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Woche vom 11.12.2011 bis 17.12.2011


Günther Grem trifft Tobias Haseidl

Sonntag, 11. Dezember 2011     [Druckversion]

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Kreativ mit der Tradition umgehen 

Wenn man nicht gerade der Papst ist, kann man mit dem Holzschnitzer Tobias Haseidl darüber reden, wie und was er einem schnitzt. Der Papst allerdings musste bei seinem Bayernbesuch vor 5 Jahren die Madonna so nehmen wie der Künstler sie geschaffen hatte. 

Da hat er ein Gastgeschenk gekriegt von der Bayerischen Staatsregierung. Und diese Madonna habe ich angefertigt und habe ich dann auch persönlich überreichen dürfen in der Residenz. 

Und Benedikt XVI hat die 1,60 m große Madonna gefallen, die der Vorsitzende des Oberammergauer Lukas-Vereins, das ist der Zusammenschluss der Qualitätsschnitzer, gefertigt hatte. Weihnachten steht bevor, die Krippen werden aufgestellt, und jetzt geraten auch deren Schöpfer und der Herrgottsschnitzerort schlechthin - Oberammergau - wieder in den Blick.

Während Frau Haseidl an diesem kühlen Abend einen Tee kocht, zeigt mir der Holzbildhauermeister, so die offizielle Berufsbezeichnung, seine Werkstatt. Ein relativ kleiner Raum, es riecht nach frischem Holz, Späne auf dem Boden, eine ganzes Arsenal unterschiedlicher Schnitzmesser. Figuren, die in Arbeit sind, darunter ein Elefant, Reittier für die Drei Könige. Schnitzen liegt Tobias Haseidl im Blut. Seit Generationen betreibt die Familie dieses Handwerk. 

Man ist eigentlich sehr stark beeinflusst von der Tradition und sich davon ein bisschen freier zu machen, ist für einen jungen Menschen bestimmt kein Fehler. 

Für Haseidl heißt das, auf die Wünsche seiner Kunden einzugehen, deren Vorstellungen auszuloten - oft in Stunden langen Gesprächen. 

Diese Kunden und die Leute, die dafür arbeiten, die sind beide - ich sage einmal- sehr spleenig. Und dann treffen sich die beiden und haben eine richtige Freude dran: der eine, dass er das erfüllen kann und der andere, dass er das kriegt. 

Die Ergebnisse können fromm sein und frech:

 Mittlerweile schnitzen die Schnitzer, die noch tätig sind, auf Auftrag eigentlich jegliche Schnitzerei: sei es dann ein Kruzifix oder eine Madonna oder Karikaturen. Aber ich finde, es hat was, wir arbeiten ja alle noch in dieser Tradition. 

Und die ist immer noch von den religiösen Motiven geprägt und das gilt auch für einen Schnitzer wie Tobias Haseidl: 

Madonna und Kruzifix, das sind Einzelfiguren, die für sich selber sehr viel Ausstrahlung haben müssen. Man kann ja gerade bei einem Gesicht oder einer Körperhaltung mit Nuancen ja den Ausdruck komplett verändern. Also da sehe ich schon sehr viel Spiritualität, die sich dann auch streckenweise entwickelt. Man ist ja nicht jeden Tag gleich. Und man saust auch nicht mit drei Rosenkränzen um die Werkstatt herum ehe man loslegt. Ab er das ist so ein Einstieg und man kann sich auch nach Jahrzehnten, wenn man in dem Beruf tätig ist, sich dieser Faszination nicht entziehen.  

Das kann ich gut nachvollziehen. Wenn ich mir vorstelle, allein, stundenlang an Krippenfiguren, einer Madonna oder einem Gekreuzigten zu schnitzen und um einen bestimmten Ausdruck zu ringen, dann konzentrieren sich die Gedanken auch auf das dahinter liegende Geheimnis:

 Aber tendenziell wird man im Laufe der Jahre eher leutescheu, also man klingt sich bei vielen Sachen aus und ist noch stärker auf der eigentlichen Suche für sich selber. Und das ist für einen Christen nicht so ganz günstig. Also man soll sich doch ins Geschehen werfen, damit man auch seinen Austausch hat mit seinen Mitgläubigen. Und ich kompensiere das halt einfach über die Kirchenmusik. Das ist für mich so ein Zugang, der ist zwar auch wieder sehr abstrakt letztendlich, aber das ist so subtil und eigentlich auf einer ganz anderen Ebene.

