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Woche vom 15.01.2012 bis 21.01.2012




Dr. Ludwig Burgdörfer

Von Dr. Ludwig Burgdörfer, Landau, Evangelische Kirche

Ich rieche, also bin ich

Samstag, 21. Januar 2012     [Druckversion]

Ich finde Dich dufte! Das ist ein tolles Kompliment. Was kann es Schöneres geben, als das sich Leute gut riechen können. Selbst Singvögel erkennen ihre Familie am Geruch.
Gerade haben das Wissenschaftler herausgefunden. Ihr gutes Näschen hilft ihnen, immer wieder zueinander zu finden.
Und davon können wir alle doch auch ein Lied singen. Wenn wir nämlich die Nase voll haben voneinander, dann stinkt es uns gewaltig und wir gehen einander aus dem Weg.
Die Duftnote, die uns umgibt und die uns schon von Weitem erkennbar macht, die entscheidet, wen wir treffen, wie wir uns finden, bei wem wir gerne bleiben.
Nichts schlimmer, wie wenn 2 Nasen sich nicht mehr ertragen. Wenn mir der andere zur Geruchsbelästigung wird, dann ist es aus und vorbei.
Und es riecht ja nicht immer nur gut. In der Bibel wird die tragische Geschichte von Hiob erzählt.
Der hat erst mal die Nase immer ganz vorne gehabt und es zu was gebracht.
Aber dann verliert er über Nacht alles, was ihm lieb und teuer ist. Nicht nur Hab und Gut, sondern auch Kinder und Familienglück.
Und als er am Ende in Sack und Asche am Boden sitzt, da heißt es, dass ihn seine Frau aufgibt, ihm sagt, er solle am besten sterben und dann heißt es, dass sie sich nicht mehr riechen kann. Verdufte endlich! So komplimentiert man sich auseinander. Aber anders herum geht es auch. Mich bewegt es immer ganz besonders, wenn trauernde Menschen davon berichten, wie sie zuhause auf der Suche nach dem Geruch des geliebten Verstorbenen sind, wie sie sich seine Kleider im Schrank und seine sieben Sachen unter die Nase halten und der Liebe nachschnüffeln, die so weh und so gut tut.
Solange es noch nach dem geliebten Menschen riecht, solange ist er präsent. Eine Aura, eine sinnliche Präsenz erfüllt noch den Raum.
Wahrscheinlich sind wir mit unserem Geruchssinn viel mehr unterwegs, als wir wissen. Womöglich entscheiden wir meistens der Nase nach. Selbst der liebe Gott hat dafür eine Schwäche.
Die Bibel berichtet immer wieder, dass es Gott bis zum Himmel stinkt, wenn seine Menschen Mist bauen, wenn sie ihren Glauben nur inszenieren, aber nicht praktizieren.
Dabei haben wir genau dafür eine gute Nase, wenn jemand echt ist, es wirklich gut mit uns meint, wir uns aufeinander verlassen können. Das steckt uns dann in der Nase. Und Gott will, dass wir diese Begabung nutzen.

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Rückwärtslaufen

Freitag, 20. Januar 2012     [Druckversion]

