Manuskripte

SWR1 Sonntagmorgen Begegnungen

Aktuelle Woche   Archiv



Manuela Fischer

Sonntag, 05. September 2010     [Druckversion]

Peter Annweiler trifft Manuela Fischer, Leiterin des ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienstes in Mannheim

 Viele sagen zu ihr: „Das könnte ich nicht." - Für Manuela Fischer ist ihre Aufgabe aber eine Erfüllung.  Sie begleitet Kinder und Jugendliche, die sterben werden. Und immer, wenn die Leiterin des Hospizdienstes für Kinder und Jugendliche in Mannheim  von ihrer Arbeit in Gemeinden und Schulen erzählt, spürt sie, wie schwer sich die meisten damit tun.

Weil ich immer wieder merke, wenn ich mit Erwachsenen rede: Was das für ne große Hemmung da ist, mit Kindern über dieses Thema zu sprechen: „Das können wir doch nicht machen! Die Schwere des Lebens kommt doch noch früh genug." Also, alles so Sätze, die wir kennen und auf der andern Seite stehen die Jugendlichen, die sagen: Es wäre so gut, wenn jemand mit uns sprechen würde. 

Teil1
Zuerst lachen mich in ihrem Büro zwei große Handpuppen an: Rote Haare, knallgelbe T-Shirts und zerknautschte Sommersprossengesichter - gleich haben mich Manuela Fischers Begleiter für sich eingenommen.

Das ist die Carla und der Nino. Ich arbeite sehr gerne mit Kindern mit diesen Puppen. Die gucken dann die Puppe an und dann redet die Puppe und sagt: Das macht mich traurig.  Wenn ich mit der Puppe was ausdrücke, dann kann ich ganz andere Sachen sagen, die ich vielleicht als Manuela Fischer nicht sagen könnte, aber die vielleicht Carla sagen kann und die Nino sagen können.

Aussprechen, was andere kaum aussprechen können - das gehört zu den Aufgaben von Manuela Fischer. Seit gut drei Jahren begleitet sie in Mannheim sterbenskranke Kinder und Jugendliche. Ungewöhnlich finde ich das für eine Frau, die in Kürze dreißig wird.

Bei mir war's so, dass mein Stiefvater erkrankt ist, als ich 15 war und dann auch verstorben ist, als ich 18 war. War auch generell ne schwierige Situation zu der Zeit. Ich wurde gut begleitet in der Zeit.

Gute Erfahrungen hat sie damit gemacht, angesichts des Tod begleitet zu werden. Und so kam es, dass sie sich im Studium der Ethnologie und Pädagogik damit beschäftigt hat, wie der Tod bei uns und in anderen Kulturen verarbeitet wird.
Seit zehn Jahren ist der Tod nun schon ein Lebensthema von Manuela Fischer. Es beeindruckt mich, wie sie in den Begegnungen mit dem Tod eine Lernende bleibt und vor allem: eine vitale, humorvolle und feinsinnige Frau.

Meine ganz besondere Begegnung war auch meine erste Begegnung. Als ich einen jungen Mann begleitet habe, der einen Knochenkrebs hatte und der mich gelehrt hat, dass Sterbende Lebende sind. Der wollte noch mal Eiskaffee trinken, wollte noch mal ein Handy haben. Also wir haben ganz viel gelebt in dieser Zeit.
Und das war mir sehr prägend und sehr wichtig bei der Arbeit: Einfach zu gucken: Wo ist das Leben bei den Sterbenden?

Einen anderen Blick für das Mögliche und damit auch für das Wesentliche zu bekommen  - ohne diese Kunst könnte man wohl keine Hospizarbeit machen. Und doch: Mitarbeiterinnen des Hospizdienstes müssen auch realistisch sein. Sie müssen sich zusammen mit ihren Patienten auch dem stellen, was nicht in Erfüllung geht.

„Ungeküsst zurück" ist eine Aussage von diesem jungen Mann, der mich so geprägt hat, der einen großen Traum hatte: Der wollte schon noch mal gerne ein Mädchen küssen. War ein ganz normaler junger Mensch, der auf Aussehen und Marken und schöne Frauen stand. Und geküsst hat er keine. Er hat immer ganz trocken gesagt: „Ungeküsst zurück." - Das war seine Auseinandersetzung mit der Thematik „Leben und Sterben" und Träume die nicht mehr in Erfüllung gehen. 

