, an denen sich alle begegnen. Und alle können miteinander ihre unterschiedlichen Fähigkeiten entdecken.
Ein Urlaubstraum, vielleicht. Aber für mich ein sehr inspirierender.



Klaus Nagorni

Von Klaus Nagorni, Karlsruhe

Inseln im Fluss der Zeit

Mittwoch, 08. September 2010     [Druckversion]

Wer oder was ist noch verlässlich? Wo finde ich, was beständig ist? Wohin gehöre ich selbst? Wenn ich das Gefühl habe, dass alles in Bewegung ist, dass sich Bindungen und Traditionen auflösen, dass auch Beziehungen zwischen Menschen kurzatmiger werden, dann will ich wissen, was ver­lässlich ist, was dauert und bleibt im ständigen Wandel.
In früheren Zeiten war es die stabilitas loci, die Ortsgebundenheit der Mönche in ihren Klöstern, die im Getriebe und Geschiebe der vielen Völ­kerwanderungen einen Ruhepol bildete. Heute, denke ich, sind es die Kir­chen als Gebäude, die wie magnetische Anziehungspunkte wirken in einer hochmobilen Gesellschaft.
Sie bieten nicht nur Orientierung im Sinne ihrer Ausrichtung zum Orient, dorthin, wo die Sonne aufgeht. Sie bilden im Netzwerk von Straßen und Plätzen markante Punkte, die sich städtebaulich abheben von der restlichen Umgebung.
Vor allem: sie sind verbunden mit sehr persönlichen Lebensgeschichten. Bei Geburt und Tod, wenn Hochzeiten zu feiern sind oder öffentlicher Trauer Ausdruck gegeben wird, bilden sie den Rahmen. Unzählige Ge­schichten wissen sie und jeden Tag nehmen sie neue Geschichten in sich auf.
Mir geht es so: in welche Stadt oder in welches Dorf ich auch komme - in der Kirche, gleich ob Dom oder Dorfkirche, finde ich Erinnerungen und Geschichten, an die ich anknüpfen kann. Hier in der Kirche bin ich gleich ein bisschen weniger fremd.
Den Dichter Manfred Hausmann hat diese Verlässlichkeit und Geborgen­heit, die eine Kirche ausstrahlt, angezogen. Er hat dazu ein Gedicht ge­schrieben mit der Überschrift „Trost":

„Ich möchte eine alte Kirche sein voll Stille, Dämmerung und Kerzen­schein. Und wenn du trübe Stunden hast, geh nur herein zu mir mit deiner Last! Du senkst den Kopf? Die große Tür fällt zu. Nun sind wir ganz alleine - ich und du. Ich kühle dein Gesicht mit leichtem Hauch und hülle dich in meinen Frieden auch."

Ein schöner Gedanke: ich komme zur Ruhe, in dem ich mich von der Atmosphäre dieser Kirche umfangen lasse. Indem ich höre und sehe, was in ihr an Geschichten und Lebenserfahrung aufbewahrt ist. Vielleicht auch: indem ich ihr meine eigene Geschichte anvertraue.
Ich spüre dabei: Kirchen sind Inseln im Fluss der Zeit. Sie lehren mich, auf das zu achten, was bleibt, was verlässlich ist und beständig. Sie schenken mir Frieden, den ich weiter geben möchte.

Vom Charme des Wartens

Dienstag, 07. September 2010     [Druckversion]

