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Woche vom 18.01.2009 bis 24.01.2009




Von Michael Wanner, Korntal-Münchingen, Freikirche

Impulse zur Nächstenliebe: Zum Beispiel Altenhilfe

Samstag, 24. Januar 2009     [Druckversion]

Der alte Herr lebte völlig zurückgezogen. Notdürftig versorgte er sich mit dem Wichtigsten, was er zum Leben brauchte. Es war höchste Zeit, dass für Herrn Naumann in unserem Altenzentrum ein Zimmer frei wurde. Der scheue alte Mann wagte sich am Anfang nicht einmal aus seinem Zimmer heraus. Erst nach Tagen öffnete er seine Tür einen Spalt breit. Erst viel später lief er auch einmal auf den Flur hinaus, und am Heiligabend saß er dann mitten unter den anderen Bewohnern im Ge-meinschaftsraum. Bei den altbekannten Liedern bewegten sich seine Lippen. Die kannte er noch, die waren ihm vertraut. Die biblischen Botschaften bei den Andachten nahm er gerne auf, wie zum Bei-spiel die Zusage Gottes: „Auch bis in euer Alter bin ich derselbe, und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet. Ich habe es getan; ich will heben und tragen und erretten“ (Jes. 46,4). Viele stellten später fest: „Herr Naumann ist hier im Haus noch einmal richtig aufgeblüht.“

Die Altenhilfe innerhalb der Diakonie der Evangelischen Brüdergemeinde hat eine lange Tradition. Ausgerechnet während der Inflationszeit in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts wurde das erste Altenheim in Korntal erbaut. Die Zeiten damals erinnern ein wenig an heute. Viele alleinste-hende Frauen waren zu Hause geblieben, um ihre alten Eltern zu versorgen. Für ihr eigenes Alter hatten sie mit sogenannten „Reichsschatzanweisungen vorgesorgt“. Doch durch die Inflation waren über Nacht alle Ersparnisse dahin. Die „Haustöchter“ von damals wurden bettelarm. Aus dieser Not heraus handelten die Christen in Korntal. Sie wollten den verarmten Frauen am Ort ein Zu Hause bieten. Ganz gegen den Trend der Zeit schufen sie Werte, wo alles wertlos geworden war. Beim Bau des neuen Altenheims in Korntal reihte sich ein Wunder ans andere. Das Baugrundstück wurde von Korntaler Bürgern gespendet und selbst aus Amerika kamen großzügige Spenden. Mit den US Dol-lars konnte auch während der zunehmenden Geldentwertung sicher bezahlt werden.

Wert schaffen, wenn alles wertlos wird! Gegen den Werteverfall motiviert Gott Menschen dazu, Wer-te zu schaffen.

Sicherlich ist nicht jeder berufen, ein Altenheim zu bauen. Aber auch uns gilt die gute Nachricht, die den alten Herrn Naumann aufleben ließ: „Ich bin wertvoll!“ Und auch wir können langsam die Tür öffnen und Menschen begegnen, für die wir wertvoll sind.
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Impulse zur Nächstenliebe: Zum Beispiel Orientierungsjahr für Jugendliche

Freitag, 23. Januar 2009     [Druckversion]

Im Zug, unterwegs zum Orientierungsjahr nach Korntal hat Patrick aus Chemnitz noch seinen letz-ten Joint geraucht. Er war auch sonst extrem drauf und hat alles Mögliche ausprobiert. Eine Zeit lang trug er auch Röcke. Doch in diesem Jahr, in der Lebensgemeinschaft mit jungen Christen hat sich das Leben von Patrick völlig verändert. Er nahm nicht nur Abstand von Drogen. Ihm gelang es auch in vielen anderen Bereichen, sein Leben auf die Reihe zu bringen. Inzwischen hat er seinen Be-ruf gefunden und sogar geheiratet.