Das gehört für mich in der Seelsorge zum schwersten: Menschen dabei zu begleiten, wie sie sich am Unerfüllten, am Schmerz und am Abschied reiben. Und manchmal gelingt das, wenn sich die Perspektive umdreht: Wenn ich in diesen Situationen der Beschenkte, der Lernende werde. Da fühle ich mich Manuela Fischer verbunden, wenn sie sagt:

Man lernt in diesen Begegnungen sehr intensiv zu leben. Ich habe das Gefühl, ich kriege sehr viel in der Arbeit. Es ist wirklich so, dass man durch die Auseinandersetzung mit dem Ende des Lebens sehr damit konfrontiert ist: Wie leb' ich eigentlich? Und das ist so, wo ich merke: Das bereitet mir Freude. Es ist noch eine Leidenschaft für diese Arbeit da - und so lange mag ich sie noch machen.

Teil II
Immer wieder Abschied nehmen, sich immer wieder neu auf Familien einstellen, die ein schwerkrankes Kind haben - das ist nicht einfach. Ich frage mich, wie Manuela Fischer das schafft: Es immer wieder an der Grenze des Lebens auszuhalten. Ohne dabei abzustumpfen. Und ohne das eigene Leben aufzugeben.

Und es ist natürlich immer so n Ding, dass man sagt: Man darf es nicht mit nach Hause nehmen. Aber ich glaube, realistisch betrachtet, funktioniert das nicht. Ich hab irgendwann angefangen, Texte zu schreiben: Das, was ich erlebt habe, in Gedichtform zu bringen oder in eine Geschichte. Also ich hab das nicht vergessen, sondern es liegt einfach irgendwo.

Aus dem Aufgeschriebenen werden dann Quellen für ihre Besuche in Schulklassen oder bei Gemeindeabenden. Gerade entsteht so auch ein ganz neues Projekt: „Ungeküsst zurück" sagte Robert, der junge Mann in ihrer ersten Begleitung. Aus diesem Satz hat Manuela Fischer zuerst ein Gedicht gemacht. Jetzt wird im Andenken an Robert daraus etwas Neues: „Ungeküsst zurück"  - das ist nämlich jetzt  auch der Titel eines Filmes. Mit ihm stellt die Hospizfrau zusammen mit dem Mannheimer Filmemacher Stefan Hillebrand  die Erfahrungen von Jugendlichen rund um Tod und Trauer in die Öffentlichkeit.
Das Aufschreiben und Weitergeben der Erfahrungen ist das eine. Es hilft, die Geschichte und die Würde der jungen Leute nicht  zu vergessen, die gestorben sind.
Manuela Fischer braucht aber noch mehr als die Würdigung und die Erinnerung an ihre Patienten. Sie steht auch auf dem Fundament ihrer Glaubensüberzeugung.

Das Leben und der Tod und wann das Leben zu Ende geht, das bestimme nicht ich, sondern das bestimmt jemand anders. - Von daher ist für mich der Glaube sehr wichtig. Es gibt ein schönes Zitat von Romano Guardini: „Der Tod ist die uns zugewandte Seite jenes Ganzen dessen andere Seite Auferstehung heißt".

Andere verlieren den Glauben, wenn sie dem Tod von jungen Menschen ausgesetzt sind. Manuela Fischer scheint ihn dort zu finden. - Ich staune: Da sitzt mir eine Dreißigjährige   gegenüber und zitiert einen Theologen. - Es  beeindruckt mich: Wie überlegt sie ist und dann doch wieder voller lebendiger und phantasievoller Hoffnungsbilder.

Der Himmel ist für mich weiß. Und es gibt ja diesen Satz in der Bibel, dass Gott für jeden Menschen eine Wohnung hat. Ich glaube, ich hab da ein großes Zimmer und es ist einfach nur weit und man spaziert da ein bissel rum. Und es war mir das Wichtige daran, man spaziert mit Hausschuhen da durch.(lacht) Man kennt sich eigentlich aus und weiß, wo man zu Hause ist. Himmel ist zu Hause. 

 
Und wenn sie sich für den Film „Ungeküsst zurück" interessieren, können Sie den nach der Premiere am 10. Oktober bei  Ökumenischen Kinder und Jugendhospizdienst in Mannheim bestellen.
Postanschrift:
Ökumenischer Kinder- und Jugendhospizdienst
Haus der Ev. Kirche
M 1, 1a
68161 Mannheim
oek.kinderhospizdienst@diakonie-mannheim.de">oek.kinderhospizdienst@diakonie-mannheim.de
www.kinderhospizdienst-mannheim.de