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Woche vom 08.11.2015 bis 14.11.2015




Willkommen in Deutschland

Sonntag, 08. November 2015     [Druckversion]

Andreas LipschAnnette Bassler trifft Andreas Lipsch, Pfarrer für Migration und Flüchtlinge, Vorsitzender von Pro Asyl Deutschland 

Willkommen?

Vor 77 Jahren haben Anfang November in Deutschland Synagogen gebrannt. Heute brennen Asylunterkünfte, skandiert von Naziparolen. Als ob die Asylsuchenden alte Geister wachgerufen hätten. Als Pfarrer für Migration und Vorsitzender des Vereins Pro Asyl steht Andreas Lipsch in der vordersten Front der Auseinandersetzung. Von ihm erhoffe ich mir Informationen darüber, was uns erwartet in der Flüchtlingsfrage. Als Christin ist mir das Recht auf Asyl heilig. Trotzdem frage ich mich, ob wie das schaffen mit der Integration und wenn ja, wie. Wie ist das mit unserer Willkommenskultur? Können wir die durchhalten angesichts der vielen, die zu uns kommen?

Sorgen mach ich mir über was Anderes, nämlich dass angefangen wird, Gruppen gegeneinander auszuspielen, Flüchtlinge werden willkommen geheißen, andere benachteiligte Gruppen, die hier schon immer leben, werden nicht wahrgenommen. Ich glaub, wir müssen es schaffen, aus der Flüchtlingsfrage wieder ne soziale Frage zu machen.

Die soziale Frage. Für Andreas Lipsch ist sie Dreh- und Angelpunkt dafür, ob „wir das schaffen“. Ich merke, dass das meinen Blick verändert. Nicht nur die, die aus dem Krieg zu uns kommen, sind es wert, beachtet zu werden. Auch die, die unter uns Unterstützung brauchen- und die sie angesichts des Reichtums in diesem Land bisher zu wenig bekommen haben. Beispiel Wohnungen.

Wir sagen jetzt, es braucht Wohnraum für Flüchtlinge, das stimmt, allerdings dass es kein Wohnraum gibt, liegt nicht an Flüchtlingen, sondern an einer völlig verfehlten Wohnungsbaupolitik in Deutschland, unter der auch ganz viele Deutsche leiden, dh wir brauchen bezahlbaren Wohnraum. Für wen? Für alle, die bezahlbaren Wohnraum brauchen.

Wie zum Beispiel Krankenschwestern, Erzieherinnen, Alleinerziehende, Arbeiter am Rand des Existenzminimums. Wenn die jetzt erleben müssen, dass sich um Flüchtlinge mehr gekümmert wird als um sie, wenn für die auf einmal Geld da ist und nicht für sie- dann kann ich deren Zorn nachvollziehen. Soziale Frage ernst nehmen heißt: Die Integration der Fremden darf nicht auf Kosten der Bedürftigen hier passieren. Andreas Lipsch ist zutiefst davon überzeugt: es ist finanziell und politisch machbar, die soziale Frage unter uns noch einmal neu aufzulegen- wenn man das will.

An manchen Stellen hab ich im Moment den Eindruck, dass man das gar nicht will, dass viel von dem Notstand, über den alle reden, auch selbst gemacht ist. Um zu sagen: wenn wir das jetzt gut machen, dann kommen ja noch mehr oder schicken uns die Nachbarländer oder Nachbarkommunen auch noch, also machen wir es lieber schlecht und reden von der Krise.

Deshalb lohnt es sich, mal genauer hinzuschauen, was geht. Gerechtigkeit erhöht ein Volk, steht in der Bibel. Was für eine Chance: Integration für alle Armen, die Fremden wie die Einheimischen. Aber wie? Dazu hat Andreas Lipsch eine Menge Ideen.

Willkommen!

Die Stimmung kippt, heißt es immer wieder in den Medien. Die Menschen befürchten, dass der anhaltende Flüchtlingsstrom alle Ressourcen überfordert. Als Flüchtlingspfarrer kennt Andreas Lipsch viele Einrichtungen und Ehrenamtliche, die sich seit September engagieren. Stimmung gekippt?

Die sind immer noch da und die sind nicht völlig gekippt, die sind natürlich in der Zwischenzeit in den Mühen der Ebenen angekommen, das ist schon richtig, die sehen auch die Herausforderungen, wir alle fragen, wie kriegen wir das denn langfristig gestemmt, auch das ehrenamtliche Engagement, aber da ist alles andere Realität als eine gekippte Stimmung.

Wochenlang haben Ehrenamtliche die Politik vor sich her getrieben, haben sich um Flüchtlinge gekümmert, ganz praktisch. Jetzt muss etwas passieren, meint Andreas Lipsch. Die Arbeit des Ehrenamtes braucht ein hauptamtliches, professionelles Fundament.

Das heißt Beratungsstellen für Flüchtlinge, an die auch die Ehrenamtlichen verweisen können, weil die sind keine Experten in Rechtsfragen zum Beispiel, das heißt vor allem aber auch die hauptamtliche Koordinierung des Ehrenamtes.

Koordinieren, Beraten, das müssen Professionelle tun. Und für eine dritte Aufgabe müssen auch noch Stellen eingerichtet werden:

Die psychosoziale Unterstützung der Flüchtlinge, die da kommen. Denn die sind zu einem großen Teil traumatisiert, das ist auch anerkannt, das heißt nicht, dass die nicht arbeitsfähig sind, aber sie brauchen von Anfang an eine qualifizierte Unterstützung.

Es wird viel Geld kosten, neue Lehrer, Therapeuten, Sozialarbeiter, Erzieher und so weiter einzustellen. Der Bau von bezahlbaren Wohnungen wird Geld kosten. Aber es ist eine gute Investition für die Zukunft, für die es angesichts der günstigen Wirtschaftslage kaum einen besseren Zeitpunkt gibt, meint Andreas Lipsch und weiß sich mit Wirtschaftsexperten einig. Das Problem ist nur: manches muss im Eilverfahren nachgeholt werden, was jahrelang versäumt wurde. Zum Beispiel: Beschleunigung der Asylverfahren.

Die Asylverfahren in Deutschland waren schon immer viel zu lang, viel zu umständlich. Also da ist sicher viel, viel Spiel drin, man kann Asylverfahren in der Regel nach 2-4 Wochen beenden, wenn man es wirklich will.

Eigentlich haben wir gute Erfahrungen mit Krisen gemacht. Zu Beginn der Bankenkrise sagte die Regierung: Ihr Sparguthaben ist sicher. Wir stehen dafür grade, dass wir die Krise bewältigen. Und so war es dann auch. Andreas Lipsch fände es hilfreich, wenn es wieder so eine Ansage der Regierung gäbe: Die Integration der Flüchtlinge geht nicht auf Kosten der kleinen Leute. Im Gegenteil.

Meine Hoffnung wäre, dass wenn man gerade das kommunizieren würde: keiner geht verloren, alle werden mitgenommen, dass man dann nochmal die Chance hätte, die soziale Frage ganz anders zu stellen.

Und zwar so, dass die kleinen Leute unter uns Anteil haben an den Investitionen für die Flüchtlinge. Gerechtigkeit erhöht ein Volk, steht in der Bibel. Unsere Vorfahren im Glauben haben die Erfahrung gemacht: Ein Volk, das keinen verloren gehen lässt, wächst über sich hinaus, ist von Gott gesegnet. In so einem Land würden Andreas Lipsch und ich gerne leben.

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