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Woche vom 06.03.2011 bis 12.03.2011




Bruno Sonnen trifft Dietmar Walther

Sonntag, 06. März 2011     [Druckversion]

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Teil 1: Nikolaus und Prinz Karneval

Dietmar Walter ist 44 Jahre alt, Chemielaborant in Bad Hönningen, verheiratet und Vater von zwei Söhnen im Alter von 10 und 17 Jahren - so weit keine auffällige Biographie. Anders sieht das aber aus, wenn man auf sein ehrenamtliches Engagement anschaut: Walter ist sowohl in der Kirche als auch im Karneval aktiv. In der Vorweihnachtszeit zieht er als Nikolaus durch Bad Hönningen am Rhein, in der närrischen Zeit ist er Prinz Karneval. Für beides braucht er vor allem eins: Humor. Humor ist wichtig in seinem Leben, und Humor hat auch in der Kirche seinen Platz, sagt er:

 Ich finde, wenn ein Pastor am Ende einer Messe eine humorvolle Bemerkung macht, und man geht mit einem Lächeln aus der Kirche, dann war das doch eine schöne Messe und man hat Freude, wenn man nach Hause geht.

 Ich gestehe, ich bin ein Karnevalsmuffel, eher schon ein Karnevalsflüchter. Wenn es auf Rosenmontag zugeht, ziehe ich mich gern und regelmäßig in die Stille von Maria Laach zurück. Die Benediktinerabtei am Laacher See in der Eifel ist für mich ein idealer Ort, um abzuschalten und zur Ruhe zu kommen, wenn draußen das närrische Treiben seinem Höhepunkt entgegen geht.

Doch als ich von Dietmar Walter und seinem Engagement hörte, war meine Neugier geweckt. Da ist offenbar einer, der sowohl in der Kirche als auch im Karneval zu Hause und aktiv ist, dachte ich mir. Ich nahm Kontakt zu ihm auf und traf auf einen Karnevalisten und Christen, der mir vom ersten Augenblick an sympathisch war.

Zwei verschiedene Rollen sind es, in die er regelmäßig schlüpft: In der Vorweihnachtszeit ist Walter als Nikolaus unterwegs, geht in die Familien, besucht Kindergärten, Gruppen und Weihnachtsfeiern.

 Ich engagiere mich als Nikolaus um Kindern in Not zu helfen. Mein Vorgänger hatte mir damals das Kostüm mit den Worten übergeben: Die Leute geben dir schon mal Geld. Was du damit machst, das musst du sehen. Ich hab's gespendet." Ich fand das eine sehr gute Idee, und seit 15 Jahren halte ich daran fest, gehe als Nikolaus in die Familien. Ich habe keinen festen Betrag, den ich nehme für diese Zeit, sondern ich lasse mir von den Leuten das Geld geben, was ihnen die Sache wert ist. Und dieses Geld spende ich Hilfsaktionen, die sich für Kinder einsetzen.

 Das Geld geht dabei zum Beispiel an Kinderprojekte eines befreundeten Pfarrers in Tansania oder aber wie im letzten Jahr an ein Kinderheim in Haiti. Praktizierte Nächstenliebe ist für ihn eine Selbstverständlichkeit, auch in der Pfarrei packt er mit an, wenn er gebraucht wird. Dietmar Walters zweite große Leidenschaft ist der Karneval.

 Ich bin im Karneval groß geworden, meine Eltern waren von Anfang an im Karneval aktiv, nicht nur dann, wenn gefeiert wurde, sondern sie waren immer mit dabei. Meine Mutter ist heute noch aktiv, mein Vater leider verstorben, war 25 Jahre lang im Vorstand aktiv, und so ist mir das mit in die Wiege gelegt worden. Ich war Kinderprinz in Bad Hönningen, ich war Prinz in Bad Hönningen und heute als zweiter Vorsitzender leite ich die Geschicke unserer Gesellschaft mit.

 Auf den ersten Blick passt das für mich nicht zusammen: Nikolaus und Karnevalsprinz. Aber Dietmar Walter macht mir klar, dass beides wichtige Teile von Traditionen sind. Und Traditionen sind für das Leben von Menschen wichtig, sind auch mir wichtig. Genau das, betont Dietmar Walter, ist für ihn auch zum Beispiel beim Karneval von Bedeutung:

 Da sehe ich meine Aufgaben vor allem darin, die Traditionen des Karnevals zu erhalten, aber auch den Karneval so modern zu gestalten, dass er eine Zukunft hat. Da ist mir sehr viel dran gelegen.

