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Woche vom 08.02.2009 bis 14.02.2009




Dr. Thomas Weißer trifft Michael Baunacke

Sonntag, 08. Februar 2009     [Druckversion]




Teil 1 Malen und Spiritualität

Michael Baunacke malt Ölbilder. Wie viele andere auch. Ungewöhnlich allerdings: Michael Baunacke, dessen Bilder zurzeit in Guntersblum bei Oppenheim am Rhein im Rathaus ausgestellt werden, ist katholischer Priester im Bistum Mainz. Maler und Priester: Eine wirklich ungewöhnliche Kombination. Als ich Baunacke treffe, seine Bilder ansehe, da liegt mir diese Frage als erstes auf der Zunge: Ist er Maler oder Priester?

Das „oder“ würde ich streichen. Mensch als allererstes. Ich bin Christ. Und ich bin Maler und ich bin Priester. So in der Kombination. Und das ist vielleicht auch das Spannende.

Es hat berühmte Kollegen: Sieger Köder oder Herbert Falken. Priester, die malen, malende Priester. Auch Michael Baunacke ist so einer. Eigentlich dürfte das nichts Ungewöhnliches sein. Warum sollten nicht auch Priester malen?
Wir treffen uns in Michael Baunackes Atelier. Wobei: Atelier ist übertrieben. Ein kleines Zimmer in einer Stadtwohnung. Die Staffelei steht am Fenster. Darauf eine leere Leinwand. Nur Umrisse sind skizziert. Drumherum stehen Bilder, hängen an der Wand. Michael Baunacke zeigt auf eins. Es ist von seinem Vater. Von ihm hat er die Liebe zur Malerei, sagt er:

Es war selbstverständlich, dass wir sonntags morgens mit meiner Mutter und auch mit meiner Großmutter in den Gottesdienst gegangen sind, als Kinder. Und mein Vater, der ist evangelischer Christ, der hat an vielen Sonntagen dann in seinem Arbeitszimmer gesessen und gemalt. Und wir kommen dann aus der Kirche zurück, die Mutter marschiert in die Küche, und die Kinder gucken, was der Papa gemalt hat.

Der Vater malt, während die Familie in den Gottesdienst geht, eine ungewöhnliche Konstellation. Doch Baunacke verbindet beides. Er ist schließlich Priester und Maler. Ich frage ihn, wann jemand sagen kann: Ich bin Maler!

Ich würde sagen, da wo das zu einem Ausdruck wird, einer Ausdruckform, die ganz wichtig ist für das eigene Leben. Und das ist für mich zu einer der wesentlichen Meditationsmethoden geworden, eine Ausdrucksform für das, was sich in mir abspielt, was mich ausmacht, was mein Denken, Fühlen ausmacht.

Draußen, zwei Stockwerke tiefer, tobt der Verkehr vorbei. Baunacke wohnt im Mainzer Zentrum. Mit einem Blick auf die belebten Straßen kann ich gut nachvollziehen, was er meint, wenn er Kunst und Meditation zusammenbringt.

Der meditative oder der kontemplative Aspekt ist für mich, dass ich die Welt vergesse, wenn ich an der Staffelei stehe. In dem Augenblick ist also was gestern war nicht mehr relevant und was morgen sein wird auch noch nicht relevant – sondern nur die Leinwand zählt und ich und die Farbe. Und das ist für mich ein Wesensmerkmal von Kontemplation. Im Jetzt, im Hier und Jetzt zu sein und nur den Moment wirken zu lassen.

Baunacke malt Ölbilder. Formen, Körper sind meist nur angedeutet, schemenhaft zu sehen. Farben beherrschen vor allem das Bild. Ich habe das Gefühl, ich selbst komme ins Meditieren, wenn ich diese Bilder sehe. Für Baunacke ist das auch wichtig.

Der Betrachter tritt auch noch mal in eine Meditation ein, wenn er sich drauf einlässt, sich auf ein Bild so einlässt, dass es zur Schau wird. Das heißt aber auch, sich wirklich Zeit nehmen und verweilen. Das fällt uns ja als Zeitgenossen heute ziemlich schwer.

Sich Zeit lassen, meditieren, sich versenken. Für Baunacke ist das auch für seine Spiritualität wichtig. Nicht umsonst, sagt er, hängen in Kirchen Bilder, gibt es Glasfenster, Wandteppiche, die alle etwas vom Glauben erzählen.

