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Woche vom 17.07.2011 bis 23.07.2011




Wolf-Dieter Steinmann

Von Wolf-Dieter Steinmann, Ettlingen, Evangelische Kirche

gnädiges Abseits

Samstag, 23. Juli 2011     [Druckversion]

Oft sind es nur ein paar Kilometer ins Paradies. Wo das Leben ganz anders tickt und ich selber nach einer Weile auch. Wo ich zu mir kommen kann, die Hektik von mir abfällt. Und die Atemlosigkeit ein Ende hat. Oft sind es nur ein paar Kilometer abseits ins Paradies.
Ich denke, Sie wissen, was ich meine mit diesen Paradiesen. Vermutlich haben Sie auch eins oder sogar mehrere: Orte, Plätze, Lieblingsstellen. Die oft nur ein paar Kilometer abseits der Hauptstraße liegen. Im Taubergießen südlich von Offenburg, zB. auf der Alb, im Odenwald.
Wenn Sie demnächst Urlaub haben, wünsche ich Ihnen, dass Sie dort auch eins finden. Wie ich vor einiger Zeit in der Nähe von Berlin im Spreewald: Die Spree verzweigt sich in ein verschlungenes System von kleinen Bächen und Kanälen. Am Ufer hohe Bäume. Und die Menschen waren klug genug bisher, die Straßen am Rand enden zu lassen. Wenn ich eintauchen will ins Paradies, muss man ein bisschen abseits. Zu Fuß oder im Spreewaldkahn. Stundenlang kann man sich vom Kahnführer durchstaken lassen. Geräuschlos setzt er die Stange ins Wasser. Und lässt einen dahin gleiten. Nach einer Weile im Paradies wundert man sich: So still kann die Welt sein? Ein paar Kilometer abseits reichen schon. Hat der eine oder andere Mitfahrer zu Anfang noch eifrig geschwätzt. Wird es mit der Zeit immer stiller. Alle reden weniger, schauen umso mehr.
Wenn man vorher gar nicht mehr gemerkt hat, wie es der eigenen Seele geht; zwei drei Stunden in so einem Paradies, und man spürt seine Seele wieder und sie sagt: „So ein Paradies tut mir gut. Danke, dass Du es Dir und mir gegönnt hast." Und es wirkt nach, auch wenn man aus dem Abseits wieder zurück ist auf den Hauptstraßen des Lebens.
Ich will die Hauptstraßen nicht madig machen. Gott ist nicht nur in den Paradiesen. Er ist auch mit unterwegs auf den Hauptstraßen, wo das Leben laut ist und schnell. Aber manchmal braucht man diese Paradiese, damit man still wird und ihn überhaupt wieder wahrnimmt: den barmherzigen Gott, der einen begleitet auf den Haupt- und Nebenstraßen und sogar auf den Umwegen meines Lebens.
Ich finde: Ohne die stillen Paradiese wäre die Welt ärmer Und meine Seele auch. Darum hoffe ich, dass ich nie vergesse, was alle diese Paradiese noch gemeinsam haben. Sie können verloren gehen, wenn wir nicht auf sie aufpassen. Sie sind so nah an den Hauptstraßen. Wir müssen sorgen, dass die Paradiese abseits erhalten bleiben. Auch im Interesse unserer Seelen.

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Bikers Segen

Freitag, 22. Juli 2011     [Druckversion]

