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Woche vom 23.03.2008 bis 29.03.2008




Dr. Thomas Weißer

Von Dr. Thomas Weißer, Mainz, Katholische Kirche

Eine Liebesgeschichte

Samstag, 29. März 2008     [Druckversion]

Von Ostern, von der Auferweckung Jesu gibt es leider kein Video. Keinen Handyfilm für das Internet. Und trotzdem verbreitet sich die Geschichte vom leeren Grab rasend schnell. Sie zieht Kreise, weil sich dieser Jesus sehen lässt. Er ist, wenige Tage nach seinem Tod, sichtbar für die Menschen: Die Frauen treffen ihn am leeren Grab, zwei Jünger gehen mit ihm spazieren, er isst mit seinen Freunden.
Jesus lässt sich sehen. Und ‚Sehen’ heißt hier: mit den Augen sehen – und mit dem Herzen erkennen. Den anderen sehen, ihn mit neuen Augen sehen, das erfahre ich, wenn ich jemanden liebe. Die Ostertexte lassen sich deshalb auch als eine Art Liebesgeschichte lesen. Nicht von ungefähr erzählt das Johannesevangelium: Einmal sitzt Jesus nach der Auferweckung mit seinen Freunden beim Essen. Und er fragt Simon Petrus: „Simon, liebst du mich?“ Der antwortet: „Selbstverständlich“. Aber Jesus lässt nicht locker und fragt ein zweites und drittes Mal: „Simon, liebst du mich?“ Und der sagt immer wieder: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe.“ Da sagt Jesus zu ihm: „Folge mir nach!“ (Joh 21,15-19)
Hier wird ganz deutlich, dass die Ostergeschichten auch Liebesgeschichten sind. Und was heißt das?
Zunächst einmal: Liebe macht Menschen lebendig. Und genau das passiert auch an Ostern. Jesus hatte Gott zeit seines Lebens als liebenden Gott verkündigt. Und Gott macht Jesus jetzt lebendig, weil er liebt. Ich glaube, dass Jesus deshalb von Petrus so eindringlich wissen will, ob er ihn liebt. Weil die Liebe lebendig macht.
Die Auferstehungsgeschichte erzählt aber auch: Liebe fordert Konsequenzen. Wer liebt, der handelt auch entsprechend. Deshalb sagt Jesus: „Folge mir nach.“ Und das heißt: Lebe in meinem Sinn, lebe Gerechtigkeit, lebe ein Leben, dass nicht vor dem Tod kapituliert.
Von Ostern gibt es kein Video. Aber wenn heute Menschen so handeln, wie Jesu gehandelt hat, sich für andere einsetzen, für Gerechtigkeit kämpfen, dann sind das Bilder von der Auferstehung – davon lassen sich viele Filme drehen.
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Gott lässt den Menschen nicht im Stich

Freitag, 28. März 2008     [Druckversion]

Ostern, Auferstehung. Immer noch komme ich mit diesem Fest nicht zu Rande. Dass ein Mensch tot ist und dann wieder quicklebendig aus seinem Grab steigt, das will einfach nicht in meinen Kopf. Und: Warum braucht der christliche Glaube überhaupt die Auferstehung? Ein himmlischer Wink hätte doch genügt. Es hätte doch gereicht, wenn Gott gesagt hätte: Jesus ist zwar gekreuzigt worden, aber ich halte zu ihm, auch in seinem Tod. Wir müssten uns nicht über die Auferstehung den Kopf zerbrechen – und trotzdem wäre klar gewesen: Gott steht den Menschen bei.
Der Apostel Paulus hält dagegen. Er schreibt: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos.“ (1 Kor 15,14). Starker Tobak. Warum braucht der christliche Glaube die Auferstehung?
Jesus erzählt von einem Gott, der alle Menschen annimmt. Und sein Leben ist die Geschichte eines tatsächlich heruntergekommenen Gottes. Denn dieser Jesus kommt in einem zugigen Stall zur Welt, am Rand der Gesellschaft. Er plaudert mit Tagelöhnern, trifft sich mit den Verlierern und Ausgegrenzten. Lädt sich bei den Menschen zum Essen ein, um die viele einen großen Bogen machen. Jesus lebt seinen Glauben vor, seinen Glauben an einen Gott, der sich Gerechtigkeit auf seine Fahnen schreibt.
Der Tod Jesu widerlegt auf den ersten Blick dieses Gottesbild. Denn was ist das für ein Gott, der sich angeblich für den Menschen einsetzt, aber nicht verhindert, dass jemand brutal hingerichtet wird? Was ist das für ein Gott, der vor Macht und Willkür klein beigibt? Was ist das für ein Gott, der sich der Gewalt beugt?
Der Glaube stellt diesen Fragen nur einen Satz entgegen. Er lautet: Jesus wurde auferweckt. Dieser Satz macht die Botschaft Jesu lebendig, macht sie glaubwürdig. Erst die Auferstehung zeigt, dass sich Gott nicht aus dem Staub macht, als Jesus stirbt. Erst Ostern zeigt, dass Jesus Recht hatte. Dass sein Gott tatsächlich auf der Seite der Unterdrückten und Vergewaltigten steht. Auferstehung heißt: Gott lässt den Menschen nicht im Stich, nicht einfach so ‚verrecken’. Er steht ihm bei, lässt ihn aufstehen, aufrecht gehen, macht ihn lebendig – über jeden Tod hinaus.
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Liebe hat immer Vorfahrt

