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Woche vom 28.03.2010 bis 03.04.2010




Bruno Sonnen trifft Michael Merten

Freitag, 02. April 2010     [Druckversion]

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Teil 1. Einmal Jesus sein 

Michael Merten hat in den letzten Wochen etwas ziemlich Ausgefallenes getan. Er war der Hauptdarsteller bei den Passionsspielen im Moselort Klüsserath. Passionsspiele sind Theaterstücke der ganz besonderen Art, wird doch das Leiden und Sterben Jesu auf die Bühne gebracht. Dabei ist Michael Merten eigentlich ein ganz normaler junger Mann. Er ist 26 Jahre alt, studiert Politik und Geschichte an der Uni Trier. Hobbys: Lesen, laufen, Freunde treffen. Weniger normal ist es, in einem Passionsspiel die Hauptrolle zu übernehmen. Deshalb will ich als erstes wissen, wie es dazu kam. 

Das ist für mich so ein bisschen eine Rückkehr ans Kreuz. Ich hab 2002 das erste Mal mitgemacht als Jugendlicher damals beim Passionsspiel. Das war damals die zweite Aufführung in Klüsserath und die Rolle des Schächers, also des guten Verbrechers, wurde damals vakant, und das hab ich dann übernommen. 2005 war ich dann Johannes, der Apostel, und im letzten Jahr im Frühsommer kamen dann die Verantwortlichen auf mich zu und haben gefragt, ob ich mir auch die Hauptrolle zutrauen würde.

 Er hat sie sich zugetraut, und das hieß seit September letzten Jahres zunächst einmal Text lernen, viel Text lernen, erinnert sich Merten. 

Ich kannte das noch als Johannes, das war schon Arbeit, das zu lernen, aber das war natürlich weniger umfangreich. Und jetzt Jesus. Der hat doch so viele Textpassagen, gerade beim Abendmahl, endlose Monologe, wo dann der Auszug aus Ägypten thematisiert wird und auf das Pessach-Fest Bezug genommen wird. Das war schon zunächst mal erschlagend, aber mit einem bisschen Fleiß kann man das dann sich aneignen.

 Das klingt fast, als sei da einer sehr professionelle und abgeklärt an die Sache herangegangen. Doch dem ist nur bedingt so.

 Es ist schon eine seltsame Sache zunächst einmal. Es ist halt so, wenn man schauspielert, ich selbst habe vorher in der Schule schon mal gespielt und war auch mal Statist beim Stadttheater und ähnliches, aber eine solche Rolle, es ist ja eigentlich keine Rolle, es ist mehr als ein Schauspiel, also man verkörpert die zentrale Figur des eigenen Glaubens und des Glaubens Tausender, die die Passionsspiele sehen. Es ist also schon eine besondere Verantwortung.

 Und wie ist es, am Kreuz zu hängen? Was ist das für ein Gefühl, will ich wissen, denn ich kann mir das nur schwer vorstellen.

 Unsere Aufführung, die wird sozusagen gekrönt durch die Kreuzigung am Berg. Das heißt, das Publikum steht unten im Tal und wir haben einen Hang Richtung Weinberge, wo dann das Kreuz sehr hoch steht, und man wird dann aufgerichtet und ist dann über dem Hang direkt. Man weiß, man kann sich festhalten und es kann eigentlich nichts passieren, aber das ist schon sehr mulmiges Gefühl. Man haucht dann letzten Endes seinen Atem aus, sackt ab. Und das geht schon doch sehr an die Substanz.

Teil 2. Wie sich spielend der Glaube verändert 

Michael Merten stammt aus Detzem, einem Nachbarort von Klüsserath. Hier war er 15 Jahre Messdiener und in der Jugendarbeit aktiv. Der 26 Jahre junge Mann ist zu Hause in seiner Kirche. Und so ist er auch bei den Passionsspielen dabei, die in Klüsserath erstmals 2000 aufgeführt wurden:

 

In Anlehnung an mittelalterliche Spiele, aber doch eben mit einer neuen Konzeption. Auch eine sehr interessante Konzeption, wie ich finde, weil wir das Passionsspiel nicht statisch auf einer Bühne konzentrieren, sondern durch den ganzen Ort quasi marschieren, den Kreuzweg mitgehen. Das ist eine Sache, die einfach faszinierend ist, auch vom Ansatz - das ist eine ganz besondere Sache. 

Sein persönlicher Blick auf Jesus hat sich durch die Spiel verändert, erzählt er mir. 

Man kommt schon sehr ins Nachdenken. Auch wenn man einfach auf der Straße liegt. Man ist gestürzt, das Volk geht an einem vorbei und man ist in dieser Perspektive desjenigen, der gekreuzigt werden soll, der von den Soldaten getreten und geschlagen wird. Es ist nur gespielt, aber man kann doch schon sich diesem Menschen annähern, definitiv. 

Dennoch: Ist es nicht doch eine Anmaßung, die zentrale Figur des christlichen Glaubens darstellen zu wollen?

