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Thomas Steiger

Von Thomas Steiger, Tübingen, Katholische Kirche

Wenn mein Mond deine Sonne wäre

Dienstag, 28. Juni 2016     [Druckversion]

Ich erzähle Ihnen heute Abend eine Geschichte, die mich sehr berührt. Sie handelt von einem Enkel und seinem Opa. Andreas Steinhöfel hat sie aufgeschrieben.

Der Enkel heißt Max und ist neun Jahre alt. Eines Morgens, bevor er in die Schule geht, fällt ihm auf, dass ihm etwas fehlt – mehr als sonst. Er kann das richtig körperlich spüren. Dass sein Opa nicht mehr bei ihm zu Hause lebt, dass er ihn nicht jeden Tag sehen kann, das ist nicht gut. Max hat eine Riesensehnsucht nach ihm. Er steht auf, putzt die Zähne, packt seinen Rucksack und verlässt das Haus. 

Max - davon erzählt die Geschichte im folgenden - will seinen Großvater aus dem Pflegeheim entführen, in dem er seit einem Jahr lebt. Max vermisst seinen Großvater sehr. Und es gefällt ihm gar nicht, dass Opa weit weg ist: am Ende der Stadt, hinter Türen, die nur mit einer Zahlenkombination zu öffnen sind, von fremden Menschen betreut, die nicht viel Zeit für ihn haben. Wenn er fragt, weshalb der Großvater jetzt im Heim ist, heißt es: Er vergisst alles, er ist verwirrt, sein Verstand funktioniert immer weniger.

Max hört sich das an, aber sieht das ganz anders. Er geht also ins Heim und holt den Opa einfach raus. Mit dem Bus fahren sie an einen Ort namens Blumental. Dort erleben sie - und das ist der Kern der Geschichte - einen wunderbaren Tag. Wie im Paradies. Sie liegen auf einer Wiese, schauen in den Himmel, halten sich an der Hand und sprechen. 

In Steinhöfels Geschichte heißt es dann wörtlich:

Ich hab Angst“, sagte Max. Wovor?“ Dass ich irgendwann mal sage, weißt du noch?, und du weißt es nicht mehr. Und dass du ... dass du irgendwann vergisst, wie lieb du mich hast.“Max.“ Die vertraute Hand legte sich auf seine Schultern. Ein leichter Druck. „Keine Angst. Du musst keine Angst haben, Junge.“ Die zweite Hand zeigte nach oben, auf den über dem Waldstück stehenden, nebelblassen Mond. „Den Mond kannst du nicht immer sehen. Aber du weißt, dass er immer da ist. Ja?“ Max nickte. Gut. Mehr musst du nicht wissen. Mehr musst du wirklich nicht wissen. Ja?“ 

Am Ende des Tages ist der Opa wieder im Heim. Die Polizei hat sie gefunden und zurück gebracht. Und Max liegt abends in seinem Bett. Nur das mit seiner Sehnsucht, das ist ganz anders als vorher.

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Fallen können

Montag, 27. Juni 2016     [Druckversion]

Sind Sie heute schon gestolpert? Oder sogar hingefallen? Dann tröstet Sie vielleicht der folgende Satz: „Das Leben ist ein langer Sturz. Das Wichtigste ist, fallen zu können.“ Aufs erste Hören ist dieser Spruch kein wirklicher Trost. Das Leben - ein langer Sturz. Das verdirbt mir eher die Laune, wenn ich das höre. Weil ich nur mit Widerwillen bereit bin, mein Leben so zu sehen. Schließlich verwende ich einen guten Teil meiner Energie darauf, dass ich schöne Dinge erlebe, mein Leben in geordneten Bahnen verläuft und ich aufrecht bleibe. Ich will mir von dem, was misslingt, nicht die Stimmung verderben lassen. Nicht im Einzelfall und schon gar nicht aufs Ganze meines Lebens gesehen. Eigentlich kommt mir mein Leben wie ein großes Glück vor, wie ein unbeschwerter Spaziergang. Aber bilde ich mir das nur ein? Weil ich alles dafür unternehme, dass keiner die Narben sieht, die von meinen Stürzen geblieben sind? 

„Das Leben ist ein langer Sturz. Das Wichtigste ist, fallen zu können.“ Wenn ich auf die Jahre meines Lebens zurückblicke, kommen tatsächlich eine ganze Menge Stürze zusammen - kleinere und größere. Die größeren haben mein Leben verändert. Als mein Vater gestorben ist, bin ich Wochen später in ein tiefes Loch gefallen. Als mir die Arbeit über den Kopf gewachsen ist, haben meine Seele und mein Körper das auf einmal nicht mehr mitgemacht. Aber ich bin wieder aufgestanden. Heute weiß ich das. Und es fühlt sich gut an. Noch besser allerdings fühlt es sich an, wenn ich es zugeben und darüber sprechen kann. Ja, da hat es Abstürze gegeben, aber ich konnte wieder aufstehen. 

Eine Frage bleibt für mich trotzdem noch übrig: ob ich gut hinfallen konnte, ob ich das im Laufe der Jahre gelernt habe, zu fallen, so wie der Spruch es behauptet: „Das Wichtigste ist, fallen zu können.“ Da bin ich mir nicht so ganz sicher. Ich will nichts von einem langen Sturz hören und vom Fallen lieber auch nicht. Dabei weiß ich doch, als Theologe zumal, dass am Ende meines Lebens ein Sturz kommt, ein letzter Fall. Fragt sich nur: Wohin? Ich habe eine Hoffnung: Dass ich nicht ins Leere falle, ins Nichts. Sondern aufgefangen werde. Von Gott. Dem ich das zutraue. Nur ihm, keiner anderen Macht sonst. Und vorher habe ich noch eine zweite, kleinere Hoffnung: Dass ich es lerne, das Fallen zuzulassen. Vorher, schon jetzt, solange ich lebe, weil es zum Leben auf dieser Erde dazu gehört. Und nichts daran falsch oder schlecht ist.

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