Madeleine aus Aalen sagt im Rückblick: „Das Orientierungsjahr muss man einfach erlebt haben. In weniger als 10 Monaten hab ich wahnsinnig viel über Gottes Wort erfahren. Trockener Stoff? Nee, lebensnahe Themen wurden angeschnitten, es wurde diskutiert, und es gab immer was in die Praxis umzusetzen. Das Orientierungsjahr hat mir aber auch viel Mut für die Zukunft gegeben, über den Tellerrand zu schauen und der Berufswelt entgegenzugehen.“

Und Anna aus Springe ergänzt: „Für mich war das Orientierungsjahr das coolste Jahr in meinem Le-ben: Ich durfte erfahren, was es heißt eine Familie in Gott zu haben, die mich so annimmt wie ich bin! Und ich durfte von Hochs und Tiefs lernen, was es heißt Gott arbeiten zu lassen und was es heißt zu vergeben.“

Vor sechs Jahren entstand in Korntal das Orientierungsjahr für Jugendliche. Junge Menschen aus ganz Deutschland leben in Wohngemeinschaften zusammen. Sie nehmen am Unterricht über bibli-sche Themen und praktischen Lebensfragen teil. Und – sie können unter über 100 Partnerbetrieben wählen, insgesamt vier Berufspraktika zu durchlaufen. Dirk Dühring, der Leiter der Initiative be-schreibt das Ziel des Orientierungsjahres so: „Ich möchte mit jungen Menschen ihre berufliche und die sonstige Zukunft entdecken, aber auch die Aktualität des christlichen Glaubens.“ Das Orientie-rungsjahr knüpft an dem Versprechen Gottes an: „Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst; ich will dich mit meinen Augen leiten.“ (Ps. 32,8).

Die tägliche Orientierung an Gott und der Bibel ist mir persönlich sehr wichtig. Gott hat mich ge-schaffen. Er kennt mich und hat ein Ziel für mein Leben. Darum hat er auch den Überblick, mir die nächsten Schritte zu zeigen, die ich gehen kann.

Vielleicht hat nicht jeder unbedingt ein ganzes Jahr Zeit, um neue Orientierung für sein Leben zu finden. Dennoch empfehle ich aus guter Erfahrung, sich heute an dem zu orientieren, der die Koor-dinaten unseres Lebens kennt und uns führen will.
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Impulse zur Nächstenliebe: Zum Beispiel Jugendhilfe Korntal

Donnerstag, 22. Januar 2009     [Druckversion]

Salima hat eine heftige Kindheit hinter sich. Das Jugendamt sorgte schon früh dafür, dass sie in eine Jugendhilfeeinrichtung nach Korntal kam. Die junge Muslima erfährt in Korntal zum ersten Mal in ih-rem Leben echte Zuwendung, Fürsorge und Liebe. Sie hört in der christlichen Einrichtung von Jesus und öffnet sich für den christlichen Glauben. Später nimmt Salima wieder Kontakt mit ihrer Mutter auf. Aber sie stößt sie erneut auf tiefe Ablehnung. Welch eine Enttäuschung. Doch sie erlebt auch Ermutigung durch den Glauben. Auf dem Weg zur S-Bahn schiebt ein Reisender das Fenster seines Zugabteils herunter und ruft hinter Salima her: „Jesus liebt dich. Vergiss es nicht, Jesus liebt dich. Er will, dass du für ihn lebst.“ Für Salima war dieses Erlebnis eine innere Bestätigung: „Ich bin ge-liebt, ich bin gewollt, mein Leben hat Sinn, auch wenn mich meine eigene Mutter zutiefst ablehnt. Im Rückblick sagt sie heute: „Ohne die Erzieherinnen und Schwestern im Flattichhaus hätte ich Je-sus nie kennen gelernt. Ich hätte niemals die Kraft bekommen und den Halt, den ich heute habe.“

Kinder wie Salima werden in der Diakonie der Evang. Brüdergemeinde seit über 185 Jahren beglei-tet. Interessant ist es, wie es zu den Jugendhilfeeinrichtungen in Korntal kam. In den Anfangsjahren dieser pietistischen Gemeindegründung saß der Gemeindeleiter Gottlieb Wilhelm Hoffman mit eini-gen Leuten im Gemeindegasthaus zusammen, als eines der vielen Straßenkinder jener Zeit herein-kam, um zu betteln. Hoffmann sagte: „Wenn ich ein vermögender Mann wäre, würde ich ein Haus für solche verwahrloste Kinder bauen, wo sie ein Zuhause fänden. Denn Jesus hat ja gesagt: ‚Wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf‘ (Mt. 18,5).“ Jetzt wandte sich der Kutscher am Nebentisch an Hoffmann und sagte: „Hier haben sie ein 24 Kreuzerstück. Lassen Sie den Gedanken nicht fahren, ein Haus für verwahrloste Kinder zu bauen.“

Das war der Anfang der ersten „Kinderrettungsanstalt“, wie man damals sagte. Verbunden mit gro-ßen finanziellen Risiken aber im tiefen Glauben an Christus ging Hoffmann ans Werk und baute ein Haus für die Straßenkinder seiner Zeit.

