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Woche vom 14.03.2010 bis 20.03.2010




Pfarrerin Annette Bassler trifft Katharina Saalfrank, Diplom-Pädagogin, „Supernanny“

Sonntag, 14. März 2010     [Druckversion]

Katharina SaalfrankJedes zehnte Kind in Deutschland lebt unter der Armutsgrenze. Wie es diesen Kindern geht, zeigt die Sendung „Supernanny“ Dort arbeitet die Diplompädagogin Katia Saalfrank mit solchen Familien. Warum, frage ich sie, zeigt sie das in aller Öffentlichkeit im Privatfernsehen?

Worum es ja geht, ist eigentlich die Schwächsten in dieser Gesellschaft, denen ein Forum zu geben um die Träume, die Ängste, die Sorgen, die Wünsche, die sie haben und eben auch diese extremen Umstände, in denen Kinder groß werden, auch zu zeigen. Und der Gesellschaft mal bewusst zu machen: Wir schimpfen über Kinder, dass sie sich nicht mehr benehmen können. Und es wird immer davon gesprochen, wie können wir das Verhalten wegdrücken. Die Frage ist doch aber: Wo kommts denn her? Und das ist mein Anliegen, alle Bereiche der Gesellschaft anzusprechen: nehmt doch mal eure Verantwortung wahr.

Teil 1
Sie wirkt noch schlanker und zierlicher als im Fernsehen. Kaum zu glauben, dass sie Mutter von 4 Kindern zwischen 10 und 16 Jahren ist. Und dann noch mit so schwierigen Familien arbeitet. „Ich hab das kaum mit ansehen können, erzähle ich ihr, diese armen Kinder in ihren Sendungen. Immer werden sie angeschrieen von ihren Eltern. Wie halten Sie das nur aus?

Ich denke immer, ich muss das 10 Tage aushalten, oder die Tage, die ich da bin aushalten, die Kinder müssen das ihr ganzes Leben aushalten und der Zuschauer kann es nicht mal ein paar Minuten aushalten.

Das ist wohl wahr. Ich frage mich aber doch: müssen wir uns das ansehen, was alles Schlimmes in Deutschlands Familien passiert? Und werden diese Familien nicht im Fernsehen irgendwie vorgeführt?

Wenn es darum geht, Tabuthemen zwischen Eltern und Kindern in der Gesellschaft, Alkohol, Gewalt, Missbrauch ein Stück weit zu zeigen, aufzudecken und zu verändern. Nennen Sie mir doch mal ne Alternative!
Meine persönliche Einstellung ist dazu, nicht überall wo ne Kamera ist, wird vorgeführt, sondern es geht schon darum, wie stellt man Bilder zusammen, wie stellt man Zusammenhänge her und wie kommentiert man etwas.


Zusammenhänge herstellen, erklären, woher das kommt, was so schrecklich ist. Das will sie mit ihrer Sendung. Und das passiert auch im Team. Hinter der Kamera gibt es nämlich noch drei Psychologen, mit denen sie alles bespricht. Und diese Psychologen begleiten die Familien auch ein halbes Jahr nach der Sendung weiter, vermitteln sie an Einrichtungen vor Ort. Warum melden sich Eltern, um mit ihren Problemen ins Fernsehen zu kommen? Eine Frau fällt Katia Saalfrank ein, deren Sohn hatte eine Drogenkarriere hinter sich. Sie selber hat sich von ihrem Mann 20 Jahre verprügeln lassen.

Sie hat sich Hilfe geholt, hat es geschafft, vom Alkohol loszukommen, sie hat es geschafft, ihren Mann zu verlassen mit viel Kraft. Natürlich steht sie trotzdem vor einem Scherbenhaufen, das sagt sie auch. Aber sie sagt, es ist auch ein neuer Anfang und sie möchte in die Öffentlichkeit gehen, um anderen Leuten Mut zu machen, mit diesem Tabuthema umzugehen.

Faul, arbeitsscheu und verantwortungslos, so gelten in der Öffentlichkeit viele in so genannten prekären Lebensverhältnissen. Und auf den ersten Blick erscheinen die Eltern auch so, mit denen Katia Saalfrank als „Supernanny“ arbeitet. Aber im Lauf der Sendung verändert sich das. Man sieht auch, was in diesen Eltern auch an Gutem drinsteckt. Und das hat was mit Katia Saalfrank zu tun.

