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Woche vom 23.08.2009 bis 29.08.2009




Pfarrer Wolf-Dieter Steinmann trifft Birgit Fischer, stellvertretende Leiterin der Bahnhofsmission in Mannheim.

Sonntag, 23. August 2009     [Druckversion]

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Hilfe für jeden

Bahnhof, ein Fernzug fährt ein, Hektik. Und mitten drin:
Blaue Jacke, violettes Kreuz auf gelbem Grund. Die Helfer der Bahnhofsmission. Was tun die eigentlich genau? Genau hat Birgit Fischer
es auch nicht gewusst, als sie sich damals ihrem späteren Chef vorgestellt hat.

Ich mach alles, aber ich koch keine Erbsensuppe. Der Herr Knüppel hat schallend gelacht und hat gesagt, also wir haben hier keine Essensausgabe mehr.

Heute, 6 ½ Jahre später, ist sie stellvertretende Leiterin der Mannheimer Bahnhofsmission. Und glücklich damit.

Wer kommt, kriegt Hilfe, egal wer. Ich liebe meine Arbeit.

„Hauptbahnhof, Bahnsteig 1.“ Die Adresse der Mannheimer Bahnhofsmission. In einem Nebengebäude des neuen chicen Hauptbahnhofs ist sie zu finden. Ich muss klingeln. „Ich habe Sie schon gesehen“, sagt Birgit Fischer als ich drin bin, „da auf dem Überwachungsmonitor. Den brauchen wir. Manchmal weiß man halt nicht, was einen draußen
erwartet.“ Obwohl, ich glaube, so schnell kann Birgit Fischer nichts erschrecken. Selbstbewusst, zupackend, bestimmt, wirkt sie. Vor allem
aber hat sie ein großes Herz.

Da hatten wir mal so eine ganz goldige ältere Dame, die kam hier an und der Zug nach Berlin war natürlich weg. Wir haben die Frau hier in die Bahnhofsmission gebracht, haben sie beruhigt. Wir dachten schon wir müssten den Notarzt holen, weil sie sich so aufgeregt hat. Dann haben wir die Tochter angerufen, haben der Mutter einen neuen Zug rausgesucht. Man hat dann gemerkt wie die Frau ruhiger wird und irgendwann – mit Tränen in den Augen – gesagt hat, ‚ach ihr seid alle so lieb.’

Koffer tragen, trösten, da sein, menschlich und praktisch, auch wenn ein Problem klein aussehen mag für jemand, der nicht betroffen ist. Das gibt ihr was. Aber genauso: Nachhaltige Hilfe vermitteln für viele, die große Probleme haben, und die sich am Bahnhof sammeln: Obdachlose, Abhängige oder auch so genannte Drücker, junge Leute, die als Zeitungs-aboverkäufer angeworben wurden und da wieder raus wollen.

Drückeraussteiger haben wir hier sehr viele, wir sind hier in Mannheim auch so ein zentraler Punkt, das ist bundesweit bekannt. Wir bekommen die Drückeraussteiger auch zu uns geschickt hier aus dem Umkreis, dass wir ihnen einfach helfen, einfach wieder nach Hause zu kommen.

Die Bahnhofsmission hat sich zur ersten Anlaufstelle im sozialen Netzwerk entwickelt: Sie fängt Menschen in Krisen auf und weist ihnen den Weg in andere Einrichtungen der Kirche oder auch der Stadt. Birgit Fischers eigentliches Reich ist ihr Schreibtisch mit 3 Telefonen plus Handy. Aber, nur Hilfe verwalten reicht der früheren Verwaltungsangestellten nicht.

Aber wenn mir das alles zu viel wird, schnapp ich meine Jacke und geh raus auf den Bahnsteig. Und dann kommt der große Ruf „Frau Bahnhofsmission, Frau Bahnhofsmission“. Also Hilfe wird draußen immer gebraucht. Und, ja es tut einfach gut, gibt wieder ein Stück Kraft.

Andern helfen zu können gibt Kraft. Darum hat sie auch noch nie keine Lust gehabt, zur Arbeit zu gehen. Und Selbstsicherheit hat sie dazu gewonnen. Birgit Fischer hat es nicht bereut, dass sie zuerst ehrenamtlich reingeschnuppert hat und dann fest.

