Interreligiöse Begegnung im Geist von Pfingsten
Montag, 20. Mai 2013
Wolf-Dieter Steinmann, evang. Kirche, trifft Pfrin. Ilka Sobottke, 
Initiatorin der „Meile der Religionen" in Mannheim
Die „Mutter" der Meile
Ilka Sobottke ist stolz auf die „Meile der Religionen". Vor 10 Tagen haben sie getafelt, 5-6000 Menschen, bei der 3. Meile seit 2007. Unter freien Himmel in der Mannheimer Innenstadt. Sogar das Wetter hat mitgespielt. Erst als die Leckereien gegessen und viele Gespräche geführt waren, hat es aus Kübeln gegossen. Eine lange Tafel aus fast 100 Tischen unter freiem Himmel zwischen der evangelischen Citykirche und der Synagoge in Mannheim. Sie verband jüdische, muslimische und christliche Menschen aus vielen Gemeinden. Ein friedliches Fest in bestem Geist.
Der jüdische Kantor hat dabei das Brot gesegnet und daraufhin hat sich an den Tischen ein reges Miteinander entfaltet. Dann ging das über Stunden hinweg. Es war für viele - glaube ich - auch eine Erstbegegnung und insofern war es sehr spannend.
Dass Juden Christen und Muslime einander so begegnen ist nicht leicht bei der schwierigen Geschichte, die sie haben. Aber es ist an der Zeit, findet Ilka Sobottke, die evangelische Pfarrerin an der Citykirche Konkordien, eine der „Mütter" der Meile.
Ich glaube, dass Christen Juden und Muslime in Deutschland und weltweit in einem Boot sitzen.
Evangelische, Katholiken, Orthodoxe, christliche Migranten. Verschiedene Muslime. Die jüdische Gemeinde mit Zuwachs aus Russland: Bei uns ist die religiöse Vielfalt ganz schön groß. Wie leben wir mit anderen? Nebeneinander? Jeder gegen jeden als Konkurrenten um die Wahrheit? Ilka Sobottke möchte, dass man die Vielfalt sieht und das Miteinander. Wie bei der „Meile der Religionen".
Was wir am besten können, sind Feste organisieren. Das sind auch die Leute, die es dann hinterher tragen, im eigentlichen Sinne. Das sind die Leute, die auch erzählen können von der Arbeit in den Gemeinden und die dann auch im Gespräch sind mit den anderen.
5-6000 Menschen sind sich da begegnet. Schön war es. Ilka Sobottke macht energisch klar, wie die Religionen grundsätzlich zu einander stehen.
Wir Menschen kommen aus Gott und wir gehen zu Gott. Das ist Ziel. Und Gott verstehen wir auf unterschiedliche Weisen. Wir sind manchmal gemeinsam und manchmal nebeneinander auf unterschiedlichen Wegen auf dieser Suche.
Ich sehe ich das auch so, habe aber wenig Kontakt zu Muslimen oder Juden. Oft ist das interreligiöse Gespräch Sache von Experten. Anders ist besser.
Das ist natürlich bei der Meile der Religionen auch so, dass auf einmal nicht mehr nur die Leute miteinander reden, die Pfarrer und Pfarrerinnen und Rabbiner und Wichtigen, sondern dass tatsächlich die Gläubigen aus den Gemeinden einander begegnen.
Ilka Sobottke wirbt, dass Religionen miteinander gehen, weil sie als „Lebensmodell" auf dem Prüfstand stehen.
Ich glaube tatsächlich, dass die Anfragen an die Religionen so stark werden, dass wir nur gemeinsam deutlich machen können, was der Sinn von Religion ist. Nämlich; sich von der Bezogenheit immer nur auf sich selbst hin zu entwickeln zu einer Bezogenheit auf die anderen und eigentlich auf den Grund des Seins.
Beziehung machen das Leben, zu Menschen und Gott. Da sind sich die Religionen einig. Aber wie leben, wenn jede Bombe, die hochgeht, den muslimischen Nachbarn Misstrauen einbringt? Und auch Juden und wir Christen gelten oft mehr als Streithähne als Friedensstifter. Dagegen haben sie das Forum der Religionen gegründet.
