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Sebastian Kienast

Von Sebastian Kienast, Endingen, Katholische Kirche

Das Lagerfeuer des Evangeliums

Freitag, 26. August 2016     [Druckversion]

Eine laue Sommernacht. Auf einem Feld brennt ein Lagerfeuer. Eine Gruppe von Menschen sitzt im Kreis um die Flammen.

Eine typische Ferienlageridylle. Bei Sommerfreizeiten findet man immer wieder die Jungs und Mädels, die damit beschäftigt sind das Feuer am Leben zu erhalten und kräftig Holz nachzulegen. 

In einem Text über die Zukunft der Kirche habe ich einen Satz gelesen, da heißt es: „Die Kirche versteht sich als ein ‚Lagerfeuer des Evangeliums’.“ Ich wäre nicht auf diesen Vergleich gekommen. Der Satz hat mich nicht losgelassen, und ich habe darüber nachgedacht. 

Feuer – das sind Flammen und Funken, die Licht geben. Es gehört aber auch Glut dazu, die wärmt. Das Feuer könnte man deuten als das, was Jesus den Menschen erzählt hat. Er hat von Gott als gutem Vater gesprochen und diesem Gott vertraut. Es ist eine Botschaft, die bis heute Wärme ausstrahlt und Menschen frei macht. 

Wenn etwas richtig brennen soll, braucht es Holz. Jemand muss es sammeln, klein machen und ins Feuer legen. Soll die Kirche Lagerfeuer sein, dann muss sie sich um den richtigen Brennstoff kümmern. Und sie muss sich fragen: Was brauchen die Menschen, dass sie weiterhin für das Evangelium brennen können? Welche Hilfestellung kann die Kirche geben, dass das Feuer gut brennt, dass es weithin sichtbar ist. Wie gelingt es, dass sich viele Menschen um die Feuerstelle scharen, dass sie Gemeinschaft spüren, sich wohl fühlen und niemanden ausschließen. 

Und das fällt mir beim Lagerfeuer auch auf: Es ist kein abgeschlossener Raum. Es gibt keine vier Wände und eine Türschwelle, sondern das Lagerfeuer hat offene Ränder. Ich kann ganz nah am Feuer sein, oder auch etwas weiter weg stehen. Ein Lagerfeuer hat etwas Zwangloses und doch eine gemeinsame Mitte. 

Ich frage mich kritisch, ob es der Kirche gelingt, heute so ein ‚Lagerfeuer des Evangeliums‘ zu sein. Aber auch wenn das nicht immer klappt, bleibt die Kirche für mich eine Feuerstelle, an der ich persönlich gefordert bin: Wenn das Feuer noch eine Weile brennen soll, dann muss auch ich kräftig Holz nachlegen, und das was ich vom Evangelium verstanden habe am Brennen halten.

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Dr. Gotthard Fuchs

Von Dr. Gotthard Fuchs, Wiesbaden, Katholische Kirche

Mystisches Netzwerk (IV)

Donnerstag, 25. August 2016     [Druckversion]

„Verzeihen ist die Antwort auf den Kindertraum vom Wunder, wodurch das Zerschlagene heil wird und das Schmutzige rein.“  Diesen Satz finde ich im Tagebuch  von Dag Hammarskjöld, dem damaligen UNO-Generalsekretär. Sein Todestag  jährt sich jetzt  zum 55. Mal. Immer wieder entdecke ich solch faszinierende Merksätze in  seinen Aufzeichnungen. Alles dreht sich  für den Politiker darum, Vergebung zu lernen. Denn ohne die gibt es keinen Frieden. Und wir alle, meint Hammarskjöld, haben den Kindertraum  vom Frieden in uns: das Wunder,  dass doch wieder  heil werde, was in die Brüche gegangen ist oder was  kaputt gemacht wurde. Ebenso möge doch, was dreckig ist,  wieder rein werden.  Warum auch sonst sagen die  Eltern ihrem Kind, das auf die Nase geflogen ist: „es wird alles wieder gut“. Genau dafür war  Hammarskjöd unterwegs, dass endlich alles wieder gut wird in einer friedlosen Welt. Je größer  dabei die Widerstände waren, desto entschiedener hielt   der Friedenspolitiker an seiner Überzeugung fest: der Schlüssel zum  Menschheitstraum namens Frieden heißt  Vergebung – und die ist, wo sie gelingt, immer etwas Wunderbares.  Zu groß ist das Konfliktpotential, zu massiv die Krisen und vor allem die Angst vor  dem ersten Schritt auf den anderen zu. Wer dächte da  gegenwärtig nicht an die Misere in Syrien!  Aber vergessen wir den Kleinkrieg in Beziehungen nicht, und oft auch am Arbeitsplatz. Vergessen wir auch die inneren Kriegsschauplätze nicht, wo Menschen ständig im Clinch sind  mit sich selbst, unzufrieden und hadernd.

