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Woche vom 01.04.2012 bis 07.04.2012




Dr. Maria Meesters

Von Dr. Maria Meesters, Baden-Baden, Katholische Kirche

Ehre sei Gott in der Tiefe

Samstag, 07. April 2012     [Druckversion]

Am Karsamstag fällt mir regelmäßig eine Weihnachtsgeschichte ein, die nämlich vom Engel, der falsch gesungen hat. „Ehre sei Gott in der Tiefe" tönte er immer wieder im Chor der himmlischen Heerscharen, statt - wie vorgeschrieben - Ehre sei Gott in der Höhe, denn er wollte unbedingt besingen, dass Gott in die Tiefe gegangen ist, zu den Menschen. Heute läge der Engel richtig mit seinem Gesang - abgesehen davon, daß die Engel heute nicht singen dürfen, denn der Karsamstag gilt als der stille Tag des Kirchenjahres, der Tag der Grabesruhe Jesu zwischen seinem Tod und seiner Auferstehung.
Aber es ist auch der Tag, an dem Christen einen nicht so bekannten Satz aus dem Glaubensbekenntnis festmachen: zwischen Karfreitag und Ostern ist Jesus „hinabgestiegen zu der Hölle" so hieß es früher im Glaubensbekenntnis, heute lautet die Formulierung „hinabgestiegen in das Reich des Todes". Dahinter steht der Glaube, daß Jesus auch gelebt hat und gestorben ist für die Menschen, die vor seiner Zeit auf der Erde waren, und daß er auferstanden ist für die Menschen aller Zeiten. Im 1.Petrusbrief im Neuen Testament heißt es: „er stieg hinab zu den Geistern im Kerker" (3,19), und Künstler stellen ihn dar beispielsweise mit Adam und Eva oder Abraham, wie er sie bei der Hand nimmt und in den Himmel führt.
Keiner weiß, was Jesus im Tod und nach dem Tod getan und erlebt hat. Aber die Vorstellung, daß er zu den Toten oder in die Hölle hinabgestiegen ist, sagt etwas über die Bedeutung seines Todes und seiner Auferstehung. Jesus begibt sich in die Welt des Todes und in die Welt des Bösen, der Verzweiflung, der Verdammnis. Er bringt Leben in die Welt, in der alles endgültig schien, festgelegt für immer und ewig. Ostern ist nicht bloß etwas für die, die das Glück hatten, erst nach ihm zu sterben, sondern das Leben, das von ihm ausgeht, ist so unwiderstehlich, daß es alle Zeiten und Räume umfasst. Wo jede Beziehung abgerissen schien, dahin geht er. Heißt das womöglich, daß von Gott her die Beziehung nie abgerissen war? Dass weder Tod noch Böses die Beziehung zum Gott des Lebens zerstören können? Hinabgestiegen in das Reich des Todes, abgestiegen zu der Hölle, zu Besuch bei den Geistern im Kerker - der Engel hat schon recht mit seinem „Ehre sei Gott in der Tiefe".

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Karfreitag

Freitag, 06. April 2012     [Druckversion]

Wenn mir das Bedrückende des Todes besonders nahe rückt, schlage ich gern eines der Gebete von Gottfried Bachl auf. Er ist Theologe und Schriftsteller in Salzburg. Dieses Gebet lautet:

Schaust du den Toten
ins Gesicht, Gott?
Siehst du den wortlosen Mund,
der auch dich nicht mehr nennt?
So ist das Ende, das du ausgedacht hast für uns.
Wir wissen nicht aus noch ein, wenn wir das sehen.
Leih uns deine Augen, die überall
ins Leben blicken. 
(Gottfried Bachl, Mailuft und Eisgang. Wien 1998, 65)

