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Woche vom 27.06.2010 bis 03.07.2010




Dr. Gerhard Schick

Sonntag, 27. Juni 2010     [Druckversion]

Peter Annweiler trifft Dr. Gerhard Schick, finanzpolitischer Sprecher der Fraktion der Grünen im Bundestag

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Schuldenkrise und Eurokrise. Die dramatische Entwicklung in der Finanzpolitik bestimmt bei vielen Politikern die Tagesordnung. Auch bei Gerhard Schick. Er ist finanzpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag. Reine Tagespolitik und kurzfristige Renditeerwartungen sind ihm allerdings zuwenig. Dem Mannheimer Abgeordneten geht es um mehr:

Ein faires Finanzsystem, ein stabiles Handelssystem zu schaffen und auch die Frage der Geldanlage: Wir können einfach die Verantwortung für das, was mit unserem Geld geschieht nicht einfach am Bankschalter abgeben.

Teil 1: Den Blick auf die am Rand richten
Es wird schon dunkel, als wir uns treffen. Weil ein anderes Gespräch länger dauerte, muss unsere Verabredung ein wenig  nach hinten verschoben werden. Gerhard Schick hat viel zu tun in diesen schwierigen Zeiten.
Zum zweiten Mal ist der 38jährige letztes Jahr in den Bundestag gewählt worden. Das hat wohl auch mit seiner Art zu tun: Freundlich und konzentriert sitzt er mir auch jetzt gegenüber. Der Politiker wirkt, als ob ihn nichts aus der Ruhe bringen könnte. Panikmache ist  nicht seine Sache. Auch nicht das Ausholen mit der Moralkeule. Große Politik und persönliche Position gehören für ihn zusammen. Vor allem wenn es um Geld geht.

Geld ist zum Ziel von vielen Wünschen geworden. Ein christlicher Lebensentwurf sieht Geld immer nur als Mittel um etwas zu erreichen. Und da kann man eben viel Schaden anrichten, aber auch viel Gutes tun. Ich glaube, gerade als Christen sind wir aufgefordert, diesen Umgang mit Geld und unser Wirtschaftsleben positiv zu gestalten und dafür zu sorgen, dass eben nicht ... manche auf der Strecke bleiben. Und dass wir durch unfairen Handel die Lebensgrundlagen von vielen zerstören.

Überhaupt: Die Verbindung von Finanz- und Sozialpolitik ist ihm ein großes Anliegen. Nicht im Blick auf eine Ideologie, sondern im Blick auf Menschen ganz unten. Wenn es nämlich immer mehr Arme gibt, ist auch der soziale Frieden bedroht. In seinem Wahlkreis kennt er da keine Berührungsängste: Zum ersten Mal habe ich ihn bei der Mannheimer Vesperkirche getroffen. Im Winter können Bedürftige da eine warme Mahlzeit und Zuwendung bekommen. - Gerhard Schick hat dort eine Predigt gehalten hat. Da habe ich ihn auch als Mahner kennen gelernt, wenn die Armut in unserem Land  übersehen wird.

Ich wünsche mir, dass wir es schaffen, die Menschen, die am Rand unserer Gesellschaft stehen, wirklich wieder rein zu nehmen. Und gerade diejenigen etwas von der Botschaft von der Würde des Einzelnen wieder spüren zu lassen, die im Moment in dieser Gesellschaft das Gefühl haben, dass sie eigentlich völlig überflüssig sind.

Es beeindruckt mich, wenn sich Politiker an den Schwachen orientieren. Wenn sie nicht nur drauf achten, wiedergewählt zu werden, sondern eine Werthaltung haben, die davon unbeeinflusst ist.
Ohne Politik und Religion zu vermischen, entwickelt sich Gerhard Schicks Haltung aus einer christlichen Perspektive. Mit seiner Motivation möchte er sich aber nicht in den Vordergrund drängen oder gar als Glaubensheld stilisieren lassen. Und doch: Weil Christsein für ihn keine reine Privatsache ist, sondern die Welt gestaltet, kann er klipp und klar sagen:

Die christliche Botschaft hat eine politische Komponente. Die Würde des Einzelnen -weil Gott ihn ansieht und ihn gewollt hat - die kann man im politischen Raum ja nicht ignorieren. Das heißt: Dass wir nicht zuschauen dürfen, wenn viele Menschen das Gefühl haben, sie sind wertlos in dieser Gesellschaft.

