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Dr. Marko Kuhn

Von Dr. Marko Kuhn, Königswinter, Katholische Kirche

Keinen Fußbreit den Radikalen!

Freitag, 29. Juli 2016     [Druckversion]

Nach den Terroranschlägen von Paris schien es, als könnten wir eine Weile durchatmen. Und jetzt dieser Sommer von 2016: Nizza, Würzburg, München, Reutlingen, Ansbach, Rouen. Immer schneller scheint sich jetzt die Spirale der Gewalt und des Terrors zu drehen. Und was immer mehr um sich greift, ist ein Gefühl von Unsicherheit und Angst.

Ganz entscheidend ist jetzt, welche Reaktion unsere freiheitlichen Gesellschaften zeigen, wie wir in Europa, den USA und anderen freiheitlichen Ländern an den Wahlurnen entscheiden: Entweder mit Entschlossenheit und Treue zu unseren Werten oder mit Panik und Hass. Dabei geht es nicht mehr um seichte Durchhalteparolen. Es steht viel zu viel auf dem Spiel, nämlich die Grundfesten unserer freiheitlichen Ordnung und unseres Umgangs miteinander. Jetzt sind wir im christlichen „Abendland“ wirklich gefordert, zu dem zu stehen, was unsere Religion uns aufträgt: Nächstenliebe und Feindesliebe. Und das führt dazu, dass wir sagen müssen: Keinen Fußbreit den Radikalen! Weder den Terroristen noch den Populisten, die uns vorgaukeln, die Lösung in der Tasche zu haben. Unsere Welt ist unsicherer geworden, ja. Und leider ist wohl richtig, was der französische Premierminister Manuel Valls, nach dem islamistischen Anschlag von Nizza erklärte: „Wir dürfen uns an diese Bedrohung nicht gewöhnen, aber wir müssen lernen, mit ihr zu leben.“

Es wird schwierig sein, nicht in Panik zu verfallen und Zuflucht in den einfachen Antworten zu suchen. Ich sehe die Angst in den Gesichtern, höre sie in den Diskussionen und Meinungsäußerungen. Aber wenn wir uns auf das Erbe des Christentums in Europa beziehen, auf die Kultur, die unseren Kontinent geprägt hat, dann heißt das auch: Erinnerung an die Botschaft des Evangeliums von Liebe und Solidarität.

Ich möchte den Blick auf die Kontinente des Südens richten, denn dort ist die Unsicherheit, die uns jetzt im reichen Norden des Globus befällt, oft tägliche Realität. Aber immer wieder gibt es Szenen, die Hoffnung machen und zukunftsweisend sind, wie diese aus dem ostafrikanischen Kenia: Im Dezember letzten Jahres drang eine Gruppe islamistischer Terroristen in einen Reisebus ein und wollte alle Christen töten, die sich darin befanden, die Muslime aber verschonen. Die Passagiere wurden aufgefordert, sich nach Religionszugehörigkeit aufzuteilen. Die Muslime aber weigerten sich, die Christen auszuliefern. Sie forderten die Terroristen auf, entweder alle zu töten oder zu verschwinden. Die Terroristen zogen sich daraufhin zurück.

Nur ein Beispiel zur Beruhigung? Nein, denn Solidarität ist und bleibt der einzige Weg aus dieser Krise. Sie ist das beste Rezept gegen Panik, Radikalisierung und Hass.

 

 

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Dr. Thomas Weißer

Von Dr. Thomas Weißer, Budenheim, Katholische Kirche

Versuchung

Donnerstag, 28. Juli 2016     [Druckversion]

Gestern bin ich wieder der Versuchung erlegen. Da hatte ich einen Riegel Schokolade gegessen – und konnte mich nicht mehr zurückhalten. Ohne dass ich es wirklich bemerkt hatte, war plötzlich das Silberpapier leer. Die ganze Schokolode weg.

Versuchung, das ist mir aufgefallen, das Wort benutze ich nur, wenn es um Süßigkeiten geht. Versuchung ist halt ein altertümliches Wort. Negativ besetzt. Klingt nach erhobenem Zeigefinger. Passt also gut zu Süßigkeiten.

