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Sabine Schwenk-Vilov

Von Sabine Schwenk-Vilov, Altenkirchen, Evangelische Kirche

Genug

Freitag, 22. Juli 2016     [Druckversion]

„Manchmal habe ich einfach genug“, hat mir neulich eine Frau erzählt, „dann kann ich einfach nicht mehr“. Eigentlich ist sie Rentnerin, hat sie gesagt, aber: „Der Haushalt ist da, jetzt habe ich endlich auch mal Zeit, mich um den Garten zu kümmern. Mein Mann und ich unternehmen viel miteinander. Und dann gibt es ja auch noch die Enkel, die gerne bei uns sind. Es gibt dann Tage, da bin ich den ganzen Tag in Aktion, da sehne ich den Abend herbei.“

Ich habe verstanden, was die Frau meint. Den ganzen Tag nicht zur Ruhe gekommen und abends fix und fertig. Manchmal geht es mir auch so.

So ging es anscheinend auch Elia, dem Propheten, von dem die Bibel erzählt. Der hat auch gesagt: „Es ist genug“, Elia kann nicht mehr, er ist am Ende seiner Kräfte. Und so vertraut er sich Gott an. „Es ist genug, so nimm nun, Gott, meine Seele!“ Und er legt sich hin und schläft. Nach einer Weile lässt Gott ihn wecken. Elia bekommt Brot und Wasser. Gestärkt und gekräftigt kann er dann weitergehen und wieder seinen Aufgaben nachkommen.

„Es ist genug“. Ja, manchmal reicht es einfach. Dann geht nichts mehr. Dann muss ich die Reißleine ziehen. Am besten ist es, wenn ich das selbst tue. Wenn ich erkenne – so wie Elia – dass ich am Ende meiner Kräfte bin.

Elia klagt Gott sein Leid, legt sich hin und schläft. Genau das ist meiner Meinung nach richtig. Im entscheidenden Moment erkennen, dass es zu viel ist. Und dann den Gang rausnehmen, Pause machen, sich erholen. Von Elia lerne ich: Dann wird Gott dafür sorgen, dass ich wieder zu Kräften komme.

Es kann ja manchmal auch genug an schönen Dingen sein: Besuch der Enkel, Unternehmungen mit der Familie, geselliges Beisammensein mit Freunden. Auch das macht müde und irgendwann kann es zuviel sein. Vor allem, wenn ich immer für alles sorgen muss.

Es ist genug. Das ist wichtig zu merken. Und dann Pause machen. Dann muss ich, den Abend nicht nur herbeizusehen, weil ich fix und fertig bin. Dann kann ich ihn genießen. Dann kann ich gestärkt und kraftvoll den Tag und den Abend angehen.

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Aufreger

Donnerstag, 21. Juli 2016     [Druckversion]

Manchmal muss ich mich einfach aufregen. Dann sitze ich da und schimpfe wie ein Rohrspatz über andere. Ich rege mich auf, wie so manche Menschen, die ich wirklich mag, zum Beispiel auf facebook über andere herziehen. Meistens geht es um Flüchtlinge: „Die wollen sich doch nur bereichern. Denen geht es gar nicht schlecht.“. heißt es dann. Menschen bilden sich Urteile stellen andere an den Pranger. Dabei wissen sie nur so ungefähr, was eigentlich los ist. Da läuft mir die Galle über.

Und dann zetere ich und zeige mit dem Finger auf die besagten Menschen: Wie kann man so etwas nur machen? Was bilden die sich ein, so zu urteilen? Menschen aufgrund ihrer Herkunft in eine bestimmte Schublade zu stecken, das gehört sich nicht.

Wenn ich dann so richtig sauer bin, merke ich oft gar nicht, dass ich das gleiche mache, wie die Menschen, über die ich schimpfe. Ich urteile, verurteile, ohne den genauen Hintergrund zu kennen. Und während ich mit dem einen Finger, dem Zeigefinger auf die anderen zeige, weisen drei Finger auf mich zurück.

Na toll! Und dann rege ich mich noch mehr auf. Nämlich nun über mich und über mein Verhalten.

Lasst uns aufhören, uns gegenseitig zu verurteilen! Achtet vielmehr darauf, den Bruder oder die Schwester nicht zu Fall zu bringen. Gebt ihnen auch keinen Grund, Anstoß zu nehmen. (Röm 14,13) Das hat vor langer Zeit der Apostel Paulus den ersten Christen in Rom geschrieben.