 Teil 2. Humor in Glaube und Kirche

 In der Vorweihnachtszeit ist er als Nikolaus unterwegs, im Karneval regiert er die Narren in und um Bad Hönningen am Rhein. Dietmar Walter ist beides: überzeugter Christ und leidenschaftlicher Karnevalist. Welche Rolle spielt der Humor in seinem Leben?

 Humor ist für mich erst mal wichtig. Das ist das Lebenselixier, die Sonne im Leben sag ich mal. Humor muss man haben, man muss lachen, man muss fröhlich sein.

 Humor als Lebenselixier - das ist bei einem Karnevalisten erst einmal keine Überraschung. Spannender wird es schon bei der Frage nach dem Humor in der Kirche.

 Für mich kann ich ganz klar sagen: Ja, Humor hat Platz in der Kirche und es muss auch in der Kirche gelacht werden. Wenn früher zum Beispiel mal ein Pastor an Karnevalssamstag einen Witz oder eine kleine Büttenrede gehalten, dann war das verpönt. Das wurde hinterher heftigst diskutiert und alte Kirchgänger sagten: Nein, um Gottes willen, wie kann er nur? Heute ist es normal, und ich finde, wenn ein Pastor am Ende einer Messe eine humorvolle Bemerkung macht und man geht mit einem Lächeln aus der Kirche, dann war das doch eine schöne Messe und man hat Freude, wenn man nach Hause geht.

Eine ausgesprochen sympathische Sicht der Dinge, und wenn ich an die Realität vieler Gottesdienste denke, nehme ich mir bei der Gelegenheit vor, dem ein oder anderen Prediger mal einen Tipp in diese Richtung zu geben.

Humor und Kirche, das passt schon, sagt Walter, und deshalb gibt es in Bad Hönningen auch regelmäßig einen Karnevalsgottesdienst - auch wenn es anfangs Widerstände gab:

 Es gab doch die Alt-Eingefleischten, die gesagt haben: Niemals gehe ich im Karnevalskostüm in die Kirche. Heute ist das mehr wie normal. Die Prinzen kommen in ihrem Hofstaat, sie lesen Fürbitten vor. Die Kinderprinzen, wenn sie von den Messdienern kommen, dienen mit in der Kirche. Das gibt's bei uns gar nicht mehr anders. Also, ich bin dafür, dass es solche Gottesdienste gibt.

 Dietmar Walter ist ein sympathischer Karnevalist und ein fröhlicher Christ, das wird mir im Gespräch mit ihm immer deutlicher. Ein Tag ohne Lachen ist für ihn ein verlorener Tag. Und diese Lebenseinstellung hat auch Einfluss auf sein Gottesbild.

 Wenn sie mich fragen, ob mein Gott ein fröhlicher Gott ist, diese Frage würde ich sofort bejahen oder sagen, ich hoffe es doch sehr dass er ein fröhlicher Gott ist. Ich glaube, dass Gott die Menschen liebt und von daher ist er sicherlich daran interessiert, dass da fröhliche Menschen sind. Wobei ich mir selber aber auch oft schon mal die Frage stellen musste, leider, warum lässt Gott das zu? Vor allem dann, wenn man sich über den Verlust eines geliebten Menschen Gedanken macht oder fragt: Warum musste das sein? Und dann zweifelt man auch schon mal an der Fröhlichkeit eines Gottes. Aber letztendlich denke ich schon und hoffe ich schon, dass es ein fröhlicher Gott ist.

Am Ende meldet sich aber doch noch einmal der Karnevalskritiker in mir. Was ist mit den Auswüchsen des Karnevals, hemmungslosen Trinkgelagen zum Beispiel, will ich wissen. Walter gibt mir recht, aber da steuert der zweite Vorsitzende der Bad Hönninger Karnevalsgesellschaft auch bewusst gegen:

 Wir achten darauf, dass es nicht zu diesen exzessiven Auswüchsen bei uns kommt. Wir versuchen, das zu verhindern. Unsere Jugendlichen kriegen kein Alkohol im Zug; wir versuchen zu verhindern, dass die Jugendlichen am Zugrand mit Alkohol in Verbindung kommen.

Auch wenn ich in diesem Leben sicher kein Karnevalist mehr werde: die Begegnung mit Dietmar Walter hat dazu beigetragen, dass mein Blick auf den Karneval vielleicht in Zukunft wieder etwas freundlicher ausfällt.

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