Gottfried Bachl beschönigt den Tod nicht. Er sucht, welche Beziehung Gott zum Tod hat und zu den Toten. Ob Gott den Toten ins Gesicht schaut.  Das klingt fast wie ein Vorwurf: „Traust Du dich, Gott, den Toten ins Gesicht zu schauen?" Ich sehe hier aber auch einen Funken Hoffnung: „Kannst wenigstens Du, Gott, unseren Toten noch ins Gesicht schauen?" Und weiter fragt Bachl, ob Gott merkt, dass die Toten verstummt sind, dass sie auch zu ihm und von ihm nicht mehr sprechen. Und dann macht er ganz nüchtern Gott verantwortlich für unsern Tod so wie er ist. „So ist das Ende, das du ausgedacht hast für uns." Und er drückt genauso nüchtern seine, unsere Verzweiflung aus:„Wir wissen nicht aus noch ein."Doch dann kommt die Wende, die sein Gebet schon zu einem Ostergebet macht: „Leih uns deine Augen, die überall ins Leben blicken." Das ist ein umwerfendes Glaubensbekenntnis:„Du Gott blickst über all ins Leben, auch da, wo wir nur Tod sehen, auch da wo Tod ist." Da sieht Gott Leben. Die Bitte ist im Grunde ein Osterwunsch: „Leih uns deine Augen! Lass uns, lass mich überall ins Leben blicken! Laß mich in Abschied und Ende auch Neuanfang sehen. Lass mich eine Ahnung behalten, dass Unmögliches möglich sein kann. Gib, dass ich mich auf den Tod nicht festlege." Das ist Karfreitag: nüchtern den Tod sehen und nicht beim Tod stehen bleiben. „Leih uns deine Augen, die überall ins Leben blicken."

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Gründonnerstag

Donnerstag, 05. April 2012     [Druckversion]

In der Karwoche geht es um Leben und Tod. Um die letzten Tage des Jesus aus Nazareth und was sie für uns Menschen bedeuten können. Heute  am Gründonnerstag wird an das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern erinnert. Und dabei nimmt Jesus Brot und Wein und sagt dazu: „Nehmet hin, das ist mein Leib für euch. Trinkt aus diesem Becher, das ist mein Blut für euch." Mit andern Worten heißt das doch: Nehmt mich, stärkt euch an mir. Zehrt von mir. Nehmt mein Leben und macht es zur Lebenskraft für euch. Damit bringt er etwas zum Höhepunkt, was immer wieder unter Menschen geschieht: dass einer vom anderen lebt, dass wir uns gegenseitig brauchen und auch verbrauchen. Ich bin da schnell auch im eigenen Leben. Ich kenne die Freude, gebraucht zu werden, und das bedrohliche Gefühl: jetzt wird es zuviel, jetzt geht es an die Substanz. Und auch das Umgekehrte kenne ich: selber andere zu brauchen, von ihnen zu zehren und dabei Kraft zu gewinnen. Wir leben voneinander, andere von mir, ich von andern - manchmal aus dem Überfluß, wenn Körper und Seele gerade aus dem Vollen schöpfen können. Aber auf die Dauer und aufs Ganze lebt einer von der Substanz des andern. Die Bandscheiben der Krankenschwester und die Lungen des Verkehrspolizisten sind früher oder später verbraucht. Ich sträube mich immer wieder gegen dieses Lebensgesetz. Aber ich glaube auch, daß es dem Sinn des Lebens näher kommt, ja, daß es glücklicher macht, das Leben zu verbrauchen, statt es zu bewahren. Der Niederländer Huub Oosterhuis sagt in einem Gebet:

Die Menschen müssen füreinander sterben.
Das kleinste Korn, es wird zum Brot, und einer nährt den andern.
Und Oosterhuis fährt fort: Den gleichen Weg ist unser Gott gegangen;
und so ist er für dich und mich das Leben selbst geworden. 
(vgl. Gotteslob Nr 183.)

Diese Zeilen fassen für mich die tröstliche Botschaft des Gründonnerstags. Gott wohnt mit uns in diesem Lebensgeheimnis, daß wir nicht umhin können, einander zu verbrauchen. Zehren und Verzehrtwerden ist kein tödlicher Prozeß, sondern bringt Leben hervor. „Nehmt und esst, das ist mein Leib. Nehmt und trinkt, das ist mein Blut, für das Leben der Welt."

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Karwoche - Im Bauch des Fisches

Mittwoch, 04. April 2012     [Druckversion]

