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Woche vom 25.05.2008 bis 31.05.2008




Dr. Thomas Weißer trifft Prof. Matthias Kreuels

Sonntag, 25. Mai 2008     [Druckversion]



Matthias Kreuels kriegt heute sicher das Gotthilf-Fischer-Gefühl. Denn Kreuels dirigiert heute einige hundert Sängerinnen und Sänger. Und gut dreißigtausend Gottesdienstteilnehmer richten sich nach seinem Einsatz. Matthias Kreuels, Kirchenmusikdirektor, Grenzgänger zwischen musikalischen Welten, zwischen Choral, Klassik und Pop, verantwortet die Musik heute beim Abschlussgottesdienst des Katholikentages in Osnabrück. Wen wundert’s? Musik und Glaube gehören für Kreuels zusammen.

Also ich kann nicht Musik machen, ohne dass ich da letztlich sehr dankbar dafür bin und dankbar kann ich nicht mir sein, sondern letztlich dem, auf den sich jeder Mensch, der gläubig ist, zurückführt, nämlich auf Gott.

Matthias Kreuels ist Professor und Kirchenmusikdirektor. Das klingt nach feierlichem Choral und Orgel. Doch Matthias Kreuels dirigiert heute beim Abschlussgottesdienst des Osnabrücker Katholikentags mehrere hundert Sängerinnen und Sänger. Und Choral gibt’s nicht zu hören. Stattdessen ein bunter Mix aus klassischen Kirchenliedern und moderner Popmusik für eine lebendige Kirche.
Matthias Kreuels sitzt ganz entspannt auf einem Stuhl vor einer Kölner Kirche. Hier probt er mit der Band Ruhama und einem Bläserquintett für den Abschlussgottesdienst beim Katholikentag in Osnabrück. Noch wird in der Kirche geprobt, in Osnabrück aber gibt’s die Musik open air. Eine besondere Herausforderung für Kreuels:

Das Reizvolle ist daran natürlich, dass man nicht in einem besonderen Raum ist, sondern im Raum der Welt.

Glaube, sagt Kreuels, ist kein Privatsache. So wie Musik auch öffentlich ist. Und Glaube hat sich mit der Welt auseinanderzusetzen. So wie Musik den Klang der Welt abbildet, benutzt, mit ihm spielt. Glaubensmusik unter freiem Himmel, das passt dem Kirchenmusiker – und erinnert ihn an seine eigene Geschichte.

Da verbinde ich eigentlich die Natur auf der einen Seite mit den Tönen, die mir spontan kommen auf der anderen Seite. Also in früheren Kindheit, dass wir gewandert sind mit den Eltern und dann irgendwie gesungen habe. Die Natur hatte Geräusche in sich, von den Vögeln angefangen bis zum Wasserplätschern und dann unsere menschlichen Töne dazu.
Doch wer in der Welt, ohne Dach und doppelten Boden, in einem Gottesdienst Musik macht, will mehr, als nur Klänge hören.
Die Intention ist im Grunde genommen: alle die da kommen mit der Musik nicht zu erreichen, sondern mit der Musik zu einem gemeinsamen gottesdienstlichen Tun führen zu können.


Musik im Gottesdienst soll zusammenführen, Begegnung schaffen. Das ist für Matthias Kreuels unabdingbar. Aber Musik dient nicht nur Zwecken. Musik ist mehr; ist letztlich für den Kirchenmusiker Glaubensmusik:

Also ich kann nicht Musik machen, ohne dass ich da letztlich sehr dankbar dafür bin und dankbar kann ich nicht mir sein, sondern letztlich dem, auf den sich jeder Mensch, der gläubig ist, zurückführt, nämlich Gott. Und für mich ist Musik ein ganz klarer Hinweis darauf, von woher wir stammen und wohin wir auch gehen.

Aber noch mal zu dem Gottesdienst heute morgen in Osnabrück zurück. Matthias Kreuels coacht die Chöre, gibt Einsätze, bringt das Ganze mit ein paar hundert Bläsern und der Popband Ruhama zusammen. Schließlich soll er auch noch die Gemeinde zum Singen bringen. Lassen sich bei den vielen Aufgaben überhaupt noch spirituelle Erfahrungen in einem solchen Gottesdienst machen?

Das ist eine Sache, die entweder im Moment geschenkt wird oder aber auch letztlich als Erfahrung dieses gesamte Projekt ausmacht.