Dann gab es einen großen Krach und dann haben wir gesagt: ‚Wir müssen uns einfach regelmäßig treffen, sodass wir die Chance haben, immer wenn etwas Schwieriges auf den Tisch kommt, wirklich direkt miteinander zu reden und nicht wieder in diese Mechanismen zu kippen, dass man übereinander redet.
Aber es gibt noch Hindernisse: Antisemitismus bei manchen Muslimen. Und Christen können religiös „überheblich" sein.
Es ist tatsächlich noch so, dass immer noch ganz viele Leute nicht davon ausgehen, dass es eine Berechtigung hat, dass Muslime Muhammed für einen Offenbarungsträger halten.
Dabei ist unser Glaube tolerant: Man kann froh sein, dass man glauben kann. Dass ich es kann, ist von Gott geschenkt. Da kann ich doch dem anderen den Glauben, der ihm geschenkt ist, nicht runter machen. Wo sie doch oft ähnlich sind.
‚Gott ist in dieser Zuwendung zur Welt - auch im Menschen- erfahrbar.' Das können Muslime auch. Dann stellen wir fest, dass wir sehr sehr nah sind mit vielen Dingen, um dann auch wieder zu sehen, wie unterschiedlich sich das formuliert.
Interreligiöse Begegnung im Geist Jesu
Diese Frau hat Feuer, Spirit. Ilka Sobottke verkörpert für mich, was Christen an Pfingsten feiern. Dass man begeistert sein kann, aus Glauben. Ihre Mission: Juden Christen und Muslime sollen sich nicht nur tolerieren, sondern Wert schätzen: Wie eine große Ökumene.
Der Auftrag ist, dass wir erzählen von dem Gott, von dem wir die Kraft und das Vertrauen bekommen, dass wir die Welt gestalten können und dass die Religionen für den Frieden in der Welt einstehen.
Dazu muss man friedensfähig sein. Nicht denken: „Ich habe die Wahrheit, der andere nicht." Ilka Sobottke wünscht, dass wir uns gemeinsam als Gott-Suchende verstehen.
Keiner kann von uns von oben auf Gott gucken, und das führt dazu, zu erkennen, dass es Gott bestimmt möglich ist, dass er in verschiedenen Religionen Heilswege eröffnet. Dann höre ich auf damit, zu sagen, das konkurriert, sondern ich weiß, dass Menschen sich auf unterschiedliche Weisen auf den Weg zu Gott machen.
Ein ‚wahres' Vorbild ist Jesus. In der Bibel wird erzählt: Am Anfang hat er sich nur Juden zugewandt. Bis eine Ausländerin ihn verändern und er seine Grenze überschreiten konnte.
Das ist schon was, dass wir uns verlassen auf jemanden, der selber etwas lernen kann und der den Blick weitet. Das ist es, was der interreligiöse Diskurs immer und immer wieder uns aufgibt.
Das Ziel ist keine „Einheitsreligion". Vielfalt bereichert. Aber einen Traum für Mannheim hat sie.
Die Tatsache, dass das sich so einbürgert in dieser Stadt, das ist schon was, was ganz schön viel ist. Für mich eine von den ganz wichtigen Fragen: Wenn wir davor keine Angst mehr haben, dass wir das Läuten der Glocken und den Ruf des Muezzin gemeinsam hören.
Möchte ich das? Muezzin neben Glocken. - Und areligiöse Menschen - mögen sie so viel Religion tolerieren? Gut fände ich es. Fast ein Wunder. Aber das verspricht ja Pfingsten: ‚Es wird möglich, was man sich nicht vorstellen konnte, weil Gottes Geist Menschen bewegt.'
Ich weiß, der andere nebenan lebt mit einer anderen Wahrheit und gemeinsam wissen wir doch, dass wir ein Ziel haben, nämlich das Leben aus einem Gott, der der Welt Frieden schenken will und sich in Liebe ihr zugewendet hat. Das ist dann, denke ich, eine andere Erfahrung, die man mit Religion macht.
Ilka Sobottke hofft, dass ein neues Miteinander der Religionen auch deren Image bessert. Sie tun dem Gemeinwesen ja gut: Sind da für Arme, fördern Integration und geben Lebenssinn gegen Entwurzelung.
Und wenn Sie und ich das friedliche Potential unserer Religionen auch leben wollen? Zwei Ratschläge hat sie: Interesse am Leben der anderen haben und den „spirit", Religion offen zu leben.
