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Bruno Sonnen trifft Henriette Crüwell

Sonntag, 24. Juli 2016     [Druckversion]

„Synodalität wird gelebt!“

Ich treffe mich mit Henriette Crüwell. Katholisch, altkatholisch, evangelisch. So könnte man, sehr kurz gefasst, ihre Lebensgeschichte bis heute zusammenfassen. Meine Ahnung, dass dahinter der ein oder andere heftige Wendepunkt in ihrem Leben stehen muss, bestätigt sich, als wir uns in ihrem kleinen Büro in der Frankfurter Jugendkulturkirche Sankt Peter treffen.   

Ich komme aus nem Elternhaus wo man irgendwie normal katholisch ist, also sprich so zu den großen Festen in die Kirche geht, ansonsten das nicht wirklich so ne große Rolle spielt, traditionell, als ich 14 war, war ich mit meinem Vater in Rom über Ostern und stand in einer Gruppe von Novizinnen, also jungen spanischen Frauen, die so wenig älter waren als ich, die waren vielleicht 18, 19, die am Beginn ihres Klosterlebens standen, und sie haben so eine Freude und Begeisterung ausgestrahlt, dass ich, weiß ich noch gesagt hab, das will ich auch.

Doch von da an bis zur Pfarrerin in der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau, kurz EKHN, war es noch ein weiter Weg. Nach dem Abitur studiert sie erst einmal Jura, arbeitet als Juristin, heiratet, bekommt drei Kinder – und fängt im Erziehungsurlaub mit dem dritten Kind an, Theologie zu studieren.

Das, was ich eigentlich studieren wollte, seit ich 14 bin, und es nicht gemacht habe, weil mein Vater mir damals sagte, was willst du als Frau in der römisch-katholischen Kirche, aber die Theologie hat mich dann doch nicht losgelassen, dann habe ich bei den Jesuiten hier in Frankfurt Theologie studiert, und bin während meines Studiums eigentlich über meine Kinder in die altkatholische Gemeinde gekommen, und da bin ich hängen geblieben, bin dann altkatholisch geworden, und ja, über weitere Umwege bin ich 2013 in die evangelische Kirche gekommen

Die Altkatholiken haben sich im 19. Jahrhundert von der katholischen Kirche abgespalten, weil sie das neue Unfehlbarkeitsdogma des Papstes nicht anerkennen wollten. Und da sind wir auch bei einem von zwei Grundmotiven im Leben von Henriette Crüwell. Zwei Grundhaltungen, die ich gut nachvollziehen kann. Da ist zum einen das Thema Frau in der Kirche, und da fühlt sie sich in der evangelischen Kirche dann doch besser aufgehoben, und es ist das, was sie selbst ihren anti-hierarchischen Affekt nennt. Anders als die katholische Kirche ist die evangelische Kirche synodal strukturiert, das heißt, die Gremien sind demokratisch verfasst und gewählt, es gibt Mehrheitsentscheidungen

Synodalität im evangelischen Sinne verstanden ist wirklich: wir entscheiden zusammen und treffen zusammen Entscheidungen, unsere Ämter sind synodal legitimiert, also werden gewählt, hier in der EKHN gibt es kein Amt, was auf Lebenszeit ist, und ich bin jetzt sehr froh in einer Kirche zu sein, wo Synodalität wirklich gelebt wird bis in die Fingerspitze

„Ich bin Gott begegnet bei der Geburt meiner Kinder“

Und mit Henriette Crüwell. Sie ist Pfarrerin in der Frankfurter Jugendkultur kirche Sankt Peter. Jugendkulturkirche heißt, es geht darum Brücken zubauen zwischen Kirche und Jugendkulturen, und das heißt Theater-, Musik verschiedene Workshop-Angebote, bis hin zu Konfirmandenpartys und speziellen Gottesdiensten. Und wie steht es um die Frage nach Gott bei den Jugendlichen, will ich wissen.

Es gibt ne Gruppe von Jugendlichen, für die Glaube auch Ausdruck ihrer Positionierung ist in dieser Welt, die das sehr konsequent und radikal auch leben, ne relativ überschaubare Szene, und es gibt viele Jugendliche, für die sich die Frage nach Gott überhaupt nicht mehr stellt, also die sich auch fragen, was soll das überhaupt (lacht), es gibt so ne große Gruppe irgendwo dazwischen, die sagt, ja an so ne Macht die uns durchdringt, die uns will, die uns gut ist, da können wir mit, aber so ein Gott, der als Du uns gegenübertritt, mit dem wir reden können, das können wir nicht glauben.

