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Manuela Rimbach-Sator

Von Manuela Rimbach-Sator, Oppenheim, Evangelische Kirche

Konzentration

Mittwoch, 25. Mai 2016     [Druckversion]

Manchmal braucht man etwas, das einen behütet. Damit man bei der Sache bleiben kann. Damit man sich konzentrieren kann.Das hat offenbar schon Lisa kapiert.

Lisas Mama fährt übers Wochenende zu einer Tagung, und Lisa möchte gerne mitkommen. Lisa ist zehn, und ihre Mama erklärt ihr, dass das nicht geht, weil sie sich während der Tagung nicht um Lisa kümmern kann. Lisa findet das nicht schlimm. Sie hat einen Lösungsvorschlag: „Dann passt eben ein Buch auf mich auf.“ sagt sie. Mit gefällt die Idee. Und die Formulierung. Ich kann mir gut vorstellen, wie das dann aussähe: Lisa, ganz versunken in einem Sessel, mit einem spannenden Buch. Die Mama irgendwo nebenan im Tagungsraum. Jetzt kann Lisa nichts passieren. Das Buch passt ja auf sie auf.

Die Zehnjährige stellt sich vor, dass das Buch sie behütet. Damit sie nichts tut, was Erwachsene für gefährlich halten. Mit dem Buch wird ihr nicht langweilig werden. Dann braucht sie die Mama in der Konferenz nicht zu stören.

Mir gefällt es, wenn ein Mensch ganz und gar versinken kann in das, was er tut. Ich glaube, Kinder können das besonders gut. Manchmal gelingt mir das auch. Beim Lesen, auch beim Musizieren, oder beim Nachdenken über ein Thema, und beim Beten. Dann ist alles andere ausgeblendet. Ich bin wie in einem Schutzraum. Es bringt mich nicht aus der Ruhe, wenn um mich herum Leute mit etwas ganz anderem beschäftigt sind. Im Zug, im Café, im Wartezimmer. Manchmal passt auch auf mich ein Buch auf.

„Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ So sagt ein Mensch in der Bibel zu Gott. Und ich stelle mir vor, dass er so etwas erlebt wie Lisa: Das Gefühl, dass alles in Ordnung ist um ihn herum: Gott ist in der Nähe. Und mir fehlt nichts. Alles, was es sonst noch passiert um mich herum, hat nicht wirklich eine Chance, mich zu irritieren oder zu stören. Ich bin ganz bei mir. Ganz bei meiner Sache. Ganz bei Gott.

Vielleicht haben Sie ja Lust, sich das einmal vorzustellen -- wie Sie für eine Zeitlang eintauchen in eine Musik, -- in ein Bild, das Sie betrachten oder in diesen Satz aus der Bibel: Du, Gott, von allen Seiten umgibst du mich und hälst deine Hand über mir.“
Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend!

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Gedächtnisstütze

Dienstag, 24. Mai 2016     [Druckversion]

Die kleinen gelben Zettel sind Gedächtnisstützen. Ich hefte einen an meine Handtasche. „Anrufbeantworter“ steht drauf. Wenn ich nachher aus dem Haus gehe, darf ich nicht vergessen, ihn einzuschalten.
„Brot“ schreibe ich auf einen Zettel und lege ihn neben die Kaffeetasse meines Mannes. Wenn er später einkaufen geht, soll er dran denken, eines mitzubringen.

Manche Zettel kleben schon über Jahre an einem Platz und fallen schon gar nicht mehr auf. Aber sie haben sich eingeprägt, so wie die Vokabeln auf dem Spickzettel und die Telefonnummer am Küchenschrank – Vom Zettel ins Gedächtnis, vom Auge ins Herz.

Meine Freundin braucht dafür nicht mal einen Zettel. Sie schreibt sich schon mal Sachen, die sie schnell festhalten will, auf die Hand. Bis sie zu Hause zum Händewaschen kommt, hat sie sich eingeprägt, was auf ihrer Hand notiert ist.

