Woche vom 21.08.2011 bis 27.08.2011 
Annette Bassler trifft Ulrike Johanns
Sonntag, 21. August 2011

Freiheit über- und unter den Wolken
Auf Flughäfen können Gefühle so groß werden wie eine A380, meint Ulrike Johanns. Seit 14 Jahren ist sie Pfarrerin am Flughafen Frankfurt am Main. Der ist wie ein globales Dorf: 70 000 Beschäftigte, 30 Millionen Passagiere pro Jahr. Im Terminal 1, zwischen Geschäften, Cafes und Check- in Schaltern ist das Büro von Ulrike Johanns und die Kapelle.
Für die Beschäftigten ist die Kapelle Kirche im Dorf. Für die Reisenden ist es die Kirche am Wegesrand. Wo man noch mal reingeht, ne Kerze anzündet, nochmal was ins Fürbittenbuch rein schreibt, noch mal verweilt im Gebet, sich einen Spruch mitnimmt oder auch das Gespräch mit der Pfarrerin sucht.
Reisesegen
Im Terminal 1 habe ich mich furchtbar verlaufen. Wo ist die Kapelle? frage ich einen asiatisch aussehenden Guide. „Dort oben. Meint er. Pause. Ruhe." Ich steige eine Treppe hoch und dort ist sie, die Kapelle. Der Altar, ganz aus Glas, scheint zu schweben, eine Bodenvase mit einer Lilie, vielleicht 50 Stühle. Leichtigkeit. Ruhe. Ulrike Johanns begrüßt zur täglichen Mittagsandacht. „Wir sind wenige, sagt sie, aber wir beten für viele," sagt sie und ich spüre, wie Anspannung von mir abfällt. Die Kapelle ist eine Insel der Ruhe in den anbrandenden Stürmen der Fluggäste. Aber nicht nur Andachten gibt es hier, auch Gottesdienste für die Bediensteten und regelmäßig Konzerte.
Das ist wie so eine Oase. Ich krieg oft Mails oder Anrufe, wo die Menschen sich bedanken. Einer hat das mal ganz poetisch ausgedrückt und hat gesagt: dieses Konzert war für mich als wäre ich mit nackten Füßen durch eine taufrische Wiese gelaufen.
Wir sitzen uns in ihrem Büro gegenüber. Eine attraktive, elegante Frau Mitte fünfzig, die ihre grauen Strähnen nicht färbt. Was ihrem Aussehen etwas Aristokratisches verleiht.
Ich denke mir, diese Begegnungen mit Reisenden sind sehr kurz, aber oft auch sehr dicht.
Einmal, erzählt sie mir, hat ein Reisender seinen Flug verpasst. Der viel beschäftigte Manager hatte auf einmal Zeit, viel Zeit.
Und dann hörte er die Ansage für unser Mittagsgebet und er hat gesagt: Ich hab nicht nur Zeit, ich hab auch Zeit in die Kirche zu gehen. Ich war schon ewig lange nicht mehr in der Kirche! Und dann ist er in die Kapelle gekommen und ich habe an dem Tag einen seiner Lieblingstexte vorgelesen, ein Text den er, der Kirchenferne für sich aber gespeichert hat. Das ist nämlich der Text vom alten Abraham, als er aufgebrochen ist in das Land, das Gott ihm zeigen wollte.
Und weil ihn das Thema Aufbrechen schon sein ganzes Leben beschäftigt, bittet er Ulrike Johanns nach der Andacht um ein Gespräch.
Und ich hab gesagt: ja, ich würde ihm aber gerne einen neuen Aspekt mit auf den Weg geben. Weil: in diesem Text ist vom Aufbruch die Rede, aber es ist auch die Rede davon, dass Gott diesen Aufbruch segnet. Dieser Mensch, der aufbricht, geht nicht ohne Proviant, geht nicht ohne Schutz, und ob er damit auch was anfangen kann.
Und ob er damit etwas anfangen kann. Also segnet sie ihn, den Kirchenfernen, den viel beschäftigten Manager. Im Stehen. Mit Hand auflegen und einem Segenswort.
