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Woche vom 09.03.2008 bis 15.03.2008




Martina Patenge

Von Martina Patenge, Mainz, Katholische Kirche

Wer braucht schon Gott?

Samstag, 15. März 2008     [Druckversion]

„Ich will selber“ – kaum hat ein Kind sprechen gelernt, sagt es diese wichtigen Worte: „ich will selber“. Mit aller Gewalt will es selber: sich anziehen und essen und die Türen aufmachen und ganz selber die Zähne putzen – und wenn das Kind das dann geschafft hat, platzt es fast vor Stolz. Fühlt sich ganz groß. Zu recht. Es ist schon ganz groß – weil es was Wichtiges erfolgreich gemeistert hat.
„Ich will selber“. Selber tun, was ich selbst tun kann, das braucht jeder. Das gilt nicht nur für Kinder, das gilt auch für Erwachsene. Und erst recht für kranke oder behinderte und für alte Menschen. Sie wollen selbstbestimmt leben und ihre Würde behalten.
Und doch gibt es viele Situationen, da kommen wir nicht selber zurecht. Da brauchen wir einander. Müssen wir einander um Hilfe bitten. Das fällt manchen ganz schön schwer. Weil doch das „Selber-tun-Wollen“ so ganz tief drin sitzt. Ich kann doch unmöglich zeigen, dass ich nicht alleine zurecht komme. Ich kann doch unmöglich andern zur Last fallen. Das geht gegen den Stolz.
Ich bin sicher, dass aus genau diesem Grund Gott heute für viele undenkbar geworden ist. Sich Gott anvertrauen? Das würde ja heißen, dass der Mensch angewiesen ist auf eine Hilfe, die größer ist als er selbst. An Gott glauben? Das würde ja bedeuten, dass der Mensch nicht alles ist und nicht alles kann, dass er eine Macht nötig hat, die über ihn hinausweist. Das aber kränkt den Menschen, der doch selber alles bestimmen möchte.
Der Philosoph Sören Kierkegaard setzt dem eine andere Einsicht entgegen. Er hat den wunderbaren Satz geschrieben: „Gott nötig zu haben ist des Menschen höchste Vollkommenheit“.
Gott nötig haben – das heißt doch, dass ich anerkenne: Ich kann nicht alles selber. Manchmal brauche ich Hilfe. Ich vertraue mich Gott an.
Beides gehört für mich zusammen: Selbst tun und gleichzeitig auf Gott bauen. Ich bin sicher, dann kann es rund werden, mein menschliches Leben.

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Loblied auf die Liebe

Freitag, 14. März 2008     [Druckversion]

„Gabi, ich liebe dich“ – hat da einer hingesprüht an den Bretterzaun der Baustelle, riesengroß und leuchtendrot. Schon lange. Ob Gabi dieses Bekenntnis jemals gelesen hat? Und ob die Liebe genauso hält, wie die leuchtende Farbe am Bretterzaun?
Ich weiß es nicht. Aber jedes Mal, wenn ich an dieser Liebeserklärung vorbeifahre, rührt sie mich. Da war einer unendlich verliebt. Er musste seine Worte in die Welt hinausschreiben. Alle sollten sie lesen. Alle sollten wissen, dass er Gabi liebt.
So ist das mit der Liebe. Sie ist überwältigend groß und stark. Sie überfällt den Menschen und nimmt alles in Beschlag. Das gilt besonders dann, wenn zwei ineinander verliebt sind. Die sind dann oft für einige Zeit nicht ganz normal, ein wenig verrückt vor lauter Glück und dem Feuer der Liebe – und es ist schön, wenn sie das genießen.
Liebe ist immer stark, das gilt für alle Arten der Liebe. Liebe macht es warm unter den Menschen. Liebe verbindet Menschen: Eltern und Kinder, Verwandte, Freundinnen und Freunde, eben alle, die sich gern haben. Liebe ist da, wo Menschen freundlich zusammen sind. Und da, wo sie einander helfen und beistehen. Wo sie sich gegenseitig trösten, unterstützen, zuhören, sich Mut machen. Liebe ist auch da, wo Menschen aufeinander Rücksicht nehmen. Oder füreinander sorgen.
Es gibt einen wunderschönen Satz über die Liebe. „Liebe umarmt Gott, gesellt Engel zu den Menschen, und aus Menschenkindern macht sie Gotteskinder.“ (Thomas von Kempen) Ich finde, das trifft wunderbar zu.
Liebe umarmt Gott! Verliebte Menschen wissen, wovon die Rede ist. Sie fühlen sich wie im siebten Himmel. Und auch wenn meine beste Freundin mit mir Freud und Leid teilt, dann umarmt die Liebe Gott. Durch meine Freundin erfahre ich, was es heißt, ein von Gott geliebter Mensch zu sein.
Liebe gesellt Engel zu den Menschen! Ein Engel, der mir hilft. Mir aufmerksam zuhört. Oder tröstet. Oder mir freundlich den Koffer in den Zug trägt. Wenn Menschen sich liebevoll helfen, werden sie einander zum Engel. Das ist so wichtig für die Welt.
Liebe macht aus Menschenkindern Gotteskinder! Weil liebende Menschen über sich hinauswachsen, nicht nur an sich denken. Weil in liebenden Menschen eine Kraft spürbar wird, die größer ist als sie selbst. Gottes Kraft. Und mit Gottes Kraft werden Menschen zu Gotteskindern.
Und deshalb ist die Liebe so wichtig. Jeden Tag. Auch heute.
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Eigentlich sollte ich mal was ändern.......