‚Nun seid ihr hier, und es macht Sinn, dass man Euch wahrnimmt und sieht in der Öffentlichkeit."
Man muss nicht immer gleich theologisch wichtige Gespräche führen, man kann sich gegenseitig erzählen lassen: Was bedeutet für Euch Trauung, was macht ihr, wenn ein Kind geboren wird und sich gegenseitig einzuladen, immer wieder miteinander essen, ist, glaube ich , sowieso das Wichtigste.
Andrea Emmel trifft Rutger Hetzler
Sonntag, 19. Mai 2013

Gerechtigkeit - Ein Grundbegriff christlichen Lebens
Steuerhinterziehung schädigt die Gemeinschaft
Steuerhinterziehung und Schwarzgeldkonten, über dieses Thema wird in Deutschland gerade heftig diskutiert. Rutger Hetzler kennt sich damit aus. Seine Firma entwickelt Computerprogramme für Banken und Versicherungen, mit denen illegale Finanztransaktionen aufgedeckt werden können. Seine Meinung dazu ist eindeutig:
Wer Steuern hinterzieht, schädigt die Gemeinschaft. Wer Drogenhandel betreibt, schädigt die Gemeinschaft. Und solche Vergehen zu bekämpfen halte ich für extrem wichtig. Meiner Ansicht nach ist man viel zu nachlässig,man könnte viel viel mehr tun.
Eigentlich ist Rutger Hetzler im Ruhestand. Trotzdem treffe ich ihn in seinem Büro. Er hat gerne gearbeitet, sagt er. Und nach fast vierzig Jahren als Vorstandsvorsitzender eines It-Unternehmens will er seiner Firma verbunden bleiben. Denn seine Arbeit war für ihn mehr als ein Job. Mit Computerprogrammen seiner Firma können Banken und Versicherungen kriminelle Geldgeschäfte aufdecken. Geldwäsche unterbinden. Natürlich frage ich ihn zum Fall Uli Hoeness. Auch ein erfolgreicher Unternehmer. Und genau wie Rutger Hetzler hat sich der Bayern Manager sozial sehr stark engagiert. Gleicht das nicht die Steuerhinterziehung aus?
Ja das ist der, der sagt: ich hab vielen Menschen geholfen, auf die Beine zu kommen, oder Zukunft zu entwickeln, deshalb müsst ihr mir nachsehen, dass ich einen umgebracht habe. Kein Nachsehen, es wäre auch schlecht, weil dann genau das passieren würde, was man immer wieder hört, die Kleinen hängt man und die Großen lässt man laufen, auf Grund seiner Stellung käme er aus der Strafverfolgung frei - das geht nicht!
Keine Sonderrechte für Prominente, findet Rutger Hetzler. Weil sonst die Gemeinschaft nicht funktioniert. Die ist für den Unternehmer Hetzler ein kostbares Gut. Wie wirkt auf ihn das Jesus-Wort: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher ins Himmelreich?
Ja, das wird ja immer mit Reichtum, also sprich mit Geld in Verbindung gebracht.Das ist ja wohl in der Interpretation, die man dazu findet, durchaus anders ausgelegt. Das es eben nicht diesen Typ von Reichtum betrifft, Geld haben betrifft, sondern das ist das Kleben am Mammon, am Materiellen, Kleben an der Welt ist.
Sprich: Ein Christ muss nicht bettelarm sein, findet Rutger Hetzler. Im Gegenteil, Geld kann wie ein Talent gut eingesetzt werden. Jedes Jahr unterstützt die Firma ein soziales Projekt in der Region, hat zum Beispiel einen Kleinlaster für die Tafel gespendet:
Das machen wir gern, weil wir sagen, wir wollen auch als Firma der Gesellschaft etwas zurückgeben, von dem wir auch leben. Denn die Gesellschaft gibt uns ja auch mit all dem was sie haben an Rahmenbedingungen, die uns helfen unser Geschäft gut zu machen.
Ich merke: der Gedanke einer starken Gemeinschaft leitet Rutger Hetzler. Mir sitzt ein Mann gegenüber, der nicht auf protzigen Reichtum aus ist. Was ist ihm wichtig? Familie, Gesundheit, und ein sinnvolles Engagement in der Gemeinde. Unbezahlbar kostbar. Geld allein macht nicht unglücklich - ausser, wenn es das ganze Leben bestimmt. Man muss die richtige Bewertung finden, sagt Rutger Hetzler:
Das ist eigentlich das, was mich heute noch leitet, Geld wohl als ein Hilfsmittel zu betrachten, was man braucht, zum Leben, das aber nicht die zentrale Bedeutung hat, wie eine Menge andere Dinge im gesellschaftlichen Umfeld.
