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Woche vom 01.01.2012 bis 07.01.2012




Cornelia Michels-Zepp

Von Cornelia Michels-Zepp, Mainz, Evangelische Kirche

Geschichten vom Krieg

Samstag, 07. Januar 2012     [Druckversion]

Ich weiß noch, wie wir als Heranwachsende manchmal heimlich die Augen verdreht haben, wenn die Großeltern wieder vom Krieg zu erzählen anfingen.
Oder wenn mein Vater mit uns schimpfte, weil wir die Butter zu dick auftrugen.
Oder meine Mutter eher schimmeliges Brot gegessen hätte, als es wegzuwerfen.
Das hat sich zwar mit den Jahren ein bisschen gelockert; aber diese Dinge sitzen immer noch tief - nicht nur in den Köpfen unserer Eltern. Auch in meiner Generation, obwohl ich selber nie den Krieg erlebt habe. Und genau deswegen höre ich heute sehr aufmerksam zu, wenn jemand von damals erzählt. Es ist vielleicht die letzte Chance zu verstehen, warum die vor mir so ticken. Und wie mich das geprägt hat.
Ich würde meiner Mutter beispielsweise niemals Margarine auftischen, weil ich sie als Kind ranzige Margarine essen musste. Butter hingegen ist für sie immer noch die reinste Köstlichkeit.
Dazu fällt mir auch sofort eine Geschichte aus der Kindheit meiner Mutter ein: Da sehe ich sie als junges Mädchen vor mir, genau so wie auf ihren Kinderbildern. Sie hatte zwei lange, braune Zöpfe. Die flogen hinter ihr her, wenn sie zum Bauernhof lief, um Schmuck gegen ein Stück Butter und ein paar Eier einzutauschen. Einmal sagte der Bauersohn, er würde ihr alles geben, wenn sie ein Stück mit ihm in den Wald ginge. Er hatte natürlich nichts Gutes im Sinn. Meine Mutter trat ihm ordentlich ans Schienbein und entkam ihm mit ihren frisch erworbenen Schätzen. Gott sei Dank.
Diese Geschichten prägen uns. Auch diejenigen, über die geschwiegen wurde. Mein Großvater kam verwundet nach Hause; man musste ihm einen Großteil seines Magens entfernen. Wir Kinder haben nie erfahren, wie sich das genau zugetragen hat. Aber das ständige Magenleiden hatte sich tief in seine Mundfalten gegraben. Und wir machten uns instinktiv aus dem Staub, wenn bei ihm auch nur der geringste Anflug von Gereiztheit zu bemerken war.
Noch leben Menschen, die all das mitgemacht haben. Noch kann man sie fragen.
Ich glaube, wir können da gar nicht aufmerksam genug zuhören - auch im eigenen Interesse.

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Ente, Tod und Tulpe

Freitag, 06. Januar 2012     [Druckversion]

Schon länger hatte die Ente so ein Gefühl... -  beginnt das Bilderbuch von Wolf Erlbruch. Schon länger hatte die Ente so ein Gefühl... Sie sieht sich um. Und da steht der Tod vor ihr. Man erkennt ihn gleich an seinem Skelett. Nur - dieser Tod sieht direkt liebenswert aus, in seinem karierten Kittelchen und dem freundlichen Lächeln im Gesicht. Er ist kaum größer als ein Kind und schaut der Ente ins Gesicht.
„Wer bist du? Und was schleichst du hinter mir her?"
„Schön, dass du mich endlich bemerkst", sagt der Tod. "Ich bin der Tod."
Die Ente erschrickt.
„Und jetzt kommst du mich holen?"
„Ich bin schon in deiner Nähe solange du lebst."