Krippe, Kreuz und Auferstehung 

Oberammergau ist in aller Welt ein Begriff. Für seine Passionsspiele und für seine Schnitzkunst. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Aber jetzt werden in so manchem Haus die Krippenfiguren herbei geholt. Und nicht wenige kommen aus dem oberbayerischen Dorf. Während der Markt mit maschinengefrästen Produkten überschwemmt wird, repräsentiert der Oberammergauer Lukas-Verein noch echte Schnitzer.  Seit über 500 Jahren wird in Oberammergau geschnitzt. Es waren arme Bauern, die sich während des harten Winters in den Bergen etwas dazu verdienen mussten. Und da ihr Dorf an der Handelsstraße von Venedig nach Augsburg lag, lernten sie etwas von der Welt und vom Handel. Schon lange vor 1633, dem Beginn der Passionsspiele. 

Das mit den Passionsspielen ist natürlich auf einen fruchtbaren Boden gefallen, wenn die Menschen, die hier ansässig sind, auch schon etwas musisch tätig sind. Es ist natürlich gut, wenn die sich mit phantasievollen Sachen beschäftigen, mit Glaubenssachen. Die Devotionalien waren ja der Hauptmarkt der Holzschnitzerei und dadurch hat sich das gegenseitig befruchtet. 

Und erstaunlicherweise ist das kreative Potential in diesem Dorf über 400 Jahren noch gewachsen. Auch Tobias Haseidl schnitzt nicht nur, sondern sitzt während der Passionsspiele als Hornist im Orchestergraben. Und so wie er dort erlebt, dass die Inszenierungen immer wieder neue Facetten der biblischen Überlieferung auf die Bühne stellen, so gestaltet er seinen Christus auch immer wieder anders. 

Meine Herangehensweise vor über zehn Jahren war eher dieser Disput zwischen Gottvater und Gottsohn. Das Gesicht war eher ausgemergelt und, ich sage mal, etwas anklagend: „wieso hast du mich verlassen?" Und die Ausdrucksstärke ist doch mehr die Auferstehung. Und jetzt habe ich auch bei den letzten Kruzifixen, die ich gemacht habe, das Gesicht eher in eine verklärte, entspannte Richtung geschoben. Auf die Aussage des Überwindens und das wirkliche Auferstehen. Dieses Hadern, das war mir eigentlich wichtig, aber vielleicht war ich vor zehn/fünfzehn Jahren eher auf diesem aggressiven Interpretationsduktus und dachte, der hadert bestimmt und will sich von dieser Last lösen. Und jetzt, langsam gehe ich an die 50, sage ich, es ist doch die schönere Aussage, wenn man so was geduldig erträgt und sagt ich habe doch gewonnen. 

Um diesem Gewinner, um Jesus, dem Sieger über den Tod, Ausdruck zu geben, lässt Tobias Haseidl auch gestalterische Traditionen hinter sich: 

Ich mache seit ein paar Jahren einen Christus, den nur ich selber fertige, das ist mein eigener Entwurf: der löst sich vom Kreuz ab. Also ich sage: die Intention Auferstehung. Das ist schwierig, einen Christus auf ein klassisches Kreuz zu nageln und dennoch zu sagen, der steht schon auf. Drum ist meiner in einem Y-Kreuz geheftet. Dass die ganze Geschichte von Karfreitag bis Ostersonntag in einer Figur drin ist, das fasziniert mich eigentlich schon. 

Und in einer Kirche, die diese Frohe Botschaft verkündet, fühlt sich der Künstler zuhause: 

Ich glaube, dass es der Hauptanker ist bei der Kirche, dass man einfach Kraft daraus zieht, spätestens wenn man Probleme hat oder wenn es einem schlecht geht. Aber selbst wenn es einem nicht schlecht geht, dass da wirkliche Lebenshilfen gegeben werden. Und der eine Pfarrer hat einen guten Satz: „wer kleinlich misst, wird kleinlich bemessen". Wenn man sich das mal durch den Kopf gehen und auf der Zunge zergehen lässt, dann ist da ja viel dran, wo man sich selbst bei der Nase nehmen kann. Diese Sachen sind für mich letztendlich die elementaren, weil die machen das Zusammenleben einfacher, das macht das Leben dann lebenswert.

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