„In einem solchen Sinn bedürfen wir der Verzeihung und müssen sie geben“, heißt es weiter im Tagebuch heißt es weiter: „Im Erleben Gottes steht nichts zwischen ihm und uns, es  w i r d   uns verziehen. Aber wir  k ö n n e n   ihn nicht erleben, wenn irgendetwas zwischen uns und anderen stehen darf.“ Es herrscht also, will Hammarskjöld sagen, ein tiefer Zusammenhang zwischen der Bereitschaft, anderen zu verzeihen, und selbst um Vergebung bitten zu können. Wie könnte ich auch von anderen erwarten wollen, was ich selbst nicht gebe? Aber beider lässt sich nicht einfach machen oder gar erzwingen: es wird uns ermöglicht, ja geschenkt, wenn wir uns dafür öffnen und öffnen lassen. Spätestens da kommt das Geheimnis Gottes ins Spiel, der die Vergebung selber ist und sie schenkt, wo man ihn darum bittet. Entsprechend heißt die Vaterunser-Bitte Jesu nach Matthäus ziemlich paradox:  „Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben  h a b e n   unseren Brüdern und Schwestern“. Gottes Vergebung wird konkret im Mut, einander zu verzeihen und sich mit sich selbst versöhnen zu lassen. Nur so erfüllt  sich der Kindertraum vom Welt- und Seelernfrieden. Dafür lebte und starb Dag Hammarskjöld.

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Mystisches Netzwerk (III)

Mittwoch, 24. August 2016     [Druckversion]

Er war kein Theologe,  kein Kirchenmann,  weder Prediger noch Religionsfachmann. Und doch gehört er zu den großen Glaubenslehrern unserer Zeit, und das 55 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod erst recht und mit Zukunft. Ich spreche von dem UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld. Sein Tagebuch dokumentiert die innere Entdeckungsreise zu Gott und zu  sich selbst, überraschend aktuell und höchst inspirierend. Hammarskjöld, der hochbegabte Überflieger, hatte sein Leben lang daran zu arbeiten, wirklich der zu werden, der er ist. Immer mit besten Noten und in Spitzenstellungen, kannte er die Versuchung, hochmütig auf andere  herabzublicken. Gewissenhaft wie er war und hoch reflektiert, spürte er dann umso mehr Selbstverachtung und Scham über sich selbst.  Zwischen Grandiosität und Depression musste er seine Lebensgestalt erst finden, und darin sah er das Wirken Gottes. Mit einem altmodischen Begriff nannte Hammarskjöld diese Befreiung aus dem Spagat zwischen Selbstüberheblichkeit und Selbstabwertung Demut. Wörtlich: „Demut heißt, sich nicht vergleichen. In seiner Wirklichkeit ruhend ist das Ich weder besser noch schlechter, weder größer noch kleiner als Anderes und Andere, es ist nichts, aber gleichzeitig eins mit allem.“

Das ist typisch christliche Mystik. Sich ganz als Geschöpf Gottes begreifen zu dürfen,  sich ganz aus der Hand Gottes zu empfangen und sich seinem Wirken zu verdanken  - das macht frei. Ich finde das eine höchst praktische und aktuelle Perspektive. Wie oft ertappe ich mich dabei, mich mit anderen zu vergleichen und zu werten! Wie oft über-  oder unterschätze ich andere, und sehe mich beim  inneren Gerichtshof angestellt!. Hammarskjöld kennt das, aber irgendwann in seiner Lebensmitte muss es eine Umkehr gegeben haben. Der UNO-Generalsekretär nämlich ist  jetzt von einer demütigen Selbstgewissheit, nicht hochnäsig und aufgeblasen, nicht duckmäuserisch und konfliktscheu – er ruht so in sich und wirkt deshalb kompromissbereit und unbestechlich, und kann vieles bewirken. Wörtlich: „In der Selbstvernichtigung der Demut nichts zu sein und doch in der Kraft der Aufgaben ganz ihr Gewicht und ihre Autorität zu verkörpern, ist die Lebenshaltung des Berufenen. Wo Menschen, Werk, Gedicht und Kunst geben, was das Ich dabei vermittelt, und, einfach und frei, entgegennehmen, was ihm zukommt an Kraft der inneren Identität. Lob und Tadel, die Winde von Erfolg und Misserfolg blasen spurlos über dieses Leben hinweg und ohne sein Gleichgewicht zu erschüttern. Dazu hilf mir, Herr“.

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Mystisches Netzwerk (II)

Dienstag, 23. August 2016     [Druckversion]

Selfies gehören inzwischen zum Alltag. Es ist offenkundig eine Lust, sich selbst zu photographieren, mit anderen Leuten oder in interessanten Szenen. Dag Hammarskjöld, der große UNO-Generalsekretär, hat eine ganze Galerie von Selfies hinterlassen. Sein Tagebuch ist ein Netzwerk von Momentaufnahmen aus seinem inneren Leben, es dokumentiert das Abenteuer der Selbstwerdung in einem tief spirituellen Sinn. Da wird nachvollziehbar, wie ein Christenmensch immer genauer der werden will, der er sein soll.  