Ich mag diese Menschen sehr und irgendwie rührt mich das, die ganzen Geschichten die dahinter stehen. Auf einmal fällt dann was von den Menschen ab, wo man vorher gesehen hat, der ist korpulent oder hat fettige Haare. Das ist dann nicht mehr relevant. Man sieht nur dieses Menschenkind und man sieht nur, dass dieser Mensch keine Chance hatte in seinem Leben. Und dann finde ich wunderbar in Beziehung treten zu können und zu sehen, dass da von Tag zu Tag etwas wächst, was sofort weitergegeben werden kann an die Kinder.

Teil 2
Über Glauben zu reden ist etwas sehr Persönliches, ist wie wenn man über einen Schatz redet.

Katia Saalfrank ist die Älteste von fünf Kindern. Ihr Vater war Pfarrer und eine ihrer Schwestern ist heute auch Pfarrerin in Rheinhessen.

Ich hab sehr viel mitgenommen aus meiner Kindheit in diesem Pfarrhaushalt. Ich hab große Sicherheit mitgenommen für mein Leben.

Und von dieser Sicherheit zehrt sie bis heute. Obwohl es mit den Eltern auch viele Diskussionen gegeben hat. Weil sie schon als Kind immer alles hinterfragt hat und wissen wollte, warum sie dies oder jenes tun oder glauben soll.
Bis heute hat sie sich ein feines Gespür für Ungerechtigkeit bewahrt. So ärgert es sie, wenn nach dem Selbstmord des Torwarts Robert Enke zum Beispiel die ganze Nation über Depression redet. Depression als Volkskrankheit. Und zugleich dieselben Symptome von Depression als „spätrömische Dekadenz“ bezeichnet wird, als ein Sich- Gehenlassen:

Wie viele Harz 4 Empfänger, wie viele Eltern, die am Existenzminimum leben, wie viele haben da Depressionen, wie viele sind erschöpft, wie viele haben keine Perspektive, wie viele leben in dem Rädchen drin in dieser Abhängigkeit.
Wenn man in so einer Situation ist, dann hat man ganz wenig Kraft für Beziehungen.


Und das ist es, was ihr in den Familien, in die sie gerufen wird, immer wieder begegnet. Diese mangelnde Kraft der Eltern, mit ihren Kindern in Beziehung zu treten, sich für sie zu interessieren. Weil sie dieses Interesse als Kind auch nicht erlebt haben. Weil sie überhaupt wenig Erfahrung haben mit stabilen Beziehungen. Und das versucht sie, mit den betroffenen Eltern sichtbar zu machen.

Ich weise darauf hin, dass Menschen sich über Beziehungen entwickeln, und oft ist es auch so, dass Menschen wenig Bindung und Beziehungserfahrung haben. Die Frage ist, wie können wir Menschen nachnähren.

Nachnähren- ein schönes Wort, finde ich. Eltern nähren ihre Kinder durch ihre leuchtenden Augen, mit denen sie sie liebevoll anschauen, liebhaben und wertschätzen. Und Erwachsene, die das in der Kindheit zu wenig erfahren haben, müssen „nachgenährt“ werden. Das tut Katia Saalfrank, indem sie wertschätzt, was ihnen trotz allem gelungen ist. Dass sie das kann, hat etwas mit der inneren Sicherheit zu tun, mit ihrem Glauben. Und weil sie selber immer wieder erlebt hat, dass ihr geholfen wurde.

Natürlich gab es Momente in meinem Leben, wo ich gedacht habe: das kann doch nicht wahr sein! Also vier Kinder, wenig Geld, wenig Wohnraum, viel Abhängigkeit und wenig Kraft, und trotzdem einen tollen Mann. Und trotz Tränen und Trauer die Gewissheit zu haben, es geht irgendwie weiter. Margot Käßmann hat das gesagt, man kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand, das kann ich sehr gut nachvollziehen.

www.katiasaalfrank.de
nächste Staffel der Sendung „Supernanny“ auf RTL am 14. April 2010

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