Es muss kein Kind sein, das heute an meine Tür klopft. Aber bestimmt werde ich auch heute Men-schen begegnen, die Gott mir in den Weg stellt, die mich und meine Zuwendung brauchen. Ich wün-sche uns allen einen Tag mit hilf - reichen Begegnungen.
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Ralf Schweinsberg

Von Ralf Schweinsberg, Baiersbronn, Freikirche

"There's probably no god"

Mittwoch, 21. Januar 2009     [Druckversion]

Seit letzter Woche rollen in ganz London Busse mit großen Werbebannern an der Seite, auf denen steht: "Es gibt möglicherweise keinen Gott. Hört jetzt auf, euch Sorgen zu machen und genießt euer Leben".
In Großbritannien machen die Atheisten mobil. Im letzten Sommer entstand die Idee für eine Atheismus-Kampagne. Ausgelöst wurde die ganze Sache durch Plakate an den Londoner Bussen, auf denen christlich-religiöse Slogans zu lesen waren. Besonders verärgert zeigten sich die Gottesleugner allerdings nicht über die Slogans selbst, sondern über eine ebenfalls abgedruckte Internetadresse, unter der Nichtchristen vor dem ewigen Höllenfeuer gewarnt wurden.
Ich frage mich, was die Menschen wohl denken werden, wenn sie lesen: "Es gibt möglicherweise keinen Gott. Hört jetzt auf, euch Sorgen zu machen und genießt euer Leben".
Machen sich Menschen, die eh nicht in die Kirche gehen und an Gott glauben im Stillen doch Sorgen, es könnte einen Gott geben? Einen Gott, der sie am Ende für ihr Leben zu Rechenschaft ziehen wird? Haben Menschen, die nicht an Gott glauben, Angst vor dem Höllenfeuer?
Ich weiß nicht. Ich habe das so noch nicht gehört. Es sind doch eher die besonders frommen Menschen, die sich viele Sorgen über ihr Leben mit Gott machen, die vielleicht sogar Angst haben, ihm nicht zu genügen.
Dagegen kenne ich viele Menschen, die gar keine Lust haben, über Gott nachzudenken, so nach dem Motto, „was ich mir nicht vorstellen kann, das gibt es auch nicht“. So wie eine Bekannte, die sagt: „Ich gehe nicht auf den Friedhof, dann muss ich auch nicht über den Tod nachdenken“.
Nur: Dummerweise ist der Friedhof halt doch da. Möglicherweise gibt es ja keinen Gott – aber das ist eben nur eine Möglichkeit. Da lohnt es sich doch, einmal neu über Gott nachzudenken, vielleicht so in der Richtung: „und wenn es ihn doch gibt?“ Schließlich stehen die Chancen 50 zu 50.
Manche Christen werden sich wahrscheinlich über die Aktion ärgern, weil man Gott in Frage stellt. Aber ist der Friedhof auf einmal weg, nur weil meine Bekannte nicht mehr darüber läuft? Nein. Und Gott verschwindet nicht, nur weil jemand ihn in Frage stellt.
Ich bin gespannt, was diese Aktion in England bewirken. Denn ich glaube, dass die Menschen eher mehr über Gott nachdenken. Hoffentlich. Und vielleicht machen sie sich dann auch auf die Suche nach einer Antwort auf dieses: „Möglicherweise“. Schließlich hat Jesus selbst gesagt: „Wer sucht, der wird auch finden“. Ich habe es jedenfalls so gemacht und bin auf die Suche nach Gott gegangen. Und ich habe Gott gefunden.
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Das Windrad

Dienstag, 20. Januar 2009     [Druckversion]

