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Woche vom 06.12.2008 bis 12.12.2008




Wolf-Dieter Steinmann

Von Wolf-Dieter Steinmann, Ettlingen, Evangelische Kirche

Brot für die Welt

Freitag, 12. Dezember 2008     [Druckversion]

Menschen helfen können, macht stolz. Darum bin ich manchmal stolz, Christ zu sein. Aus gutem Grund, finde ich.
„Brot für die Welt“ die evangelische Hilfsaktion in der Advents- und Weihnachtszeit hilft seit 50 Jahren. 1958 wurde sie ins Leben gerufen. 13 Jahre nach dem furchtbaren Ende des 2. Weltkriegs hat man in den Kirchen gespürt. Wir können froh sein, dass es uns wieder besser geht. Wir haben aber auch eine Verantwortung. Für Menschen in Asien, in Afrika.
1,8 Milliarden Euro hat „Brot für die Welt“ in diesen 50 Jahren gesammelt. Pro Jahr 36 Millionen. Ist das viel Hilfe? 1,8 Milliarden. Immerhin wurden damit 20.000 Projekte finanziert. Wenn man bedenkt, dass man in Neuguinea mit 70000 Euro zwei Schulen bauen kann, dann sind 1,8 Milliarden eine Menge. Und wenn man bedenkt, wie wenig es kostet, in Afrika einen Brunnen zu bauen. Dann sind 1,8 Milliarden viel Hilfe.
Aber wenn man dagegen hält, wie viele Milliarden in diesen selben 50 Jahren in Kriege investiert wurden, dann ist es wenig. Heulen könnte ich oder verzweifeln oder die blanke Wut kriegen, wenn ich sehe, was jetzt im Kongo mit Waffen angerichtet wird. Oder was der Irakkrieg kostet.
Trotzdem, ich bin froh, dass man als einzelner Mensch, als einzelner Christ etwas tun kann, wenn es noch andere gibt, die sich auch verantwortlich fühlen und helfen.
Noch etwas finde ich erstaunlich: 2/3 von dem Geld, das Brot für die Welt jedes Jahr sammelt, wird in Gottesdiensten in die Klingelbeutel gelegt. Aus vielen kleinen Geldbeuteln. Die Leistungsträger der Hilfe sind nicht oder nicht nur die Großen. Es sind die vielen kleinen. Die sich als Christenmenschen verantwortlich fühlen für andere.
Bin ich naiv und sind die alle naiv, wenn sie glauben und hoffen, dass unsere Welt nicht nur ein Jammertal für die meisten Menschen sein muss. Und ein Freudenhaus nur für die wenigsten?
Ja, vielleicht bin ich naiv und die vielen, die Brot für die Welt unterstützen auch. Na und! Lassen Sie uns trotzdem wieder Geld in den Klingelbeutel tun. Weil Sie sich verantwortlich fühlen, für Menschen, die Sie nicht kennen: Für eine Bauernfamilie auf den Phillipinen, für eine Mutter in Burkina Faso, für ein Straßenkind in Costa Rica.
Sind wir naiv, wenn wir glauben, dass diese Menschen ein Recht haben auf besseres Leben? Vielleicht, aber auf solche Naivität kann man stolz sein.

Kind bringt Leben

Donnerstag, 11. Dezember 2008     [Druckversion]

