Manuskripte

SWR4 Abendgedanken Rh-Pf

Woche vom 25.09.2011 bis 01.10.2011




Ralf Staymann

Von Ralf Staymann, Koblenz, Altkatholische Kirche

Eine kleine Tür...

Freitag, 30. September 2011     [Druckversion]

...der Eingang zur Geburtskirche Jesu

Wenn ich durch Türen gehe, verändert sich etwas in mir. Das ist meine Erfahrung. So ist es ein erhebendes Gefühl, wenn ich etwa durch das große Portal des Kölner Domes schreite und das Innere der Kathedrale betrete. Das gewaltige Portal stimmt mich darauf ein, in einen besonderen Raum zu gehen, einen heiligen Raum.  Es gibt aber nicht nur die großen geschmückten Portale, durch die ich einen Kirchenraum betrete. Auf eine ganz andere Kirchentür treffen Pilgerinnen und Pilger in Palästina. Im Heiligen Land. Es ist die kleine Tür zur Geburtskirche Jesu in Betlehem. Die Tür hat nur eine Höhe von 1,20 m. Vermutlich um berittene Angreifer aufzuhalten, wurde das ursprünglich große Portal verkleinert. Die Menschen nennen diese Tür heute das „Tor der Demut“. Jeder Mensch, der diese Kirche betreten möchte, muss sich bücken, sich klein machen, sich verneigen. Jeder Staatsmann, jeder Papst, jeder Mensch. Diese unscheinbare Tür erinnert daran, dass Gott Mensch geworden ist im Kind Jesus von Nazareth. Er hat sich klein gemacht, um uns nah zu sein. Betlehem ist der Ort, an dem dies spürbar wird. Und diese Tür ist ein besonderes Zeichen dafür. Ich freue mich darauf, bald dort sein zu können. Ich werde mich dann selber bücken müssen, um in die Geburtskirche zu gelangen. Mich verneigen, an dieser Tür, die nur Kinder aufrecht durchschreiten können. Ja, wenn ich durch Türen gehe, verändert sich manches Mal etwas in mir. Denn ich muss ja wieder hinausgehen. Ich habe neue Menschen kennen gelernt, neue Lebensmöglichkeiten entdeckt, Neues erfahren und Neues gesehen. Wenn ich zurück komme aus dem Land der Bibel wünsche ich mir neue Sichtweisen. Veränderte Blickwinkel. Manche Türen werden mir wohl verschlossen bleiben. Aber viele Türen werden mir hoffentlich offen stehen. So meine Hoffnung. Ich wünsche mir neue Einblicke auf das Leben der Menschen, die dort um Frieden ringen und selber auf offene Türen und Begegnungen hoffen.

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Erzengelfest und ....

Donnerstag, 29. September 2011     [Druckversion]

jüdisches Neujahrsfest

Es ist schön, dass heute zwei Feste zusammen fallen: das christliche Erzengelfest und das jüdische Neujahrsfest. Eigentlich haben sie nichts miteinander zu tun. Doch ich finde diese beiden so unterschiedlichen Festtage passen gut zusammen: die Engel, die Boten Gottes in meinem Leben, und der Blick auf ein neues Jahr, dessen Beginn unsere jüdischen Geschwister heute feiern. Und die Engel sind ja auch keine Erfindung des Christentums. Sie haben ihren Ursprung in der hebräischen Bibel – im Ersten Testament – im Glauben der Israeliten. So erschien Michael den Jünglingen im Feuerofen und rettete sie. Raphael war der Wegbegleiter des jungen Tobias im Buch Tobit. Gabriel prophezeite dem Propheten Daniel den Messias und verkündete an der Nahtstelle zum Neuen Bund die frohe Botschaft an Maria. Und Juden und Christen singen und beten bis heute in den Psalmen der Bibel: „Er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen“. Engel sind Boten Gottes, die uns schützen, stärken und begleiten möchten. Dieser Glaube an die Engel ist wie ein christlich-jüdisches Vermächtnis. In der wohl grausamsten Zeit der deutschen Geschichte, in der Millionen von Juden und unzählige Menschen aus der Bekennenden Kirche dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen, schrieb der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer über Engel: „Wenn es im alten Kinderlied von den Engeln heißt: zweie, die mich decken, zweie, die mich wecken, so ist diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte etwas, was wir Erwachsene heute nicht weniger brauchen als die Kinder.“ Viele Menschen entdecken heute für sich die Engel neu. Das ist für mich kein naiver Glaube, der noch in den Kinderschuhen steckt. Der Glaube an die Engel ist die Hoffnung und die Zuversicht: Ich bin nicht allein. Ich bin getragen von meinem Gott, der mir seine Engel an die Seite stellt, um mich zu behüten und zu begleiten. Ich wünsche Ihnen diese Hoffnung und unseren jüdischen Geschwistern ein von Engeln behütetes neues Jahr.