Wann haben sie zuletzt einen Kaffee für 25 Cent getrunken? Zugegeben, es ist nur einfacher Filterkaffee, aber 25 Cent? Oder ein ganzes Frühstück für 1 Euro und ein warmes Mittagessen für 2,50?
So ungewöhnlich wie diese Preise ist vieles hier im „Windrad“, mitten in Freudenstadt. Ungewöhnlich sind zum Beispiel die Menschen hier. Manchen sieht man an, dass sie nicht nur beim Essen sparen müssen. Andere wollen einfach nur nicht alleine zuhause sein und kommen gerne hier ins Windrad. Aber auch Handwerker und Angestellte essen hier.
„Genau das wollen wir“, betont Wolfgang Günter, Leiter es Windrads. „Wir wollen den Menschen am Rande der Gesellschaft helfen – ganz praktisch mit einem einfachen, guten und für sie bezahlbaren Essen. Wir wollen sie aber auch vom Rand in die Mitte der Gesellschaft zurück bringen. Daher ist dieses Restaurant für alle offen.“
In der Tat brauche auch ich keinen Ausweis oder sonst etwas, um hier bedient zu werden – oder besser gesagt, um mein Essen an der Theke zu holen.
Wer hier zum Essen kommt, erhält keine Almosen und muss sich nicht erst als Bedürftiger ausweisen.
„Das ist uns sehr wichtig“, betont Wolfgang Günther, „als Christ sehe ich in diesen Menschen nicht nur Hilfsbedürftige, sondern Menschen, mit denen ich zusammenarbeiten möchte. Auch wenn es dem anderen schlecht geht, bleibt er immer ein von Gott geliebter Mensch.“
Ja – möchte ich ihm zustimmen – wahrscheinlich ist genau das gemeint, wenn es heißt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Oft genug müssen Menschen mit Hartz 4 erleben, dass man sie eben doch nur zweiter Klasse behandelt. Vielleicht gar nicht einmal absichtlich, aber sie erleben es oft so. Sie müssen bitten, sich ausweisen und bekommen dann – vielleicht - etwas zugeteilt.
25 Cent für einen Kaffee – das ist nicht nur ein günstiger Preis für eine Tasse Kaffee. Im Windrad in Freudenstadt werden die Menschen – alle Menschen – als Kunden freundlich bedient – und das in liebevoll und gemütlich gestalteten Räumen. Menschen, die sich oft genug als Nummern in einem riesigen Amt erleben, auf einer Wartebank.
An einer Stelle sind wir in diesem Restaurant doch nicht alle gleich: Auf der Preistafel neben der Theke steht ganz unten: „Menschen mit normalem Einkommen mögen die Preise großzügig aufrunden“.
Aber das ist auch gut so. Und so lege ich gerne meinen Euro für meinen Kaffee auf den Tisch.
Ich frage mich auch, was Jesus wohl zu diesem Restaurant gesagt hätte? Wahrscheinlich wäre er einfach hingegangen und hätte sich dort zu den Menschen gesetzt. Zu denen, die sich oft als bloße Nummer fühlen, ebenso wie zu den Angestellten, die froh sind, dass es ihnen noch besser geht.
Christsein bedeutet eben, im Anderen einen Menschen zu sehen, den Gott liebt. Vor ihm sind wir alle gleich geliebt.

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Helfer in der Vesperkirche

Montag, 19. Januar 2009     [Druckversion]

16.000 Essen in vier Wochen, Kosten von über 80.000 Euro und täglich 50 ehrenamtliche Mitarbeitende – das ist die Vesperkirche, die gestern in der Pforzheimer Stadtkirche gestartet ist.
Vor 10 Jahren fing alles mit 50 warmen Mahlzeiten an, heute sind es über 500 Essen jeden Tag, die für einen Euro ausgegeben werden. Und das nicht irgendwo, sondern mitten in der Kirche. Dazu hat die Stadtkirche für vier Wochen ihr Angesicht verändert: Neben den Kirchenbänken stehen viele Tischgruppen im Gottesdienstraum. Und jeden Tag strömen einige hundert Menschen ab halb helf in die Kirche, in der es einfach wunderbar nach warmem Essen duftet.
Als Christel Rieke und Maria Trautz vor zehn Jahren diese Idee von Stuttgart nach Pforzheim übernahmen, wussten sie nicht, wie das werden soll. „Machen sie sich keine Sorgen“, gab ihnen Pfarrer Martin Friz damals mit auf den Weg: „Machen sie sich keine Sorgen um Mitarbeitende und Spenden – das kommt schon!“ Und wirklich: Jedes Jahr kamen bisher die benötigten Spenden zusammen. Auch die 80.000 Euro für dieses Jahr werden wohl kein Problem sein, davon ist Christel Rieke überzeugt. „Dieses Projekt“, sagt sie, „besteht aus Geben und Nehmen. Alle die sich hier mit einbringen, durch ihre Spenden oder ihre Mitarbeit spüren, wie sie reich beschenkt werden.“
„Die Menschen um die wir uns kümmern“, betont sie, „gehören in die Mitte der Gemeinde. Daher kann die Vesperkirche auch nur mitten in der Kirche stattfinden. Denn leider finden viele Menschen nicht mehr den Eingang in ihre Kirche. Hier in der Vesperkirche können wir uns neu begegnen und uns kennen lernen.“
Mich beeindruckt diese Einstellung und ich denke, Frau Rieke hat Recht. Kirche ist kein Verein bei dem es Platzkarten für treue Mitglieder gibt. Kirche wird nicht umsonst „Haus Gottes“ genannt. Und sein Haus will ein Haus für alle Menschen sein. Nicht sehr oft gelingt es uns als Christen, dies auszudrücken. Aber in der Vesperkirche wird es gut deutlich. Hier ist ein offener Raum der Begegnung, in dem die Menschen spüren, sie werden ganzheitlich wahrgenommen. Mit Leib und Seele. Und so bleiben viele nach dem Essen einfach sitzen. Oder sie gehen zur persönlichen Beratung und Seelsorge. Nebenan spielen ihre Kinder in der Kinderbetreuung. Viele genießen diese angenehme Gemeinschaft bis zur abschließenden Andacht um drei Uhr.
Und viele nehmen auch diesen besonderen Raum wahr. Es ist eben doch eine Kirche, das Haus Gottes. Auch wer nur selten in die Kirche geht, spürt hier, dass dieser Raum nach oben, zu Gott hin offen ist.
Ich bin mir jedenfalls sicher, dass Gott sich über diese außergewöhnliche Nutzung seines Hauses freut. Eine Aussage beim Abendmahl fällt mir dabei ein, in der es heißt: „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.“ In der Vesperkirche kann man das ganz praktisch erleben.
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Start der Vesperkirche

