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Dr. Marita Rödszus-Hecker

Von Dr. Marita Rödszus-Hecker, Heidelberg, Evangelische Kirche

Christenverfolgung

Samstag, 28. Mai 2016     [Druckversion]

„Christenverfolgung“ – in unserem Religionsbuch damals in den 1960igern lernte man dazu den gruseligen Kaiser Nero kennen, der mit Christen als lebenden Brandfackeln seine Partys illuminierte. Aber das alles: lange vorbei. So ähnlich wie die Pocken – kommt hier in unseren Breitengraden nicht mehr vor!

Christenverfolgung,- da lernen die Kinder heute im Groben dasselbe, mit dem  Hinweis,  „die notwendige Aktualisierung“ könne im Unterricht durch „eine kleine Internet-Recherche erfolgen. Die Schu?lerinnen und Schu?ler entdecken, wie und wo heute im Irak, in China, Nigeria, Indonesien usw. Christen verfolgt werden.“ Und auf diese Weise, so heißt es weiter in der Unterrichtseinheit für den Religionsunterricht,  lernen sie das Recht auf Religionsfreiheit scha?tzen“. Das Recht also, dass sie hier bei uns glauben können was und wie sie wollen. Sie können aus der Kirche austreten, wenn sie möchten und fortan den Herrgott einen guten Mann sein lassen. Sie können konvertieren zu was auch immer. Sie dürfen zu keinerlei religiöser Praxis oder Überzeugung gezwungen werden. Sie dürfen Nietzsche zitieren und sagen „Gott ist tot“, sie dürfen die Bibel zitieren,  und sagen „Christus spricht: ich bin der Weg die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater, denn durch mich.“ Sie dürfen den Koran zitieren oder  wie ein Jugendlicher auf die Frage: Bis du religiös?“ antworten: „Ich bin nicht religiös, ich bin normal.“  So weit so gut.

Aber was sie unbedingt auch noch erfahren sollten ist, dass Christenverfolgung wieder eine traurige Aktualität erlangt.   Dass Christen auch hier in Deutschland drangsaliert werden, verprügelt und bedroht werden, weil sie die Bibel neben dem Bett haben und ihr Taufkreuz tragen. Dass Christen aus Iran und Konvertiten aus Afghanistan hier in  Flüchtlingsheimen von Muslimen schikaniert werden, weil sie Christen sind. Nachzulesen war das vor wenigen Wochen  in einer der großen Tageszeitungen.

Die Freiheit auf Religionsausübung hier bei uns ist  rechtlich gesichert. Darum müssen die Opfer erfahren, dass ihnen Unrecht geschieht und dass sie durch das geltende Recht geschützt sind. Das Recht auf Religionsfreiheit soll einen Frieden herstellen, der ganz unabhängig davon ist, ob man in religiösen Fragen übereinstimmt oder nicht. Und genau darum sollten alle, die hier leben, nicht nur Schüler, das „Recht auf Religionsfreiheit“ jeden Tag und an jedem Ort schätzen und schützen  lernen.

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Talent zur Freundschaft

Freitag, 27. Mai 2016     [Druckversion]

“Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen.“ (1. Kor 16,14) Wer sich diesen Trauspruch auswählt, der hat sich viel vorgenommen. Von „Jeden-Morgen- neben -demselben -aufwachen“ bis zum Abend, wenn der Laptop endlich zugeklappt wird. Vom Kindergeschrei über Autos, die zur Reparatur gebracht werden müssen, bis zu den Schwiegereltern, die man mitheiratet. Vom „Ja“ vor dem Altar bis zum „dass Gott euch durch den Tod scheide“. Und man hat keine Ahnung, wann und wie und wo das sein wird. „Alle Dinge in Liebe geschehen lassen.“   

Aber es wäre ja doch schade, wenn man vor dem Traualtar insgeheim schon überlegt, ob das Ganze denn wohl wirklich fünf Jahre hält. Das wäre  gerade so, als wenn man sich eine Weltreise vornimmt – aber nur eine Fahrkarte nach Wanne-Eickel löst.  

Ich wünsche allen Paaren, die sich trauen lassen, dass sich ihre Hoffnung auf Liebe, die ein Leben lang bleibt, erfüllt. Vor allem aber wünsche ich, dass sie sich einander ein Leben lang die besten Freunde bleiben - beruht doch, wie der Philosoph Friedrich Nietzsche feststellte, eine gute Ehe auf dem „Talent zur Freundschaft.“ (Nietzsche)

Ein Freund - das ist einer, mit dem ich über alle Herzens-, Kopf-, Bauch- und sonstige Angelegenheiten reden kann. Mit dem ich durch dick und dünn gehen kann. Ein Freund ist einer, der unter allen Umständen zu mir hält. Der mich nicht dann verlässt, wenn ich ihn brauche. „Die Freundschaft vermehrt das Gute und verteilt das Schlimme; sie ist das einzige Mittel gegen das Unglück, sie ist das Aufatmen der Seele.“ (Balthasar Gracian) Besser lässt sich auch eine gute Ehe nicht beschreiben.