Teil 2: Politische Verantwortung wahrnehmen
Egal, ob Sozial-, Finanz- oder Klimapolitik.  Nirgendwo kann es in diesen Tagen einfach heißen: „Weiter so!". Im Gegenteil: Die fetten Jahre sind vorbei. Sich aber nur mit Sparprogrammen zu beschäftigen - das ist zu wenig, gerade für die Kirchen: Statt Selbstbespiegelung sind Mut und Phantasie gefragt, etwa wenn es in der Klimapolitik ums Ganze geht.

Bei dieser Bedrohung der Schöpfung, bei so einer zentralen Frage des Umgangs mit Gottes Geschenk an uns würde ich mir eine stärkere Rolle der Kirchen wünschen, die unserer Verantwortung wirklich gerecht wird.

Schließlich ist es kein kleiner Anspruch, den Christen haben: Sich nicht nur für das eigene Wohlergehen zu sorgen,

sondern für einen Gegenentwurf zu einer kapitalistischen Gesellschaft, in der ökologische und soziale Fragen zu häufig untergehen zu sorgen, das ist etwas, was Christen tun können. Das Entscheidende ist nicht, immer mehr zu haben, sondern wie wir leben, und vor allem gemeinsam leben.

Dass all dies sich eher von unten als von oben entwickeln kann, ist für den Politiker keine Frage.

Ich glaube, dass das nicht aus den Amtsstuben von Bischofskonferenzen kommt, sondern aus der Kraft, das Evangelium zu leben in der Praxis, aus den Gemeinden, aus den Orten, wo Kirche lebendig wird, weil Menschen ihr Leben und ihren Glauben teilen und daraus etwas entsteht

Klar, wenn Menschen Leben und Glauben teilen, dann können solche Orte keine reine Versammlungen von Gleichaltrigen oder Gleichgesinnten sein. Sie  müssen offen sein, sie müssen etwas von dem Leben ausstrahlen, was die Theologen „versöhnte Verschiedenheit" nennen.

Eine Kirche, die jedem im Detail vorschreiben will, wie er zu leben hat -
da kann ich gerade als schwuler Mann keinen Raum finden. Und ich glaube, wir brauchen eine Kirche der Vielfalt.

Ganz beiläufig „outet" er sich und formuliert auch damit eine Aufforderung zur Veränderung in Richtung Kirchen - so etwas ist typisch für Gerhard Schick: Hohe Erwartungen sind für ihn keine „Sprechblasen" eines Distanzierten. Er hat Vielfalt, Toleranz und gesellschaftliches Engagement schon in seiner Familie in Hechingen kennen gelernt.  Er war Ministrant und Organist, hat Gottesdienste in katholischen und evangelischen Gemeinden gestaltet, hat sich im Eine-Welt-Laden engagiert und ist darüber in die Politik gekommen.

Und so habe ich eben auch viele überzeugende Christen erlebt, wo deutlich wurde: Dass ihr Glaube in ihrem Leben einen Unterschied macht und sie wirklich dazu beitragen, dass unsere Welt anders aussieht.

Daran festhalten, dass die Welt anders werden kann. Sich nicht den Sachzwängen und Notwendigkeiten unterwerfen, aber dennoch auf dem Boden bleiben -
das gefällt mir am Engagement  von Gerhard Schick.
Mit seinen Begabungen hätte er vielleicht auch Theologe werden können. Aber er ist Wirtschafts- und Finanzwissenschaftler geworden und in die Politik gegangen.
Ich finde es bereichernd, dass es ihn dort gibt: Einen Wirtschafts- und Finanzpolitiker, hinter dem auch ein Christenmensch durchschimmert. Und einen Christenmenschen, der seine Kompetenz als Wirtschafts- und  Finanzexperte in die Politik trägt - diese Kombination ist selten. Aber mit ihr ist Gerhard Schick in diesen Krisenzeiten im Bundestag genau richtig.

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