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Woche vom 12.07.2009 bis 18.07.2009




Dr. Peter Kottlorz

Von Dr. Peter Kottlorz, Rottenburg/N., Katholische Kirche

Das kleine Glück

Samstag, 18. Juli 2009     [Druckversion]

Ach wie schön, eine Studie hat es mal wieder bewiesen: Wer öfters in die Kirche geht, ist nachweislich glücklicher. Jetzt will ich mit einer solchen Erkenntnis weiß Gott niemanden in die Kirche locken. Kann ich auch nicht, denn nur wer aus eigenem Bedürfnis in die Kirche geht erfährt wie gut das tun kann: Zur Ruhe kommen. Alles ablegen, selbst die Uhr, die innere wie die äußere. Keinen Leistungszwang spüren, in mich hinein hören.
Die Studie über den Kirchenbesuch hat aber noch was anderes gezeigt:
es sind nicht die großen, einzelnen Glücksmomente die einen Menschen auf Dauer glücklich machen, sondern die vielen kleinen, regelmäßig erfahrenen. Und zwar ganz klar spürbar und messbar. Also viermal Entspannung, Joga oder Kirchenbesuch pro Monat machen auf Dauer glücklicher als nur zweimal.
Der Mensch ist von Natur aus so ausgerichtet, dass er die Regelmäßigkeit und die Mitte braucht. Die Mitte zwischen den emotionalen Extremen und die Regelmäßigkeit von körperlichen wie auch seelisch gesunden Aktivitäten.
Unsere Welt ist aber in vielerlei Hinsicht auf’ s Gegenteil ausgerichtet.Auf einmalige emotional hochgepuschte Events und auf Beliebigkeit statt auf Regelmäßigkeit. Der Weg zum Glück führt aber nicht über die großen Glücksgefühle wie bei der Hochzeit oder dem Lottogewinn, sondern über das regelmäßig erfahrene und gepflegte kleine Glück. Ein Spaziergang, ein Bier mit Freunden, ein gutes Buch, Sport treiben, sich lieben, mit den Kindern spielen, in die Kirche gehen. Etwas von diesen Dingen täglich macht mehr aus dem Alltag. Gelebtes Leben. Oder anders ausgedrückt: ein kleines Stück zum Glück. Per E-Mail empfehlen

Garten

Freitag, 17. Juli 2009     [Druckversion]

Es war das Paradies für mich. Der Garten meiner Großmutter als ich Kind war. Ein kleiner aber feiner Garten rund um unser Haus herum. Über 200 Tulpen habe ich im Frühling gezählt, im Sommer gab’ s Erdbeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren. Und Kirschen von einem großen Baum, in dem ich gesessen bin und gefuttert hab bis ich nicht mehr konnte.
Wenn ich an glückliche Zeiten meines Lebens denke, dann sehe ich diesen Garten mit meiner Großmutter vor meinem inneren Auge. Nie mehr war ich so unbeschwert, so leicht, so eins mit mir, den Menschen und der Natur. So wie man es eben als Kind und in der Natur sein kann.
Gärten sind etwas archaisches, sie gehören zum Menschsein. Ein Garten ist ein besonderer Raum. Ein Raum, in dem aus lebensfeindlicher Unordnung eine lebensfreundliche Ordnung gemacht wird. Abgegrenzt, geschützt durch Zäune. Daher auch sein Name. Das Wort Garten stammt vom indogermanischen „ghorda“ ab und bedeutet Umzäuntes, Eingehegtes. Und das Hegen und Pflegen, das Säen und Ernten gehört zur Seele eines Gartens. Darum gilt der Gärtner als das Bild eines glücklichen Menschen. Weil er die Dinge wachsen sieht, Boden und Pflanzen hegt und pflegt. Und so in die Natur eingebunden ist, die Schönheit, Düfte und Früchte schenkt.
Der Gärtner gilt auch als ein glücklicher Mensch weil der Garten ein Hoffnungsbild ist für unser Dasein, mit Säen und Ernten, Wachsen und Vergehen.
Die Bibel ist voll von Naturbildern. Wenn das gelobte Land beschrieben wird, liest man von Bächen und Quellen, von Milch und Honig. Im Hohenlied wird die Geliebte sehr erotisch als Garten mit Granatbäumen und köstlichen Früchten gepriesen.
Glücklich also, wer einen Garten hat und die Zeit, sich dort von den Strapazen der modernen Zivilisation zu erholen. Von dem ganzen Lärm der Städte, vom Asphalt und dem Gestank der Straßen.
Und all die Menschen, die keinen eigenen Garten haben, denen seien die Terrassen und Parks empfohlen. Denn dort können sie die drei Dinge erleben durch die man nach dem Propheten Mohammed geistige Freude erfahren kann, wenn man auf sie schaut: auf Grünes, auf Wasser und ein schönes Gesicht.
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Vision meiner Person