Hoffentlich wird es ein Wochenende, an dem wir fahren können. Auf zwei Rädern. Mit dem Motorrad raus über Land, oder dem Roller, wie ich. Fahren und verreisen auf zwei Rädern ist eine andere Erfahrung als mit dem Auto unterwegs zu sein. Eine andere Er-Fahrung, im wörtlichen Sinn des Wortes.
Ich vermute, das ist schwierig nachzuvollziehen, wenn Sie im Auto verreisen. Aber wenn ich auf zwei Rädern unterwegs bin, denke ich manchmal: Warum setzt Du dich sonst so oft in diesen engen Käfig?
Anders ist vor allem: Auf zwei Rädern erfährt man deutlicher, dass man unterwegs ist. Im Auto wird man gefahren, abgekapselter von der Welt, man erfährt sie indirekter. Auf zwei Rädern erlebt man das Reisen körperlicher. Ich spüre mehr, wieweit ich fahre. Und ich glaube, diese körperliche Erfahrung spiegelt sich auch in der Seele. Reisen wird eine intensivere Erfahrung. Und das suchen wir doch, wenn wir verreisen? Er-Fahrungen.
Leider gehört zu dieser Erfahrung auch die Ge-Fahr.
Zweirad fahren bleibt gefährlich. Auch deshalb, weil Auto und Zweirad so unterschiedliche Gefährte sind. Autofahrer schätzen uns manchmal falsch ein oder übersehen uns sogar. Ich habe eine Bitte an Sie als Autofahrer, auch an diesem Wochenende:
Denken Sie daran, dass es uns gibt. Und dass wir manchmal schneller sind, als Sie erwarten. Nicht alles was zwei Räder hat, ist ein Fahrrad.
Oft liegt die Gefahr auch in uns selbst: Wenn man vergisst oder verdrängt, dass fahren Gefahren hat. Man überschätzt sich oder die Kraft der Maschine verführt dazu, sich mehr zuzutrauen, als gut ist. Lassen Sie uns daran zu denken, dass es Menschen gibt, die auf uns warten, und so zu fahren, dass wir uns wiedersehen können. Und die Erfahrung gut bleibt.
Ich habe im Internet auf der Seite eines Bikergottesdienstes einen Segen gefunden von Volkmar Glöckner, den ich Ihnen mitgeben möchte.
„Du gehst auf große Fahrt und steckst die Ziele weit
- weißt du, wie lange du brauchst und ob du ankommst?
Du hast alles geplant, an alles gedacht, dich auf alles vorbereitet- weißt du, dass es mehr als alles gibt?
Ich wünsche dir, dass der, der über allem steht,
der alles schuf und alles durchschaut, dir allezeit nahe sei!
Er begleite deine Fahrt und kläre dein Ziel,
Er beschütze dich und schenke dir Zeiten der Rast,
in denen du das leise Reden dessen hörst,
der dich schon immer liebte, mehr als ein Mensch dich lieben kann! Amen!" Ich wünsche allen, die heute unterwegs sind, behütete Fahrt und Gottes Segen.

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erleichtern

Donnerstag, 21. Juli 2011     [Druckversion]

Es ist ein Glück, wenn man es schafft, es einander leicht zu machen in einer Beziehung. Gerade wenn sie an sich kompliziert ist. Wenn man es dann schafft, einander das Schwere leicht zu machen, das ist wirklich ein Glück. Und ein Segen. Die Bibel hat dafür einen Ratschlag:
„Einer trage des Anderen Last. So erfüllt ihr das Gesetz Christi." (Gal 6,2) Es einander leichter machen, gerade wenn es schwer ist. Eigentlich ist das so vernünftig und einleuchtend, dass sich jeder darum reißen müsste, es hinzukriegen. Eigentlich...
Ich frage mich oft, warum geht das bei den einen und bei den anderen nicht? Muss man damit zufrieden sein, der eine kann das „das leichter machen", die andere nicht? Oder kann man sich doch was abschauen, wie das „leichter machen" geht?
Ich denke z.B. an das Miteinander von uns erwachsenen Kindern und alt gewordenen Eltern: Ich vermute, Sie kennen, was ein Freund erzählt: Wie verschieden es ist mit seiner 80-jährigen Mutter und seinem Schwiegervater. Beide leben allein, beide gleich weit weg. Man besucht den Schwiegervater nicht seltener als die Mutter. Und trotzdem, erzählt mein Freund, ist das wie Tag und Nacht. Beim Schwiegervater spürt man immer diesen vorwurfsvollen Unterton, schon beim Begrüßen: „Schön, dass Ihr auch mal wieder kommt." Durch die ganze Beziehung zu ihm zieht sich ein schlechtes Gewissen, das drückt. Nicht nur meinen Freund, mehr noch seine Frau und auch die zwei großen Enkel. „Bei meiner Mutter ist das anders," sagt er. „Da habe ich auch oft ein schlechtes Gewissen und denk, oh je, wie lang war ich nicht mehr bei ihr. Und dann kommt man hin und sie freut sich einfach und nimmt einem das schlechte Gewissen ab. Mit ihrer Art, sich zu freuen und dankbar zu sein. Manchmal beschämt mich das richtig," sagt er.
‚Einer trage des anderen Last.' Es muss nicht schwer sein, dem anderen das Leben leichter zu machen. Es wird schon leichter, wenn man dem Anderen nicht zusätzlich noch was drauf packt.
Ob man das üben kann, dem anderen kein schlechtes Gewissen zu machen? Vielleicht ja: Wenn man nicht die Defizite stark macht oder dem anderen enttäuschte Erwartungen vorhält, sondern stark macht, was geht und was gut ist. Wenn man beieinander ist, ist das Wichtigste nicht, wie lange man sich nicht gesehen hat, sondern dass man sich jetzt sieht. Beziehungen - gerade wenn sie kompliziert sind - brauchen es, dass man sich aneinander freut und füreinander dankbar ist. Als Fundament und zur Erleichterung.