Im August 1955 lautet ein Tagebucheintrag so: „Einfachheit heißt, die Wirklichkeit nicht in Beziehung auf uns zu erleben, sondern in ihrer heiligen Unabhängigkeit. Einfachheit heißt sehen, urteilen und handeln von dem Punkt her, in welchem wir in uns selber ruhen. Wie vieles fällt da weg! Und wie fällt alles andere in die richtige Lage!“. Kritisiert wird also eine Haltung, in der wir alles  egoistisch nur auf uns beziehen und immer nur das Eine im Kopf haben, uns selbst. Nach Hammarskjöld wird dadurch das Leben kompliziert. Einfachheit heißt, sich kreativ zurück zu nehmen und offen zu werden dafür, dass Andere sind und Anderes. Von „heiliger Unabhängigkeit“  ist die Rede –  von innerer Freiheit und jener Selbstlosigkeit, die in Gottes Gegenwart gründet. Nicht das Ego steht im Mittelpunkt, sondern jener Punkt,  „in welchem wir in uns selber ruhen“, also ohne Angst und Zwang, sich in den Vordergrund spielen oder wegdrücken zu müssen. Hammarskjöld  weiter: „Im Zentrum unseres Wesens ruhend, begegnen wir einer Welt, in der alles auf gleiche Art in sich ruht. Dadurch wird der Baum zu einem Mysterium, die Wolke zu einer Offenbarung, und der Mensch zu einem Kosmos, dessen Reichtum wir nur in Bruchteilen erfassen. Für den Einfaches ist das Leben einfach, aber es öffnet ein Buch, in welchem wir nie über die ersten Buchstaben hinauskommen.“ Solche Art Diamant-Sätze finden sich viele in Hammarskjölds Selfie-Galerie.  Als Gottes Geschöpfe können wir demnach  uns  selbst und andere, im doppelten Wortsinn, wirklich s e i n lassen, in heiliger Unabhängigkeit, staunend, dankbar und neugierig.

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Mystisches Netzwerk (I)

Montag, 22. August 2016     [Druckversion]

„Mich durchschwebt die Vision von einem seelischen Kraftfeld, geschaffen in einem ständigen Jetzt von den vielen, in Wort und Tat ständig Betenden, im heiligen Willen Lebenden.“ Das notierte Dag Hammarskjöld in seinem immer noch aufregenden Tagebuch 1952, ein Jahr später wurde er zum UNO-Generalsekretär gewählt, keine zehn Jahre später  war er tot, gerade 56 Jahre alt, Opfer von Intrigen der Großmächte und wohl westlicher Geheimdienste. Das ist  am 17.September jetzt schon 55 Jahre her. Hammarskjölds Vision von einer spirituellen Ökumene aller Menschen  ist  die einzig realistische Antwort auf die gegenwärtigen Gewaltzusammenhänge, auf  Terrorängste und Lebensnöte. Nicht Hochsicherheitsdenken hilft weiter, sich abschotten auch nicht.  Das „seelische Kraftfeld“, für das  Hammerskjöld  arbeitet,  wird „geschaffen in einem ständigen Jetzt von den vielen, in Wort und Tat ständig Betenden, im heiligen Willen Lebenden.“ Der fromm geprägte Protestant  selbstverständlich ökumenisch und gut gebildet in den Weltreligionen, spricht nicht von Kirchen,  auch nicht von Religionen; er spricht von betenden Menschen, von solchen, die in Wort und Tat auf das Geheimnis bezogen sind, das wir Gott nennen. Nur das  schenkt den Mut, Gewalt nicht mit Gewalt zu beantworten  und aus dem Teufelskreis der Verängstigungen heraus zu kommen. Wer sich Gottes Gegenwart anvertraut, wird frei, das Nötige zu tun  und nicht länger in Gegenabhängigkeit auf  das Böse zu schauen, das passiert. In dieser Haltung  arbeitet  Hammarskjöld  unermüdlich vor allem für die armen Völker der Welt, für eine gerechte  Weltinnenpolitik des Friedens.  Auch die massiven Widerstände, die ihn schließlich das Leben kosten, halten ihn davon nicht ab.  Sein Tagebuch ist ein kostbares Dokument des ständigen Bemühens, betend in Gottes Gegenwart zu leben, dadurch Frieden zu finden und Frieden zu schaffen. 

Die viel beschworene Einheit von Mystik und Politik ist bei Hammarskjöld wie im  Laboratorium  eines alltäglichen Lebens zu lernen. Je sachbezogener und geduldiger, je selbstloser und trotz aller Widerstände zuversichtlicher ein Mensch sein Leben lebt und seine Arbeit tut, desto mehr Frieden entsteht. Noch einmalmal  also: „Mich durchschwebt die Vision von einem seelischen Kraftfeld, geschaffen in einem ständigen Jetzt von den vielen, in Wort und Tat ständig Betenden, den im heiligen Willen Lebenden.“

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