Im »Vater unser«, dem zentralen christlichen Gebet, spielt der Begriff der Versuchung eine andere, wichtige Rolle. Hier heißt es in einer Bitte an Gott: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“

Das klingt auch erstmal altertümlich – ist aber mehr. Der Satz geht von einer zentralen These aus. Der These, dass Menschen gut sind und das Gute wollen und es auch tun können. Wenn da eben nicht die vielen kleinen und größeren Versuchungen wären. Und hier ist mehr gemeint, als nur eine Tafel Schokolade. Versuchungen, das sind alle die Situationen, in denen Menschen anders handeln und reden, als es eigentlich gut wäre. Hier ist die Versuchung gemeint, sich wegzuducken, wenn es ernst wird. Die Kollegin wird gemobbt? Ist Ihr Problem. Der Nachbar braucht Hilfe? Ist mir zu lästig. Da ruft jemand an, der meine Geduld strapaziert? Ich sehe die Nummer auf der Anzeige und nehme gar nicht erst ab. Auch das sind in meinen Augen Versuchungen. Die Versuchung eben nicht einzugreifen, seine Hilfe zu verweigern, die Situation nicht zu klären. Obwohl ich genau weiß, was jetzt eigentlich zu tun wäre.

Ich erfahre immer wieder in solchen Situationen: Ich komme da selbst nicht raus. Ich brauche Hilfe und Unterstützung, damit ich anders handle. Das ist gemeint mit dem Satz „Erlöse uns von dem Bösen.“ Dass ich manchmal eben nicht aus dem Teufelskreis des Wegsehens, des Desinteresses, der eigene Feigheit ausbrechen kann. Dass ich der Versuchung nachgebe, nichts zu tun, obwohl jemand meine Hilfe braucht. Da richtet sich diese Bitte an Gott. Es ist eine Bitte um Hilfe, um einen Anstoß, dass ich mich einsetze. Dass ich dem Guten Raum gebe. Dass ich einschreite, wenn es nötig ist.

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Der letzte schöne Tag

Mittwoch, 27. Juli 2016     [Druckversion]

Jedes Jahr sterben etwa zehntausend Menschen in Deutschland durch ihre eigene Hand. Weltweit zählt der Suizid zu den zehn häufigsten Todesarten. Aber öffentlich drüber reden? Eher nicht. Suizid, das ist der Tod, der verschwiegen und verdrängt wird.

Der Film »Der letzte schöne Tag« macht da nicht mit. Er macht den Suizid zum Thema – und fängt mit ein paar harmlosen Anrufen an. Sybille telefoniert mit ihrem Mann Lars. Sie plaudern. Er hat noch länger zu tun. Und sie soll nicht mit ihm auf das Essen warten. Dann redet Sibylle mit ihrer Tochter Maike und ihrem Sohn Piet. Bei haben keine Zeit, haben Kino und Fußball im Kopf.

Dann ist Sybille tot. Und Lars, Maike und Piet müssen mit diesem Tod umgehen. Sie trauern. Machen sich Vorwürfe. Hätten sie den Suizid verhindern können? Sie sind wütend, dass Sibylle gegangen ist. Verzweifelt: Haben sie die Frau, die Mutter je wirklich gekannt? Und dann müssen sie auch noch irgendwie ihr Leben weiterführen. Schule, Job, Haushalt und all die alltäglichen, ganz profanen Dingen hören ja nicht auf.

Der Film »Der letzte schöne Tag« erzählt von den Hinterbliebenen. Erzählt, wie schwierig der Umgang mit dem sogenannten Freitod ist.

Gerade auch die Kirche hat sich lange Zeit schwer damit getan, dass jemand – scheinbar freiwillig – aus dem Leben scheidet. Die klassischen Argumente lauten: Der Suizid verstößt gegen die Selbstliebe, gegen die Gemeinschaft und gegen Gott, der das Leben will. Deswegen konnte ein Suizident auch nicht kirchlich beerdigt werden.

Das hat sich zum Glück geändert. Auch Menschen, die durch Suizid aus dem Leben scheiden, können beerdigt werden. Vor allem die Erkenntnisse der Suizidforschung haben auch die kirchliche Praxis verändert. Heute ist klar, dass ein Suizid nur sehr selten nach einer freien Entscheidung folgt. Selbsttötung ist oft verbunden mit psychischen Erkrankungen, mit Depression, mit Krisen und Situationen der Ausweglosigkeit. Deswegen steht auch in der Kirche nun die Suizidprävention im Mittelpunkt, die Hilfe vor der Selbsttötung. Und die Hilfe für die, die Zurückbleiben. Auch aus der Überzeugung heraus: In Krisen zählen nur Hilfsangebote – keine Verurteilungen.

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Die Macht der Träume

Dienstag, 26. Juli 2016     [Druckversion]

Bertrand Piccard hat seinen Traum wahr gemacht. Erst vor kurzem hat er es geschafft: Einen Flug quer über den Atlantik – in einem Flugzeug, das nur von Sonnenenergie angetrieben wurde. Ein langer Flug: Über einundsiebzig Stunden. Start in New York City. Gelandet ist Piccard im spanischen Sevilla. Der Trip über den Atlantik war ein Triumph – und eine eindrucksvolle Werbung für erneuerbare Energien.