Drei Tage im dunklen Bauch des Fisches. Danach spuckt der Fisch den Propheten Jona wieder an Land. Ein kleines Buch in der Bibel erzählt diese Geschichte. Für mich passt sie in die Karwoche. Einmal weil die Geschichte auch im Neuen Testament ein Bild für die Tage von Karfreitag bis Ostern geworden ist: Jesus stirbt, ist tot und wird nach 3 Tagen von den Toten auferweckt. Aber dieses Bild vom Jona im dunklen Fischbauch macht überhaupt etwas anschaulich vom Geheimnis des Lebens und des Sterbens. Wie ist das mit dem Dunkel im Leben? Wie ist das mit den Zeiten, in denen wir durch Schweres hindurch müssen? Wie ist das mit der Hoffnung, nach dem Dunkel wieder ans Licht zu kommen?
Jona: er hat einen Auftrag bekommen, will ihn nicht ausführen, frei nach dem Motto „Ich bin dann mal weg" besteigt er ein Schiff. Als das Schiff bei Sturm in Seenot gerät, weiß er ziemlich schnell: dieser Sturm gilt mir. Und er ist immerhin so tapfer, sich von den Seeleuten ins Meer werfen zu lassen, um sie nicht mit ins Unglück zu reißen. Tatsächlich legt sich der Sturm. Jona wird von einem großen Fisch verschluckt - der ihn rettet und 3 Tage im Dunkeln gefangen hält. Dann spuckt er ihn ans Land, und Jona führt seinen Auftrag aus. Die Zeit, in der er wie begraben ist, hat Jona verändert. Er hat diese Zeit gebraucht, um zu erkennen, was er will und was er soll. Verändert ist er wieder aufgetaucht. Das ist ein Stück Lebensgeheimnis. Daß solche Zeiten im Bauch des Fisches dazugehören. Zeiten, in denen es dunkel ist und eng. In denen nicht ich meinen Weg und mein Ziel bestimme. Daß aber auch das Unvorstellbare geschieht: wieder ans Licht zu kommen, Boden unter den Füßen zu finden und ein Ziel zu sehen. Im Lukasevangelium bezieht Jesus die Jonageschichte auf sich. Er spricht vom „Zeichen des Jona", das uns Menschen gegeben wird. (Lukas 11, 29ff.) Auch zum Leben Jesu gehört der Durchgang durch das Dunkel. Durch das Dunkel im Leben und durch das Dunkel am Ende des Lebens, im Tod. Aus diesem letzten und tiefsten Dunkel geht er verändert hervor, als der Auferstandene. Das Zeichen des Jona und das Leben Jesu zu betrachten - im Blick auf mein eigenes Leben - dazu laden die kommenden Tage ein.

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Ein Wegkreuz

Dienstag, 03. April 2012     [Druckversion]

Wenn mein Großvater an einem Wegkreuz vorbeigegangen ist, hat er immer den Hut gezogen. Und er wußte auch einen Vers:

     Siehst du das Kreuz, das dort am Wegrand steht?
     Es soll dem Wand'rer, der vorübergeht,
     die eine große Wahrheit sagen: Dies Kreuz wird dich zum Himmel tragen
.

Das Kreuz ist ein altes Symbol. Es taucht in vielen Kulturkreisen auf, auch schon in vorchristlicher Zeit. In ihm treffen sich Waagrechte und Senkrechte, und so weist es hin auf die Beziehung von oben und unten, Himmel und Erde. Es verbindet entgegengesetzte Punkte, ist deshalb auch Sinnbild der Einheit von Gegensätzen. Die Kreuzbalken stehen für die vier Himmelsrichtungen und die vier Elemente Wasser, Feuer, Luft und Erde. So ist das Kreuz ähnlich wie der Kreis, auch ein Symbol der Ganzheit, des Kosmos. In Irland findet man deshalb häufig Kreuz und Kreis in einem; beide zusammen verweisen auf Licht und Sonne sowie den Jahreslauf und den Lebenslauf. Künstler haben zu allen Zeiten das Kreuz und den Gekreuzigten dargestellt, auf viele verschiedene Arten. Dabei stehen entweder Qual und Todeskampf im Vordergrund, oder das Leiden ist schon überstanden, das Kruzifix strahlt Ruhe und Würde aus, es zeigt den Auferstandenen, siegreich, sogar triumphierend. Was kann das Kreuz für Menschen heute bedeuten? Wie läßt sich in dieser Karwoche vielleicht ein neuer Zugang finden zum Kreuz Jesu? Für mich ist es wichtig, die Spannung nicht aufzulösen zwischen dem Kreuz als Zeichen des Todes und dem Kreuz als Zeichen des Lebens. Das Kreuz Jesu stellt uns in diese Spannung hinein. Die Spannung, die ja von der Lebenserfahrung auf Schritt und Tritt bestätigt wird. Tod und Leben, Tod im Leben, Leben im Tod. Im Bild des Kreuzes und des Gekreuzigten finden wir beides: daß wir sterben müssen und daß wir Hoffnung haben auf Leben. Das christliche Kreuz zeigt einen Toten, und es spricht vom Leben. Auch deshalb hat es Sinn auf die Wegkreuze zu achten und bei ihnen innezuhalten.

