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Dr. Friedemann Fritsch

Von Dr. Friedemann Fritsch, St. Georgen, Evangelische Kirche

Widerspruch einlegen

Samstag, 25. Juni 2016     [Druckversion]

„Du schaffst es nicht. Keiner braucht dich. Du hast es schon so oft vermasselt. Nichts bringst du auf die Reihe. Lass die Finger davon.“

Kommt Ihnen das bekannt vor? Gedanken, die lähmen, die einem jede Motivation nehmen. Der Mönch Anselm Grün nennt diese Gedanken „Einreden“. Und er meint, dass alle Menschen davon überfallen werden. Manche plötzlich und ohne Vorwarnung, andere aufgrund einer Veranlagung. Und wenn man nichts aktiv dagegen unternimmt, werden diese Gedanken zum Teil des Lebens, der eigenen Persönlichkeit. „Ich kann nicht.“ Wer immer wieder auf diese Stimme hört, kann irgendwann wirklich nicht mehr.

Aber – davon bin ich überzeugt, eines kann man doch: Widerspruch einlegen. Oder jemanden aufsuchen, der für mich, an meiner Stelle widerspricht. Dabei ist es zunächst mal wichtig, die Stimme ernstzunehmen, sich nicht innerlich einfach die Ohren zuzuhalten. Ich denke dann etwa: „Wer immer du bist, ganz Unrecht hast Du nicht. Es geht mir nicht gut. Ich fühle mich erschöpft und ausgebrannt. Ich sehe derzeit keine Perspektive. Aber - das ist nicht alles, was von mir zu sagen ist, und deshalb widerspreche ich dir. Ich bringe vielleicht heute nichts Großes zustande. Aber aufstehen, das kann ich, mich richten und mir ein Frühstück machen, das kriege ich hin.“ Oder: „Vielleicht hast Du recht, ich habe versagt, ich sollte mich schämen. Aber das ist nicht alles, was von mir zu sagen ist. Ich habe auch schon erfolgreich gearbeitet, und es gibt Menschen, die mich lieben. Und das will ich zum Anlass nehmen, es noch einmal zu versuchen, noch einmal einen Schritt zu tun.“

Anselm Grün hat sich bei seinen Gedanken von christlichen Mönchen des 4. Jahrhunderts anregen lassen. Die waren auch nicht vor solchen Einreden sicher. Aber Sie waren überzeugt: Gott hilft im Kampf gegen negative Einreden, Gott widerspricht. „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch neue Kraft geben“, sagt er. Ein Wort, das auch mich anspricht, und das ich so verstehe: Du kannst. Und selbst, wenn es mit dem Aufstehen oder mit der Arbeit heute nicht klappen sollte: Du bist unendlich wertvoll. Deine Gaben sind unersetzlich. Deine Schuld ist vergeben. Du wirst einen guten Weg gehen.

Einreden sind noch keine Depressionen. Darum macht es Sinn, zu widersprechen. Ich glaube, dass Gott mir dabei hilft.

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Johannistag

Freitag, 24. Juni 2016     [Druckversion]

„Eilt ihr Stunden, kommt herbei, bringt mich bald zu diesen Auen.“  (BWV 30)

So heißt es in einer Bach-Kantate zum Johannisfest. Hinreißend schöne Musik, finde ich. Violine und Sopranstimme jubeln in den höchsten Lagen; sie und scheinen sich gegenseitig anzutreiben, um diese Botschaft auszurichten: Die Zeit vergeht, aber sie tut es nicht schnell genug in Anbetracht dessen, was auf mich wartet: Die Herrlichkeit der himmlischen Welt.

Die heutige Sommersonnenwende hat etwas mit dieser Eilenden Zeit zu tun. Sie spielt in vorchristlichen Religionen und Kulten eine große Rolle. Das entsprechende Brauchtum hat sich vielerorts erhalten, wie z. B. der Tanz um das Feuer oder das Binden des Johanniskranzes. Von der katholischen Kirche wird dieser Tag seit dem vierten christlichen Jahrhundert als Hochfest für Johannes dem Täufer gefeiert, und auch die evangelische Kirche hat dieses Fest beibehalten.

Johannes hat nach neutestamentlicher Überlieferung Jesus im Jordan getauft. Und weil ab dem 24. Juni die Tage wieder abnehmen bis zur Winterwende am 25. Dezember, sah die Kirche bestätigt, was Johannes der Täufer im Hinblick auf Christus gesagt hatte: „Er – der Christus – muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ (Johannes 3,30).