Ich glaube, ich verstehe jetzt besser, warum Gott an Weihnachten ein kleines Kind geschickt hat. Um die Welt zu retten.
Vorher hat er es ja immer mit Erwachsenen versucht. Meistens mit gestandenen Männern. Propheten hat er geschickt, die haben der Menschheit Gebote gebracht. Sie haben gewarnt, gedroht, appelliert, geschimpft, ‚macht endlich Frieden’. Manchmal hat Gott es auch mit Katastrophen versucht, vielleicht wird die Menschheit ja aus Schaden klug. Und, haben wir uns gebessert?
Da hilft nur noch mein Sohn, hat sich der liebe Gott da gesagt. Und den schick ich nicht als gestandenen Mann, sondern als Kind. Vielleicht lassen sich davon ja die Menschen zum Besseren rühren.
Ist seine Rechnung aufgegangen? Vielleicht hat Gott uns mehr zugetraut. Dass wir uns spürbarer bewegen lassen von seinem kleinen Sohn. Aber ich bin sicher, vergebens war es auch nicht. Sein Jesus hat unsere Welt verändert. Kann in mir und Ihnen Kräfte wecken. Wenn ich mich berühren lasse. Vom kleinen Jesus und von jedem Kind, das auf diese Welt kommt. Denn in jedem Kind, wird auch ein Stück vom kleinen Jesus lebendig. Ich habe es in dieser Adventszeit zweimal gespürt. Wie Kinder Erwachsene anrühren können. Mit Leben. Und Frieden.
Letzte Woche: Volle Straßenbahn, Berufsverkehr. Alle Leute ein bisschen mufflig. Und dann steigt auch noch eine Truppe Kindergartenkinder ein. Quirlig, laut. Einer der Knirpse drückt sich direkt neben mich. Hält sich an einer Stange fest. Dann lässt er los. Und als er wieder zufassen will, erwischt er mein Bein. Sie ist schön, diese kleine Hand. Da merkt er, dass er sich vergriffen hat, schaut erschrocken hoch. Ich kann nicht anders als ihn anzulächeln. Meine Muffeligkeit ist weg. Verdienen es diese Kleinen nicht, dass wir für Sie die Welt besser machen?
Und das zweite Erlebnis: Eine Beerdigung. Die Menschen dunkel, still, verzagt. Mit dabei ein kleines Mädchen. Eineinhalb. In der Gaststätte setzt sie ihr kleines Licht in die Trauer. Und man spürt wie froh alle sind, dass sie da ist. Mit ihrem Leben. Ein kleines Gottesgeschenk. Und alle werden angesteckt, sich an dem kleinen Kind zu freuen und zu lachen.
Ich glaube, so hat der liebe Gott sich das gedacht, als er uns seinen Sohn in die Krippe gelegt hat. Dass er damit unsere alte Welt neu macht. Und Sie und mich zum Guten rührt.

Menschenwürde

Mittwoch, 10. Dezember 2008     [Druckversion]

Manchmal dauert es verflixt lange bis sich eine Hoffnung erfüllt. Und man braucht zähe Geduld, um an ihr festzuhalten. „Die geht doch nie in Erfüllung. Gib auf, verschwende nicht weiter Deine Kraft darauf zu hoffen.“ Solche Stimmen muss man sich dann anhören. Von anderen und manchmal auch von der eigenen Vernunft.
Heute vor 60 Jahren ist so eine lang gehegte Hoffnung der Menschheit in Erfüllung gegangen. Die Erklärung der Menschenrechte wurde unterzeichnet, von fast allen Nationen, die damals in der UNO waren. Am 10. Dezember 1948 in Paris. „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren,“ heißt der 1. Satz.
Was soll daran besonders sein? Daran hat man sich doch gewöhnt. Dass die Würde des Menschen „unantastbar“ ist, wie es im Grundgesetz heißt. Und dass sie trotzdem jeden Tag auf dieser Welt tausendfach angetastet wird.
Trotzdem. Zum ersten Mal wurde vor 60 Jahren festgeschrieben, dass die Menschenwürde ein Recht ist. Ein „Recht“, das Staaten schützen müssen, das man auch einklagen kann: Jeder Mensch hat die gleiche Würde hat und Rechte. Egal ob Mann oder Frau, schwarz oder gelb, Buddhist oder Christ. Jude oder Atheist. Behindert oder nicht.
„Jeder Mensch hat die gleiche Würde.“ Geglaubt und gehofft, gedacht und geschrieben wurde das schon viel länger. Fast 300 Jahre vorher hat ein deutscher Jurist, der Pfarrerssohn Samuel Pufendorf, zum ersten Mal aufgeschrieben, dass die Menschenwürde ein Recht ist.
Und schon in der Bibel steht: „Jeder Mensch ist Gottes Ebenbild.“ Und auch das gilt für alle Menschen gleich. Aber kaum ein Staat im christlichen Abendland kam deswegen auf die Idee, daraus Recht und Gesetz zu machen, das ihn bindet.
Gott sei Dank hat es aber Menschen gegeben, die zäh und geduldig daran geglaubt, darauf gehofft und dafür gekämpft haben. Sonst wäre die Menschenwürde bis heute immer noch kein Recht. Und die Menschenrechte private Glaubenssache.
Manchmal dauert es verflixt lange, bis sich eine Hoffnung erfüllt. Und es braucht zähe Geduld. Über Generationen. „Die Menschenwürde ist unantastbar.“ Bis jede Frau und jeder Mann, in jedem Land, das am eigenen Leib wirklich erleben kann, bis dahin brauchen wir noch viel Hoffnung und viel kämpferische Geduld. Aber immerhin, ein Recht ist die Menschenwürde schon.

