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Woche vom 25.04.2010 bis 01.05.2010




Dorothea Frank

Von Dorothea Frank, Bad Schönborn, Evangelische Kirche

Meßlatte der Menschlichkeit

Samstag, 01. Mai 2010     [Druckversion]

Zwölf Minuten hat Antje für ein Zimmer. Saugen. Betten machen. Waschbecken auswischen. Dazu Etagenduschen. Gemeinschaftsküche. Alles muss sauber sein. In der Stunde bekommt sie 6 Euro 40. Sie arbeitet Montag bis Freitag. Wenn's brennt auch mal am Wochenende.
Antje hat Arbeit. Ihr Lohn reicht nicht oder nur knapp zum Leben.
Aber was soll Antje machen - und die Männer und Frauen, denen es so geht wie ihr. Menschen, die Arbeit haben, aber davon nicht leben können.

In der Bibel gibt es eine Geschichte, die erzählt, dass genau das nicht sein darf. Jesus erzählt von so etwas wie einem abendlichen Zahltag. Die Arbeiter bekommen ihren Lohn ausgezahlt. Die den ganzen Tag gearbeitet haben, die bekommen einen Denar. So war es mit ihnen vereinbart und zunächst sind sie zufrieden.

Aber dann sehen sie die anderen, die erst viel später kamen, manche sogar erst als schon der Feierabend in Sicht war. Auch die bekommen einen Denar. Irgendwie ungerecht, oder? Ja, total ungerecht, sagen die frühen Arbeiter zu ihrem Chef, unverschämt, gleiche Bezahlung für so ungleiche Leistung.

Ehrlich gesagt, daran habe ich auch zu knabbern. Aber in dieser Geschichte steckt noch eine andere Botschaft, ein Gedanke, der gerade heute wichtig ist. Mit einem Denar Tageslohn bekommen die Arbeiter so viel, wie sie brauchen, um leben zu können. Ich kann den Zorn der anderen schon verstehen. Aber die Geschichte lässt mich erkennen, dass der erst später dazu kommt, weil er vorher nicht genommen wurde, auch der muss essen, auch seine Familie braucht Kleider. Ein Denar. Weniger geht nicht. Die Geschichte weist darauf hin, dass es ein Maß gibt, das nicht unterschritten werden darf. Das ist eine Sache der Menschlichkeit. Dieses Maß nach unten wird bestimmt von dem, was ein Mensch braucht, um am Leben teilzuhaben. Und dieses Maß muss eingehalten und immer wieder überprüft werden.

Luxus kann man sich davon nicht leisten. Aber mit den Kindern einen Ausflug in den Freizeitpark machen oder ein Eis essen. Eben wenigstens ein bisschen mitmachen können beim Leben und nicht immer an der Seite stehen.

Wenn es so eine Grenze nach unten gibt, dann könnte eine fragen, ob es so eine Grenze auch nach oben gibt. Und wie die beiden Grenzlinien miteinander zu tun haben. Zugegeben, davon steht nichts in der Geschichte. Aber ich finde, sie regt an, darüber nachzudenken.

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Wer' s glaubt wird selig

Donnerstag, 29. April 2010     [Druckversion]

Wer's glaubt wird selig, sagen manche Menschen. Und vielleicht ohne es zu wissen, geben sie damit der Bibel recht. Die wird nicht müde zu wiederholen: der Glaube macht selig. Das Vertrauen auf Gott, dieses Warten auf seine Hilfe wird nicht enttäuscht, auch wenn es sich lange hinzieht, bis geschieht, was versprochen wurde. Wer das kann, wer auf Gott vertraut und glaubt - der tut sich leichter mit dem Leben. Der ist glücklich. Frei. Selig eben.

Wer's glaubt wird selig, sagen manche Menschen. Das ist eigenartig, wenn man bedenkt, dass diese Worte meist dann gesagt werden, wenn eben nicht der Glaube und das Vertrauen, sondern eher der Zweifel stärker ist. Oft steckt noch eine Prise Spott drin oder eine gewisse Resignation. Man hat so seine Erfahrung gemacht mit den Menschen.

Wer's glaubt wird selig, brummelt der Vater, als er zum 3. Mal versprochen bekommt, dass die Zweige auf den Häckselplatz gefahren werden. Ganz bestimmt, nächsten Samstag. Mal sehen.