Sportarten gibt es ja viele. Eine ganz neue Variante lernt gerade laufen. Und zwar rückwärts. Es gibt seit Neuestem eine verrückte Disziplin, die heißt: Rückwärtslaufen.
Eine Laufmasche der besonderen Art. Man muss sich das so vorstellen, dass jemand von weitem wie ein ganz normaler Läufer aussieht, der zwar nach vorne schaut, aber nach hinten läuft.
Der Pionier hier bei uns in Deutschland heißt Roland Wegner.
Und der sagt in einem Interview:
„Mit dem Blick eines Rückwärtsläufers fällt es leichter Glücksgefühle zu konservieren, weil man das Erreichte naturgemäß länger und intensiver betrachten kann. Rückwärtsläufer sind letztlich zufriedener!"
Das bedeutet also, wenn man sich eine Rücksicht gönnt, also noch einmal zurück tritt und sich das von Weitem anschaut, was schon als Ziel vor Augen war, dann bekommt alles noch mehr Anziehungskraft und Bedeutung. „Ich bin noch nie beim Rückwärtslaufen hingefallen." meint Roland Wegner.
Dem Läufer helfen die Linien auf der Tartanbahn, Vorwärtsbegleiter oder Schulterblicke. Man muss sich aber stärker konzentrieren." Diese also funktioniert nur im Team.
Da müssen immer noch ein paar dabei sein, die in Laufrichtig schauen. Rückwärts laufen, um besser zu sehen, was vorne wirklich wichtig ist.
Maler wissen ja auch, dass man ein Bild nicht immer direkt an der Leinwand bearbeiten kann. Wenn man ganz nah dran sitzt und sich in die Einzelheiten versenkt, verliert man leicht den Blick auf das Wesentliche.
Dann muss man ab und zu den Pinsel weglegen und weggehen vom Bild, zurück, zurück, um von Weitem das Ganze in den Blick zu nehmen.
Wenn wir uns also auch ab und zu ein Bild machen wollen von uns und unserem Lebensentwurf, dann also sollten wir anfangen mit dem neuen Rückwärtsläufer zu trainieren, und üben, wie man das Erreichte noch mal von der Ferne anvisiert, um dann weiter zu machen mit dem Lebenslauf.
Der rücksichtsvolle Sportsmann jedenfalls behauptet, so gelänge unser Leben mit Abstand am Besten.
Ich wünsche Ihrem Freitageinen guten Verlauf!

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Kinderwagen und Rollstuhl

Donnerstag, 19. Januar 2012     [Druckversion]

Seit 4 Monaten darf ich es noch einmal machen. Ich schiebe wieder einen Kinderwagen. Weil mein erstes Enkelkind geboren ist. Als Vater habe ich das früher auch schon gekonnt, aber ich kann sagen:
Als Großvater ist das nochmal ganz was anderes. Da braucht man einen ganz anderen Kinderwagen - Führerschein. Und das ist großartig.
Noch einmal habe ich die Chance zum Anschieben des Lebens.
Dieses Wunder hat Hand und Fuß und kommt direkt aus der Werkstatt des Schöpfers und es verzaubert mich.
Also fahre ich wieder darauf ab und schiebe das neue Leben mit an, so gut ich kann. Noch ist das kleine Mädchen vor allem bei sich, spricht mit mir noch nicht über meinen Fahrstil und mögliche Ausflugsziele direkt, es schaut zwar so ganz interessiert ist aber vorerst noch sehr zurückhaltend im Beurteilen der Lage.
Sie ist da und erwartet das Leben. Und wir teilen es, ohne viel mitzuteilen. Das entwickelt sich einfach laufend vorwärts und läuft bis jetzt wunderbar rund.
Wenn ich zwischendurch noch Zeit habe, gehe ich meiner zweiten Nebenbeschäftigung nach. Ich schiebe nämlich meinen alten Vater im Rollstuhl. Wir fahren immer denselben Weg.
Und er sagt immer dieselben Sätze. Manchmal auch nicht. Zuletzt immer weniger. Und er weiß gar nicht mehr so wirklich, wer ich bin und was wir machen und wo und wann.
Er ist inzwischen ganz aus der Zeit gefallen. Für ihn ist scheinbar alles gleich, gleichzeitig, gleich gültig. Altes Kind; junges Kind.
Zwischen Kinderwagen und Rollstuhl also fährt das Leben dahin, so scheint es mir. Und dieser Kreislauf des Lebens, der bewegt und berührt mich gerade. „Alles hat seine Zeit" sagt die Bibel weise:
Geboren werden und Sterben,
Lachen und Weinen,
Lieben und Leiden,
Kommen und Gehen...
Das ist so - das ist so unglaublich wahr.
Da lässt sich nichts aufschieben. Da bleibt mir nur eines, egal ob mit Kinderwagen oder Rollstuhl unterwegs: Vertrauen!
Vertrauen auf Gott, der alles ins Rollen bringt. Und ich kann nur beten und sagen:

„Ausgang und Eingang,
Anfang und Ende,
liegen bei Dir Herr,
füll Du uns die Hände!„

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Staumeldung

Mittwoch, 18. Januar 2012     [Druckversion]

2011 hätte es die meisten Staus aller Zeiten gegeben, heißt es. Aneinandergereiht ergäben sich 450 000 Kilometer. Das ist fast 100 000 weiter als bis zum Mond. 189 000 Staus stauten sich im letzten Jahr. Ich war in mehr als einem und kann nur staunen, dass wir alle zwischendurch alle mal wieder nachhause gekommen sind.
Forscher spekulieren seit Jahren, wie es zu Staus kommen kann. Wo wir doch so viele breite Straßen haben. Aber irgendwie stecken die wie mir scheint auch im Stau der Erkenntnis fest.
Immerhin sie sagen uns, in der Regel sind wir vor einem Stau viel zu schnell und zu dicht gefahren.
Und dann reichen Kleinigkeiten, die sich wie eine Kettenreaktion addieren:
Einer muss bremsen, um bei der Abfahrt gerade noch die Kurve zu kriegen, oder das handy zu handeln, die Zigarette anzustecken, die Kinder zu mahnen oder die Frau zu küssen und schon müssen die hinter ihm bremsen und das heftig.
Es bremst sich was zusammen aus, immer mehr und immer länger. Dann fangen die Profis und Abfangjäger an, die Bahnen zu wechseln, kreuzen und queren mit atemberaubendem Jagdtrieb und organisieren so eine perfekte Verschachtelung, die sich dermaßen blockiert, dass am Ende alle dumm rum stehen.
Und da das Anfahren und Beschleunigen ja im Vergleich zum Bremsvorgang viel langsamer geht, dauert der Stau eben an. Die Stauforscher werden dranbleiben. Dass sich Stauforscher auch schon mit dem Stau auf anderen Strecken befassen, habe ich so noch nicht gehört.
Dabei staut sich doch noch viel mehr auf unseren anderen verschlungenen Lebenswegen. Wenn sich zum Beispiel unser Glaube festgefahren hat und einfach nicht mehr weiter bringt, weil zu viele Unfälle an der freien Fahrt hindern.
Und wie oft haben wir uns mit unserer Liebe verfahren. Wo überall sind Leute gerade mit ihrer Hoffnung stecken geblieben. Da scheinen die Staus auf den Straßen noch die harmlose Variante.
Der Stau in unseren Herzen und Seelen, der reicht nicht nur bis zum Mond, der geht weiter hinaus bis in den 7. Himmel, und fällt unserem Gott direkt vor die Füße.
Darum betet in der Bibel auch einer mitten aus seinem Lebensstau:
„Zeige mir Herr Deinen Weg"!
Und darauf können wir dann abfahren.
Aber nicht zu schnell und nicht zu dicht, und womöglich erst übermorgen.

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Knigge für Kranke

Dienstag, 17. Januar 2012     [Druckversion]

