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Woche vom 22.08.2010 bis 28.08.2010




Heike Boomgaarden

Sonntag, 22. August 2010     [Druckversion]

Pfarrerin Annette Bassler trifft Heike Boomgaarden, Landschaftsgärtnerin, Pflanzenexpertinbegegnungen > boomgaarden.jpg

Im Einklang leben mit der Natur, gesundes Obst und Gemüse essen- für viele ist das ein Traum, den sie sich nur im Urlaub leisten können, wenn überhaupt. Aber das muss nicht so sein, meint Heike Boomgaarden. Die studierte Gartenbauingenieurin hat mitten in der Stadt Andernach einen Garten angelegt mit Obst, Gemüse und Blumen zum Pflücken für alle. Und ganz nebenbei können die Andernacher was von der Natur lernen.

Wir können wieder Kreisläufe lernen, wir können lernen, ohne Müll zu produzieren, weil immer wieder etwas regeneriert. Wir können die Schöpfung erleben, wir können uns erden... wenn wir in die Erde rein greifen und so richtig im Garten arbeiten, dann kommen wir wieder da an, wo wir im Grunde genommen gestartet haben und es tut uns so gut in dieser schnellen Zeit. Das ist Entschleunigung pur.

Teil 1- Die Stadt der Zukunft
Sonnenblume! Das fällt mir ein, wenn ich Heike Boomgaarden beschreiben sollte: Sonnenblume. Groß, aufrecht und sonnig, allerdings mit dunklen Haaren. Zwei Leidenschaften verbinden uns: Freude an Pflanzen und am Predigen. Ja, sie predigt auch gern.

Meine Lieblingsbotschaft ist, dass die Würde der Pflanze genauso unantastbar ist wie die Würde des Menschen und ohne Pflanze würde der Mensch gar nicht existieren können und das übersehen wir oft.

Und damit wir das wieder lernen, hat Heike Boomgaarden was zum Sehen gemacht: Ein öffentlicher Garten mitten in Andernach am Mittelrhein. Weil wir das Jahr der Artenvielfalt haben- der Biodiversität.

Und zwar haben wir eine Tomatenschau von 101 verschiedenen Sorten und dreihundert  verschiedenen Pflanzen gepflanzt, von ganz klein so groß wie ne Johannisbeere bis riesengroß so 'n Ochsenherz so lila und das mitten an die Schlossmauer ohne Zaun frei zugänglich. Und weil wir drum rum noch Platz haben, haben wir Zucchini gepflanzt, Mangold gepflanzt, wir haben Kürbisse gepflanzt-

und Artischocken und Trauben und eine ganze Wildblumenwiese für Hummeln und Bienen. Und- jetzt kommt der Clou- alle, die vorbeikommen, dürfen Obst und Gemüse ernten und Blumen pflücken! 

Und dann holen die sich das, haben vorher im Rathaus nachgefragt: ist es wirklich wahr? Darf ich einfach mitten in der Stadt ernten? Und dann sagen wir immer: ja, nehmt es mit, erntet es, wir freuen uns!

Das ist öffentlicher Reichtum mitten in der Finanzkrise. Anfangs haben die Leute nur zögerlich sich was genommen. Jetzt pflücken sie ab und fangen an, sich mit den Pflanzen zu beschäftigen und sie auch zu pflegen. Und das funktioniert wirklich, frage ich?

Es steht alles seit Anfang Mai. Es ist nichts passiert! Also da hab ich immer gedacht: da liegt ein guter Gedanke drüber.

Traut den Menschen was zu, dann wachsen sie dran und sind sie besser, als man erwartet- ein Gedanke, den Jesus oft ausgesprochen hat. In Andernach sind nicht nur die Bewohner über sich hinausgewachsen. Auch die Stadt hat sich engagiert durch Fördergeld und Langzeitarbeitslose haben viel dazu beigetragen, wofür sie auch ein Zertifikat bekommen haben.

Wir sind alle sehr stolz drauf, (lacht) kann man wirklich gar nicht anders sagen, das hat unglaublich was gebracht.