Donnerstag, 16. Juli 2009     [Druckversion]

„In jedem Mensch steckt ein Bild dessen, was er werden soll. Solange er das nicht ist, ist sein Friede nicht voll.“ Ein so toller wie alter Satz! Er ist von Angelus Silesius, einem schlesischen Dichter und Theologen, der im 17. Jahrhundert gelebt hat. „In jedem Menschen steckt ein Bild dessen, was er werden soll“... Ja, da hat er schon recht, der alte Schlesier. Wenn ich etwas absolut möchte, genau spüre, irgendwie weiß, das es richtig und wichtig für mich ist, dann sehe ich dieses Bild in mir, spüre es, habe eine Ahnung wie es aussieht und arbeite daran, es zu verwirklichen.
Gute Pädagogen merken das und helfen Kindern dabei sie selbst zu werden, begleiten die jungen Menschen bei ihrer Arbeit an der Vision ihrer Person.
Ich bin fest davon überzeugt, dass in jedem Menschen dieses Bild von sich steckt. Leider ist es aber oft verdeckt, verschüttet oder geblockt. Und manche Menschen zerbrechen daran, wenn sie dieses Bild von sich nie verwirklichen können oder dürfen.
Ich werde nie vergessen, wie einer meiner Deutschlehrer meinem damals ca. 10-12jährigen Schulkollegen empfohlen hat, das Gymnasium zu verlassen und auf den Bau zu gehen. Dieser Schüler ist heute ein erfolgreicher und mit verschiedenen Preisen ausgezeichneter Schriftsteller. Nur gut, dass er an seiner Vision von sich selbst dran geblieben ist und sich nicht von einem unsensiblen Lehrer davon abbringen ließ.
„In jedem Mensch steckt ein Bild dessen, was er werden soll, so lange er das nicht ist, ist sein Friede nicht voll“. Allein der zweite Teil dieser Weisheit lässt Menschen wie meinen Schulkollegen trotz aller Widrigkeiten nicht aufgegeben. Weil sie den Frieden suchen, den jeder Mensch sucht und der jedem Menschen zu wünschen ist, der volle Friede mit sich selbst.
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Distanz und Nähe

Mittwoch, 15. Juli 2009     [Druckversion]

„Wer keinen Zaun um seinen inneren Garten hat, bei dem trampeln alle herein.“ Dieser Satz des Schriftstellers Emil Dösch hat mich echt getroffen. Weil ich dieses Problem leider ziemlich gut kenne. Zu oft zu offen zu sein, nicht genügend Abstand kriegen oder halten können. Diese oft so schwere Balance zu halten zwischen Distanz und Nähe, das ist ein Problem in vielen Bereichen und weiß Gott auch nicht nur für mich.
In Beziehungsfragen ist sie elementar, diese Balance zwischen Distanz und Nähe. Dem Partner nicht dauernd an der Backe zu kleben, damit er genügend Freiraum hat trotz oder gerade in der Partnerschaft.
Auch in religiösen Dingen kann es zu furchtbaren Distanzlosigkeiten ja Schamlosigkeiten kommen, wenn jemand einem Menschen, der Schwierigkeiten mit dem Glauben hat, seinen Jesus mit glückselig verdrehten Augen aufdrängen will.
Auch bei persönlichen Problemen und Krankheiten ist es wichtig, die richtige Balance zwischen Distanz und Nähe hinzubekommen. Wenn Andere betroffen sind, dass ich ihnen nicht zu früh oder zu oft mit meinen gut gemeinten Ratschlägen komme. Genau so wichtig ist es aber auch, dass ich die Distanz zu den Problemen und Krankheiten des anderen wahre, so nahe er mir auch ist. Denn wenn ich emotional oder kräftemäßig auch in den Keller gehe, nützt es keinem mehr.
Und schließlich ist es auch bei eigenen Problemen wichtig auf Distanz zu gehen und zwar zu den Problemen und zu sich selbst. Den eigenen Garten immer mal wieder in Ruhe anschauen. Und rausfinden, ob es denn wirklich so schlimm darin aussieht oder ob nur ein Teil davon verwildert, verdorrt oder zertrampelt ist. Und dann aber auch schneiden, gießen oder Zäune ziehen.
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Die Hände Jesu

Dienstag, 14. Juli 2009     [Druckversion]