Donnerstag, 13. März 2008     [Druckversion]

Eigentlich weiß ich schon, dass ich oft zu viel arbeite. Eigentlich weiß ich schon, dass ich mehr Sport treiben sollte. Eigentlich weiß ich, dass auch meine Hobbys wichtig sind. Eigentlich weiß ich ganz Vieles.
Hand aufs Herz: Wer kennt sie nicht, diese Sätze? Diese Sätze, die alle so anfangen: „Eigentlich weiß ich, sollte ich oder dürfte ich oder müsste ich“ ...... Diese Sätze, die zeigen, dass irgendetwas anders werden müsste. Der Gesundheit zuliebe. Der Familie zuliebe. Dem eigenen Leben zuliebe.
Nun gibt es Menschen, die haben sehr viel Disziplin: Wenn die sich etwas vorgenommen haben, setzen sie es auch in die Tat um. Nehmen 20 Kilo ab, lassen von heute auf morgen das Rauchen sein oder werden Marathonläufer. Ich bewundere diese Menschen, die etwas radikal verändern können. Bei mir enden die Sätze, die mit „Eigentlich“ anfangen, meistens mit einem großen „Aber“. Aber, ich habe jetzt gerade überhaupt keine Zeit für Sport. Aber ich kann doch jetzt keinen Urlaub nehmen, gerade jetzt, wo so viel zu tun ist .... Und von den großen Zielen bleibt dann nicht viel übrig.
Ich habe gelernt, dass es mir eher hilft, wenn ich kleinere Wege gehe. Keine Radikal-Kuren. Dabei hat mir auch in diesem Jahr die Fastenzeit geholfen. Da habe ich mir vorgenommen, jeden Tag eine Stunde Zeit nur für mich zu nehmen. Für mich und für Gott. Und das habe ich auch geschafft, fast immer. Habe gebetet. In der Bibel gelesen. Den Fernseher habe ich auch ausgelassen. Dafür lieber Zeit mit der Familie verbracht. Das war schön.
Und nun ist die Fastenzeit beinahe schon zu Ende. Was hat sie mir gebracht? Ein Freund hat geschrieben: Du strahlst Gelassenheit und Ruhe aus.
Was für ein wunderbares Kompliment. Und ich spüre es ja selbst, dass ich ein bisschen neu geworden bin. Ein bisschen mehr bei mir angekommen.
Diejenigen, die alles gern perfekt hätten, werden sagen: das reicht nicht. Das ist viel zu wenig. Das reicht schon, behaupte ich! Jeder noch so kleine Neu-Anfang ist besser als gar nichts. Weil in jedem neuen Anfang auch eine große Hoffnung drin liegt. Die Hoffnung, dass ein Mensch immer mehr zu einem guten Lebensentwurf finden wird. Und dann wird Gott das vollenden, was so scheinbar klein begonnen hat.


