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Woche vom 14.08.2011 bis 20.08.2011




Thomas Weißer trifft Marlene Dietz

Sonntag, 14. August 2011     [Druckversion]

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Teil 1. Künstlerisch in der Kirche arbeiten  

Auf dem Gelände der Bundesgartenschau gibt's nicht nur Blumen und eine Seilbahn, sondern auch eine Kirche. Ihr Blickfang ist ein Bild hinter dem Altar. Ein Triptychon, ein dreiflügeliges Bild der Landauer Künstlerin Madeleine Dietz. In der Mitte eine Säule aus Licht, rechts und links davon zwei große Tafeln aus Erde. Eine Lichtsäule statt eines Kreuzes. Ungewöhnlich. Madeleine Dietz hat das ganz bewusst gestaltet:

Ich denke, im Christentum wie auch in den anderen Religionen, sind neue Bilder dringend notwendig, um den Glauben oder die Religiosität immer wieder erneuert zu bekommen.

 Neue Bilder. Die bietet die Künstlerin Madeleine Dietz wahrlich an. Als ich sie treffe,

holt mich Dietz mit einem großen Transporter vom Bahnhof in Landau ab. Den braucht sie auch. Denn die Künstlerin liebt die große Form. Altäre, Installationen aus Stahl und Lehm, meterhohe Stehlen. Vor allem in Kirchen haben die Arbeiten von Madeleine Dietz Platz gefunden. Was sie selbst verwundert.

 Ich hab eigentlich nie gedacht, dass ich künstlerisch in der Kirche tätig sein würde. Trotzdem habe ich ein Elternhaus, dass mich sehr liberal erzogen hat, ich bin also in ein katholisches Elternhaus hineingeboren worden. Ich war viel in der Jugendarbeit, in der Gemeinde, in der Pfarrei, bei Franziskanern. Habe also eigentlich etwas sehr positives erlebt und bin nicht kirchengeschädigt.

In der Nähe von Landau in der Pfalz ist Dietz zu Hause. Aber mit ihrem Transporter bringt sie ihre Arbeiten in deutsche Galerien, nach Polen und Frankreich, in die Schweiz. Und immer wieder in Kirchen. Was auch mit ihrer Kindheit zu tun hat.

 Dadurch dass es bei uns sehr liberal zuging, konnten wir vieles ausdiskutieren und auch schimpfen und haben irgendwie immer versucht das ganze Menschliche zu sehen. Ich hab großartige Menschen kennen gelernt im kirchlichen Bereich und wollte das alles nicht missen, was ich da erlebt habe.

 Solche Menschen kenne ich auch. Aber ich kenne eben auch die Menschen in der Kirche, die sich so ganz und gar nicht christlich verhalten. Denen ich den Glauben nicht abnehme.

 Ich kann auch relativieren. Also, diese Kirchenmachenschaften, sind für mich teilweise so unsäglich. Den Druck der Kirche, der ausgeübt wird in vielen Ländern dieser Welt, aber auch bei uns, den finde ich unerträglich und den gilt es eigentlich auch abzuschaffen.

 Spannend finde ich, wie Dietz über ihre liberale katholische Erziehung spricht. Ich habe ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Aber ihre Eltern prägen sie auch in künstlerischer Hinsicht. Der Vater war Maler und Bühnenbildner. Und er brachte seinen Töchtern schon früh das Malen und Bildhauern bei.

 Also, ich hab von ihm unglaublich viel Handwerkliches mitgekriegt und auch Mut. Den Mut, Dinge auszuprobieren, Dinge auch zu wagen, die es noch nicht gibt. Einfach auch mal Wünsche für mich selber in Bewegung zu setzen, dass ich sie erfüllt bekomme. Das war eine tolle Erziehung.

 Ihr Vater ist schon über 30 Jahre tot. Wie würde er wohl ihre Arbeit sehen? Madeleine Dietz ist sich sicher:

 Er würde wahrscheinlich sagen: „Mädel, nimm doch mal wieder eine Farbe, geh doch mal her und mal einmal ein bisschen." Aber es ist eben nicht meine Art. Ich hab den Pinsel schon so lange weggelegt.

 

Aber nicht nur den Pinsel von damals hat Dietz weggelegt. Sondern auch den alten Kinderglauben, den sie heute in vielem gar nicht mehr nachvollziehen kann.