Für mich hat das was vom Paradies: der Mensch lustwandelt im Garten und darf alles essen, was drin wächst. Aber ist das nicht ein bisschen zu idyllisch, frage ich. Sind wir Menschen nicht aus dem Paradies vertrieben worden?

Der Paradiesgarten in der Schöpfung, das find ich natürlich großartig, aber ich hab das Problem mit der Vertreibung aus dem Paradies. Weil eigentlich, wenn wir uns überlegen, wenn wir morgens aufstehen, wir leben ja noch im Paradies, wir müssen ja nur gucken, dass es so ist, dass es wirklich auch lebenswert ist. Also das Paradies ist uns glaub ich nie genommen worden, sondern wir sehen es nur nicht mehr.

Teil 2- Permanenzkultur
Warum fallen bei meinem Zitronenbäumchen immer alle Blüten ab? Habe ich Heike Boomgarten gefragt. Schließlich ist sie auch Pflanzenexpertin. „Du musst das Bäumchen föhnen, wenn es blüht" sagt sie. „Wenn das Bäumchen im Zimmer steht, fehlen ihm die Bienen zum Befruchten." Aha. Das ist also Schöpfung. Ein Kreislauf der Natur. Bei dem man ernten kann, ohne vorher föhnen zu müssen.
Und was so ein Kreislauf ist- neudeutsch auch „Permanenzkultur"- das kann man oberhalb von Andernach sehen. Da gibt es ein abgeerntetes Gemüsefeld, auf dem- hinter einem sicheren Zaun- frei laufende Schweine leben. Die-

haben alles umgebuddelt, alles Ungeziefer rausgeholt und haben natürlich da rein gemacht. Dann wurden die Schweine auf das nächste große Feld gestellt und wir haben das erste Gemüse auf diese Fläche gestellt und jetzt wächst dieses Gemüse im Kreislauf gesehen ohne Ungeziefer ohne mineralischen Dünger- unglaublich! Das sind solche Salatköpfe  (lacht) da kann man ganze Familien von ernähren die machen einem schon Angst so groß sind die.

Und weil diese Megasalatköpfe auch noch sehr gesund sind, werden sie an arme Leute verteilt.

Das Gemüse kommt z.B. an die Tafel also dass Menschen, die nicht die Möglichkeit haben, richtig teures Biogemüse zu kaufen,  einmal am Tag richtig ordentliches Obst und Gemüse zu essen.

Und es gibt noch mehr. Neben dem Gemüse- und dem Schweinefeld gibt's noch ein Streifen mit Pflanzen, die nicht so viel Arbeit brauchen- z.B. Kartoffeln, dann Streifen mit Sträuchern und Wildbeeren, die in einer Streuobstwiese münden, unter der Schafe weiden. Schafe, welche die Bäume düngen und das Gras niedrig halten.

Und das ist die Perma-kulturanlage, die wir auch in Andernach gebaut haben und deren Philosophie in die Stadt gestrahlt hat.

Eine Stadt mit einer Philosophie. Toll. Und die Philosophie lautet: Wenn die Pflanzen aufblühen, dann blüht auch der Mensch auf. Wenn wir uns in den Kreislauf der Natur einfügen und von ihm lernen, dann werden wir von der Natur reich beschenkt. Dann wird die Natur ein Ort, an dem man Gott begegnen kann. Weil Gott überall dort ist, wo Menschen was geschenkt kriegen. Einfach so. Aus lauter Lust und Freude. Heike Boomgaarden ist übrigens schon mit einer neuen Idee beschenkt worden.

Mein nächstes großes Projekt, was ich machen möchte, sind Therapiegärten. Und zwar geht es da um Sinnesgärten. Therapeutische Gärten gegen Depressionen, gegen Verwirrung und ganz wichtiger Ansatz, therapeutische Gärten gegen das Vergessen, die heißen eigentlich Demenzgärten, find ich aber komisch, das sind Gärten gegen das Vergessen.

Und wie das funktioniert, das können Sie Heike Boomgarden selber fragen. Oder Sie kommen einfach am nächsten Mittwoch nach Andernach. Zum großen Tomatenfest. Dort wird sie zwischen den 101 Tomatensorten stehen und, wovon ich überzeugt bin, gute Predigten halten.

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