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SWR2 Lied zum Sonntag

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Wolf-Dieter Steinmann

Von Wolf-Dieter Steinmann, Ettlingen, Evangelische Kirche

Der Himmel der ist, ist nicht der Himmel...

Sonntag, 22. Mai 2016     [Druckversion]

„Songs are dreams - Lieder sind Träume,“ so hat Bob Dylan sein Schaffen als Songpoet charakterisiert. Und sein deutscher Kollege Wolfgang Niedecken hat geschrieben: „Songs sind Träume. Fremde Länder, in die man immer schon hin wollte. Deja-vus von etwas, das noch wahr werden soll“.(Wolfgang Niedecken). Die Welt möge nicht bleiben wie sie ist.

Songs sind Träume: Bob Dylan und mit ihm viele Poeten erweisen sich so als Erben jüdisch-christlichen Denkens. „Deja-vus von etwas, das noch wahr werden soll.“ Jüdisch-christliches Denken hat immer etwas Visionäres. Das Lied aus dem evangelischen Gesangbuch, das ich Ihnen heute nahe bringen möchte, drückt das aus. „Der Himmel, der ist, ist nicht der Himmel, der kommt.“

Musik 1  Der Himmel der ist  Str 1u 2   0.28 min
            "coro piccolo" Leitung Christian-Markus Raiser

1. Der Himmel, der ist, ist nicht der Himmel, der kommt,
wenn einst Himmel und Erde vergehen.

2. Der Himmel, der kommt, das ist der kommende Herr,
wenn die Herren der Erde gegangen.

Der Schweizer Dichterpfarrer Kurt Marti hat dieses Lied 1971 geschrieben. Es besteht aus nur 5 knappen Sätzen. Und bringt trotzdem christliche Hoffnung in großer Weite zur Sprache. „Der Himmel, der kommt, das ist der kommende Herr, wenn die Herren der Erde gegangen.“ So die 2. Strophe, die wir gerade gehört haben.

Warum so kurz? Es wäre doch schön, mehr Zeit haben, sich singend einzuschwingen. Mehr Traumbilder sehen wie die Erde sich zum Guten wandelt. Ich habe den Eindruck, Marti verbietet es sich, zu schwelgen. Und vollzieht eine poetische Gratwanderung: Nicht stumm werden ohne Hoffnung, aber auch nicht visionär schwärmen.

Denn er weiß aus der Geschichte der politischen Utopien im 20. Jahrhundert: Wenn Menschen visionär überdehnen, werden sie schnell übermächtig. Setzen sich an Gottes Stelle.

Marti bleibt deshalb bei den Bildern, die die Bibel von Gottes künftiger Welt malt: Himmel auf Erden, eine Welt ohne Leid, ohne Gewalttat und Elend.
Eine fröhliche Stadt, in der Gott nicht mehr schmerzlich vermisst wird,
sondern wie ein guter Nachbar unter den Menschen wohnt.

Musik 2  Der Himmel der ist  Str. 3 und 4   0.28 min 

3. Der Himmel, der kommt, das ist die Welt ohne Leid, wo Gewalttat und Elend besiegt wird.
4. Der Himmel, der kommt, das ist die fröhliche Stadt, und der Gott mit dem Antlitz des Menschen.

 

Lieder sind Träume. Von Ländern so fern, dass man nie hinkommt?
Damit ist christliche Hoffnung nicht zufrieden. Sie will nicht weltfremd sein. Vor allem, gutes Leben soll der Welt nicht fremd bleiben.
Ich würde nicht christlich hoffen, wenn ich von einer Welt ohne Gewalt und Elend nur träume. Und das Leben bliebe gnadenlos. Ich will erleben, was ich erhoffe. Und andere auch. Wahres Leben soll wirklich werden.

Es ist darum kein Zufall, dass Kurt Marti in der letzten Strophe nicht in die Zukunft schaut. Sondern ein starkes Bild in die Gegenwart setzt. Wie Himmel und Erde zusammen kommen: „Der Himmel grüßt die Erde, wenn die Liebe das Leben verändert.“

Musik 3  Der Himmel, der ist Str. 5   0.15 min

5. Der Himmel, der kommt, grüßt schon die Erde, die ist, wenn die Liebe das Leben verändert.

Für mich ist Kurt Martis Lied auch ein Glaubensbekenntnis. Jesus hat Gott schon ein menschliches Gesicht gegeben und die Erde neu gesehen, als fröhlichen, menschlichen Ort. Wie Gott sie gewollt hat und wie sie werden soll. An diesem Bild möchte man doch mitmalen mit dem eigenen Leben.

Musik 4  Der Himmel, der ist  Str. 1 und 4   0.28 min

1. Der Himmel, der ist, ist nicht der Himmel, der kommt,
wenn einst Himmel und Erde vergehen.
4. Der Himmel, der kommt, das ist die fröhliche Stadt, und der Gott mit dem Antlitz des Menschen.

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