Der Freund zieht dem Freund nicht die Krücken weg, an denen er humpelt. Wer den anderen als Freund kennen gelernt hat, weiß ja doch ziemlich genau, wo seine Schwächen liegen. Er weiß, wo der andere verletzlich ist, empfindlich reagiert und wo er selbst sich etwas vormacht. Aber weil der wahre Freund auch die Kleinheit, die Schwäche, die Not des Freundes liebevoll durchschaut, legt er keine Finger in offene Wunden. Alle Dinge in Liebe geschehen lassen, das heißt darum auch in der Ehe: dem anderen nicht täglich unter die Nase reiben, was an ihm verbesserungsbedürftig ist. Um ein Freund zu sein, eine Freundin, ist niemand zu jung und niemand zu alt. Eine solche lebenslange Freundschaft wünsche ich allen, die so mutig sind und vor dem Traualtar versprechen, einander zu lieben und zu ehren, bis dass der Tod sie scheide.  

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Klaus Nagorni

Von Klaus Nagorni, Karlsruhe, Evangelische Kirche

Im eigenen Echoraum

Mittwoch, 25. Mai 2016     [Druckversion]

Ich stelle mir vor, ich wäre von lauter Menschen umgeben, die dieselbe Meinung hätten wie ich. Sie läsen dieselben Bücher und wählten dieselbe Partei. Ist das nicht ein grässlicher Gedanke?

Aber so ähnlich funktionieren manche der sozialen Medien. Man äußert auf Facebook eine bestimmte Meinung. Und schon bieten sich hunderte von Freunden an, denen das gefällt. Man bestellt im Online-Buchhandel ein Buch. Und umgehend werden einem andere Titel empfohlen, die dazu passen sollen. Manche Experten erwarten schon eine Entwicklung, die dazu führt, dass jeder nur noch in seinem eigenen Echoraum lebt. 

Natürlich gibt es so etwas auch im realen Leben. Wenn ich mich zum Beispiel nur noch mit Leuten umgebe, die mich bestätigen. Was keine Seltenheit sein soll in manchen Führungsetagen.    

Da finde ich es gut, wieder einmal nachzulesen, wie sich Paulus ein funktionierendes Miteinander in einer christlichen Gemeinde vorstellt. Etwa die Gemeinde in der Hafenstadt Korinth. Dort kannte er sich aus. Kannte auch die Neigung der Menschen, sich abzukapseln unter Gleichgesinnten.

An die Korinther schreibt Paulus: Eine Gemeinde ist wie einen lebendiger Körper. Mit unterschiedlichen Organen und Körperteilen. Das Ganze kann nur funktionieren, wenn jeder seinen Teil dazu beiträgt. Der Fuß sorgt dafür, dass der Körper gehen kann. Die Hand, dass er greifen kann. Das Ohr, dass er hören kann. Das Auge, dass er sehen kann. Wie aber soll das Ganze funktionieren, wenn der Fuß darüber jammert, dass er keine Hand ist? Wenn das Auge lieber ein Ohr wäre? Wenn das Gehör sich taub stellte, weil es viel lieber riechen als hören würde?

Sehr plastisch macht Paulus klar, dass eine Gemeinde nur in Vielfalt funktionieren kann. Jeder Einzelne mit seiner Gabe, mit ihrem Talent. Und mit dem Ziel, alles in einem großen Akkord zusammenklingen zu lassen.

Ich frage mich, ob sich die Idee des Paulus nicht übertragen lässt - von einer Gemeinde im Kleinen auf die Gesellschaft im Großen? Klar, zuweilen kann es sehr schön und auch entlastend sein, sich unter Gleichgesinnten zu bewegen. 

Auf die Dauer aber würde es mir im eigenen Echoraum zu eng. Fenster und Türen zu öffnen, um nach denen zu schauen, die anders leben und anders denken als ich, finde ich viel spannender. 
Und darüber hinaus macht es das eigene Leben bunter und vielfältiger.

 

 

 

 

 

 

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Tausend Teufel

Dienstag, 24. Mai 2016     [Druckversion]

„Mensch, hüte dich vor dir! Wirst du mit dir beladen, wirst du dir selber mehr als tausend  Teufel schaden.“ An diesem Satz von Angelus Silesius, einem schlesischen Mystiker des 17. Jahrhunderts, bin ich hängen geblieben. 

Dass jeder sein Päckchen zu tragen hat, das sagt ja bekanntlich schon der Volksmund. Und manchmal kann einem das sogar ein Trost sein. Dass wir alle unseren Kummer haben, so oder so!