Sonntag, 18. Januar 2009     [Druckversion]

Heute startet sie wieder, die „Vesperkirche“. Mitten in Pforzheim, wird die Stadtkirche für vier Wochen zur Vesperkirche – so wie übrigens auch die Leonhardtskirche mitten in Stuttgart. Jeden Tag zwischen halb elf und kurz nach drei duftet es ab sofort nicht nach Kirchenbänken oder Weihrauch, sondern nach frischem Mittagessen. Ab sofort kann man für einen Euro ein warmes Essen bekommen – Kinder zahlen nichts – Kaffee, Tee, Kuchen und sogar ein Vesper zum Mitnehmen gibt es kostenlos dazu.
Für diese vier Wochen ist die Kirche wirklich eine Kirche für Menschen ohne Arbeit, für alte und junge mit wenig Geld, für benachteiligte Kinder und Familien, für einsame, belastete und erschöpfte und überhaupt für alle, die Hilfe, Wärme und Gemeinschaft suchen. Für diese vier Wochen wird deutlich, dass Kirche weit mehr zu bieten hat als fromme Gebete und feierliche Gottesdienste.
Aber warum muss diese Aktion mitten in der umgeräumten Kirche statt finden? Gäbe es dazu nicht auch neutralere Räume?
Vielleicht liegt es am Motto der jetzt schon 10. Vesperkirche in Pforzheim: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste oder Fremdlinge sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“
Ihr seid nicht mehr Gäste oder Fremdlinge sondern Mitbürger… Wenn es hier nur darum ginge, irgendwelchen Hilfsbedürftigen ein warmes Essen zu spendieren, könnte das auch in irgendwelchen Räumen geschehen.
Aber es geht um viel mehr: zum einen sind die Leute, die sich an den Tischen niederlassen keine Fremden. Diese Stadtkirche ist ihre Kirche. Ganz egal, ob sie Kirchensteuern zahlen, evangelisch, katholisch oder einer Freikirche angehören. In der Kirche, dem Hause Gottes, gibt es keine Gäste oder Fremde. Alle Menschen - das ist unsere christliche Überzeugung – alle Menschen sind Gottes geliebte Geschöpfe.
Manche haben das schon erkannt und gehen gerne in die Kirche. Andere können das nicht glauben. Aber trotzdem sind sie alle in diesem Hause Gottes willkommen, es ist auch ihr zuhause.
Und das andere ist ebenso wichtig. Diese Aktion gehört mitten in die Kirche, damit allen treuen sonntäglichen Kirchgängern neu deutlich wird, dass Gottes Liebe viel weiter reicht als unser Blick. Bei ihm gibt es eben keine Gäste und Fremden, die wir im Nebenraum abspeisen könnten.
Über 500 Essen werden ab heute jeden Mittag ausgegeben und das mitten in einer Kirche. Ich muss dabei an einen Satz aus dem Abendmahl denken: „Schmecket und sehet, wie freundlich Gott der Herr ist“.

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