 Ich selbst hab mir natürlich mehrfach auch die Frage gestellt: Kann man so was überhaupt? Man versucht natürlich auch möglichst nah ran zu kommen, auch dann bei der Kreuzigung, beim Kreuzweg, möglichst authentisch zu sein, wobei ja, Gott sei Dank, niemand weiß, wie hat Jesus ausgesehen, wie hat er gesprochen, und ähnliches. Obwohl jeder interessanterweise ein sehr genaues Bild hat davon, wie Jesus ausgesehen haben soll. Aber man selbst denkt halt schon, man muss einerseits das Ganze möglichst authentisch rüber bringen, aber der Gedanke ist definitiv immer mit dabei.

 Die Spiele haben auch den Glauben seiner Mitspieler verändert, ist er sich ganz sicher. 

Wir hatten relativ früh mit dem Pastor auch so eine theologische Einordnung, wo alle Rollen mal besprochen wurden. Und auch in den Proben selbst, das war sehr gut. Wir hatten eine sehr freundschaftliche Atmosphäre und jeder konnte immer wieder seine Gedanken einbringen und sagen, wie ist das jetzt hier mit der Judasrolle beispielsweise. Ist das ein Verbrecher oder ist das vielleicht eher ein Revolutionär, der sich jetzt da ne politische Handlung vorstellen kann? Und wie ist das mit den verschiedenen Rollen. Also das war definitiv sehr gut. Wir hatten sehr viele Gespräche auch geführt, das ist einfach so ein Prozess dann.

 Die Klüsserather Passionsspiele 2010 sind Geschichte, die letzte Aufführung war vergangenen Sonntag. Michael Merten würde auch bei den nächsten Spielen in fünf Jahren wieder die Rolle des Jesus übernehmen, wenn es sich ergibt, sagt er. 

Wobei ich jetzt auch wirklich froh bin, das dieses Thema erst mal abgehakt ist. Weil es ist eine sehr anstrengende Sache. Also jetzt ist man dann auch froh, sagen zu können, es ist vollbracht, und sich dann auch noch mal anderen Dingen zu widmen. 

 Infos zu den Klüsserather Passionsspielen finden sich im Internet unter

http://passionsspiel-kluesserath.de/

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Victorine Müller

Sonntag, 28. März 2010     [Druckversion]

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Pfarrer Peter Annweiler trifft Victorine Müller, Künstlerin aus der Schweiz

 

Faszinierend, was die Schweizer Künstlerin Victorine Müller in ihren Werken schafft: Aus durchsichtigem PVC gestaltet sie überlebensgroße luftgefüllte Skulpturen.

Ich nehme dann ganz simple Bauplastik und das starke Gafferband und klebe, schneide,  setze an, blase auf, gucke an - so ist ein ständiger Dialog von dem, was  entsteht beim Tun und vom Schauen. Und vom inneren Gefühl,

aus dem dann Dialog ganz bizarre Figuren entstehen: Fabelwesen,  Pflanzen oder riesige Körperteile. Manchmal stellt Victorine Müller sich  selbst in ihre Skulpturen hinein. Ganz intensiv, konzentriert und langsam ist sie dort gegenwärtig - wie eine Figur aus einer anderen Welt. Wie sich Viktorine Müller auch als spirituelle Frau erlebt und weshalb sie gerne in Kirchenräumen arbeitet - darum geht es in einer Viertelstunde hier in SWR 1 Sonntag morgen.

 Teil 1
Konzentriert  hält sie einen kleinen Pinsel in der Hand und bemalt eine Plexiglasplatte. Die Sakristei hat sie in ein Atelier verwandelt und bringt letzte Feinheiten für ihre Installation zu Ende. Ich traue mich kaum, Victorine Müller bei ihrem Schaffen  zu unterbrechen. Doch so wie sie  wach „bei der Sache" ist, ist sie dann auch  ganz bei mir.  Die große und schlanke Frau füllt mit ihrer Vitalität den ganzen Raum. Offen und freundlich erzählt sie mir von ihrer vitalsten Lebensspur: Ihrer schöpferischen Begabung. Die hat sie schon als Kind gespürt. Vor allem, als sie mal einen Farbkasten geschenkt bekommen hat.

Da hatte es auch die Gold- und Silberfarbe drin. Und das war für mich viel kostbarer als zum Beispiel eine Puppe, mit denen ich nicht gespielt habe, ich hab sie eher  hergestellt und meine Schwester hat damit gespielt.

Und doch liegt noch  ein weiter Weg zwischen dem verspielten Kind und der professionellen Künstlerin.

Ich hab dann als Erstausbildung Kindergärtnerin gelernt .Ich habe gedacht, das ist ja dann ein Beruf, wo man kreativ  sein kann - Basteln, Malen. Hab dann sehr schnell gemerkt, dass es um ganz anderer Themen geht: Pädagogik, Didaktik, Psychologie.