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Das Kreuz

Montag, 02. April 2012     [Druckversion]

Über das Kreuz ist immer wieder gestritten worden, über dieses uralte Symbol. Mir ist es als christliches Symbol vertraut von Kindheit an. Von zu Hause, aus der Kirche, von draußen aus der Landschaft. Als Kind fand ich es sehr geheimnisvoll, aber nie bedrohlich. Ich hatte gelernt: Jesus hat uns Menschen so geliebt, daß er die Qualen auf sich genommen hat. Er wollte zeigen, daß wir auch im Sterben nicht allein sind. Eine zeitlang hat mich ein Wegkreuz in der Nähe meiner Großeltern sehr in seinen Bann gezogen, bis dahin, daß ich im Winter die Großeltern bestürmt habe, den Gekreuzigten doch zu sich ins Warme zu holen, oder ihm wenigstens eine Decke umzuhängen. Dass man mit einem Kruzifix auch Probleme haben kann, ist mir erst viel später klar geworden. Es steht ja zu allererst für Grausamkeit und Leid. Und es drängt dazu, es drängt auch mich dazu, Gott Fragen zu stellen. Zu fragen, warum dieser Jesus so leiden und sterben musste. Die frühen Christen haben auch ihre Mühe gehabt mit dem Kreuz. Denn wer gekreuzigt wurde, galt als Verbrecher. Jesus war also nicht nur tot und gescheitert, sondern hatte auch seine Ehre verloren. Erst ab dem 4. Jahrhundert stellen auch Christen das Kreuz bildlich dar. Zunächst auf Sarkophagen. Da ist das Kreuz ein positives Zeichen geworden und sagt: Daß Jesus gestorben ist und wie er gestorben ist, läßt hoffen für diese Toten, die hier im Sarg liegen, hoffen, daß sie weiterleben bei Gott. Das Bild von der schmachvollen Hinrichtung Jesu ist Symbol geworden für den Glauben an neues Leben - durch den Tod hindurch! Das Kreuz Jesu ist kein schönes Symbol. Es ist eine Klage über Schmach und Tod, eine Anklage an alle, die Gewalt üben. Gleichzeitig drückt es die Hoffnung aus, daß wir Menschen in Schmach und Tod und Ohnmacht nicht von Gott verlassen sind. Vielleicht haben Sie ja auch Ihr Kreuz, das daheim irgendwo hängt, oder in einer Kirche, die sie hin und wieder besuchen, oder das sie bei sich tragen. Und vielleicht können Sie mit Ihrem Kreuz ins Gespräch kommen, es befragen, davor klagen, widersprechen oder sich auch trösten lassen.

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Palmsonntag

Sonntag, 01. April 2012     [Druckversion]

Ganz oben sein - ganz unten sein. Darum geht es heute, am Palmsonntag. Jesus kommt nach Jerusalem, die Leute jubeln ihm zu, breiten vor ihm ihre Kleider auf dem Boden aus und machen ihm mit Palmzweigen einen Teppich. Er reitet darüber, hinein in die Stadt; nicht hoch zu Roß, sondern auf einem Esel. Das läßt schon etwas ahnen. In wenigen Tagen werden die Leute ihm nicht mehr zujubeln, sondern rufen: kreuzige ihn! Dann ist er ganz unten.
Oben - unten, in vielen Gottesdiensten werden heute Sätze aus dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper gelesen, die genau dieses Thema aufnehmen: „Jesus Christus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz." (Philipper 2, 6ff)
„Sein Leben war das eines Menschen" - auch in bezug auf oben und unten. Der Auftakt zur Karwoche nimmt eine Erfahrung auf, die viele Menschen machen: abzustürzen, durch eigene oder fremde Schuld. Diese Erfahrung hat Jesus geteilt. Menschen, die so etwas erleben, stehen seitdem nicht mehr allein in der Schmuddelecke. Das kann helfen, Abstürze etwas gnädiger zu beurteilen, die Abstürze anderer und auch die eigenen, die man sich oft so schwer verzeihen kann. Jesus ist solidarisch mit uns Menschen. Solidarisch eben auch mit denen, die besonders weit unten sind. „Er wurde wie ein Sklave", heißt es, und am Kreuz stirbt er erniedrigt, verlassen, gedemütigt. Das ist schwer auszuhalten. Aber es ist nicht das Ende. Im Philipperbrief schreibt Paulus weiter, daß Gott Jesus nicht unten läßt, sondern ihn erhöht, ihn über alle erhöht. Auch da darf ich Jesus also an meiner Seite sehen. Ich darf meinen Weg in allen Höhen und Tiefen mit Vertrauen gehen. Mit dem Vertrauen, daß immer etwas Neues möglich ist. Oben sein - unten sein. Die Karwoche und Ostern - sie deuten diese Erfahrung des Lebens neu.

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