Donnerstag, 27. März 2008     [Druckversion]

„Es ist besser, einem Hungrigen etwas zu essen zu geben, als sich in innerer Besinnung zu vertiefen.“ Übersetzt heißt das: Handeln ist besser als Beten. Ein starker Satz – und der hat ihm Ärger eingebracht, dem Meister Eckart, Theologe, Querdenker im 13. und 14. Jahrhundert. Damals ist er populär, lehrt in Paris und Köln. Man kann ihn und seine ungewöhnlichen Gedanken nicht ignorieren. Also macht ihm der Erzbischof von Köln den Prozess. Meister Eckart, so sein Vorwurf, glaubt nicht richtig, ist häretisch. Doch Eckart wehrt sich. Er appellierte an den Papst. Aber er kriegt keine Chance. Eckart stirbt, bevor es zum Prozess kommt. Das hindert Papst Johannes XXII. nicht, noch zwei Jahre nach Eckarts Tod 28 seiner Sätze als häretisch, als Irrlehre zu verurteilen.
Eckart denkt Gott und Mensch nahe zusammen. Er kann nicht von Gott denken – und den Menschen vergessen. Deshalb schreibt er: „Es ist besser, einem Hungrigen etwas zu essen zu geben, als sich in innerer Besinnung zu vertiefen. Und würde sich ein Mensch völlig Gott hingeben, wie der Heilige Paulus und wüsste einen Kranken, der eine warme Suppe bräuchte, ich hielte es für viel besser, du würdest aus Liebe die Hingabe aufgeben und dem Kranken in noch größerer Liebe dienen.“
Eckart sagt deutlich: Die Liebe zum Nächsten geht vor. Sie kommt vor jeder anderen Liebe. Sogar vor der Liebe zu Gott. Und erst recht vor allem anderen, was einem lieb und teuer sein kann. Die Liebe zum Nächsten kommt vor der Liebe zum Geld, zum Erfolg, zur Karriere, vor der Liebe für die eigene Arbeit und die eigenen Pläne. Eckart denkt aber damit nicht gegen Gott. Er denkt Gott vielmehr radikal weiter. Für Eckart ist klar: Wenn Gott sich für andere einsetzt, dann muss auch ich mich für andere einsetzen.
Kein Wunder, dass solche Ideen kritisch verfolgt wurden. Denn viele Christen vernachlässigen oft genug die Liebe zum Menschen – mich eingeschlossen. Meister Eckart hält dagegen: Der Glaube ist für den Menschen da – und fordert zum Handeln heraus.
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Jesus hat Pest

Mittwoch, 26. März 2008     [Druckversion]