Dieses Wachsen und Abnehmen beschäftigt mich. Wieder ist das Jahr zur Hälfte um, es rast seinem Ende zu, auf Weihnachten. Das Leben geht vorbei, die Kräfte lassen nach, der Sommer ist kurz. Mein und jedes Leben ist begrenzt, auch die Zeit der Welt. Und doch glaube ich: die große Wende steht bevor. Christus wächst, seine Kraft wächst, und eines Tages wird er ganz groß sein. Ich sehe es dort, wo der Widerstand gegen Unrecht wächst, wo Menschen einstehen für ihre bedrängten Mitgeschöpfe. Wo ein Völkermord öffentlich verurteilt wird. Wo verfolgte Christen ihren Peinigern vergeben. Eilt, ihr Stunden, heißt es in der Bachkantate zum heutigen Johannestag. Ja, ich teile diese Ungeduld, diese Hoffnung. Einmal wird Die ganze Welt von Christus durchdrungen sein, von seiner Liebe geprägt. Die Gewaltherrscher am Ende, vorbei der Wahnsinn, der Terror, die Gier.

Feiern Sie Johannistag. Sei es in einer katholischen Kirche – oder beim Hören einer Bach-Kantate.

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Menschen achten, Gott ehren

Donnerstag, 23. Juni 2016     [Druckversion]

Anerkennung ist ein Lebensmittel. Sie ist so lebensnotwendig wie Essen und Trinken. Menschen leben nicht vom Brot allein, sondern von Worten und Gesten, die ihnen Ehre erweisen. Die sie aufbauen, loben, auszeichnen, würdigen. Wie neulich, als ein Abiturient sich bei mir für den Religionsunterricht bedankte und mir sogar ein kleines Geschenk überreichte. Das hatte ich nicht erwartet und auch noch nie erlebt, und ich spüre, wie mich diese Ehrung beflügelt. Und wenn ein Mensch ein gewisses Alter erreicht hat, dann darf er oder sie auch so geehrt und anerkannt werden – es ist kein schlechter Brauch, sich zu erheben, wenn ältere Personen den Raum betreten.

Freilich wird vielen Menschen diese Anerkennung verweigert. Sie wollen Arbeit, wollen etwas leisten und finden keine Abnehmer. Auch im Kulturbereich nehme ich das wahr: Hochqualifizierte Musiker spielen in unseren Städten mit dem Hut vor den Füßen. Bücher von erstklassigen Autoren werden verramscht.

Das aber ist nicht richtig. Einer komme dem anderen mit Ehrerbietung zuvor, heißt es in der Bibel. Das gilt zunächst völlig unabhängig von dem, was ein Mensch leisten kann, welche Hautfarbe oder sonstige Eigenheit er oder sie hat. Ehre sei dem Menschen, denn er ist ein Geschöpf Gottes. Dann aber auch: Ehre sei den Menschen für das, was sie an Gutem und Schönen hervorbringen. Meinen Eltern gebührt z.B. Ehre, weil sie mir das Leben gegeben haben, meinen Kindern, weil sie mich trotz meiner Ecken und Kanten noch lieben. Auch manchen meiner Lehrer bewahre ich ein ehrendes Andenken. Denn inzwischen ist mir klar geworden: was Menschen im positiven Sinne leisten und füreinander tun, verdankt sich der Güte Gottes. Gott schenkt die Gaben, die Kraft, die Liebe, um etwas zu schaffen, etwas, das anderen dient und sie erfreut. „Soli Deo Gloria – Gott allein die Ehre“ schreibt Bach auf seine Manuskripte. Sehr weise, finde ich. Denn wenn ich einem Menschen Anerkennung zeige oder mir solche zuteil wird, dann soll ich Gott diese Ehre nicht vorenthalten. Er ist der Grund für alles, was Menschen aneinander achten und schätzen können. Mehr als alles andere verdient er mein Lob, meine Ehrerbietung.

Menschen achten. Gott die Ehre geben. Beides gehört für mich zusammen. Ein guter Brauch, sich zu erheben, wenn es im Gottesdienst erklingt: Soli Deo Gloria.

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Wolf-Dieter Steinmann

Von Wolf-Dieter Steinmann, Ettlingen, Evangelische Kirche

Heine und Luther

Mittwoch, 22. Juni 2016     [Druckversion]

Es ist gut, wenn man die Welt nicht nur durch die eigene Brille sieht. Wenn man sich die Perspektive eines anderen borgt, verändert das.

Ich habe mit Heinrich Heine auf Martin Luther geschaut. Und mein Bild wurde dadurch heller. Es war in letzter Zeit nämlich recht dunkel geworden. Ich habe immer häufiger Luthers Schatten gesehen. Vor allem sein erbarmungsloses Wüten gegen die Juden.

