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SWR2 Lied zum Sonntag

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Dominik Frey

Von Dominik Frey, Baden-Baden, Katholische Kirche

München

Sonntag, 24. Juli 2016     [Druckversion]

Nach dem Amoklauf von München ist klar: Der Schrecken ist uns sehr nahe gekommen. Er ist nicht nur in Europa angekommen, sondern auch bei uns in Deutschland. Aber wie nahe ist er meinem Herzen gekommen? Wie betroffen bin ich von den schockierenden Nachrichten?

Ich finde, das hängt schon auch mit der Landkarte zusammen. Natürlich sind Menschenleben in Nizza, Istanbul und Bangladesch genauso wertvoll wie in München. Aber je näher eine Gefahr rückt, je konkreter sie  wird, desto mehr bin ich betroffen, weil es irgendwann auch mich treffen könnte. Und da spielt es keine Rolle, ob es ein Einzeltäter, ein Terrorist oder ein Amokläufer ist.

In erster Linie fühle ich mit - mit Opfern, Angehörigen und Traumatisierten. Ich möchte es fast nicht wahr haben, aber ich nehme auch eine leise Stimme in mir wahr, die sagt: „Ich habe genug, ich kann und will das nicht mehr hören.“ Und noch etwas schleicht sich ein, was im Zusammenhang mit Todesopfern fast wie ein Unwort klingt: Gewöhnung. Ich mag das nicht, weil ich nicht bereit bin, mich an Terror und Gewalt zu gewöhnen.

In der Nacht von München gab es aber auch Hoffnungszeichen. Viele Münchner haben über soziale Netzwerke ihre Wohnungen angeboten, um Gestrandeten einen Schlafplatz oder einfach nur kurz Unterschlupf zu bieten. Da das öffentliche Verkehrssystem lahmgelegt war, kamen viele nicht mehr vom Fleck, und die waren dankbar über die Aktion „Offene Tür“.

Der Zusammenhalt wird enger in Krisenzeiten. Und es wird mehr gebetet als sonst - an vielen Orten und im Netz unter dem Motto „Pray for Munich“ – „Beten für München“. Auf den ersten Blick ändert Beten nichts. Aber es hilft. Ich kann alles mit hineinnehmen: meinen Schock, meine Angst, meine Wut, meine Trauer, meine Erschöpfung und meine Gewöhnung. Und ich kann damit ausdrücken: ich bin solidarisch mit allen, die leiden und helfen.

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