Was sie auch in ihrer Arbeit in der Jugendkulturkirche auch gemerkt hat: Die alterhergebrachte religiöse Sprache, die Formeln und Floskeln, sagen heute keinem mehr etwas, sind buchstäblich Leeformeln. Es gilt eine Sprache zu finden, die verstanden wird, die Antworten gibt auf die Fragen der Jugendlichen. Und, hat sie die gefunden, frage ich sie.

Also ich hab sie noch nicht gefunden, ich bin dabei, das ist noch ein Weg und was ich auch merke was ein Punkt ist, ist mutiger über Glaube zu sprechen, auch das ist ein Phänomen und ich glaube das kann man wirklich volkskirchlich sagen, dass wir so ne Scheu haben, religiös zu sprechen, und wenn jemand religiös öffentlich spricht, dass man dann sofort so einen Fremd-Schäm-Reflex hat, Fremd-Scham-Reflex, und dass das aber wichtig wäre, da pointierter zu reden und sich trauen von Gott und von Jesus zu sprechen.

Und wer ist Gott für sie, will ich wissen. Und ich bin überrascht und fast auch ein wenig beschämt über ihre Antwort, die ehrlicher und existentieller kaum sein könnte.

Ich kann diese Frage nur beantworten durch Beispiele aus meinem eigenen Leben, wo ich sagen würde, da bin ich diesem Gott begegnet, und ich würd sagen, ich bin diesem Gott begegnet tatsächlich als 14-Jährige auf diesem Petersplatz in Gestalt dieser jungen Frauen, ich bin ihm begegnet in der Geburt meiner Kinder, ich bin ihm begegnet in einer Krise, wo ich dachte tiefer kann ich nicht mehr fallen, tiefer geht’s nicht mehr, da ist niemand mehr, kein Mensch, nichts und da die Erfahrung gemacht habe, doch, da ist jemand, da ist jemand, der mich auffängt, ja, also so gesehen würde ich sagen, ist für mich Gott der, der mitgeht, auf den ich mich verlassen kann,  wenns mir schlecht geht, aber auch dann, wenn endlich mal wieder der Himmel aufreißt und nicht mehr grau und regnerisch ist sondern einfach blau und schön.

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Leistungsträger und Gnadenempfänger

Sonntag, 17. Juli 2016     [Druckversion]

Annette Bassler trifft Prof. Dr. Dr. Andreas Barner, bis Ende Juni 2016 Vorstandsvorsitzender des Pharmaunternehmens Boehringer, Ingelheim/
Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentags 2015

Teil 1- Leistungsträger

Ich treffe ihn am letzten Tag vor seiner Pension. Sein Büro ist schon bereit für den Nachfolger. Nur ein Blumenstrauß erzählt noch von Abschied und Dankeschön. 24 Jahre war er hier, davon viele Jahre Chef eines Unternehmens mit 47 500 Beschäftigten rund um den Globus. 

Die Hauptaufgabe war, die Gesamtleitung der Unternehmensleitung und damit die wesentlichen, wirtschaftlich wichtigen Entscheidungen oder auch inhaltlich wichtigen Entscheidungen gemeinsam mit dem Gremium der Unternehmensleitung zu fällen,

was ihm laut Managermagazin zu einem den Top-ten der Unternehmerpersönlichkeiten Deutschlands gemacht hat. Die habe ich mir immer forsch und fordernd vorgestellt. Andreas Barner wirkt ganz anders- eher zurückhaltend, hört zu, redet mit Bedacht. Aber das passt, meint er. Passt zu seinem Unternehmen. Ein Familienunternehmen, das bewusst nicht an die Börse gegangen ist und Medikamente gegen Volkskrankheiten erforscht. Christliche Werte wie zum Beispiel Solidarität mit den Schwachen sind ihm wichtig. Denen treu zu bleiben, kann ich mir in seiner Position nicht so recht vorstellen.

Ich denke, dass die Schwierigkeit für jeden Menschen ist, wenn er mal ein Wertegerüst hat- und der christliche Glaube ist ein starkes Wertegerüst- das dann in Bezug zu bringen zu dem, was man täglich macht. 

Und dabei ist ein Familienunternehmen besser aufgestellt als börsendotierte Unternehmen. Die ja ständig für die Aktionäre Renditen erwirtschaften müssen. Ein Pharmaunternehmen aber braucht Freiräume für die Forschung. 