Jesus hat die Pest. Dicke, schwarze Pestbeulen verunstalten seinen Körper. So hängt er am Kreuz. Eine erbarmungswürdige Gestalt. Der Künstler Matthias Grünewald hat ihn so gemalt. Vor fast 500 Jahren auf einem Tafelbild des Isenheimer Altars.
Jesus war natürlich nicht pestkrank. Dass wussten schon die Leute zu Grünwalds Zeiten. Aber warum malte ihm dann der Künstler die Pest auf den Leib? Der Isenheimer Altar entstand für das dortige Antoniterkloster. Das war nichts anderes als ein Krankenhaus. Hier versorgten die Mönche auch Pestkranke. Grünewald macht mit seinem Bild deutlich: Dieser Jesus ist einer von euch. Er ist wie ihr. Er ist für euch da. Der pestkranke Jesus am Kreuz macht Unsichtbares sichtbar. Er macht sichtbar, dass Gott mit den Menschen ist, mit ihnen leidet, ihnen zur Seite stehen will.
Jesus ist auferweckt worden. Das ist ein genauso merkwürdiger Satz wie: Jesus hat die Pest. Aber auch er will Unsichtbares sichtbar machen.
Jesus ist auferweckt worden. Dieser Satz erzählt erst einmal nichts über das leere Grab. Und schon gar nichts darüber, dass Jesus wie durch ein Wunder wieder lebendig wurde. Jesus ist auferweckt worden, das ist ein Satz, der vor allem etwas über Gott erzählt – und die Menschen. Denn nach Jesu Tod sind seine Freunde am Boden. Verkriechen sich, wollen ihre Zelte abbrechen und in ihre Dörfer zurückgehen. Es scheint alles aus. Die Jesus-Bewegung ist am Ende. Aber da machen die Jünger eine entscheidende Erfahrung. Sie erfahren, dass sich dieser Jesus bei ihnen sehen lässt. Sie erfahren, dass dieser Jesus auch nach seinem Tod für Menschen etwas bedeuten kann. Plötzlich haben die Jünger den Durchblick: Die Geschichte Jesu geht weiter. Genau das heißt Auferweckung: Der Tod behält nicht das letzte Wort. Das letzte Wort hat das Leben. Ostern heißt: Dieser Jesus lässt Menschen, lässt die Welt aufleben. Auch noch nach seinem Tod. Für mich ist das Kern der Auferstehungsgeschichten: Dass Menschen wieder Mut und Kraft schöpfen, dass sie wieder einen Anfang sehen – auch wenn sie krank sind, auch wenn sie Pest haben – und auch – nach dem Tod.
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Weihnachten fängt heute an

Dienstag, 25. März 2008     [Druckversion]

Heute fängt Weihnachten an, am 25. März, kurz nach Ostern, Allerdings ohne Weihnachtskrippe und Geschenke, Tannenbaum und „Stille Nacht.“ Heute fängt Weihnachten an, denn es sind noch genau neun Monate bis zum 25. Dezember. Neun Monate: So lang, wie eine Schwangerschaft dauert. Deshalb feiern die Kirchen am 25. März das Fest „Verkündigung des Herrn“. Sie erinnern damit an den Engel Gabriel, der zu Maria kommt und ihr mitteilt, dass sie schwanger ist.
„Ich bin schwanger.“ Das ist ein Satz, der für Hochgefühle sorgt oder für Katastrophenstimmung, für Krisen oder Glückszustände. »Ich bin schwanger«. Ein Satz, der so oder so immer die Welt verändert. Scheinbar aus dem Nichts entsteht neues Leben und aus einem Paar wird eine Familie. Plötzlich kreisen die Gedanken in ganz neue, andere Richtungen. Wird alles klappen, gut gehen, schaffe ich das, will ich das?
Die Startbedingungen bei Maria sind alles andere als optimal. Sie ist minderjährig, unverheiratet – und wird dann noch auf mysteriöse Weise schwanger. Maria springt keineswegs vor Freude in die Luft. In der Bibel heißt es, dass sie erschrickt, dass sie nicht so recht weiß, was der Engel ihr da sagen will. Aber sie gibt nicht klein bei, fängt an, mit dem Engel zu diskutieren, will wissen, wieso sie schwanger ist.
Maria ist keine Frau, die einfach so Ja und Amen sagt. Aber sie ist auch eine Frau, die sich überzeugen lässt. Sie sagt „Ja“ zu diesem Kind, sagt Ja zu dem neuen Leben. Neun Monate vor Weihnachten.
Im Bauernkalender gilt der 25. März, der Tag der „Verkündigung des Herrn“, als Frühlingsbeginn. Ein Datum, das gut zu Ostern und zu Weihnachten passt. Denn beide Feste kreisen um das Leben, um neues Leben, um einen Aufbruch. Beide Feste machen deutlich: Leben ist angesagt. So wie der Frühling jeden Tag vom Leben erzählt, das den Winter überwindet, das in ein neues Jahr aufbrechen lässt.

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