Und ich hab schon zu manch einem gesagt: bevor Sie gehen, möchte ich Sie noch segnen. Und es hat bis jetzt noch keiner gesagt, dass er das nicht möchte.
Ich schäme mich des Evangeliums nicht, hat der Apostel Paulus einmal gesagt. Hier bekommt der Satz für mich ein Gesicht. Darf ich dich segnen? Darf ich dir weitergeben, wovon ich selber lebe. Das braucht immer Fingerspitzengefühl und Mut. Aber was gibt es Schöneres, zu hören und zu spüren: Du und ich, wir sind behütet. Gott segnet dich auf deiner Reise.
Das besondere Wort- auch für Manager
Anfangs, sagt sie, haben die Bediensteten mit einer Pfarrerin nicht so viel anfangen können. Da haben sie eher mal die Supervisorin, die sie auch ist, um Rat gefragt. Was eine Pfarrerin ist, das wurde spürbar, als eine Mitarbeiterin auf dem Vorfeld der Start- und Landebahnen tödlich verunglückt ist.
Ich bin damals gerufen worden, weil die Beschäftigten sich dann nach Stunden, nach denen der Unglücksort wieder geräumt war, sich am Unglücksort treffen wollten und ich sollte dabei sein. Und ich hab mir nur schnell meine Bibel gegriffen. Ich wusste auch noch gar nicht so recht, was macht man denn da jetzt? Und dann stand ich da und ich wusste nur: die wollen nicht, dass ich mich jetzt dazustelle, sondern ich muss jetzt was machen. Und dann hab ich im ersten Moment raus den Psalm 22 aufgeschlagen und hab den gegen Turbinengeräusche anlaufender Maschinen ganz laut den Psalm gebrüllt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Nach diesem Satz hat ihre Stimme versagt, von der Wucht der Trauer und der Verzweiflung.
Und dann hab ich gemerkt, dass in dem Moment, wo ich nach vorne trat und diesen Psalm gelesen hab, dass Menschen in Gebetshaltung sich begeben haben. Muslime, die dabei standen, sind mit ihren Gebetsketten zugange gewesen. Also ich war im Grunde genommen Öffner zum Ritual.
Wie bin ich hilfreich? Das habe ich mich auch schon gefragt. Oft nicht mit einer lang durchdachten, professionellen Idee. Sondern mit der ganzen menschlichen Sprachlosigkeit und mit dem einen Satz aus der Bibel, Sprache, die ich mir ausleihen kann. Und mit der ich so etwas wie ein Türöffner wird, dass andere ihre Sprache finden, ihr Ritual, ihren Weg aus der Gottverlassenheit.
Besonders hat mir das mal ein Manager gesagt hier am Flughafen, der seinen Mitarbeitern bei einer Adventsandacht, der erklärt hat, warum er mich gebeten hat, die zu gestalten, weil er sagte: die Pfarrerin hat so besondere Worte, die wir in unserem Sprachschatz gar nicht mehr so haben. Und da hab ich eigentlich durch ihn, hab ich so kapiert, dass es unser Ureigenstes ist, was Menschen weiterhilft.
Die Geschichten, die Sprache und Bilder der Bibel haben ihre eigene Kraft in sich. Die einen das Alltägliche in einem anderen Licht erkennen lassen.
Menschen am Flughafen sind nicht nur Reisende von A nach B, sie sind immer auch auf einer Lebensreise. Das erklärt auch die Aufregung, die manche beim Reisen befällt. Komme ich an? Habe ich alles dabei? Sehe ich die Meinen wieder? Das sind konkrete und existentielle Fragen zugleich.
Josef Beuys hat mal gesagt: die wahren Mysterien finden am Hauptbahnhof statt. Ich würde gerne sagen: Mysterien finden hier am Flughafen statt. Die Religionen an so einem geschäftigen Ort wie einem Flughafen. Was bieten wir für Möglichkeiten? Für Beheimatungen auch für Menschen? Das ist noch nicht zu Ende gedacht. Da fühle ich mich auch in guter Weggefährtenschaft und da erhoffe ich mir auch neue Bereiche.