Aber der Tod hat es nicht eilig. Und das beruhigt die Ente. Er beantwortet höflich ihre Fragen. Und bald muss sie sich eingestehen, dass sie den Tod nett findet. Sogar ziemlich nett, wenn man davon absieht, wer er ist. Und so kommen sie sich näher und verbringen die Tage und Wochen miteinander. Der Tod wird zum Freund und Begleiter.
Kann der Tod wirklich ein Freund werden? Ich weiß nicht. Aber vielleicht doch so, dass man ein bisschen die Angst verliert, wenn man sich mit ihm ein wenig vertraut macht.
Einmal klettern die Ente und der Tod auf einen Baum.
Tief unten ist der Teich zu sehen. Wie er so daliegt, so still - und so einsam.
„So ist es also, wenn ich tot bin", denkt die Ente. „Der Teich - allein. Ganz ohne mich."
Der Tod kann manchmal Gedanken lesen.
„Wenn du tot bist, ist auch der Teich weg - zumindest für dich."
„Das ist tröstlich, dann muss ich ihm nicht nachtrauern, wenn..."
„... wenn du gestorben bist",
sagt der Tod. Über das Sterben zu reden fällt ihm leicht.
Eines Morgens, nachdem es immer stiller geworden ist um die beiden, geschieht was geschehen muss: die Ente atmet nicht mehr.
Der Tod streicht ihr die Federn glatt und trägt sie zum großen Fluss.
Dort legt er sie behutsam auf´s Wasser und gibt ihr einen vorsichtigen Schubs. Lange schaut er ihr nach. Als er sie aus den Augen verliert, ist der Tod fast ein wenig betrübt. Aber so ist das Leben.
Wolf Erlbruch: Ente, Tod und Tulpe

 

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Der geliebte Hund

Donnerstag, 05. Januar 2012     [Druckversion]

Ein älterer Mann liegt in dem Krankenhaus, in dem ich arbeite. Bald wird er sterben und er weiß das. Er wirkt traurig und einsam. Zwar hatte er noch nie viele Kontakte. Aber jetzt ist da fast niemand mehr. Nur noch die Nachbarin. Und der Hund, der heiß geliebte Hund.
Der Mann ist sehr wortkarg und zeigt kaum Gefühle. Aber wenn jemand auf den Hund zu sprechen kommt, leuchten seine Augen auf.
Mit der Zeit wird immer deutlicher, dass er nicht mehr nach Hause zurück kann. Und das heißt auch: er kann nicht zu seinem Hund zurück.
Das Palliativteam - also die Leute im Krankenhaus, die sich um die Sterbenden kümmern - die überlegen, wie man ihm seinen sehnlichsten Wunsch erfüllen kann: den Hund noch einmal sehen. Nur - wie soll das geschehen, in einem Krankenhaus? Das Tier in sein Zimmer zu bringen, das ist schlicht unmöglich.
Sie überlegen und überlegen, bis ihnen schließlich der Gedanke kommt:
Wenn man den Hund nicht zu dem Mann bringen kann, dann könnte man doch den Mann irgendwie zum Hund bringen. Die Ärztin hält den Patienten bei der Stange: "Halten Sie durch, wir organisieren das!"
Und so kommt es zum Wiedersehen: Die Nachbarin bringt den Hund vor die Klinik. Und das Team bringt den Mann im Krankenbett vor die Tür. Ist das eine Freude! Der Hund springt wie wild auf seinem Bett herum und dem Mann laufen nur so die Tränen. Unentwegt stammelt er: „Ach, der Papi freut sich so, dass du da bist!"
Und alle drum herum freuen sich mit, weil es so ergreifend ist. Die Ärztin macht sogar ein paar Bilder zum Andenken.
Der Mann ist noch in derselben Woche gestorben. Daran konnte freilich auch das Wiedersehen nichts ändern. Aber ich bin sicher: er ist anders gestorben, denn er hatte noch ein paar glückliche Augenblicke mit seinem geliebten Hund. Und er konnte Abschied nehmen. Und bestimmt war es auch schon tröstlich für ihn, dass sich die Menschen um ihn solche Mühe gemacht haben. - Und - ist es nicht erstaunlich? Auch alle anderen, die an der Aktion beteiligt waren, waren hinterher ein bisschen glücklicher.

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Braucht man den Gottesdienst?