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Dr. Christoph Kohl

Von Dr. Christoph Kohl, Speyer, Katholische Kirche

Auf die Grundhaltung kommt es an: Verkehr ganz ohne Verkehrszeichen

Mittwoch, 12. März 2008     [Druckversion]

„Weg mit den Verkehrsschildern!“ Die norddeutsche Gemeinde Bohmte hat alle Verkehrszeichen in ihrem Ortskern abgebaut. Ist das nicht eine verrückte Idee?
Es gab zwar schon vergebliche Versuche, den deutschen Schilderwald zu lichten. Aber immer war klar: Ohne Verkehrszeichen würde es drunter und drüber gehen.
Das sehen die 14.000 Einwohner von Bohmte anders. Dort gibt es im Ortskern keine Schilder mehr, keine Ampeln, keine Halteverbote, keine Zebrastreifen, keinen Bürgersteig. Alles abgebaut. Der Bürgermeister sagt: „Wir hoffen, dass sich die Eigenverantwortung der Autofahrer, Fußgänger und Radfahrer durchsetzen wird. Wir rechnen damit, dass wir nach und nach die gesamte Gemeinde vom reglementierten Verkehr befreien können“.
Die Leute haben Mut. Denn sie schrauben nicht nur ein paar Schilder ab. Sie stellen unsere Vorstellungen von Verkehr völlig auf den Kopf. Das Übliche ist: Wir fahren nach den Verkehrszeichen. Darin liegt eine Gefahr: Man schaut mehr auf die Schilder als dass man auf die anderen Verkehrsteilnehmer achtet. Schlimmstenfalls fährt man nur nach den Regeln und pocht auf sein Recht. Der Sinn füreinander bleibt auf der Strecke. Genau diese soziale Gesinnung wächst aber, wenn man ganz ohne Verkehrszeichen fährt. Wenn nur noch „rechts vor links“ gilt und sonst nichts mehr, dann achten alle aufeinander. Das funktioniert tatsächlich: Untersuchungen haben ergeben, dass die Menschen in einer Stadt ohne Verkehrszeichen sicherer leben und dass der Verkehr noch dazu besser fließt. Es geht offensichtlich ohne –zig Schilder. Es geht sogar besser.
Das wundert mich nicht. Denn entscheidend für ein gutes Zusammenleben ist die innere Haltung. Wenn der Sinn füreinander fehlt, dann nützen alle möglichen Gebote und Verbote nichts. Deshalb fasst Jesus in der Bergpredigt all die vielen Gesetze des Alten Testamentes in einem einzigen Satz zusammen: „Alles, was ihr von den anderen erwartet, das tut auch ihnen!“ (Mt 7, 12) Diese Einstellung ist das Entscheidende, damit es uns gut geht miteinander, nicht nur im Straßenverkehr. Wenn die Grundhaltung stimmt, sind die vielen Einzelvorschriften überflüssig. In einer Formulierung des heiligen Bischofs Augustinus klingt dieser Gedanke noch radikaler: „Liebe – und tue, was du willst.“
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Du sollst deine Schwächen lieben wie dich selbst

Dienstag, 11. März 2008     [Druckversion]