Wer's glaubt, wird selig. In der Bibel ist das ganz anders gemeint. Ganz ernst. Wer glauben kann: der kann leben: Frei. Glücklich. Selig.

Wer's glaubt wird selig. Jesus hat das gesagt, in der Geschichte von Thomas. Der hat gezweifelt, dass etwas geschieht, was er sich nicht vorstellen kann. Was seine bisherige Erfahrung auf den Kopf stellt. Wo er nicht sagen kann, der war schon immer so und das haben wir jedes Jahr so gemacht. Thomas will sich versichern, will mit den Händen begreifen, was er glauben soll, will Beweise haben, bevor er sich darauf einlässt. Wenn ich nicht die Wunden sehe, wenn ich sie nicht berühren darf, kann ich es nicht glauben.

Gutmütig zeigt ihm Jesus, was er braucht, damit er glauben kann. Er lässt den Thomas schauen und berühren. Thomas muss also gar nicht glauben, ohne zu begreifen. Jesus zwingt ihn nicht. Thomas darf so glauben, wie er es kann. Und dann sagt Jesus, so als würde er ihm noch einen weiteren Schritt zutrauen: Thomas, glücklich und frei sind die, die für ihren Glauben keine Beweise suchen, die für ihr Vertrauen keine Versicherung fordern. Da denke ich an zwei Frauen, die miteinander leben und ihre Kinder gegenseitig betreuen und eine sagt von der anderen: Auf Julia kann ich mich wirklich verlassen, der kann ich blind vertrauen.

Und ich verstehe: Solches Vertrauen macht wirklich frei. Und glücklich. Vielleicht sogar ein bisschen selig.

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Meine andere Familie

Mittwoch, 28. April 2010     [Druckversion]

Eine Familie zu haben kann ein Glück sein. Dazugehören, geliebt werden, angenommen sein.
Manche aber haben keine Familie oder sie haben eine und sind gar nicht glücklich. Sie machen verletzende Erfahrungen, wie Rita, die mir erzählt hat: Plötzlich nach elf Jahren ist ihr Mann ausgezogen. Ich halte das nicht mehr aus, hat er gesagt.
Oder Krankheit wird so gelebt, dass nicht nur alle mitleiden, sondern alle darunter zu leiden haben. Dann wird das Leben zu einer schweren Last für alle. 

Jesus kannte solche Konflikte in der Familie. Es wird erzählt, dass er mit seiner Mutter gar nicht zimperlich umgegangen ist. Einmal bittet sie ihn, den Leuten aus der Verlegenheit zu helfen, als der Wein ausging. Er antwortet abweisend: Was habe ich mit dir zu tun. Ich stelle mir vor, das hat ihr weh getan.
Aber Jesus war nicht einfach ein schlechter Sohn. Noch im Sterben zeigt er sich besorgt um seine Mutter. Er bittet einen Freund: Sorge du jetzt für sie.

Jesus hat erklärt, wie das für ihn ist mit der Familie:
Wer ist meine Mutter, wer sind meine Geschwister? Hat er gefragt. Und seine Antwort war: Männer und Frauen, Kinder auch, die nach Gottes Willen leben, die tun was das Gemeinsame stark macht, was dem Leben dient. Die sind meine Familie. Jesus lehnt Familie als Lebensform nicht ab. Ich vermute, es waren oft Familien, bei denen er einkehrte. Denn wer alleine lebt, wie kann der so mir nichts dir nichts eine Mahlzeit für 13 Personen zubereiten. Soviel waren es mindestens, die mit Jesus unterwegs waren.

Jesu Worte helfen mir, in eine gesunde Distanz zu kommen zur eigenen Familie. Sie weisen darauf hin: Es gibt außer Herkunft und Heirat noch eine andere Art, wie Menschen zusammengehören, und eine andere Kraft, die sie zusammenhält. Das ist die Familie, wo Gott Vater und Mutter ist. Und wo die Menschen seine Kinder sind. Da gehörst du auch hinein.