Mittwoch, 04. Januar 2012     [Druckversion]

„Ach, Frau Pfarrer, ich geh ja nicht so oft in die Kirche...", gesteht mir schon mal der eine oder andere. Und meist beschleicht mich das Gefühl, da will jemand von mir freigesprochen werden: „Ach, das macht doch nichts. Das nimmt Ihnen unser Herrgott schon nicht übel..." Aber ich kann das nicht sagen. Denn wenn ich länger nicht im Gottesdienst war, plagt mich auch das schlechte Gewissen.
Warum? - Sicher nicht aus Angst, dass Gott mich dann weniger liebt. Aber aus dem Gefühl heraus: Für alles, was mir gerade wichtig ist, finde ich Zeit. Nur Gott vertröste ich gern und sage: Ach, Das wird schon nicht so schlimm sein, wenn ich im Moment keine Zeit für dich habe. Du verstehst das schon.
Mag ja sein, dass Gott das versteht. Aber ob das gut für mich ist?
Auch wenn es bei uns Evangelischen keine Sonntagspflicht gibt, ich persönlich halte den sonntäglichen Gottesdienst für eine richtig gute Angewohnheit. Nicht, um der Kollegin eine Freude zu machen. Sondern um meine Beziehung zu Gott zu pflegen. Weil ich im Gottesdienst mal eine Stunde Zeit habe, mit Herz und Sinn bei Gott zu sein. Und wenn mich die Predigt nicht anspricht, macht das nichts. Dann sitze ich eben im Gotteshaus und breite meine Gedanken vor Gott aus. Genieße die Ruhe in der Kirche und singe und bete mit den anderen.
Freilich, auch das hat seine Grenzen:
An den Feiertagen habe ich einen Abendmahlsgottesdienst besucht. Da sitzt ein Kind in der Reihe vor mir, so drei/vier Jahre alt. Es ist den ganzen Gottesdienst über ruhig und brav. Mal sitzt es auf dem Stuhl zwischen seinen Eltern, dann auf dem Schoß der Mutter. Schließlich schläft es ein. Man merkt einfach, dass dieses Kind Gottesdienste gewohnt ist.
Dieser Gottesdienst zieht sich allerdings sehr lang hin - eine Stunde und zwanzig Minuten. Beim Vaterunser, also ganz am Ende, müssen alle aufstehen. Der Kleine wird davon wach und blickt sich böse um. - Nicht mal ungestört schlafen darf man hier! Als die Gemeinde dann noch zum Sitzen aufgefordert wird, um dem Orgelausklang zu lauschen, da reicht es ihm!
Er steht auf und sagt laut zu seiner Mutter:
"Das ist zu lang! Gottesdienst ist blöd!"
Und verlässt wutstampfend den Raum. Und er hat recht: Auch gute Angewohnheiten sollte man nicht überstrapazieren.

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Bis jetzt geht´s mir gut

Dienstag, 03. Januar 2012     [Druckversion]