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Udos Engel

Mittwoch, 20. Juli 2011     [Druckversion]

Sich verloren vorkommen im Leben. Ein Verlierer zu sein. Vielleicht sogar das Gefühl haben, sich ganz zu verlieren. Ich glaube, so was kennen viele. Ich auch. Darum täte es gut, man könnte glauben, was Jesus erzählt hat: Gott sucht die Verlorenen und trägt sie. Eine Geschichte hat Jesus erzählt, die zeigt wieso er das glaubt.
Jesus hat erzählt: Was meint ihr? Ein Mann besitzt 100 Schafe. Eines verläuft sich. Wird er nicht los gehen und das verirrte Tier suchen? Und wenn er es gefunden hat, freut er sich, rettet es und trägt es zurück.
So ist Gott, erzählt Jesus. Er will nicht, dass einer von seinen Menschen verloren geht.
Aber kann man so was auch in unserer Welt erleben?
Vielleicht doch. Ich habe einen gehört, dessen Lebenserfahrung klingt irgendwie ähnlich wie das was Jesus erzählt hat. Einer, der ganz bestimmt kein lammfrommes Leben lebt. Udo Lindenberg.
„Mann, ich habe mich selber fast verloren, doch so ein Hero stürzt ab, steht auf, startet von vorn." Jetzt gibt Udo aber wieder den Coolen, hab ich gedacht, als ich diese Liedzeile zum ersten Mal gehört habe. Viele Abstürze, sich selbst fast verloren, aber nie liegen geblieben, immer wieder aufgestanden und neu angefangen.
Viele von uns Männern sehen keinen Helden mehr, wenn sie sich im Spiegel sehen. Eher Mittelmaß. Oder wie viele werden von anderen zu den Losern gezählt, wie das heute heißt.
Aber Udo Lindenberg ist auch kein strahlender Held. Das spürt man, wenn man sein Lied zu Ende hört. Es passiert, was sonst wohl nie passiert. Udo L. zieht seinen Hut. Nicht vor sich, weil er alles allein gepackt hat. Vor einem, der immer bei ihm war, zieht er ihn. Ihn gepackt hat und nach Hause getragen. Der ihn niemals ausgebuht hat, egal was er gemacht hat. Menschen können so was ja wunderbar. Ausbuhen, drauf gehen, wenn einer schon am Boden ist. Udo weiß, da war einer gnädig mit ihm, hat ihn nicht im Stich gelassen hat. „Keiner hat mich je so doll geliebt, bist'n Schutzengel, der Überstunden schiebt."
Für mich singt Udo von Gott. Von Gott, der - wie der Schäfer in der Geschichte Jesu - die Verlorenen sucht und trägt.
Jedenfalls einen die Kraft finden lässt, nicht liegen zu bleiben. Sich nicht gehen und hängen zu lassen, sondern den Mut gibt, aufzustehen und zu kämpfen. Der einen in den Arm nimm, wenn man sich verloren fühlt. Oder unten ist.
Ich finde es gibt sehr gute Gründe, zu glauben, dass dieser Gott immer noch unterwegs ist.

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Schöne Menschen

Dienstag, 19. Juli 2011     [Druckversion]

