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Von Herzen heiter

Sonntag, 28. August 2016     [Druckversion]

Hans-Peter SchwöbelPeter Annweiler trifft Hans-Peter Schwöbel, Mannheimer Kabarettist, Schriftsteller und Sozialwissenschaftler

Das Klingen der Worte

Er ist bodenständig und belesen,  heiter und ernst, glaubend und kritisch.  Ganz vielseitig habe ich den Mannheimer Kabarettist, Schriftsteller und Sozialwissenschaftler kennen gelernt.  Und in all seinen Talenten zeigt der 70jährige, dass er die Sprache liebt. Am meisten mag der frühere Professor es, wenn er in Mundart reden kann. Seine Vorliebe für das Kurpfälzische kommt daher,

dass ich den Dialekt wie eine Art innere Melodie empfinde - und das ich unheimlich mich daheim fühle in dem Dialekt. Ich kann hochdeutsch und habe ja in meinem Hörsaal immer hochdeutsch sprechen müssen. Aber richtig warm ums Herz wird mir’s eigentlich mit dem Dialekt -

Diesen warmen Klang habe ich ein paar Mal erlebt: Im Vortrag, auf der Bühne oder der Kanzel. Da redet einer „Muttersprache“ - und  ich spüre: Die kommt aus seinem Herzen - und dort findet das zusammen, was mir oft gegensätzlich scheint: Heimat und Weite, Pfälzisch und Predigt, Humor und  Glauben.
Wie seine Sprachbegeisterung angefangen hat, frage ich ihn - und er erzählt mir von seiner  sehr gläubigen, pietistischen Familie: Eng war es da in den Gedanken - und zudem sollte noch Hochdeutsch gesprochen werden.

Meine Oma  war mal so kess und hat gesagt: „In der Bibel steht: Eure Rede sei ‚Ja, Ja’   und  ‚Nein, Nein’“- und hat mir damit das „NÄÄ“ ausreden wollen - und dann habe ich zu ihr gesagt: Die Schwester Soundso sagt aber „NOI“- und da sagte meine Oma: „Ja, die ist auch Schwäbin - die darf das“ - Also das hat mir schon als kleiner Bub nicht eingeleuchtet, dass die Schwäbin „NOI“ sagen darf und ich als Mannemer darf net „NÄÄ“ sagen.

Als ob diese „Abfuhr“ der Oma  für den Jungen erst recht ein Ansporn war, seinem Sprachsinn immer mehr zu trauen.  Das Klingen der Worte hat ihm jedenfalls geholfen, die Strenge seiner Familie zu überwinden.

Ich habe mich dann in ein Zimmer zurückgezogen und habe nachgesprochen, was ich im Radio gehört habe, ich erinner mich zum Beispiel, dass ich eine Rede gehalten habe  als Mendez France, ein französischer  Ministerpräsident, und habe an die Radikalsozialisten gesprochen: Keine Ahnung gehabt, was das war

Die Worte (und ihr Klang) haben Hans-Peter Schwöbel immer weiter fasziniert - und er hat die schöpferische Kraft der Sprache entdeckt. Kein Wunder, dass ihm da der biblische Satz „Im Anfang war das Wort“ besonders imponiert hat: Wenn sogar Gott das Wort ist - dann lassen sich mit Worten Welten bauen und bewegen.
Für Hans-Peter Schwöbel haben schon im Klang der Worte Heimat und Weite zusammengefunden: Beides - das Eigene und das Andere - hat er im Sprechen wie im Denken nicht verloren - und das hat aus dem sprachbegabten Jungen einen weitsichtigen Professor werden lassen.

Glauben- Denken-Lachen

Hans-Peter Schwöbel ist Professor und Kabarettist. Und er liebt sein Kurpfälzisch. Auf der Bühne bringt der Mannheimer Protestant auch biblische Themen mit Mundart zusammen.

Die Seligpreisungen - dass man die überhaupt im Dialekt vorträgt - es kriegt eine heitere Komponente und ich sag am Schluss zum Beispiel der Seligpreisungen, dass die, die uns verfolgen, weil wir an den Herrn glauben - die sind alle „dappisch“ und  dann müssen die Leute drüber  lachen.

Aber wieso müssen die Leute da lachen, frage ich mich. - Vielleicht, weil „der Schwöbel“ (wie ihn die Kurpfälzer nennen) auf etwas Ernstes einen heiteren und kurpfälzischen Klang „draufsetzt“. So bringt er etwas zusammen, was für viele weit auseinander liegt: Glaubensthemen und Heiterkeit. - Der scheinbare Gegensatz hat ja eine lange Tradition: Glaube ist ernst und endgültig, schließlich geht es um die Ewigkeit.  Und da scheint es nichts zu lachen zu geben. Das galt auch in Schwöbels eigenem Leben:

In den Bibelstunden, und was immer mit Glauben zu tun hatte, war das Lachen nicht sehr präsent. Generell war ein großer Ernst.

Dabei ist es doch so: Wer lacht, macht sich unabhängig von dem, was das Leben schwer und mühsam macht. Wer  lacht, stellt in Frage. Das alles hat Hans-Peter Schwöbel für sich entdeckt - und heute nimmt er es in seinem Schaffen so für sich in Anspruch:

Mein eignes Gefühl ist, dass mein Humor eigentlich ein ernster Humor ist. Also ich kann über läppische Sachen nicht lachen.Ich kann eigentlich nur mit Leuten etwas anfangen, die mit dem Humor Bewusstseinsarbeit leisten -

und da ist der Kabarettist ganz Protestant - in einem guten Sinn, finde ich: Es geht ihm darum, ein anderes, ein besseres Leben  zu finden: Wer lachen kann, ist doch nah dran an der Hoffnung, dass sich etwas verändern kann, dass nicht alles so ernst und schwer bleiben muss, wie es manchmal scheint.
Klar, das Lachen richtet sich deshalb manchmal auch gegen die bestehende Ordnung und gegen traditionelle Glaubensgewissheiten.  Hans-Peter Schwöbel ist deshalb stolz darauf,

dass die Evangelischen  die Glaubensgewissheiten nicht mehr halten können - und ich halte das eigentlich eine emanzipatorische Situation, dass man einfach akzeptiert: Wir haben keine Gewissheit.

Auch für mich ist das ein Fortschritt, wenn die „Sicherheiten“ in Glaubensdingen wegfallen. Wenn zum Beispiel die Bibel nicht buchstäblich Gottes Wort ist, sondern einer Auslegung in unsere Zeit bedarf. Der glaubende Denker weiß nämlich auch, wie eng das werden kann, wenn man „nur“ glaubt oder „nur“ denkt. Deshalb ist für ihn das Lachen eine starke Kraft. Im Lachen über menschliche Ungereimtheiten entsteht eine lebens- und liebenswerte Weite. Eine Weite, die Raum für Gott lässt, weil wir ihn weder im Denken noch im Glauben „besitzen“, sondern womöglich lachend neu finden. Köstlich - eine solche Weite, die Glauben, Denken und Lachen verbindet. Eine Weite, wie ich sie bei Hans-Peter Schwöbel gefunden habe.

Mehr zu Hans-Peter Schwöbel unter:
www.hpschwoebel.com

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