Seniorchefs können manchmal anstrengend sein. Wenn sie nicht loslassen können. Bei Rutger Hetzler ist das anders. Er hat zwar noch ein Büro in seiner alten Firma, aber er hat sich aus dem Alltagsgeschäft zurückgezogen. Er nimmt sich Zeit für unser Gespräch. Trotzdem hat er noch viel zu tun. Seit Jahren engagiert er sich in der Katholischen Pfarrgemeinde St. Georg in Bensheim. Ein Glücksfall für die Pfarrei. Weil Rutger Hetzler erfolgreich ein Unternehmen mit 100 Mitarbeitern geleitet hat, kennt er sich aus mit Finanzen. Dieses Talent setzt er im Verwaltungsrat der Gemeinde und im Stiftungsvorstand des Katholischen Klinikums ein. Es geht ihm nicht darum, Reichtümer an zu häufen, sondern:
Es kommt uns darauf an, das Vermögen sorgsam zu verwalten, es nicht zu verschleudern, nach Möglichkeit auch etwas zu vermehren, um auch die vielen Aufgaben die anliegen, abdecken zu können.
Die caritativen Aufgaben einer Pfarrei werden immer größer. Rutger Hetzler sorgt mit dafür, das finanzielle Polster der Gemeinde stabil zu halten. Seine Gabe wird zu seiner Aufgabe. Orientierung gibt ihm sein christlicher Glauben:
Der bestimmt natürlich das Koordinatensystem an dem man sich orientiert, und nach dem man lebt. Und das ist das auch, was man wichtig braucht. Ich hab viele Beobachtungen über die Jahre meines Lebens gemacht, das vielfach die gute Zusammenarbeit mit Leuten auch dadurch bestimmt war, das sie eben ein Koordinatensystem ähnlicher Art hatten.
Dieses Wertesystem trägt Rutger Hetzler. Aber es hat ihn auch in einen inneren Konflikt mit der Katholischen Kirche gebracht:
Kirche machts einem ja auch nicht immer leicht, es gibt ja auch so viele Elemente , wo man dann fragen muss, kann man damit sich eigentlich noch einverstanden erklären, Schwangerschaftsberatung ist für mich so ein Punkt gewesen, wo ich kurz davor war, der Kirche als Organisation Adieu zu sagen.
Da nimmt Rutger Hetzler kein Blatt vor den Mund. Die Kirche habe sich leider oft von der Lebenswirklichkeit, von den Sorgen der Menschen entfernt. Deshalb setzt er sich in seiner Pfarrei dafür ein, dass die Caritas, also die Nächstenliebe eine große Rolle spielt. Dafür widmet er auch seine eigene Zeit. Allerdings - Kirche ist für ihn mehr als nur ein Wohlfahrtsunternehmen. Der gemeinsame Gottesdienst ist ihm sehr wichtig:
Ich bin jemand, der Sonntags immer der Gottesdienst braucht, als rituellen oder als spirituellen Punkt, einmal in der Woche aus dem Alltag abzuschalten, und mal ne Stunde zu haben, in der man etwas stärker zu sich selbst kommt, vielleicht auch mit seinem Herrgott redet und auch über diesen Gottesdienst an sich Gnade - Auftrieb erfährt.
Am Schluss brennt mir noch einFrage unter den Nägeln - an den Fachmann zum Thema krimineller Finanzgeschäfte. Hat der Vatikan ein Problem mit Geldwäsche?
Die Vatikanbank hat sich bisher allen diesen Versuchen entzogen, sich diesen Auflagen, die die europäische Union gemacht hat, in Bezug auf Geldwäschebekämpfung zu unterwerfen. Ich glaube, dass das ein Hort für Mafiagelder ist.
Könnte Rutger Hetzler dem neuen Papst ein Softwareprogramm anbieten, dass Geldwäsche aufspürt?
Da könnte er mit rechnen - da kriegt er sogar eine Sonderpreis, wenn er das möchte.