„Du sollst deine Schwächen lieben wie dich selbst.“ Das steht auf einem Zettel, der in meiner Gebetsecke liegt. Ein Satz, über den ich zunächst die Stirn gerunzelt habe.
Klar: Er ist dem christlichen Hauptgebot nachgebildet: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mt 22, 39; Mk 12, 31). Diese Weisung Gottes setzt als selbstverständlich voraus, dass ich mich selbst mag: So, wie ich es gut mit mir selbst meine, so soll ich auch gut zum Anderen sein. So, wie ich mich selbst lieb habe, so soll ich auch den Mitmenschen in Liebe begegnen. So weit, so gut.
Aber die eigenen Schwächen lieben wie sich selbst? Meine Fehler und Macken gern haben? Keine leichte Übung. Ich mag sie nämlich überhaupt nicht. Sie sind mir lästig. Sorgen für Enttäuschung, für Ärger – bei mir und bei anderen. Am liebsten wäre ich sie los.
Aber wie? Gute Vorsätze nützen da nicht allzu viel. Wie kann ich wirksam gegen meine Schwächen angehen?
Ganz einfach: Indem ich nicht gegen sie angehe. Indem ich sie annehme. Sie gehören schließlich zu mir, sind ein Stück von mir selbst. Meine Schwächen verlieren dann ihre Macht über mich, wenn ich ihnen ins Auge sehe, wenn ich sie akzeptiere. Ja, es sind meine wunden Punkte. Erst, wenn ich meine Schwächen annehme, erst dann sage ich „Ja“ zu mir - zu mir, so wie ich nun mal bin. Das ist nicht so einfach. Aber ich glaube, dass Gott immer „Ja“ zu mir sagt, zu mir auch mit all meinen unguten Seiten. Seine Liebe ist nicht an irgendwelche Bedingungen geknüpft. Ich kann sein und leben, wie ich will – er lässt mich nicht fallen. Im Gegenteil: Wenn ich mir mit mir selbst schwer tue, dann liege ich ihm besonders am Herzen. Gott tut alles, dass jeder Mensch voll und ganz „Ja“ zu sich selbst sagen kann.
„Du sollst deine Schwächen lieben wie dich selbst.“ Ein Impuls, der uns zu innerem Wachsen und Reifen führt. Wer seine Schwächen annimmt, der kann besser damit umgehen; er gewinnt Abstand zu ihnen. Und dann können sich die Macken und Fehler auch wandeln. Mit Gottes Hilfe.

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Man soll den Tag schon vor dem Abend loben

Montag, 10. März 2008     [Druckversion]

„Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.“ sagt der Volksmund. Klingt plausibel. Ich kann doch den Tag nicht loben, wenn er erst vor mir liegt. Wer weiß, was heute noch alles passiert. Am Abend, wenn der Tag gut gelaufen ist, dann kann ich vielleicht ein Loblied auf ihn singen. Vorher hat das keinen Sinn.
Karl Rahner, einer der größten Theologen des letzten Jahrhunderts, sieht das anders. Er meint: Man soll den Tag vor dem Abend loben. Ganz bewusst. Und er erläutert das so:
„Lob den Tag schon vor dem Abend. Dann empfängst du ihn nicht mit Misstrauen und Vorsicht, sondern mit dem Lob des Vertrauens, der Zuversicht, dann wird der Tag so, dass du ihn am Abend mit Recht loben kannst. Dann geschieht es auch mit dem Tag, wie es bei Menschen, oder wenigstens bei Kindern geht: sie werden das, wofür man sie hält.“ (Karl Rahner, Sehnsucht nach dem geheimnisvollen Gott. Profil – Bilder – Texte. Hg. von Herbert Vorgrimler, Herder Verlag, Freiburg-Basel-Wien 1990, S. 92-93.)
Das hat mir eingeleuchtet: Die Einstellung, mit der ich in den Tag hineingehe, ist entscheidend. Sie bestimmt, wie ich den Tag erlebe, wie er für mich wird.
Wer morgens skeptisch oder lustlos startet, der wird dann auch wenig Freude und Erfüllung erleben. Nicht, weil es 24 Stunden lang nichts Schönes gäbe, sondern weil die negative Erwartung den Blick dafür trübt. »Self-fullfilling prophecy« nennen das die Psychologen, die sich selbst erfüllende Prophezeiung. Aber das funktioniert auch umgekehrt: Wenn ich zuversichtlich in den Tag gehe, hoffnungsvoll und mit Vertrauen, dann kann ich den ganzen Tag lang die hellen Farben des Lebens wahrnehmen und genießen.
Auf die Einstellung kommt es also an. Für mich ist jeder Tag ein Stück Lebenszeit, das Gott mir schenkt. Ich glaube, dass Gott jeden Menschen trägt und hält, gleich, was passiert. Wenn das so ist, dann kann ich mit einem tiefen Grundvertrauen in jeden Tag hineingehen, gelassen, mit kindlicher Entdeckerfreude. Gott spielt mir auch heute wieder Leben zu – ich muss den Ball nur aufnehmen.
Deshalb versuche ich, den Tag vor dem Abend zu loben. Ich zwinkere ihm morgens zu und begrüße ihn freundlich. Und freue mich auf die nächsten Stunden Lebenszeit, die vor mir liegen. Im Vertrauen auf Gott, der mich auch heute trägt und begleitet.“


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