Von solchen Gedächtnisstützen ist schon in der Bibel die Rede.
„Schreib es über die Schwelle deines Hauses“, lautet die Anweisung dazu. „Und schreib es auf deine Stirn und in dein Herz.“ Es geht um das, was unbedingt wichtig ist. Worauf man sich verlassen soll.
Höre, Israel, Jahwe ist der Herr, dein Gott, der Herr ist Einer.

Von all den vielen Dingen, die sich ein Mensch im Laufe seines Lebens merken muss, ist das das Wichtigste. Und das soll nicht verloren gehen. Gott ist der Einzige. Ihm allein gehörst du. Er allein regiert. Keine anderen Götter neben ihm. Das ist das Glaubensbekenntnis Israels. Das gehört auch zu unserem christlichen Glauben. Das soll ich aufschreiben. Lernen. Verinnerlichen.

Der Herr ist Einer. Der Einzige. Dem gehörst du. Schreib dir‘s auf, vergiss es nicht. Hab es vor Augen, hab es im Herzen.
Der Eine, der an dich denkt. Der Eine, der dich nicht vergessen hat, der dich nicht allein lässt in der Kälte und in der Dunkelheit. Gott kommt dir entgegen und bringt dich nach Hause. „dein Gott, er allein, er, der Einzige.“

Es ist gut, von Zeit zu Zeit daran erinnert zu werden. Vielleicht sollte ich es auf so einen gelben Zettel schreiben und an den Küchenschrank kleben:
„Gott ist der Eine, der dich nicht vergisst.“

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Mutmachlieder

Montag, 23. Mai 2016     [Druckversion]

In schweren Zeiten hilft es, wenn man singen kann. Lieder können einen umstimmen. Von Moll nach Dur. Ich bewundere die Menschen, die das können: Sich selber wieder Mut machen mit Liedern und Musik. Und noch mehr bewundere ich die, die solche Lieder und solche Musik schaffen können.

Zum Beispiel Paul Gerhardt, ein Pfarrer aus Sachsen. Er hat in der Zeit des 30jährigen Krieges gelebt. Vor beinahe 400 Jahren hat dieser Krieg begonnen. Und Paul Gerhardt hat in den folgenden 30 Jahren mehrmals erlebt, wie Ortschaften dem Erdboden gleichgemacht wurden, die ihm wichtig waren. Und nach den Soldaten kamen Krankheiten und Hungersnot. Ganze Dörfer wurden ausgerottet.

Und trotzdem brachte Paul Gerhardt es fertig, in diesen Zeiten Gedichte und Lieder zu schreiben. Das allein finde ich schon erstaunlich. Noch mehr staune ich darüber, dass seine Gedichte nicht verzweifelt klingen. Im Gegenteil, Paul Gerhard spricht von dem, was ihm Hoffnung macht. Er bekennt, dass er auf Gott vertraut, trotz allem. Und er lobt Gott, weil der ihm Kraft gibt zum Aushalten und zum Durchhalten..

Manches von dem, was er formuliert hat, würde ich heute nicht so sagen können. Aber singen kann ich das. Und ich singe es gern.

Das ist so ähnlich wie bei Liebesliedern: Manche Worte bekommt man kaum über die Lippen, aber man kann sie singen, laut und freudig. Und dann wirken diese Lieder auf mich zurück. Sie wirken in mich hinein. Paul Gerhardts Lieder danken Gott für all das Gute im Leben – trotz allem. Das Gute, das übersieht man ja leicht. Paul Gerhards Lieder öffnen mir dafür die Augen. Wenn ich seine Verse singe, dann geht das nicht spurlos an mir vorüber. Sie helfen mir, Lob und Dank in mein Leben hinein zu singen.

Paul Gerhardts Texte haben die Fähigkeit, meine Gedanken zu weiten. Ich kann mich von ihnen mitnehmen lassen in eine neue Sicht auf die Welt und mein Leben. Und dann verändern sie meine Stimmung.
Wenn ich besonders entmutigt bin, hat ein Text von Paul Gerhardt Mut für mich. Zum Beispiel dieser:

Ist Gott für mich,
so trete gleich alles hinter mich.

So oft ich ruf und bete,
weicht alles hinter sich.

Hab ich das Haupt zum Freunde
und bin geliebt bei Gott,

was kann mir tun der Feinde
und Widersacher Rott?

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