Ich glaube, dass alles was wir über mehrere Sinne wahrnehmen viel tiefer geht, als was wir nur über einen Sinn wahrnehmen. Wenn sie verkündigen und haben zusätzlich ein Bild oder eine Musik oder beides, dann gibt es ein Gesamterleben, was uns Menschen viel tiefer berührt – und alles was uns berührt wird zu einer bleibenden Erfahrung und zu einer bleibenden Information auch.


Teil 2 Kunst und Religion im Gespräch

Ein befreundeter Priester von mir hat einmal gesagt: Wer Priester ist, der wird nie einfach nur als ganz normaler Mensch gesehen. Immer spielt dieses Priester-Sein eine wichtige Rolle. Der Maler und Priester Michael Baunacke hat ganz ähnliche Erfahrungen gemacht.

Das ist ganz eigenartig. Also man wird nicht als Michael Baunacke aus Mainz, als Künstler vorgestellt. Natürlich ist es immer der Pfarrer, der Priester. Weil das offensichtlich auch was Exotisches hat. Also das ist der Kitzel, den auch die Aussteller damit verbinden. Und gleichzeitig ist es eigentlich auch schade. Weil es noch mal spannend wäre: Was passierte wenn Menschen die Bilder einfach betrachten würden, kämen Sie überhaupt auf die Idee, dass das ein Priester gemalt hat?

Michael Baunacke ist City-Seelsorger in Mainz. Kein Pfarrer für eine feste Gemeinde, sondern Anlaufstelle für Menschen, die in der Innenstadt einkaufen, arbeiten, als Tourist unterwegs sind oder in der Nähe wohnen. Zu Baunacke kann jeder kommen. Und der Seelsorger kriegt hier vor allem Schattenseiten der Gesellschaft zu Gesicht. Spricht mit Menschen in der Krise, hört Geschichten von Scheitern, Leid und Trauer. Hier kommt für den Maler und Priester auch die Kunst ins Spiel.

Wenn Religion Hoffnung machen will und wenn sie helfen will, Leid zu verarbeiten, den Umgang mit Schmerz im Grunde genommen wirklich transzendieren zu können, durch die Dinge hindurch zu kommen zu einem wesentlichen Punkt, dann ist das für mich auch ein Hilfsmittel, die Kunst, um das noch mal mit zu transportieren.

Ich bin skeptisch. Die Kunst ist nicht die Dienerin der Religion. Sonst würde sie ja nur den Glauben mit ihren Bildern illustrieren? Aber Kunst will doch mehr. Sie will nicht nur benutzt werden. Baunacke kennt das Problem:

Als Religionslehrer habe ich mich köstlich amüsiert über bestimmte Bilder. Also die Himmelfahrt mit zwei Füßen am oberen Bildrand. Da ist dann auch die Grenze erreicht, dessen, was Bilder und Inhalte betrifft. Also es ist auch wichtig bestimmte Bilder zu lassen.

Trotzdem malt Baunacke. Und wenn er erzählt, über Künstler, Maltechniken, Bilder und Ausstellungen, dann spüre, wie wichtig dem Priester die Kunst ist. Wo kommen für Baunacke Kunst und Glaube zusammen? Haben nicht beide ein eigenes Recht? Michael Baunacke stimmt dem zu, was ich ungewöhnlich finde. Denn er bringt ja gerade als Priester und Maler diese beiden Themen zusammen. Ja, sagt Baunacke, und erklärt mir:

Also ich glaube, dass Kunst, Musik, Literatur transzendente Wege sind. Also: Religion hat keinen Alleinspruch auf das Thema hinter die Dinge zu schauen oder tiefer zu schauen. Wie das Wort schauen schon deutlich macht, steckt für mich in jeder wirklichen Kunst, in jedem künstlerischen Tun auch eine Grenzüberschreitung.

Grenzüberschreitung. Die wagt Baunacke selbst. Etwa wenn er im Landesmuseum gemeinsam mit Kunstwissenschaftlern Bilder erläutert. Baunacke liegt der Dialog zwischen Religion und Kunst am Herzen, weil beide nicht nur Grenzen überschreiten, eine neue Sicht der Welt nahe legen, sondern auch,

weil beide, Religion und Kunst, uns aus dieser alltäglichen Oberflächlichkeit und dem reinen Materialismus wegführen. Von daher, finde ich, sind wir Verbündete. Per E-Mail empfehlen