Ich denke, er hatte schöne Hände. Jesus von Nazareth. Wie ich darauf komme? In einer Zeitschrift habe ich von einer Studie über Männerbilder gelesen. Und zwar was die Männer meinen, was einen Mann ausmacht.
Und da habe ich mich gefragt, was dieser Jesus wohl für ein Mann gewesen ist jenseits all dessen, dass er Sohn Gottes oder Heiland gewesen ist, sondern nur was für ein Mann er gewesen ist. Die Bibel beschreibt ihn ja eigenartigerweise nicht von seinem Äußeren, seinem Aussehen her, sondern nur von seinem Inneren, seinem Glauben und von dem was er getan hat. Und so kam ich auf die Hände.
Ich kann sie mir einfach nicht anders als schön vorstellen. Vielleicht mit ein paar Schwielen oder Hornhäuten, weil er doch Zimmermann war. Also schon auch kräftige Hände. Hände, die zupacken können, fest greifen, festhalten und halten können. Schlanke aber kräftige Hände, auf denen die Adern und Sehnen zu sehen sind. Wenn sie sich öffnen und beten.
Schlanke kräftige Hände eines Mannes Anfang 30. Frauen schauen wohl auch sehr bald auf die Hände eines Mannes, wenn sie ihn als Mann anschauen. Und Jesus hat nicht nur seine Apostel und Jünger um sich gehabt, sondern auch etliche Frauen. Und gerade sie haben vielleicht auch seine einfühlsame und verletzliche und gleichzeitig strikte und starke Art geliebt. Er konnte weinen wenn er verzweifelt oder erschüttert war. Er konnte leben bis in die Zehenspitzen mit Festen und Feiern. Aber auch außer sich geraten und Tische umschmeißen vor Wut. Vor allem aber konnte er berühren. An Leib und Seele berühren. Die Seele oft dadurch, dass er den Leib berührt hat, die Menschen angefasst, gehalten, geheilt hat mit seinen Händen, die er ihnen aufgelegt hat. Auf die Augen, wenn sie blind waren, auf, genauer in die Ohren, wenn sie nicht hören konnten und auf die Haut, wenn sie krank oder wund war.
Ich kann sie mir einfach nicht anders als schön vorstellen, die Hände Jesu.
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Die Botschaft

Montag, 13. Juli 2009     [Druckversion]

Manchmal sind es die scheinbaren Nebensächlichkeiten, die hängen bleiben. Bei einem Geschäftstermin entdeckte ich einen Text. Er stand hinter dem Besprechungstisch auf einem Flip-Chart, also diese Metall-Tafeln, auf denen die Ergebnisse eines Gesprächs festgehalten werden können. Das Gespräch hatte kein Ergebnis, oder zumindest kein gutes für mich. Dafür schrieb ich mir aber den Text ab. Er ist von Ivan Svitak, einem tschechischen Philosophen. Der Text heißt die Botschaft und geht so:
Sei ein Mensch
liebe
Vermehre die Freiheit
Begreife
Tu was Du willst,
Fürchte Dich nicht
Geh vorwärts
Denke
Sei glücklich
Du wirst sterben
Also lebe


Ich mag diesen Text. Weil er so knapp und gleichzeitig eine so umfassende Mahnung zum bewussten und guten Leben ist.
„Sei ein Mensch“, sei menschlich heißt das für mich, geh gutmütig mit Dir selbst und den Anderen um.
„Liebe!“ – puh, nicht mehr und nicht weniger, dieses kleine große Wort. Die Welt mit anderen Augen sehen. Mit liebenden Augen. Das ist leicht und schwer. Nicht verklärt, sondern klar sehen, so sehen wie sie sind, die Dinge und die Menschen. Und sie damit auch ein Stück weit „begreifen“. Wenn Herz und Verstand zusammen kommen. Sich einfühlen, einfinden in Andere und Anderes um zu verstehen. Verstehen und lieben hängen eng miteinander zusammen.
(Vermehre die Freiheit – ja, klar und gern, aber nicht nur die eigene, sondern auch die der anderen.)
„Tu was Du willst“ – gefährlich! Denn Egoisten gibt’s schon genug. Aber es ist schon auch wichtig erst mal rauszufinden was ich denn will. Und es dann auch zu tun, so zu tun dass es für mich selbst, aber auch für die Anderen passt...
„Fürchte Dich nicht“ oh ja, ein wunderbarer Satz, ein Schlüsselsatz der Christen eigentlich. Denn mit einem solchen Gott wie Jesus von Nazareth ihn der Welt gezeigt hat müsste ich mich als Christ eigentlich vor nichts und niemandem mehr fürchten.
„Geh vorwärts“, jawoll geh voran, entwickle Dich, tu was, aber „denke“ auch, damit Du nicht in die falsche Richtung gehst.
„Sei glücklich“, ja danke, aber als Imperativ, als Befehl geht das nicht, nur als ständiger, manchmal mutiger, manchmal verzweifelter Versuch nicht aufzugeben und verwöhnt oder verbittert zu werden.
Denn „Du wirst sterben – also lebe!“
(Dem ist nichts hinzuzufügen.)
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