Dann habe ich Heine gelesen und mich gewundert. Heine war selbst Jude und hat unter seiner protestantisch- deutschen Obrigkeit zu leiden gehabt. So sehr, dass er nach Paris ins Exil musste. Dort hat er eine ‚Geschichte der deutschen Religion und Philosophie‘ geschrieben und dieses Lob:

„Ruhm dem Luther! Von dessen Wohltat wir noch heute leben.   Seine ..Fehler haben uns mehr genutzt als die Tugenden von tausend anderen. Die Feinheit des Erasmus und die Milde des Melanchthon hätten uns nimmer so weit gebracht wie manchmal die göttliche Brutalität des Bruder Martin.“
Heine hat also gewusst um Luthers Ausfälle. Und trotzdem rühmt er ihn. Wie das?

Meine Sicht auf Luther ist geprägt durch die Gräuel des 20. Jahrhunderts. Den Holocaust. Und mancher macht Luther heute dafür direkt mitschuldig.

Aber es ist nicht ‚historisch‘ geurteilt, wenn ich einen Menschen der Vergangenheit mit dem Wissen und nach den Maßstäben von heute beurteile. Wenn ich ihm zuschreibe, was andere mit ihm gemacht haben. Luthers Ausfälle bleiben auch - historisch geurteilt- „brutal“. Aber es ist angeraten, unsere Perspektive zu erweitern.

Heine sieht Luther anders.
Für ihn beginnt mit Luther ein neues Zeitalter in Deutschland. Er schreibt:

„Indem Luther den Satz aussprach, daß man seine Lehre nur durch die Bibel selber, oder durch vernünftige Gründe, widerlegen müsse, war der menschlichen Vernunft das Recht eingeräumt, die Bibel zu erklären und sie, die Vernunft, war als oberste Richterin in allen religiösen Streitfragen anerkannt. Dadurch entstand in Deutschland die so genannte Geistesfreiheit, oder, wie man sie ebenfalls nennt, die Denkfreiheit.“( S. 37) Soweit Heine.

Was er mir damit zu denken gibt? Freiheit des Denkens entsteht nicht, wenn ich meine Sichtweise absolut setze. Freiheit im Denken entsteht vielmehr, wenn ich meine Sichtweise relativieren lasse durch die anderer. Dabei sehe ich, dass die meisten Menschen nicht nur schwarz oder weiß sind, sondern beides. „Menschen sind Sünder und gerecht in einem.“ So hat Luther das als Theologe benannt. Dem entkommen auch wir nicht. Gerade wenn man sich seiner selbst moralisch sicher scheint. Dafür bin ich Heine und Luther dankbar.

Heinrich Heine; Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland; Hrsg. Von Jürgen Ferner Stuttgart 1997

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Mesut Özil und ich

Dienstag, 21. Juni 2016     [Druckversion]

Wenn Mesut Özil kein guter Deutscher ist, dann bin ich auch keiner. Dem deutschen Fußballnationalspieler hat man den Patriotismus vor kurzem abgesprochen. Dabei ist er wie ich in Deutschland geboren. Er in Gelsenkirchen, ich in Heidelberg. Er hat hier seinen Schulabschluss gemacht. Selbstverständlich hat er seinen deutschen Pass. Und es war für ihn keine Frage, dass er in der deutschen Nationalmannschaft spielen möchte. Da unterscheiden wir uns. Ich bin leider kein so außergewöhnlicher Spieler wie er.

Und trotzdem wird gegen Mesut Özil politisch gehetzt. Es sei „antipatriotisch“, dass er kurz vor der EM als muslimischer Pilger in Mekka war.

Wieder dieses üble Ausgrenzen von Deutschen muslimischen Glaubens, ihrer Religion wegen. Wieder dieses üble Spiel. Und diese generelle Stigmatisierung: Ein praktizierender Muslim könne nicht auf dem Boden des Grundgesetzes stehen. Der deutsche Pass reiche nicht. Der Islam gehöre nicht zu Deutschland.

Und woran soll das ablesbar sein? Etwa daran, dass der geographische Fluchtpunkt seines Glaubens nicht in Deutschland liegt? Nicht in Europa? Sondern im Nahen Osten.