Mein Pfarrer hat immer schon gesagt, ich habe den katholischen Sprachfehler ich sag immer zu allem ja. Ich glaube, macht aber auch selbstsicher, weil man einfach weiß, es gibt eigentlich für alles eine Lösung, ja. Dass man einfach, wenn man jetzt irgendwo anruft und kriegt gesagt, ja wir können nicht helfen, ja dann rufen wir halt den nächsten an. Wir rufen so lange an, bis wir jemand haben, der hilft.
Anscheinend kriegt sie das ins Gleichgewicht: Selbstvertrauen und Gottvertrauen. Bewundernswert. Sie setzt sich ein für die Menschen, aber ob mit Erfolg?

Du erfährst nicht, was passiert. Ganz ganz selten, dass wir noch mal einen Rückmeldung bekommen. Wir müssen uns einfach sagen, es geht gut, sonst würde man ja verzweifeln. Aber ich denke, wir haben hier eine positive Einstellung dazu und wir sagen uns einfach. ‚wir versuchen den Weg und das klappt.’


Seismograph gesellschaftlicher Veränderungen

Bahnhöfe sind besondere Orte. Zeichen einer freien und mobilen Gesellschaft. Aber Freiheit und Mobilität haben auch ihre Schattenseiten. Die muss man als Bahnhofsmission sehen und was tun,
findet Birgit Fischer.

Wir sind Seismograph für Änderungen in der Gesellschaft. Was wir so in den letzten Jahren verändern ist einfach so die mobile Bahnhofsmission, sprich wir begleiten gerade auch Ältere, die einfach unsicher sind, wenn sie unterwegs sein wollen oder müssen. Oder natürlich auch „kids on tour“:
Ein Elternteil wohnt in Stuttgart, eins wohnt in Hamburg. Es ist heute nicht mehr so, dass sich Eltern trennen und an einem Ort bleiben. Aber die Kinder möchten weiterhin beide Elternteile sehen.


„Kids on Tour“ heißt: Man kann sein Kind ab 6 Jahren am Startbahnhof abgeben, Betreuer begleiten es im Zug, spielen mit ihm, bei Aufenthalten wird es in der Mission betreut und am Zielbahnhof der Bestimmungsperson übergeben. --
Bahnhofsmission ein Seismograph für Veränderungen. So war es auch schon vor 100 Jahren, als die ersten Bahnhofsmissionen gegründet wurden: Damals kamen viele junge Mädchen vom Land in die Stadt. Oft gefährdet, skrupellosen Arbeitsvermittlern oder Bordellbesitzern in die Hände zu fallen. Christliche Frauenverbände haben sich engagiert, um das zu verhindern.
Bis heute bestimmt christlicher Geist die Arbeit. Diakonie und Caritas
tragen sie, gut ökumenisch. Jeder Teil des Wortes „Bahnhofsmission“ hat darum für Birgit Fischer seinen Sinn.

„Bahn“ - für einfach die Reisehilfen, die wir leisten.
Der „Hof“ - ist ein Ort der Begegnung: Wir haben den Raum der Stille, da kann man sich begegnen im Gespräch. Wir sind auch offen für andere Religionen. Wenn der Moslem kommt, der einfach beten will, darf der auch in unseren Raum der Stille.
Ja und die „Mission“ ist die Nächstenhilfe, ist einfach die Kirche am Bahnhof. Wir missionieren nicht, aber wir leben die Kirche am Bahnhof.


„Wir“ sagt sie und meint das auch. Über 40 Menschen gehören zum Team, alle ehrenamtlich, dazu noch 5 Zivis. Sie selbst und der Leiter, sind die einzigen Hauptamtlichen. Das Team gibt Rückhalt und neue Kraft.--
So schafft es Birgit Fischer immer wieder für Menschen unterwegs ein Halte-Punkt zu sein. Ein Lebensinhalt sind sie für sie, von jung bis alt.

Ich hatte so eine – ich glaube 98 war die Frau damals. Und die fuhr immer in eine Kur über Weihnachten. Und die hat jetzt auch über Jahre mich verlangt. Sie hat mir dann immer erzählt, was das ganze Jahr über passiert ist. Ich habe mich immer gefreut, wenn diese Frau kam. Jetzt kam sie letzte Weihnachten nicht. Ich weiß nicht, also ich denke, ich hab sie vermisst.

„Unterwegs sein wollen, unterwegs sein müssen.“ Fast kommt es mir vor wie ein Bild fürs Leben als ganzes. Und das Ziel? -- Was Birgit Fischer bei ihrer Arbeit Mut gibt, ich glaube, das kann auch fürs Leben insgesamt helfen.

Ich denke, es gibt uns ein Stück weit Kraft, gerade weil man nicht weiß, wie viele Dinge weitergehen. Dass man einfach das Gottvertrauen hat, zu sagen: ‚Das geht gut aus.’ Per E-Mail empfehlen