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Stephan Wahl trifft Georg Röwekamp

Sonntag, 26. Juni 2016     [Druckversion]

„Jerusalem: Miteinander von Juden, Christen, Muslimen und verschiedenen Konfessionen“

Ich besuche  Georg Röwekamp in Jerusalem. Als Reiseleiter, Autor und Chef des Reiseunternehmens „Biblische Reisen“ war Georg Röwekamp
fast zwei Jahrzehnte in den verschiedensten Ländern unterwegs. Seit Anfang diesen Jahres ist eines seiner Reiseziele für ihn und seine
Frau zum festen Wohnort geworden: Jerusalem. Wir kennen uns
aus einem gemeinsamen Studienjahr in dieser Stadt, in der ich ihn jetzt besucht habe. Dort leben zu können: für ihn ging damit ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung.

Ich hatte das große Glück vor 35 Jahren hier im Land ein Jahr zu
studieren: in Jerusalem. Das hat mich geprägt fürs Leben und ich hatte immer den Wunsch hier in dieser Stadt noch einmal zu leben und zu
arbeiten und das hängt damit zusammen, dass sie für mich die spannendste Stadt der Welt ist. Sie ist so vielfältig wie keine andere, die ich kenne, gerade weil es das Miteinander, Nebeneinander und manchmal auch gegeneinander von Juden, Christen, Muslimen, verschiedenen Konfessionen gibt.

Diese Vielfalt bestimmt auch seine neue Aufgabe als Repräsentant des Deutschen Vereins vom Heiligen Land mit Sitz in Jerusalem. Georg Röwekamp kümmert er sich um die Projekte und Orte, die im Besitz des Vereins sind, wie zum Beispiel die Abtei Dormitio auf dem Zionsberg oder die Brotvermehrungskirche und das Pilgerhospiz am See Genezareth.Vor  gut 150 Jahren wurde der Verein gegründet um die Christen im Heiligen Land zu unterstützen. Heute engagiert sich der Verein aber auch beispielsweise für  das Jerusalem-Komitee für jüdisch-christliche Beziehungen, das Lehrer ausbildet oder auch einheimische Reiseleiter darin schult das Land nicht nur einseitig sondern aus vielfältiger Perspektive zu betrachten. Zu nehmend wichtig wird die Unterstützung eines ganz neuen Projektfeldes:

Die Arbeit von Pater David Neuhaus, der hier im Lande verantwortlich ist für die hebräischsprachigen Katholiken und für die immer größer werdende Gruppe von Einwanderern, Migranten, Flüchtlingen, unter denen viele Christen sind, die lange Zeit gar nicht im Blick waren und die inzwischen eine Gruppe von Christen darstellen, die fast so groß ist wie die traditionelle einheimische Bevölkerung und die ganz anders auch in der israelischen Umwelt lebt und zumindest zu einem Teil auch die Zukunft des Christentums hier im Lande bilden wird.

Wohnung und Büro von Georg Röwekamp liegen genau im Grenzbereich von Ost- und Westjerusalem. Die Spannung ist täglich spürbar doch die Hoffnung, dass sich in Zukunft etwas verändert, trotz allem vorhanden.

Ich würde mir wünschen, dass die Menschen aus dem Westteil der Stadt, für die allein das Überschreiten der Grenze nach Ostjerusalem jetzt schon angstbesetzt ist, irgendwann nicht nur das Gefühl haben, sondern sich auch tatsächlich wieder frei und sicher hier bewegen können und umgekehrt, dass die Menschen aus Ostjerusalem die Menschen auf der andern Seite auch nicht nur als Gegner, als Feinde, als Provokateure wahrnehmen.

Fußball kennt keine Grenzen!

Georg Röwekamp ist Theologe und Vertreter des Deutschen Vereins vom Heiligen Land in Jerusalem. Bei meinem Besuch erzählt er mir eine Geschichte aus seinem direkten Umfeld. Eine seiner arabischen Mitarbeiterinnen würde ihren beiden Kindern gerne vermitteln, dass die Polizei etwas Positives ist, Helfer in der Not, an die man sich immer wenden kann. Nur wie sollen die Kinder das glauben, die Polizisten jeden Morgen auf dem Weg zur Schule als schwerbewaffnete Militäreinheiten wahrnehmen, die israelische Bürger schützen sollen, aber gegen Palästinenser oft unverhältnismäßig hart vorgehen, was das Bild der Kinder prägt.

Mit was für einer Spannung so eine Mutter lebt, unter welchen Bedingungen so ein Kind groß wird, habe ich an diesem kleinen Beispiel mehr verstanden als an großen Fernsehdokumentationen. Und dass diese Frau irgendwann wie eine normale Mutter ihrem Kind sagen kann: da vorne steht ein Polizist, dein Freund und Helfer an, das wäre ein Traum, der für andere Leute alltägliche Wirklichkeit ist. Aber hier eben zeigt bis in wie kleine alltägliche Zusammenhänge der nicht gelöste Konflikt Beziehungen, Familien, Zukunft vergiften kann.

Dem Entgegenzusteuern ist auch Sinn der Orte, die er betreut. Keine Inseln, sondern Ausgangspunkte für Begegnungen.

Ich hoffe die Neugier wird auf Dauer groß genug sein diese Brücken zu bauen. Wenn ich das nicht wollte, hätte ich auch nicht hierher kommen müssen.

Diese Neugier ist bei Georg Röwekamp auf verschiedene Weise spürbar vorhanden. Auch bei einem nicht gerade biblischen Thema, das uns in Europa im Moment ja besonders umtreibt: ich meine Fussball. Georg Röwekamp hat nicht nur theologisch-biblisch publiziert, er ist auch Autor eines zum Kult gewordenen Buches über Schalke 04.

Ich finde es spannend, dass im Jahr 2004 hier in Israel eine gemischt palästinensisch-jüdische Mannschaft aus dem Dorf Sakhnin den Pokal gewonnen hat, was eine Rieseneuphorie ausgelöst hat gerade unter den arabischen Einwohnern Israels. Mich erinnert das ein klein wenig an den Erfolg des Underdogs Schalke in den zwanziger Jahren, als es dieser Bergarbeiter-Proleten-Club den Lackschuhvereinen und all den Großkopferten gezeigt hat. Da hat sich etwas ganz ähnliches abgespielt und diese Kraft des Fußballs, stellvertretend etwas für das Selbstbewusstsein, für das Selbstwertgefühl zu tun, ist da besonders sichtbar geworden.

Fußball kann Grenzen überwinden und Gemeinschaft fördern. Vielleicht gewinnt der gemischt palästinensisch-israelische Club ja wieder einmal und stärkt die Hoffnung, dass mehr möglich ist, als sich im Moment in diesem heilig-unheiligen Land zeigt. Menschen wie Georg Röwekamp und andere glauben daran und tragen das was ihnen möglich ist dazu bei. Undramatisch, ohne große Bühne. Gelebte christliche Hoffnung im Alltag.

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