Und ich glaube, ich weiß was er meint: Nicht den Dreck vor der Haustür meines Nachbarn sehen und meinen eigenen unter den Teppich kehren. Nein, sondern erst einmal zu meinen Fehlern stehen, daraus lernen und so leben, dass andere sich nicht über mich aufregen müssen. Das wäre etwas. Ich glaube: Das würde dazu führen, dass so manches Urteil über andere nicht gefällt wird. Und dass mein Zeigefinger nicht mehr so oft zum Einsatz kommt um auf andere zu zeigen.

Einfach mal nicht verurteilen, sondern auf andere zugehen, nachfragen, warum einer bestimmte Urteile fällt. Um Verständnis bitten. Verzeihen und selber um Verzeihung bitten.

Ich glaube, da könnte ich mir so manche Aufregung ersparen.

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anders

Mittwoch, 20. Juli 2016     [Druckversion]

Bei unseren Freunden ist es anders. Ziemlich oft – habe ich den Eindruck. Das habe ich vor kurzem erst wieder beobachtet.

Unsere Freunde waren zu einer Party eingeladen worden. „Grillfleisch und alkoholfreie Getränke sind vorhanden“, so hat es in der Einladung gestanden, „Salate und alkoholhaltige Getränke sind mitzubringen.“

Unser Freund hat die Einladung vorgelesen und zu seiner Frau gesagt: „Was hältst du davon, wenn wir diesen Kichererbsensalat mache. Da habe ich vor kurzem doch dieses tolle Rezept gefunden.“ Seine Frau hatte darauf anscheinend keine Lust: „Ach, ich kaufe lieber eine Kiste Bier“, hat sie geantwortet.

So geht es ziemlich oft zu bei unseren Freunden. Eigentlich fast immer. Er kocht das Mittagessen, während sie den Rasen mäht. Und wenn er das Wohnzimmer aufräumt, bohrt sie mit der Bohrmaschine ein Loch in die Wand, um endlich mal das Bild aufzuhängen.

Manche Freunde machen ihre Sprüche deswegen und Bekannte gucken spöttisch. Ich finde das eher lustig und auch völlig normal.

Denn wichtig ist doch, dass die beiden damit klarkommen und dass es zwischen ihnen gut läuft.

Das gilt meiner Meinung nach auch für alle, die in traditionellen Rollenverteilungen leben.

Ich glaube, wenn Gott gewollt hätte, dass unsere Freundin gerne kocht und backt, dann hätte er ihr dafür mehr Talent und vor allem mehr Spaß daran geschenkt. Hat er aber nicht. Oder jedenfalls nicht ausreichend, wie ich meine. Stattdessen hat er scheinbar gewollt, dass sie im Garten arbeitet und Löcher in die Wände bohrt, während er sich um die Küche kümmert.

Ich finde meine Freunde klasse so wie sie sind. Und außerdem ist ihre Rollenverteilung gar nicht so unbiblisch. Zumindest was unseren Freund betrifft. Kochende Männer hat es schon vor mehr als 3000 Jahren gegeben. Das Alte Testament erzählt von Jakob. Der hat auch gekocht. Und zwar so gut, dass sein Bruder für ein Linsengericht seinen Erstgeburtssegen hergegeben hat.

Hergeben muss unsere Freundin für ein gutes Essen nichts. Bloß ab und an mal eine Kiste Bier kaufen. Und einfach alles mal anders machen.

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Schöpfungsmusik

Dienstag, 19. Juli 2016     [Druckversion]

„Mama, hör, so ein schönes Lied!“ Vor ein paar Tagen stand unser kleiner Sohn frühmorgens an meinem Bett. Hatte ich richtig gehört und verstanden? „Mama, hör, so ein schönes Lied!“ Es war gerade mal halb fünf.

Ich höre genau hin. Hat da jemand das Radio an? Wird im Gasthaus gegenüber gefeiert? Der Kleine klettert zu mir ins Bett und sagt: „So schön!“ „Was für ein Lied meinst du denn?“, frage ich. Inzwischen bin ich wach. „Na, die Vögel“, sagt er, kuschelt sich in die Decke und schläft weiter.

Aber ich bin wach und höre hin. Und stelle fest: Er hat recht. Draußen im Haselnussbaum und in der Birke probt ein kleines Orchester. Die Vögel zwitschern und pfeifen ihr Lied in den frühen Morgen. Für unseren Sohn sind es lauter kleine gefiederte Musiker, die ein frühes Konzert geben.