Sie sprechen hier problemlos zwischen 10 und 15, 20 Jahren bis ein Medikament, das mal als Forschungsidee im Kopf vorstellbar wurde, wirklich ein Medikament ist, das bei Patienten ankommt.S

Als Mediziner und Mathematiker kümmert sich Andreas Barner selber um die Forschung. Er nennt das Knochenarbeit: Zahlen und Ergebnisse überprüfen, nachbessern. Und dann: Verantwortung übernehmen.  

Man tut sich mit manchen Fragen sehr schwer, ist lange damit beschäftig. Wenn Sie dann die Entscheidung gefällt haben, müssen Sie trotzdem, auch wenn Sie einen langen Weg zur Entscheidung hatten zu sich selbst, zu sagen: Das war jetzt die Entscheidung, die haben wir gemeinsam so getroffen, also stehe ich auch dahinter und dann muss man versuchen, sie in möglichst guter Weise umzusetzen.

Verantwortung zu tragen ist oft ein hartes Geschäft. Es bringt einen an die Grenzen dessen, was man leisten und vorausplanen kann. Und dann zu wissen: auch wenn du dich noch so sehr bemüht hast- er ist dir trotzdem nicht sicher, der Erfolg. Auch Leistungsträger brauchen das, was ich „Gnade“ nenne. Dass es gut geht. Es ist geradezu vernünftig, demütig zu sein. Wie Andreas Barner das für sich umsetzt, darum geht’s nach dem nächsten Titel.

Teil 2- Gnadenempfänger 

„Frommes Doppelleben“- so titelte eine Zeitung letztes Jahr über Andreas Barner. Da war er nicht nur Vorstandsvorsitzender des Pharmakonzerns Boehringer/ Ingelheim. Da war er auch Kirchentagspräsident. Und viele haben gefragt: Geht das zusammen: Kapitalismus und Kirche, Wirtschaft und Werte? Es geht, meint Andreas Barner. Es kommt auf das Unternehmen an, in dem man arbeitet.

Wenn Sie sich anschauen bei VW, dann haben Sie eine Situation, bei der ein Unternehmen die Regeln und Gesetze missachtet hat. Was für mich am wichtigsten ist, ist die Frage: ist das ein Thema, das ganz breit im Unternehmen gesehen wird, beispielsweise Regeln zu missachten, oder ist es etwas was letztlich eine kleine Gruppe verantwortet und das weiß, dass das illegal ist und das einfach macht.

Entscheidend in einem Unternehmen ist es also, ob es sich geltenden Gesetzen und auch Werten verpflichtet oder nicht. Ob es der eigenen Gewinnsteigerung dient, oder der Gesellschaft.

Ich glaube wir müssen zunehmend darauf achten und noch viel mehr, als wir das in der Vergangenheit getan haben, dass wir uns als Unternehmen wirklich als gute Staatsbürger verhalten. 

Denn nur das hat Zukunft. Andreas Barner ist davon überzeugt, dass die Mittelständischen Familienunternehmen solche „gute Staatsbürger“ sein können. 

Dort ist eine Mentalität, die ganz klar sagt: Erstens engagieren wir uns in dem Ort, in dem wir leben und zwar für die Gemeinschaft und zweitens sind wir dran interessiert, das Unternehmen so gut zu führen, dass es in der nächsten Generation Bestand hat. Und das führt zu ganz anderen Verhaltensweisen.

Den Menschen dienen und Demut haben. Das hat Andreas Barner schon in seinem evangelisch geprägten Elternhaus gelernt. Sein Großvater war Dekan in Villingen.

Bei mir ist vielleicht von der protestantischen Arbeitsethik einiges hängengeblieben, weil ich glaube, dass Forschung und Entwicklung es dann richtig machen und gut machen, wenn sie bereit sind, sehr bewusst ins Detail zu gehen um genau zu verstehen, wo die Chancen sind. 

Protestanten sagt man nach, sie machen es sich nicht leicht mit dem Gewissen und der Gewissenhaftigkeit. Ich kenne das und Andreas Barner auch. Aber genau diese Gewissenhaftigkeit braucht es, um Gnade erfahren zu können. Die man erfährt, wenn man an seine Grenzen gekommen ist, wenn man alles getan hat, was man tun kann. Gnade ist, wenn  es am Ende gut geht. Obwohl es auch hätte schief gehen können.

Es ist schon schön, wenn Sie merken, dass das Medikament, das Sie über Jahre begleitet haben, dass das wirklich hilft. Denken Sie an die Parkinsonsche  Krankheit und ein Patient sagt: genau dieses Medikament hilft mir, meine tägliche Arbeit wieder aufzunehmen, hilft mir in der Lage zu sein, mich wieder anziehen zu können. Das sind einfach schöne Erlebnisse.

 
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