Energie durch Wind und Wasser und die Sonne – das ist mittlerweile nichts Besonderes mehr. Überall finden sich Anlagen, die so Strom produzieren. Aber dass man allein mit Solarenergie ein paar tausend Kilometer fliegen kann, das schien lange unmöglich.

Bertrand Piccard musste viel Spott einstecken für seine Schnapsidee. Aber der Schweizer hat immer weiter gemacht. An seinen Traum geglaubt. Und alle Experten Lügen gestraft.

Seinen Träumen glauben, das Unmögliche möglich machen, das wurde Piccard in die Wiege gelegt. Sein Großvater, Auguste, stieg 1931 als erster Mensch mit einem Ballon in die Stratosphäre auf. So weit hatte sich vor ihm noch keiner von der Erde entfernt. Und Bertrands Vater Jacques setzte sich fast 30 Jahre später in ein kugelrundes U-Boot und tauchte in den Marianengraben. Elf Kilometer tief. Tiefer geht es nirgendwo auf der Erde.

Aber Bertrand Piccard, dem Solarflieger, ging es keineswegs um einen weiteren Rekord in der Familie. Er hatte eine Botschaft: Dass eine Welt möglich sein kann, in der alle Energie sauber ist.

Für diese Botschaft musste Piccard einige Hürden überwinden. Aber er hat sich nicht entmutigen lassen. Hat daran geglaubt. Und es schließlich geschafft.

Das ist es, was mir an dem Solarflieger imponiert. Dass er nicht locker gelassen hat. Denn mir fällt das manchmal schwer. Schon bei kleinen Sachen. Da sitze ich am Schreibtisch und ich komme kaum vorwärts mit meiner Arbeit. Am liebsten würde ich da manchmal weglaufen. Einfach alles sein lassen. Ich bin drauf und dran, die Flinte ins Korn zu werfen. Piccard ist mir da ein Vorbild. Er macht mir Mut, es wieder und wieder zu probieren. Bis es klappt.

 

 

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Kirchenbank auf der Wiese

Montag, 25. Juli 2016     [Druckversion]

Die ungewöhnlichste Kirchenbank, die ich kenne, habe ich bei einem Besuch in Bamberg entdeckt. Sicher: Die Bank sieht ganz normal aus. So, wie ich das aus vielen alten Kirchen kenne. Sie ist aus dunklem Holz gemacht. Hat breite Seitenstützen, eine durchgehende Sitzfläche, eine Rückenlehne aus zwei flachen Hölzern. Hinten hat die Bank ein Fach für Gebetbücher. Und eine niedrige Kniebank ist auf der Rückseite angebracht. Kurz: Eine ganz normale Kirchenbank. Zu einer besonderen Bank macht sie der Ort, an dem sie steht. Ich habe sie am Rand einer Wiese gefunden. Mitten im Freien, mitten im Grünen.

Eine tolle Idee. Die Kirchenbank steht da und wartet darauf, dass sich Leute hinsetzen. Und sozusagen diese ‚Kirche im Freien‘ für Gespräche nutzen. Oder für einen stillen Moment. Oder ein Gebet. Oder für ein Picknick mit der Familie.

Jetzt kann man natürlich fragen: Ist eine Kirchenbank auf der Wiese überhaupt noch eine Kirchenbank? Muss die nicht in der Kirche stehen?

Ich kann aber auch umgekehrt fragen: Was macht denn Kirche aus? Ich erlebe Kirche überall dort, wo Menschen über ihr Leben, über Gott und die Welt, über ihren Glauben und ihre Fragen ins Gespräch kommen. Mit sich, mit anderen, mit Gott. Wo Menschen all das, was sie bewegt, vorbringen können. Kirche, das ist für mich ein Ort, wo ich nichts leisten muss, wo ich nichts darstellen muss, wo es egal ist, wer ich bin und woher ich komme. Kirche heißt: Ich darf sein.

Genau davon erzählt die Kirchenbank im Grünen. Ihr Signal: Kirche ist mehr als ein Gebäude mit Wänden und Dach. Kirche braucht keine Mauern, keine Glocke, keinen Altar. Kirche kann ein Ort mitten im Alltag sein. Und deshalb kann Kirche auch in der Küche, in der Schule, oder eben auf einer Wiese sein. Die Kirchenbank sagt: Der Glaube macht dir Platz. Für deine Sorgen, für dein Ruhebedürfnis, für deine Sehnsucht nach einem Gespräch.

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