Erst nach einer Reisephase im Ausland entscheidet sie sich, die Züricher Kunsthochschule zu besuchen. Heute gehört sie - auch außerhalb der Schweiz - zu den begehrtesten Performancekünstlerinnen. Seit mehr als 15 Jahren ist sie mit ihren überlebensgroßen Fabelwesen aus Fauna und Flora, mit ihren  Menschensilhouetten unterwegs. Dreizehn Meter hoch ist die Skulptur für die Mannheimer Konkordienkirche geworden.  Aus durchsichtiger Baufolie ist ein riesiger, mit Luft gefüllter Baum, entstanden. Und mit diesem „Kunst-Stoff"  im wahrsten Sinn des Wortes gestaltet Viktorine Müller  immer neue Kunst- und Fabelwesen.

Ich kann s ja nicht  wie mit dem Ton rausmodellieren, aufbauend, oder substrahierend wie mit dem Stein, sondern ich arbeite an einem Prototyp, meistens 1:1, wo ich dann von einer Form ausgehe,  die ich aufblase. Dann guck ich es an, es gibt so einen Dialog: Ich guck es an, ich schneide ab, ich setze an, ich blase auf -und so entsteht  in diesem Prozess, in diesem Schauen, Gucken, Tun  diese Luftskulptur.

Es beeindruckt mich, wie konzentriert Victorine Müller bei der Sache ist. Da hat eine ihre Begabung und ihre Ausdrucksform gefunden. Und mit der schenkt sie uns -wie viele Künstler- einen ganz neuen und eigenen Blick auf das Leben. Dieser neue, andere Blick aufs Leben verbindet auch die Kunst mit der Religion: den Alltag mal anders sehen, sich provozieren lassen und damit die üblichen Erfahrungen übersteigen.
Schön, dass es Menschen  wie Victorine Müller gibt, die andere auf  neue Spuren setzen, wenn sie ihre ganz eigene schöpferische Begabung entfalten. 

Das tönt ja dann so altromantisch - aber es ist wirklich ein „innerer Drang", so zu arbeiten und mich so auszudrücken.

Teil 2
Vor ein paar Tagen habe ich es gesehen: Wie Victorine Müller eine ihrer überlebensgroßen Plastikfiguren betritt. Da steht sie nachts auf der Wiese vor der Kirche. Nur in blaues Licht und durchsichtiges PVC  gehüllt. Mich regt das an, wie sie dabei Gegensätze zusammen bringt: Ganz exponiert und doch völlig isoliert ist sie,  ganz allein und doch mitten drin. Scheinbar für ewig und doch nur für eine knappe Stunde.
Ich ertappe mich bei der Frage, ob ich das auch könnte.

Irgendwie kann man das schon lernen oder trainieren. Es hat sehr viel mit Aufmerksamkeit zu tun , mit Konzentration, vielleicht mit einer Art von Gelassenheit, wobei: Die hab ich nicht umsonst. (lacht) Da bemüh ich mich drum.

Und doch bin ich mir sicher: so gelassen zu sein und so präsent - das kann ich nicht einfach nachmachen. Eine Künstlerin hat nun mal eine besondere Begabung. und darin muss sie sich entwickeln. Ohne Übung keine Meister.  Und doch: da gibt es was, was man nicht machen kann. Das spürt Victorine Müller immer wieder:

Ich erlebe das dann so, dass ich wie eine Art Kanal bin. Dass von irgendwo diese Energie kommt und ich das dann wie verströme. Und ich glaube das Verströmen  ist das, worum ich mich bemühe - und wo ich dann denke, dass es auch zu einer Art stummen Dialog mit den Zuschauenden kommt. 

Hier ist er wieder, dieser Gegensatz: ein stummer Dialog. Miteinander reden ohne Worte. Oder auch: Eine Leistung geschenkt bekommen. Oder: eine materielle Geistigkeit. Ja, vor allem das ist es, was mich an Victorine Müllers  Werk fasziniert: Diese Verbindung von Luft, von Geistigem und Materiellem.  Plastikfolie und Luft. Die Schwerkraft scheint außer Kraft gesetzt und ein geistiger Raum präsentiert sich. Da hat die Kunst von Victorine Müller für mich etwas tief Religiöses. 

Es ist vor allem auch eine Sache von Licht - und ich sehe diese transparenten Hüllen auch als Membranen, wo sich das Licht dran bricht und nicht in dem Sinn als Materie. Es hat ja auch dann so was Immaterielles in der Erscheinung.

Kein Wunder, dass die Künstlerin gerne in einem Kirchenraum arbeitet. Feinfühlig und achtsam hat sie ihre Skulptur speziell für die Mannheimer CityKirche Konkordien entworfen, bis unter die hohe Decke hat sich ihre Arbeit „aufgebäumt".

Der Kirchenraum ist rein architektonisch schon interessant. Er hat auch eine Dimension, die wenige Kunsträume haben.  Und er hat ja auch eine eigene Atmosphäre. Es ist ja auch erwiesen, dass Räume wo  zum Beispiel Menschen  beten,  die haben eine ganz andere Energie.

Unsere Räume  haben eine starke Kraft- manchmal muss da eine Künstlerin von außen kommen um uns so etwas bewusst zu machen.  Und wenn dann noch so ein Kunstwerk wie das von Victorine Müller hinzukommt, darf man gespannt sein, was so alles entsteht. Und welche neuen Kräfte da wachsen.

 

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