 Ich gehe viel, viel kritischer mit meinem eigenen Glauben um und bin auch selber überhaupt nicht sicher, dass das, was ich glaube, richtig ist. Ich bin genauso ein Suchender auf dieser Welt, wie viele, viele Menschen auch. Ich würde sonst ja nicht künstlerisch arbeiten müssen, wenn ich diese ganzen Antworten hätte. Ich stelle ja nur die Fragen. 

 

 

Teil 2. Zwischen Tod und Leben

 Madeleine Dietz ist in vielen Kirchen zu Hause. In Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe, Worms oder Bad Dürkheim finden sich Altäre, Kreuze, oder Lesepulte von ihr. Ihre Werke kreisen um die Themen Leben und Sterben, Abschied und Neubeginn.

Madeleine Dietz hat einen alten Bauernhof in der Nähe von Landau renoviert, in der Scheune findet sich ihr Atelier. Ihre Kunst: Vor allem aus Stahlplatten und ungebrannten Lehmziegeln baut sie Tresore, Schreine, wie sie sagt. Natürlich will ich wissen, wie sie zur ihrer Kunst gekommen ist. Und sie erzählt, dass sie lange Zeit völlig unzufrieden mit ihrer Arbeit war. 

Bis ich auf einer Reise in Afrika so ein ausgetrocknetes Flussbett gesehen habe. Rissig und aufgequollen und ausgetrocknet. Dürre war da zu sehen. Was eben direkt identisch ist mit Abschied, mit Tod. Und: Nichts geht mehr. Und einige Wochen später habe ich diese gleiche Stelle wieder gesehen und es hat alles geblüht. Und ich dachte: Das ist genau mein Material.

 Seitdem arbeitet sie vor allem mit Lehm, der trocknet, immer aber auch die Chance bietet, dass sich Leben entwickelt. Ein Thema, das besonders in der Religion aufgehoben ist. Die Schöpfungsgeschichte erzählt ja schließlich auch davon, das Gott aus Lehm einen Menschen schafft. Doch Madeleine Dietz setzt sich durch ihre Arbeit mit Lehm auch mit der Dürre, dem Tod auseinander.

 Wenn ich den Tod ins Auge fasse, lebe ich das Leben besser. Das Leben wird oft so oberflächlich dahingelebt ohne die Dankbarkeit, dass es überhaupt da ist.

 Dankbar auf das Leben blicken, für mich schimmert da viel vom Glauben durch. Wie auch in der Beschäftigung mit dem Tod. Kein leichtes Thema.

 Ich konnte einfach nichts anders tun. Und ich muss halt damit leben, dass viele das auch nicht sehen wollen, dass es sie nicht interessiert. Aber den Anspruch habe ich auch gar nicht. Wenn ich ganz wenige erreiche, ist das doch schon toll.

 Madeleine Dietz aber erreicht mittlerweile mehr als nur ein paar wenige. Sie ist eine anerkannte Künstlerin. Und doch löst ihre Kunst oftmals Diskussionen aus. Gerade in Kirchenräumen. In Kassel ist sie vor etwa fünfzehn Jahren wüst beschimpft worden für ihre Installationen. Dass ihre Kunst provoziert, wenn sie etwa einen alten Altar hinter Stahlplatten verbirgt, kann ich verstehen. Sie auch.

 Das ist streitbar auch. Warum nicht. Wenn ich künstlerisch was arbeite, was jedem gefällt, ich glaube fast, das wäre Kitsch.

 Madeleine Dietz aber, das sehe ich in ihrem Atelier, und das spüre ich, wenn ich mit ihr rede, will keinen Kitsch produzieren. Was dann, frage ich sie.

 Ich hab immer das Gefühl gehabt, dass ich eine Botschaft hätte. Also, hatte ich eigentlich bis heute noch. Hat sich nichts geändert. Ist etwas, würde ich sagen, arrogant von mir, aber damit kann ich leben.

 Eine Botschaft haben, da denke ich unweigerlich an Religion. Auch hier geht es um Botschaften. Und wie lautet ihre Botschaft, will ich von Dietz wissen. Ich finde es sympathisch, dass die Künstlerin da schlucken muss. Einfach macht sie es sich und anderen nicht. Aber dann versucht sie doch, ihre Kunst auf den Punkt zu bringen. In beeindruckend schlichter Art und Weise.

 Wir haben nur ein Leben. Und das ist einfach nur kurz - eventuell. Aber selbst ein ganz kurzes Leben hat eine Gewichtigkeit.

 Informationen zur Künstlerin: http://www.madeleinedietz.de/

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