Doch Kreuels hofft, dass die Musik Menschen bewegt, Glauben erfahren lässt, denn dann passiert das, was Kreuels immer wieder für Musik in der Kirche begeistert:

Töne von Gott werden dann zu Tönen für Gott.

Matthias Kreuels lebt Musik. Und seinen Glauben. Beides fließt heute zusammen, wenn er heute auf dem Katholikentag in Osnabrück dreißigtausend Menschen zum Singen bringt. „Du führst uns hinaus ins Weite“ lautet das Motto des Katholikentreffens. Ein Wort, das auch auf Matthias Kreuels zutrifft. Denn schon musikalische Weite ist Matthias Kreuels ins Stammbuch geschrieben. Er hat in aller Breite Musik studiert, hat drei Examen in der Tasche: Als Schulmusiker, als Musiklehrer und als Kirchenmusiker. Das prägt – auch den Musikgeschmack.

Dort, wo ich den Eindruck habe, dort verbindet sich Glaube mit Musik - da bin ich sofort mit dabei.

Eigentlich kommt Kreuels von der klassischen Musik her. Bach und Beethoven sind die Götter seiner Studienzeit. Doch gerade durch seine eigene Lehrerfahrung, durch die Arbeit mit jungen Erwachsenen, die Ausbildung von Musikern hat sich Kreuels Spektrum erweitert. Nicht mehr der Name zählt jetzt. Entscheidend ist anderes:

Ob in dem Moment, wo jetzt Musik und Glaube sich verbindet, ob das wirklich eine authentische Situation ist, eine wirklich echte Situation ist, oder ob das irgendwas Gemachtes, oder etwas Technisches ist.

Für Kreuels zählt, dass Musik aus dem Herzen kommt. Dass Musik authentisch etwas über den Glauben erzählt. Doch es war kein einfacher Weg für Kreuels zu dieser Weite.

Der rote Faden ist die Glaubenssituation, die sich mit Musik verbindet. Wenn ich bei dieser Situation Menschen ausschließe durch eine ganz bestimmte Musik, dann geht mir das so gegen den Strich, und vor allem so gegen alles, was ich verantworten kann, dass ich mich weite.

Bei diesem Thema kann der sonst so ruhige Musiker auch energisch werden. Vielleicht, weil er selbst schmerzlich erfuhr: die traditionelle Kirchenmusik kann in Sackgassen laufen, bei den Menschen nicht mehr ankommen. Mehr als einmal musste Matthias Kreuels das erleben:

Ja, wenn die Leute danach sagen: Ach, weißt du, da komme ich nicht mehr. Rechnen die überhaupt in diesem Gottesdienst, dass noch mal Leute kommen, die mit diesem Brimbamborium gar nichts am Hut haben? Wo kommen wir denn vor?

Heute orientiert sich Kreuels, der lange in Freiburg arbeitete, an seinem ehemaligen Bischof Sayer. Der stellte eine Frage, die den Musiker nicht mehr losließ: Wie wird die Kirche ein einladendes Haus für jedermann? Das versucht Kreuels musikalisch durchzubuchstabieren – und wird deshalb nicht müde, Glaube und Musik zusammenzudenken. Sicher: Der Glaube lässt sich nicht musikalisch lernen oder gewinnen. Aber die Musik hilft, den Glauben weiterzuerzählen, ihn zum Klingen zu bringen:

Also die Kirchenmusik, die wirklich als Ton von Gott Ton für Gott wird, wo diejenigen, wo Texte schreiben, diejenigen, wo die Töne dazu komponieren, sich wirklich leiten lassen von einem echten Glaubensinteresse, denen ist es dann auch geschenkt, Glauben weiterzugeben.
„Learning by singing” sozusagen.


Für Matthias Kreuels ist auch deshalb die Musik mehr als nur ein Ornament der Kirche. Sie gehört zu den Quellen des Glaubens. Kein Wunder, dass Kreuels einen Wunsch hat:

Dass die Verantwortlichen der deutschen Diözesen endlich merken, dass einer der wenigen investigativen Bereiche, wo sie wirklich haben, die Kirchenmusik ist. Das heißt, wenn man merkt, dass man von der Wiege bis zur Bahre bis hin zu den dementen Menschen mit Musik noch ankommen kann. Und zwar mit Glaube und Tönen bei den Menschen ins Herz kommen kann. Per E-Mail empfehlen