Krank werden-Das kann jeden treffen.
Von heute auf morgen aus dem Verkehr gezogen, weil der Körper streikt. Mich hatte es jetzt auch erwischt.
Wenn man dann plötzlich ausfällt, fällt einem allerhand auf. Zum Beispiel, dass viele Menschen Anteil nehmen. Und dann gibt es eine Welle von Sympathie.
Das ist ein griechisches Wort und heißt Mitfühlen. Dafür muss man ganz stark sein, um jede Menge Hilfsangebote zu verkraften. Und weil ich diese Zuwendungen gerade überstanden habe, möchte ich gerne ähnlich Betroffenen davon erzählen.
Egal ob sie Sender oder Empfänger dieser Hilfsangebote sind.
Auf 3 besondere Methoden möchte ich ausdrücklich hinweisen:
Erstens: Die Siehste - Methode
Sie wird besonders gern genommen. Siehste! Sagen diese Helfer, Siehste, das haben wir schon lange kommen sehen! Warum hast Du auch immerzu so viel Stress gemacht. Das hast Du nun davon. Hoffentlich lernst du was draus."
Nach meinem aktuellen Kenntnisstand sind fast alle, die so auf mich eingeredet haben, noch immer auf freiem Fuß.
Methode 2 benutzen die Alibi-Tröster. Denen diene ich nämlich als guten Grund, selber so zu bleiben, wie sie sind. Plötzlich kommen sie emsig wie nie aus ihren Verstecken, und sagen:
Nimm dir ein Beispiel an mir! Ich hab mich noch nie verrückt gemacht. Schau mich an, mir geht's gut, ich bin fit und achte darauf, dass das auch so bleibt.
Und damit sind wir bei Methode 3, vor der ganz besonders zu warnen ist:
Das sind die Ratschläge, von denen, die immer schon wissen, wie es läuft.
Die sagen einem dann, was zu tun ist, definitiv. Ich weise nachdrücklich darauf hin, dass auch gute Ratschläge Schläge sein können, die einen hart treffen, mitunter, sehr hart.
Am Ende haben mir am meisten diejenigen geholfen, die mir etwas geschrieben haben. Nicht hinter die Ohren, sondern von Herzen.
Unaufdringliche gute Wünsche und Anteilnahme.
Wunderbare Post, die zuspricht, aber nicht zusetzt.
Ich bin so dankbar für diese leisen Mut machenden Signale. Und für die Gebete. Fürbitte ist etwas ganz Großes, wenn man sich selber klein fühlt. Einen anderen ins Gebet nehmen ist allemal besser als ihn sich zur Brust zu nehmen.

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Touch screen

Montag, 16. Januar 2012     [Druckversion]

Das hat mich sehr berührt- sagen wir, wenn etwas wirklich gut gewesen ist, mit Tiefe und Ernst und Wert und Würde.
Wir können uns mehr gut als wehtun. Wir können berühren. Ist Ihnen schon aufgefallen, dass wir im Alltag immer weniger schalten und drücken, dass wir immer mehr berühren und tasten?
Ob Handy, Geldautomat oder Fahrkartenschalter, wir tasten und berühren mit unseren Fingerkuppen sachte über markierte Felder und lösen so die verschiedenen Funktionen aus.
Wir wählen und entscheiden, buchen und senden mit touch, mit der zartesten Berührung, seit es Automaten gibt. Interessant. In unserer modernen Kommunikation kommt ausgerechnet unser Talent zur  Sanftheit und zur vorsichtigen Annäherung zum Zug.
Wir tippen nicht mehr, wir tasten. Wir drehen und drücken und ziehen weniger denn je, wir berühren nur und schon wird etwas ausgelöst.
Womöglich ist das auch im Umgang miteinander ganz entscheidend. Dass wir einander nicht nur heftig auf die Schulter klopfen und uns die Hände herzhaft schütteln, sondern dass wir mehr streicheln und zärtlich sind.
Eine der zärtlichsten Formen der Berührung ist das Segnen. Da legen wir Pfarrer z.B. unsere Hände ganz sacht auf die Schulter oder auf den Kopf eines Menschen und sagen ihm:

Du bist nicht allein. Gott ist für dich da und geht mit!
Segnen ist wie Streicheln mit einem schönen Gruß von Gott.
Jesus hat das wohl perfekt beherrscht. Im Markusevangelium wird erzählt, wie er gegen den Widerstand der Erwachsenen die Kinder zu sich kommen lässt.
Wörtlich heißt es da in der Bibel:
„Und der herzte sie, legte die Hände auf sie und segnete sie."
Herzen ist wohl ein vom Aussterben bedrohtes kleines Wort, aber es klingt einfach zauberhaft, weil es von der Energie unseres wichtigsten Organes spricht, von der wundersamen Strahlkraft des Innersten, mit Herzenswärme.
Herzlich herzend handeln, das passiert, wenn wir segnen und berühren und streicheln.
Das können sie heute ausprobieren.
Klar ist da Fingerspitzengefühl gefragt. Aber wenn das mit dem Handy und dem Geldautomaten so prima klappt, warum dann nicht im Umgang miteinander...

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