Aber das ist bei mir als Christ auch nicht anders. Der geographische Fluchtpunkt des christlichen Glaubens liegt nicht in Deutschland. Und für mich auch nicht in Europa. Ich bin evangelisch, aber Luthers Wittenberg ist für mich kein heiliger Ort. Interessant, das ja. Und Rom ist für mich nicht die Heilige Stadt. Wenn ein Ort Fluchtpunkt meines Glaubens ist, dann ist das Jerusalem. Nicht Europa, Naher Osten. Dort ist Jesus gestorben und auferstanden. Dort ist er Opfer der Machtmenschen seiner Zeit geworden. Aber Gott hat ihn ins Recht gesetzt. Das ist auch gemeint, wenn man als Christ bekennt: ‚Er ist auferstanden.‘ Und das bedeutet auch: Gott ist auf der Seite all derer, die ausgegrenzt werden. Ausgegrenzt von denen, die die Macht haben oder sie sich anmaßen.

Wenn Mesut Özil als Muslim und Mekkapilger kein guter Patriot sein kann, dann ich auch nicht. Und alle Christinnen und Christen auch nicht, die an Jesus glauben und sich an ihm orientieren: An einem Juden, der in Jerusalem gekreuzigt wurde und auferstanden ist.

Aber lasse ich mir und Mesut Özil absprechen, dass wir Patrioten sind? Nein, lasse ich nicht. Ich lasse mir meinen Fußball-Patriotismus nicht vergällen. Und mein Deutschsein nicht bestreiten, und auch nicht vorschreiben wie ich es zu fühlen oder zu zeigen habe: Mehr als den Pass und das Grundgesetz braucht es nicht, um Patriot zu sein. Das ist anspruchsvoll genug: Freiheit und Würde für jeden Menschen zu schützen. ZB. auch die Religionsfreiheit.

 

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staunen erschrecken

Montag, 20. Juni 2016     [Druckversion]

Staunen und erschrecken: Das sind zwei sehr starke Gefühle. Wenn ich über etwas staune, dann bewegt mich das und kann mir neu die Augen öffnen für die Welt. Wenn ich vor etwas erschrecke, dann kann mich das erschüttern. Staunen und Erschrecken sind auch für das religiöse Erleben fundamental.

Auch wenn ich meinen Glauben eher nicht so emotional lebe, mehr über den Kopf. Dennoch können Staunen und Erschrecken in mir aufbrechen und zeigen mir: Religion ist im Kern keine coole Angelegenheit.

Wie fundamental Gefühle sind, daran hat mich auch Navid Kermani, der muslimische Autor, wieder erinnert mit seinem Buch „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“. Ich hatte es immer nur oberflächlich angeblättert. Jetzt habe ich mir endlich Zeit genommen und sofort waren sie da: Staunen und Erschrecken. Starke Gefühle: Gleichermaßen menschlich und religiös.

Kermani führt in seinem Buch immer zweierlei zusammen. Ein wichtiges Kunstwerk aus der christlich geprägten Kunst und die entsprechende biblische Story. Und er ist überaus neugierig auf beide. Er schaut genau hin und liest genau. Mit allzu vertrautem Verstehen ist er nicht zufrieden. Nicht beim Blick auf die Kunst und beim Lesen der Bibel auch nicht. Man kann sich für beides eine Scheibe bei ihm Abschneiden.

Beispiel: Ein Gemälde von Caravaggio zeigt die Kriegsknechte, die Jesus gefangen genommen haben, wie sie Jesus die Dornenkrone in den Kopf treiben. Und parallel dazu liest er die Passionsgeschichte der Bibel. Es ist unmöglich, nicht zu erschrecken vor diesen Männern: Kermani beschreibt sie in ihrer abgründigen Unmenschlichkeit: „Die Dornenkrone,… Pilatus hat sie nicht angeordnet. ..Sie ist ihr eigener Einfall, bloßer Zeitvertreib.“ So treiben sie ihm die in die Schädeldecke ein. Dabei: „Jesus ist ihnen so fremd, so gleichgültig wie ein Gegenstand, den sie auf der Straße auflesen.“ Je mehr ich mir diese Kerle vorstelle, umso mehr erschrecke ich. Abscheulich wie Menschen sein können. Und manchmal bleibt nur Scham angesichts dieser Gattung, zu der ich und Sie auch gehören. Und die Kriegsknechte von damals mischen sich mit Bildern von heute: Ein Mensch geht in einen Nachtclub und erschießt einfach wahllos 50 Menschen. Oder diese Fußballhooligans in Frankreich, die auf andere Menschen wahllos einprügeln. Voll kalter Verachtung.

Aber Kermani versetzt diese Szene auch in Staunen: Jesus tut es. „Vater, vergib Ihnen“, hat Jesus gesagt. Und Kermani ist sich sicher. Diese Bitte kann nur diesen Kriegsknechten gegolten haben. Denn nur sie wissen nicht, was sie tun. Solchen Männern vergeben? Jesu Glaube geht wirklich so weit.

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