Schöne Menschen haben es leichter, heißt es. Und Untersuchungen zeigen, es ist so. Beim Bewerbungsgespräch zum Beispiel. Schöne Menschen finden auch leichter einen Partner. Sie kriegen sogar leichter geholfen. Ich habe so eine Situation beobachtet.
Hauptbahnhof Stuttgart - es hätte auch jeder andere sein können. Oben an einer Treppe zu einer Unterführung eine junge Frau. Vielleicht 25, schlank, gut aussehend. Dicker Koffer. Sie ist gerade dabei, die Treppe in Angriff zu nehmen, da spricht sie ein Mann freundlich an. „Darf ich Ihnen helfen?" Freundlicher Blick zurück. „Ja, gern." Er trägt ihr das dicke Ding die Stufen runter. Übergibt ihr den Koffer. Noch ein nettes: „Danke und tschüs". Und beide gehen ihrer Wege. Natürliche Freundlichkeit.
Auf einmal geht mir die Frage durch in den Kopf: Hätte er den Koffer auch geschleppt, wenn sie unscheinbar, 15 Jahre älter und nicht so hübsch gewesen wäre? Ich habe meine Zweifel. Wieso? Es gibt einfach jeden Tag zu viele Frauen auf Bahnhöfen, die ihre Koffer allein herum wuchten. Unbeachtet von uns Männern, die unsere Wege gehen. Schöne Menschen haben es leichter. So weit- so natürlich. So weit - so gut?
Jesus hat eine Strategie gegen dieses einfache Strickmuster propagiert. Er hat gemeint: Seid klug, und gewöhnt euch rechtzeitig ein anderes Verhaltensmuster an. Aus intelligentem Eigennutz. Nicht „selig sind die Schönen" sondern „Selig sind die Armen, Hilfe für die Kranken und Liebe für die Normalen und die Loser." Das ist nicht nur barmherzig, das ist vor allem auch intelligent vorausschauend. Der natürliche Bonus der Schönheit, der kommt schnell in die Jahre. Sie und ich, wir alle haben bessere Karten, wenn wir unsere Menschlichkeit viel breiter streuen.
Diese Strategie von Jesus ist anstrengend? Aber wer sagt, dass Menschlichkeit geht ohne Anstrengung? Wir Nicht-so-Schönen, Behinderten, Kranken, Loser, Normalen und Mittelmäßigen brauchen das, dass wir uns auch anstrengen füreinander.
Immer nur die Schönen sehen? Kann deshalb eigentlich nicht sein. Es kann nicht sein, dass man als Lehrer vor der Klasse, als Chef im Büro und überall den Schönen den Vorzug gibt, bloß weil sie schön sind. Wenn es menschlich zugehen soll, muss man die anderen sehen.
Wenn man den Mechanismus unserer blöden Natur erst mal begriffen hat, wird es menschlich interessant. Zu sagen: Ist halt so!
Das geht ja wohl gar nicht. Wenn ich an das Erlebnis am Bahnhof denke, finde ich: Auch wir Männer können viel mehr als „naturlich".

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„Nicht-Mann?"

Montag, 18. Juli 2011     [Druckversion]

Ist eine Frau eine Frau oder ein „Nicht-Mann?" Was für eine unmögliche Frage, sagen Sie? Ich habe auch gedacht, dass wir über solche Fragen längst hinaus sind. Aber die Frauen WM hat mich wieder ins Grübeln gebracht. Da hatte ich manchmal dieses Gefühl, Frauen seien nicht Frauen, sondern „Nicht-Männer." Und zwar nicht nur an den Stammtischen. Sondern auch im so genannten seriösen Umfeld. Ich habe mich selbst dabei ertappt in den vergangenen drei Wochen: Ich habe auch die Fußball spielenden Frauen mit den Männern verglichen und an den Männern gemessen. Und auf der Sportseite meiner Zeitung stand: „Marta, der weibliche Pele". Würde man diesen Vergleich auch anders rum sagen? „Pele, die männliche Marta?"
Deshalb mein Eindruck, dass diese Einteilung immer noch wirksam ist:
Eine Frau ist nicht einfach Frau, sondern „ein „Nicht-Mann". Der männliche Maßstab hat immer mitgespielt bei dieser Frauen-WM. Hat ihnen manchmal sogar mitgespielt.
Ich glaube, es wäre gut, wenn wir darüber hinaus kommen, über das ewige „maß-nehmen". Ich glaube, es wäre besser für uns, uns gegenseitig ein Menschen-Bild zu gönnen ohne Mann-Frau-Vergleiche. Ein quasi unvergleichliches. Davon auszugehen. Jeder Mensch ist unvergleichlich und eben individuell. Ein Geschöpf Gottes, wie ich als Christ dazu sage.
Ein Mensch wie Jesus. Der war auch kein Stereotyp als Mann. Er war kämpferisch und sanft. Der Zorn packt ihn und er demonstriert mit vollem Einsatz für Gottes Sache im Tempel und dann wieder sitzt er da, sieht seine Stadt und heult, weil er Angst hat um sie und sieht wie sie in den Untergang rennt. Er kann die Menschen mit seinen Reden begeistern, aber genauso kleinste Zeichen spüren, wenn Menschen tief in ihrer Seele leidet. Ein breites Spektrum liegt in seiner Art, Mann zu sein. Ich finde, es führt trotzdem nicht weiter, Jesus darum einen „weiblichen" Mann zu nennen. Und genau so wenig wird aus einer Frau, die kämpfen will und kann, eine „männliche" Frau.
Ich finde es wäre gut, wenn wir verstehen: Eine Frau ist eine Frau. Und ein Mann ein Mann. Und das kann sehr verschieden und vielfältig aussehen. Männlich und weiblich zu sein kann eine große Bandbreite haben.
Ich hoffe, ich lerne auch durch diese Weltmeisterschaft dazu. Damit in Zukunft Marta eben spielen und sein kann wie Marta, Babett wie Babett, und Sie und ich, wir können auch schon ab heute ganz einfach sein, wie und was wir sind: Als Mann und Frau, Menschen von Gott.

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