„Lieber Gott, bis jetzt geht's mir gut", schreibt eine unbekannte Verfasserin in meinem Weihnachtskalender. „Lieber Gott, bis jetzt geht's´mir gut. Ich habe noch nicht getratscht, die Beherrschung verloren, war noch nicht muffelig, gehässig, egoistisch oder zügellos. Ich hab noch nicht gejammert, geklagt, geflucht oder Schokolade gegessen. Die Kreditkarte habe ich auch noch nicht belastet. Aber in etwa einer Minute werde ich aus dem Bett klettern und dann brauche ich wirklich deine Hilfe..."
Ein wunderbares Gebet - so ehrlich und so wahr. Ich könnte es glatt wörtlich übernehmen. Bis auf die Schokolade. Schokolade mag ich nämlich nicht. Naja, und mit der Muffeligkeit hab ich's auch nicht so. - Obwohl, meine Familie behauptet doch glatt, dass ich am frühen Morgen ganz schön übellaunig sein kann. Aber das sagen ja immer die Leute, die schon in aller Herrgottsfrühe penetrant fröhlich und mitteilsam sind. Und Jammern und Klagen? - Eigentlich stehe ich da doch eher auf der anderen Seite und höre zu. Ja, und tratschen und gehässig sein kommt gar nicht in Frage.
- Merken Sie was?
So schnell geht es, und schon ist es vorbei mit der Selbstkritik. Und die  Ehrlichkeit ist auch dahin. Aber das ist es doch gerade, was so schön ist an dem Gebet: Kein bisschen Selbstgerechtigkeit - nur wunderbare Selbsterkenntnis. - Was so alles an Versuchungen in einem steckt: 
„Lieber Gott, bis jetzt geht's mir gut. Ich habe noch nicht getratscht, die Beherrschung verloren, war noch nicht muffelig, gehässig, egoistisch oder zügellos. Ich hab noch nicht gejammert, geklagt, geflucht oder Schokolade gegessen. Die Kreditkarte habe ich auch noch nicht belastet.
Aber in etwa einer Minute werde ich aus dem Bett klettern und dann brauche ich wirklich deine Hilfe..."
Ja, lieber Gott, wenn ich ehrlich bin, geht es mir genauso. Am frühen Morgen, wenn ich mich recke und strecke, da ist der Tag noch voller Unschuld. Aber sobald ich in den Tag hineingehe, ändert sich das schlagartig. Ja, und dann brauche ich wirklich deine Hilfe.

Es handelt sich bei dem Weihnachtskalender um „der andere Advent 2011/12"

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Gute Vorsätze

Montag, 02. Januar 2012     [Druckversion]

Haben Sie sich etwas vorgenommen, für dieses Jahr?  - Gute Vorsätze?
Ich selbst schmunzle ja schon immer ein bisschen in mich hinein, wenn ich einen guten Vorsatz fasse. Weil ich schon ahne, wie das wieder ausgehen wird: sie sind nämlich von kurzer Lebensdauer, meine guten Vorsätze. Und trotzdem, alle Jahre wieder das gleiche Ritual. Weil mir das ins Gedächtnis ruft, dass es da immer was zu verändern gibt in meinem Leben.
Und was, wenn die Vorsätze nur für ein paar Monate anhalten?
Es liegt doch schon in der Natur guter Vorsätze, dass sie im Vorläufigen bleiben. Daher haben sie auch ihren Namen: Vor-Satz. Der Vorsatz ist eben nicht der letzte Satz und er hat schon gar nicht das letzte Wort.
Wenn ich wirklich etwas in meinem Leben ändern muss, dann brauche ich keinen Vorsatz, dann mache ich das einfach. Punkt. Die Kraft liegt in der Entschiedenheit des Augenblickes. Und der stellt mich vor die Entscheidung: Jetzt oder nie.
Ein Mann erzählte mir: „Ich habe immer gern gefeiert und getrunken. Ich war immer ganz vorne mit dabei. Und wenn´s um aufhören ging, war ich stets bei den letzten. Einmal ist da was passiert; da ist einer von uns betrunken mit dem Auto verunglückt. Aber ich habe davon gar nichts mitbekommen. Ich konnte mich auch später nicht erinnern. Seither habe ich keinen Alkohol mehr angerührt. Nicht einen Schluck. Die anderen haben zuerst gelacht und gesagt: „Das schaffst du eh nicht!" Aber es hat mir gar nichts ausgemacht. Und irgendwann haben sich alle daran gewöhnt."   
Die Bibel nennt so etwas „Umkehr". Umkehren heißt: einen radikal anderen Weg einschreiten. Dazu gehört mehr als ein guter Vorsatz. Der Wille zur Umkehr ergreift den ganzen Menschen. Es ist, als ob etwas Höheres dazukommt. Etwas, was nicht in unserer Macht liegt. Was uns die Kraft gibt zur Kehrtwendung.
Aber immerhin: der gute Vorsatz ist schon mal ein erster Schritt. Und ich finde es allemal besser, immer wieder kleine Schritte zu wagen, als nur auf den großen Wurf zu warten.

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