Ich kann meine Familie nicht abwählen. Sie kann mein Glück sein. Sie kann mir aber auch Kummer machen. Meist hat es von beidem. Neue Beziehungen aber finde ich durch meinen Glauben. Der sagt: du gehörst dazu, hinein in die weite Familie der Menschen, ja sogar der ganzen Schöpfung, deren Vater und Mutter wir Gott nennen. Das gibt mir Luft zum Atmen. Das lässt mich manchen Frust und manche Enttäuschung besser ertragen, ohne bitter zu werden. Ich weiß, es gibt ja noch die andere Familie.

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Putzmittel

Dienstag, 27. April 2010     [Druckversion]

Schon oft bin ich an der Tür vorbeigegangen. Sie ist dunkelrot und auf dem Schild steht: Putzraum. Die Tür stand neulich offen. Da habe ich hinein geschaut

Nicht zu übersehen war ein riesiger Staubsauger.
Dann dieses etwas komische Gerät mit der roten Gummikappe und einem Holzstiel. Das so hilfreich ist, wenn der Abfluss verstopft ist.
Auf dem Regal viele Mittelchen... darunter Spiritus. Der sorgt beim Fensterputzen für klare Sicht.
Ganz hinten - noch eine große Maschine. Unten mit einer runden Bürste, damit kann man - eher wird es wohl Frau sein - den Boden zum Glänzen bringen.

Und wie ich so stehe und schaue, bin ich plötzlich bei der Frage: Wo sind eigentlich die Putzmittel für mein inneres Haus? Was steht mir zur Verfügung, um den Dreck, die Verkrustungen, den Staub der Gewohnheiten weg zu bekommen. Verstopft ist manchmal nicht nur der Darm. Verstopft sind auch die Ohren, dass wir einander nicht mehr zuhören können. Verstopft ist oft der Kopf, da geht nichts mehr rein. Und bis der wieder leer ist, das kann Tage dauern und Wochen. Das erinnert mich daran, wie nötig Pausen sind.

Gut wäre auch ein Mittel gegen das nicht mehr durchblicken Können.
Thomas, ein Mann um die 50, hat mich erinnert, wie wichtig das ist. Er hat mir aus seinem Leben erzählt: Das kam soweit, dass ich keine klare Sicht mehr hatte, nicht auf meine Finanzen, nicht auf meine Beziehungen. Am schlimmsten, dass du nicht mehr weißt, was du brauchst, was du fühlst. Es ist wie hinter einem Schleier leben, und die anderen wissen alle besser als du selbst, was los ist hinter der Fassade.

Und so eine Poliermaschine wäre auch toll, finde ich. Damit wieder glänzt, was mit den Jahren so stumpf, so freudlos geworden ist. Die Begeisterung an einem Thema, die Leidenschaft für eine Musik, die Lust etwas Ungewöhnliches zu unternehmen.

Die Putzmittel für mein Leben stehen nicht im Putzraum auf dem Flur. Für mich sind es Zeiten der Stille. Tage des Schweigens abseits vom Alltag. Lange Wanderungen in der Natur. Es sind Gebete, Sprechzeiten mit Gott. Es sind auch Gespräche mit einem Menschen, der so zuhört, dass es meiner Seele gut tut. Danach fühle ich mich wie neu geboren, frisch geputzt mein Herz. Da erscheint mir mein ganz normales Leben wieder in neuem Glanz. Ich blicke wieder durch.

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Gesprächsbereitschaft

Montag, 26. April 2010     [Druckversion]

Wir sind zum Gespräch geboren. Der Satz ist über 400 Jahre alt. Aber ich finde, er kann einem heute noch das Leben leichter machen. Miteinander reden, nur so bekommt man Einblick in das, was andere glauben und denken. Und das hilft wiederum zu verstehen, warum sie so handeln, wovor sie Angst haben, was ihnen wichtig ist. So kann Vertrauen wachsen.

Wir sind zum Gespräch geboren. Das hat Philipp Melanchthon gesagt. Im April 1560, also vor 450 Jahren, starb der große Lehrer des Glaubens in Wittenberg. Dort hat er an der Universität unterrichtet.