Was für mich so normal ist – Vögel zwitschern nun mal – ist für unseren Sohn etwas Besonderes: ein schönes Lied. Damit ist er – ohne, dass er es weiß – in guter Gesellschaft.

Im 17. Jahrhundert hat Paul Gerhardt gedichtet:

Die Lerche schwingt sich in die Luft,
das Täublein fliegt aus seiner Kluft
und macht sich in die Wälder;
die hochbegabte Nachtigall
ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Tal und Felder.

Unser Sohn hört als Kind ganz anders hin als ich es tue. Er hat ein offenes Ohr, er hat sich noch nicht an Selbstverständliches gewöhnt. Für ihn ist das Zwitschern der Vögel Musik. Und Paul Gerhardt hat darin das Lob für Gott den Schöpfer gehört.

Das würde ich gern wieder lernen. Dass ich neben oder unter all den Alltagsgeräuschen wieder die wunderbaren Vogelstimmen höre oder das Summen der Bienen im Garten. Und dass ich mich an Gott erinnern lasse, der das alles geschaffen hat. Musik der Schöpfung gewissermaßen. Vieles wird im meinem Alltag übertönt: das Telefon klingelt, Autos fahren vorbei, das Radio dudelt. So manches nehme ich gar nicht mehr wahr oder nehme es einfach so hin.

Manchmal brauche ich eine kleine Erinnerung an die wunderbaren Töne, die es im meinem Leben gibt. Es muss ja nicht morgens um halb fünf sein, aber gut ist es trotzdem, denn: Mama, hör, so ein schönes Lied!

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Nelson Mandela

Montag, 18. Juli 2016     [Druckversion]

„Ein Heiliger ist ein Sünder, der am Ball bleibt.“ Diesen Satz hat Nelson Mandela geschrieben. Heute wäre er 98 Jahre alt geworden. 2013 ist er gestorben, der südafrikanische Friedennobelpreisträger.

27 Jahre war er im Gefängnis, weil er sich für die Rechte der Schwarzen in seiner Heimat eingesetzt hat. Mandela war ein überzeugter Christ. In seiner Haftzeit hat er an seine Frau geschrieben: „Die Zelle ist der ideale Ort, um sich selbst kennenzulernen (...) seine Schwächen und Fehler. (...) Am Anfang fällt es vielleicht schwer, die negativen Bestandteile seines Lebens zu erkennen, doch der zehnte Versuch bringt vermutlich reichen Lohn. Vergessen wir nie, dass ein Heiliger ein Sünder ist, der am Ball bleibt.“

Ein Heiliger ist ein Sünder, der am Ball bleibt – mir gefällt diese Beschreibung eines Heiligen. Zeigt sie mir doch: Auch Heilige machen Fehler! Mal größere, mal kleinere. Der Glaube an Gott schützt mich nicht davor, Fehler zu machen. Und wenn auch Heiligen das passiert, dann doch mir als normalem Menschen auch. Was auch immer „normal“ bedeutet.

Aber ich bleibe als Christin am Ball. Ich finde mich nicht mit meinen Fehlern und Schwächen ab, sage nicht: Ach, ich kann doch nichts machen. Sondern ich bleibe am Ball. Ich sage: Ja, Menschen machen Fehler, ich auch, das passiert, das wird immer wieder geschehen, aber… Und das „Aber“ ist für mich entscheidend. Ich setze mich mit meinen Fehlern auseinander, verhalte mich zu ihnen, gehe mit ihnen um. Da gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens: Ich arbeite daran, die Folgen meiner Fehler auszubügeln. Zweitens: Ich strenge mich an, aus ihnen zu lernen. Dann werde ich wahrscheinlich auch weiterhin Fehler machen, aber hoffentlich nicht mehr die gleichen wie vorher. Mein Leben wird sich also verändern.

Nelson Mandela wollte kein Heiliger sein, aber er ist am Ball geblieben. Er hat gewusst: Ich bin kein fehlerfreier, perfekter Mensch! Aber ich lerne täglich dazu im Kampf gegen die Unterdrückung und für die Freiheit.

Wie er mit Worten und durch Gebete so vieles bewirkt hat, beeindruckt mich bis heute und macht mir Mut, am Ball zu bleiben.

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