Freundin

Dienstag, 09. Dezember 2008     [Druckversion]

Kann einem im Leben etwas Besseres passieren als eine gute Freundin? Sehr viel Besseres jedenfalls nicht, glaube ich. Sie findet die richtigen Worte. Sie kann schweigen. Und sie ist da, obwohl sie eigentlich genug mit sich selbst zu tun hat. Wer einen Menschen hat wie diese Frau, kann sich sehr glücklich schätzen. Und wenn Sie selbst versuchen, ein Freund oder eine Freundin zu sein, können Sie von Elisabeth viel lernen.
Das erste, was ich an ihr prima finde. Sie lässt sich einfach in Anspruch nehmen. Ohne Termin. Und sie macht es der anderen ganz leicht, dass diese Hilfe braucht. Es muss ihr kein bisschen peinlich sein. Sie gerät nicht in die Position der Bittstellerin. Im Gegenteil: „Schön, dass Du da bist,“ wird sie von Elisabeth begrüßt. Dabei ist es fast ein Überfall, was die kleine Nichte da macht: Mit dickem Bauch. Aber viel zu jung und viel zu arm, um schwanger zu sein, steht sie vor der Tür. Geflüchtet von daheim, weil sie Angst haben muss vor den sittenstrengen Männern in ihrer Gemeinde. Dass man sie steinigt, wegen Unzucht. Maria sucht bei Elisabeth Schutz und bringt die damit auch in Schwierigkeiten. Zumal sie selbst schwanger ist. Risikoschwanger, in ihrem Alter. So erzählt die Bibel von Maria, der Mutter Jesu, und Elisabeth, ihrer Tante und Freundin.
Elisabeth gibt Maria Asyl. Und noch viel mehr. Herzliche Freundschaft. Ich glaube, oft ermessen wir gar nicht, was das für eine Erleichterung für einen Menschen bedeutet, wenn er sich freundlich geschützt fühlen kann. In Sicherheit bei Freunden. Und noch weniger ermessen wir, was wir verweigern, wenn wir Schutz und Freundschaft nicht schenken. Oder knauserig damit sind. Elisabeth knausert nicht. Und aus Solidarität in der Not wird Freundschaft zwischen den beiden schwangeren Frauen. Trotz ihres Altersunterschieds.
Die kleine Geschichte in der Bibel erzählt am Schluss vom größten Glück in einer Freundschaft. Wenn man Worte für den anderen findet, die der braucht, aber sich eben nicht selber sagen kann.
Maria ist immer noch hin- und her gerissen. Eben noch glückliche werdende Mutter und im nächsten Moment voller Angst, was aus ihr und dem Kind werden soll. Da sagt Elisabeth zu ihr: „Maria, Du bist auf einem langen Weg. Aber es ist genau Deiner. Und darum wird Gott ihn mit Dir gehen.“ So was muss einem ein Freund oder eine Freundin sagen, damit man es wirklich glauben kann.

...ich komm so selten dazu

Montag, 08. Dezember 2008     [Druckversion]

„Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm nur viel zu selten dazu.“ Kennen Sie dieses Gefühl von sich auch, von dem Udo Lindenberg singt? Ein bisschen schnodderig-selbstironisch, wie das Udos Art ist, aber doch mit der Hoffnung: Da steckt doch noch mehr in mir, als das, was ich normal so lebe. Da steckt noch ein anderes besseres Ich in mir.
Als ob man sein besseres Zukunfts-Ich noch vor sich hätte. Man arbeitet noch an einem neuen Entwurf von sich selbst. Und irgendwann kommt er ans Licht. Als wäre man bisher immer nur die Larve gewesen, aber dann wird man zeigen was für ein schöner Schmetterling man ist.
Ich kenne dieses Gefühl.
Bei mir und anderen. Und ich glaube es ist auch gut, wenn man diese Spannung noch in sich hat. Wenn man noch die Sehnsucht in sich spürt, sich zu ändern. Und sich nicht selbstzufrieden und bequem zurücklehnt ins Gewohnte. „Eigentlich bin ich ganz anders.“
Allerdings: Wirklich ganz anders? Das glaube ich nicht, dass das geht. Ich glaube, Sie und ich, die meisten jedenfalls von uns, sind nicht all die Jahre als Larve durch ihr Leben gekrochen und das Schmetterlingsleben kommt noch. Ich bin schon ein fertiger Schmetterling, vielleicht nicht so toll wie ich gern wäre. Manchmal versagt man beim Fliegen. Aber:
Wenn ich immer diesem anderen Zukunftsbild von mir nachträume, kann ich mich nicht achten und lieben wie ich bin. Und sich lieben das gibt einem Kraft, das Fliegen zu üben. Fliegen wie ein Schmetterling, der ich nicht erst sein werde. Der ich bin.
Wenn man nur ganz anders sein will, kann es sein, dass man vergisst sich in kleinen Schritten zu ändern.
Man kann um Kraft für diese Änderungsschritte bitten: Mit Worten wie den folgenden von Hanns Dieter Hüsch:
„Herr und Gott, der du uns unser Versagen nicht nachträgst, sondern uns all unseren Hochmut vergibst. Sieh uns an, und vergiss uns nicht. Denn ohne Dich sind wir verraten, verkauft und verloren. Bleib uns gnädig und erbarme Dich.“
Ich glaube, wer so betet und hofft, der muss nicht darauf warten, ganz anders zu werden. Der kann stattdessen andere Schritte gehen.


Dr. Peter Kottlorz

Von Dr. Peter Kottlorz, Rottenburg/N., Katholische Kirche

Nikolaus, Sankt Nikolaus!

Samstag, 06. Dezember 2008     [Druckversion]

30.000 Nikoläuse, Sankt Nikoläuse - bringt einer meiner Kollegen in diesen Tagen unter die Leute. 30.000 – eine fast symbolische kleine Zahl angesichts des Millionenheers an Nikoläusen und Santa Clauses, die seit September in den Läden stehen.
Die 30.000 Sankt Nikoläuse unterscheiden sich von den anderen Schokoladenmännern dadurch, dass sie erst heute in Kindergärten und Bäckereien zu haben sind. Und dadurch dass sie durch ihre Verpackung erkennbar mit einem Bischof in Verbindung gebracht werden. Das soll auf den Ursprung all der kommerzialisierten Nachkommen von Sankt Nikolaus hinweisen: Auf den Bischof von Myra, der vor rund 1600 Jahren in Cemre, der heutigen Türkei gelebt hat.
Nikolaus ist eine der christlichen Heiligenfiguren, ein Paradebeispiel für den christlichen Glauben. Nicht nur wegen seiner warm-rot schimmernden Aura aus Geborgenheit, Strenge und Güte. Sondern weil Sankt Nikolaus für das Schenken steht, einen der Grundzüge des christlichen Glaubens. Und Nikolaus ganz besonders für das Geben ohne erkannt zu werden. Nur um der guten Sache Willen, für die gute Sache an sich. Das ist übrigens auch der Ursprung des so genannten „Einlegebrauchs“ am Vorabend des 6. Dezember.
Nikolaus war bevor er Bischof wurde ein sehr wohlhabender Mensch, der seinen Reichtum aber nicht für sich behalten wollte. Er hörte von einem Mann, der so arm war, dass er seine drei Töchter ins Bordell schicken wollte, damit die Familie überleben und er seine Töchter später verheiraten konnte. Diesem Mann wollte Nikolaus helfen, aber ohne ihn in Verlegenheit zu bringen. Und das hat er – der Legende nach so gemacht: Er hat in drei aufeinander folgenden Nächten jeweils einen Goldklumpen in die Schlafzimmer der drei Töchter geworfen und sich danach immer ganz schnell aus dem Staub gemacht, damit ihn niemand dabei sieht.
Aus dieser eigentlich dramatischen und wunderbar einfallsreichen Aktion ist dann der Brauch entstanden - heimlich - glitzernd verpackte Schokolade, Nüsse und Obst in Schuhe oder Socken vor die Schlafzimmertür zu legen.
Eine abgemilderte, kindgerechte Version verhinderter Prostitution aus Armut. Aber der Kern hat sich über 1600 Jahre gehalten: Das heimliche Schenken für die gute Sache an sich.