Geboren wurde Philip Melanchthon in Bretten im Kraichgau. Im Haus seines Großvaters wuchs Philip auf. Da wo heute das Melanchthonhaus auf dem Marktplatz steht. Als Junge musste er mit ansehen, wie sein Vater qualvoll an den Folgen einer Vergiftung starb, die er aus dem Krieg mitgebracht hatte. Das zog ihn schon früh auf die Seite von Frieden statt Krieg, Kompromiss statt Gewalt, Verhandeln statt Draufhauen. Miteinander reden - und zwar rechtzeitig und immer wieder - nur so kann Frieden bleiben. Das hat er schon als Kind begriffen. Mit 11 Jahren kam er nach Pforzheim. Dort sorgte sein Großonkel Johannes Reuchlin für eine hervorragende Ausbildung. Philip studierte dann in Heidelberg und Tübingen, machte in kürzester Zeit seinen Abschluss und kam mit gerade mal 21 Jahren als Junior-Professor an die Universität in Wittenberg.

Luther, der große Reformator, war schon dort. Die beiden fanden sich, und es entstand ein tolles Team für die Erneuerung von Kirche und Glauben.

Luther wusste, was er an Melanchthon hatte. Ihn konnte er getrost in die Streitgespräche über den Glauben schicken. Besser als er selbst konnte Melanchthon ins Gespräch kommen, eine Tür offen lassen oder einen Kompromiss finden.

Wir sind zum gegenseitigen Gespräch geboren. Es lohnt sich, diesen Satz mitzunehmen in den Tag. Wenn es also nach Melanchthon geht, dann ist nichts mit verbissen vor sich hin wursteln, oder: soll doch die andere anfangen mit sprechen, oder: mit dem Sturkopf lässt sich nicht reden.

Selber denken und dann mit anderen ins Gespräch kommen, das gehört zu unserem Leben, rät der große Lehrer. Nur wenn wir miteinander reden, kann Vertrauen wachsen. Und das brauchen wir, wenn wir miteinander leben wollen.

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Eingeladen

Sonntag, 25. April 2010     [Druckversion]

Soll ich etwas mitbringen? Das ist oft die erste Frage, wenn Lena ihre Freundin zum Essen einlädt. Manchmal sagt sie ja. Am liebsten für ein Dessert. Aber wenn Lena Zeit hat, bereitet sie gerne alleine vor. Denn sie weiß aus eigener Erfahrung, wie gut das tut: einfach kommen und sich an den gedeckten Tisch setzen. Sich die Liebe und Aufmerksamkeit einer Freundin gefallen lassen.

Das erinnert mich an den Gottesdienst, ans Abendmahl. Da lädt Gott mich ein. Zugegeben, das was mir gereicht wird zu essen und zu trinken, ist rein äußerlich betrachtet kein Schlemmermenü. Aber was da drin steckt, das ist genau das, was ich brauche für meinen Hunger nach Leben und Sinn, meine Sehnsucht nach Gemeinschaft und Frieden.

Wenn ich die Einladung höre: kommt, denn es ist alles bereit, schmeckt und seht, wie freundlich Gott ist - dann klingt das für mich, wie wenn Gott sagt: du brauchst nichts mitzubringen, keine erfolgreiche Woche, keine tadellos gebügelte Bluse, keinen sorgenfreien Kopf, kein fröhliches Lachen, keine geordneten Verhältnisse. Du kannst einfach kommen. Du bist eingeladen.

In der Bibel gibt es eine Geschichte, da geht es um eine Einladung zu einem festlichen Essen. Der Gastgeber zeigt durch seine Vorbereitung: ihr seid willkommen. Durch seine Ausgaben: das seid ihr mir wert. Da wird richtig gekocht, lange und viel. Er schickt Boten und lässt seinen Freunden persönlich ausrichten: Kommt, alles ist gerichtet, Speisen und Getränke und Musik. Nur die Gäste, ihr fehlt noch.

Die Geschichte geht dann so weiter: Keiner von den Eingeladenen ist gekommen. Alle hatten etwas anderes zu tun. Der Gastgeber ist enttäuscht und die Gäste haben etwas Großes verpasst. Da kommt mir so manches Fest in den Sinn, zu dem ich eingeladen war und nicht hingegangen bin. Und ich frage mich, habe ich mir ausreichend klar gemacht, wie viel Wertschätzung in so einer Einladung steckt. Tut es nicht gut zu hören: dich will ich dabei haben. Das feine Essen, den Wein, die Musik, all das Besondere will ich dir schenken, mit dir teilen. Du brauchst nichts mitzubringen, nur dich selbst, deine Zeit. Eine echte Sympathieerklärung.

Kann ich mir die entgehen lassen?

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