Warten Sie gerade auf jemanden oder etwas? Vielleicht auf einen Besuch, der sich für heute angekündigt hat? Oder auf einen Handwerker? Warten Sie irgendwo im Stau oder vielleicht im Wartezimmer eines Arztes?
Warten kann unangenehm sein. Warten - das ist oft eine aufgezwungene Verlangsamung unserer Aktivität, ein lästiges Abbremsen der schwung­vollen Bewegung, in der wir uns gerade befinden.
Ich finde, das Urteil über das Warten ist - in dieser Allgemeinheit - un­gerecht. Denn wir messen mit Maßstäben, die unserem aktiven, manchmal hyperaktiven Leben entnommen sind. Es gibt noch andere Maßstäbe. Sie lassen uns im Warten eine Zeitform entdecken mit ganz eigenem Charme.
Es gibt nämlich ein Warten, das die Gegenwart nicht möglichst schnell
überspringen will, sondern ihr zugewandt bleibt. Dann entdecke ich in der Oberfläche der bleiernen Wartezeit winzige Risse. Spielräume freier Zeit, hinter denen sich neue Möglichkeiten andeuten.
Ein solcherart qualifiziertes Warten zeichnet viele biblische Gestalten aus. Sie warten, weil sie wissen, dass das volle Leben sich in der aktuellen Gegenwart noch lange nicht erschöpft. „Meine Seele wartet auf Gott mehr als die Wächter auf den Morgen", sprechen sie mit Worten eines alten Psalms. Oder: „Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen Speise zur rechten Zeit". Ja sogar: „Wir warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt."
Das ist ein Warten, das nicht darauf gerichtet ist, dass die verlangsamte Gegenwart so schnell wie möglich in die ausgefahrene Spur der Routine zurückfindet. Es hofft vielmehr darauf, dass in der Gegenwart, im jetzigen Augenblick, Gottes Zuwendung spürbar wird. Etwas, das die Seele er­frischt wie der junge Morgen.
Ein solches Warten ist aktiv und spannungsreich. Es ist wachsam und auf­merksam für Menschen und Momente. Es lotet die Chancen des Augen­blicks aus, um die zarten Anfänge zu finden, die sich entfalten wollen.
Vielleicht entdecke ich dann in der Warteschlange ein Gesicht, das mich ansieht oder einen Menschen, der mich anspricht. Vielleicht öffnet mir das lästige Warten in einem Wartezimmer gerade den Zeitraum, um einen Gedanken fortzuentwickeln, für den bislang keine Zeit da war.
Warten als Zeitraum für Muße und Kreativität - das lässt mich weniger verdrießlich sein, wenn ich heute morgen oder im Laufe des Tages wieder einmal warten muss. In der begründeten Hoffnung, dass aus Langeweile gute Weile wird - reich an schöpferischen Eingebungen und Einfällen.

Vom Ansehen Gottes

Montag, 06. September 2010     [Druckversion]

Ein Flaneur ist ein Augenmensch. Gelassen und ohne erkennbares Ziel schlendert er durch die geschäftigen Einkaufsmeilen. Manchmal sitzt er bei einem Capuccino an einer Ecke des Marktplatzes und liest Zeitung. Dabei tut er oft nur so, als lese er. In Wirklichkeit geht sein Blick über den Zei­tungsrand hinaus.
Mit interessiertem Blick beobachtet er die Menschen, die vorbei eilen. Den eiligen Schritt des Mannes im dunklen Anzug mit dem Handy am Ohr. Die Mutter mit den vollen Einkaufstaschen, die den Kinderwagen schiebt. Das Pärchen, das selbstvergessen über die Straße turtelt
.Gott ist kein Flaneur. Aber die Augen Gottes, sein Blick, seine Aufmerksamkeit spielen in der Bibel eine große Rolle. Wer von Gott angesehen ist, weiß, dass sein Leben nicht gleichgültig ist. Im Ansehen Gottes wird das, was ich tue, wahrgenommen und wertgeschätzt.
Dieses Wahrgenommenwerden ist heute eine kostbare, weil seltene Res­source. In der Regel werden Menschen abtaxiert: Was kannst Du? Wozu bist du nützlich? Der Blick Gottes vermittelt etwas anderes. Ich schaue auf Dich. Ich nehme Dich wahr. Auf Dir ruht mein Blick.
Manche Menschen haben das als unangenehm empfunden. Den Blick eines kontrollierenden Über-Vaters wollten sie nicht. Ganz zu Recht! Aber da­von ist in der Bibel auch nicht die Rede. Hier geht es immer wieder darum, dass Menschen darum bitten und Wert darauf legen, nicht aus der Auf­merksamkeit Gottes heraus zu fallen.
„Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war", heißt es im Psalm 139. Und ein anderer Psalm stellt die nahe liegende Frage: „Der das Auge gemacht hat, sollte der dich nicht sehen?" Es ist ein Trost gegen die Anonymität und Gleichgültigkeit, die einem Menschen im Leben widerfahren kann.
Das ist für mich das Befreiende: Gottes Blick reißt heraus aus dem Leiden, nicht wahrgenommen und nicht beachtet zu werden. So wie es das geknechtete Volk Israel in Ägypten erlebt hat, als es in den Fokus der Aufmerksamkeit Gottes geriet: Ich habe das Elend meines Volkes gesehen, sagt Gott da. Und diese Wahrnehmung Gottes wird für Israel zum Ausgang aus der Sklaverei, zum Beginn einer großen Befreiungsgeschichte.
Gott sieht Menschen an. Sein interessierter Blick schenkt Menschen Achtung und Wertschätzung. Und öffnet ihre Augen für die Anderen an ihrer Seite. Ein erweckter Blick, der sagt: Ich sehe dich an. Ich nehme dich wahr. Du bist mir wichtig.