Was aber, wenn man das Gefühl hat, mit sich selbst beladen zu sein, mit dem eigenen Leben? Angelus Silesius stellt einen solchen Gedanken an. Und er erscheint mir heute als sehr aktuell. Mit sich selbst beladen sein. Den Sehnsüchten, die man hat. Den Wünschen, die unbedingt erfüllt werden müssen. Den unterschiedlichsten Rollen, denen man unbedingt gerecht werden will. Nicht zuletzt auch der Eitelkeit, die einen verletzlich macht.

Die Gestalt des Narziss aus der griechischen Mythologie fällt mir ein. Fasziniert von sich selbst, aber auch beladen mit dem eigenen Ego, ertrinkt er im eigenen Spiegelbild.

Wer mit sich selbst beladen ist, denke ich, merkt das oft gar nicht. Nur in selten Momenten kommen die Fragen: warum machst du das eigentlich alles? Warum fühlst du dich so genötigt, besser zu sein? Schöner? Erfolgreicher? Warum lieferst du dich so aus an das Urteil anderer? Warum machst Du es Dir selbst so schwer? Ist das Leben nicht noch etwas ganz Anderes? Viel größer, viel umfassender? Und vor allem - ein Geschenk an dich, ganz und gar gratis?

„Gratis“, das heißt ja nichts anderes als „geschenkt“. Das weist uns darauf hin, dass wir das Entscheidende in unserem Leben nichts selbst machen können. Und auch gar nicht müssen. Durch kein Päckchen, das ich mir selbst auflade. Durch keine Last, die ich zu schultern versuche. 

Mit jedem Atemzug geht das Leben durch mich hindurch. Ganz von alleine. Mit jedem Pulsschlag, also im Durchschnitt 60 bis 80 Mal pro Minute, werde ich daran erinnert. Völlig gratis. Und manchmal stellt sich dabei eine Leichtigkeit ein, die einen abheben lässt von der eigenen Erdenschwere. 

Darauf will ich hoffen: dass es mir heute ein bisschen besser gelingt als gestern, mich „vor mir selbst zu hüten“. Vor der Last, mit der ich mich selber belade. Ich nehme mir stattdessen vor, mich dieser Leichtigkeit anzuvertrauen. Und mit ihr möglichst lange in Berührung zu bleiben.     

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Traumschiff forever?

Montag, 23. Mai 2016     [Druckversion]

Traumschiff heißt der Roman, den ich gerade zu Ende gelesen habe. Er erzählt von einer nicht enden wollenden Kreuzfahrt. Und einem ganz besonderen Schiff. Darauf befinden sich außer den üblichen Passagieren 144 Personen, die wissen, dass sie das Traumschiff nicht lebendig verlassen werden.

Jeder dieser besonderen Passagiere lebt auf sein eigenes Ende hin. Zwischen Vergänglichkeit und Traum. Auf dem sich endlos erstreckenden Meer der Zeit. Traumschiff forever, sozusagen!   

Ich habe ich mich gefragt, ob der Autor mit diesem Traumschiff vielleicht ein Gleichnis geschaffen hat für die Menschheit und ihre Träume? Für den Traum, das Leben als nicht enden wollendes Vergnügen zu inszenieren? Für das Verlangen, dem Glück - oder was man dafür hält - um jeden Preis hinterher zu segeln?  

Ich finde bemerkenswert, dass es in der Bibel eine ganz andere Art von Träumen gibt. Es sind Träume, die den Träumenden helfen, klarer zu sehen. Tiefer in die Wirklichkeit einzudringen. Solche Träume steigern die Wachheit. Sie sagen: Was du vor Augen hast, ist nicht alles. Finde dich nicht ab damit! Da ist eine Zukunft, die noch nicht eingelöst ist. So wie es in einem Kirchentagslied heißt: „Es kommt die Zeit, in der die Träume sich erfüllen, dann gehen Gott und die Menschen Hand in Hand...“

Ich denke an die Träume, die die Propheten im Alten Testament träumen. Es sind Träume, die keine Schäume sind. Es sind erweckende Träume. Sie greifen nach einem Frieden und einer Gerechtigkeit, die erst noch kommen sollen. Denen man aber auch heute schon entgegengehen kann. 

Etwa der wunderbare Traum am Ende der Bibel, wo alles, was ich mit dem Namen Gott verbinde, keine irreale Sehnsucht mehr ist. Sondern Realität. Tränen, die nicht mehr vergossen werden müssen. Schmerzen, die keinen mehr quälen. Hunger, den keiner mehr erleidet.

Solche Träume sind wie Leuchtfeuer. Sie sorgen dafür, dass ein Schiff nicht im Kreis fährt, sondern einen Hafen findet. Sie leuchten selbst bei Nacht und Nebel und markieren die Fahrtroute. 

Mich inspirieren sie dazu, immer wieder über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Meinen Alltag auf eine Zukunft auszurichten, in der Frieden und Gerechtigkeit keine fernen Träume mehr sind. 

Und ausgeschlafen und aufgeweckt zu versuchen, jeden Tag wenigsten ein paar Schritte in diese Richtung zu gehen.

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