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Auf dem Berg Nebo

Mittwoch, 28. September 2011     [Druckversion]

Hab Frieden, so lange du lebst! Mose hat dieses Segenswort kurz vor seinem Tod auf dem Berg Nebo gesprochen. An der Stelle im heutigen Jordanien, an dem er vermutlich beerdigt wurde, und vor seinem Tod auf das Gelobte Land herab sehen konnte. Selber durfte er es nicht mehr betreten. Hab Frieden, so lange du lebst! Wie ein Vermächtnis liegt dieser Segen über die Weite dieser Region. Manche nennen diese wechselvolle Landschaft von Palästina und Israel das „fünfte Evangelium“. Dort leben sie alle zusammen: die Menschen aus den drei großen Weltreligionen: Christen, Juden und Muslime. Es ist ein Zusammenleben voller Spannungen und auch kriegerischer Auseinandersetzungen. Alles andere als friedlich. Immer wieder hören wir davon und sehen die Bilder. Oft genug kommt es zu Zwischenfällen im Grenzbereich zwischen Palästina und Israel. Wir wissen davon. Zu viele Menschen auf beiden Seiten sind diesem Unfrieden bereits zum Opfer gefallen. Und selbst in der Grabeskirche der Christen in Jerusalem geht es nicht immer friedlich zu. Dort bezeugen Menschen unterschiedlicher Konfessionen den Tod und die Auferweckung Jesu. Weil sich die armenischen, orthodoxen und katholischen Christen unter dem einen Dach der Kirche aber nicht verstehen, verwalten zwei muslimische Familien seit Jahrhunderten den Schlüssel und die Eingänge dieser Kirche. Ein spannungsgeladenes Zusammenleben also auch unter den Christen im Heiligen Land.  Alles andere als friedlich. Hab Frieden, so lange du lebst. Die Bitte des Mose ist bis heute unerfüllt. Im Schauen vom Berg Nebo herunter in die Weite wird alles klein, die Unruhen, die Spannungen. Aber sie sind noch da. Ich freue mich darauf, bald auf dem Berg Nebo sein zu können. Die Sehnsucht nach Frieden ist groß. Wenn ich am Ende der Reise meinen Koffer packe, dann möchte ich beides im Gepäck mit nehmen: die Hoffnung auf Frieden und die Sehnsucht nach Frieden. Des Friedens, der bekanntlich im Kleinen zuhause beginnt. Ich wünsche Ihnen einen guten Abend und eine gute Nacht.

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Wettag der Gehörlosen

Dienstag, 27. September 2011     [Druckversion]

Ich erinnere mich gerne an Jesus, der die Menschen heilte. Der den Tauben das Gehör, den Stummen die Stimme, den Blinden das Augenlicht und den Gelähmten die Bewegung zurück schenkte. Das eigentliche Wunder für mich: Jesus begegnet diesen Menschen auf Augenhöhe. Nicht von oben herab. Er ging zu ihnen in ihre Einsamkeit, er löste die Barrieren auf, und schenkte Begegnung und Gemeinschaft. Heilung geschieht für mich dann, wenn wir aufeinander achten. Wenn wir im Sinne Jesu behinderte Menschen in die Mitte holen. Er sagte zu dem Mann mit der verdorrten Hand: Steh auf und stell dich in die Mitte. Heute ist der Welttag der Gehörlosen. Annähernd 250 Millionen Mitmenschen sind es weltweit. Ich kann mir das nicht vorstellen, wie es ist, schlecht oder gar nicht zu hören. Ein gehörloser Mensch kann die Lautsprache nicht über das Hören erlernen. Der Zugang zur Schriftsprache ist viel schwerer. Die Gebärdensprache hilft ihnen dabei zu kommunizieren. Viele haben gelernt, das Gesprochene vom Mund des anderen Menschen abzulesen. Sicher: Es gibt heute hochsensible Hörgeräte, die auf jede Situation eingestellt werden können. Doch ich kenne viele Menschen, besonders ältere, die sich nicht so leicht damit tun. Die eher auf dieses Hilfsmittel verzichten. Dann ist es umso wichtiger, dass die gut Hörenden darauf Rücksicht nehmen. Blickkontakt und deutliches Sprechen, ohne Kaugummi im Mund oder einer Hand davor, sind für das Miteinander wichtig. Ein Gehörlosenseelsorger erzählte mir, dass die Situation der Gehörlosen besonders schwer sei, weil sie von der üblichen Kommunikation ausgeschlossen seien. Sie sind in dem Sinne nicht behindert, sondern werden behindert: sie können kein Radio hören, oft genug gibt es keine Untertitel im Fernsehen. Auch im normalen Gemeindegottesdienst verstehen sie vieles nicht. Ich wünsche mir, dass wir aufeinander achten, hörende und gehörlose, dass wir einander wahrnehmen, dass wir voneinander lernen.

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Wo Gott ist, da ist Zukunft

Montag, 26. September 2011     [Druckversion]

Er wurde von vielen Menschen mit Spannung und Freude erwartet: der Papst in Deutschland. Gestern Abend ist er wieder nach Rom zurückgekehrt. Ich gehöre nicht zur römisch-katholischen Schwesterkirche, ich brauche das Papstamt für meinen Glauben nicht. Ich kann auch ohne Rom gut katholisch sein. Doch die Botschaft der Reise, das Leitwort, spricht mich an: Wo Gott ist, da ist Zukunft. Ein Wort, das verbindet. Christinnen und Christen aller Konfessionen können sich in diesem Wort wieder finden. Wo Gott ist, da ist Zukunft. Ich vertraue darauf, dass Gott in mir und allen Menschen guten Willens wirkt. Dass er uns allen hilft, die Zukunft zu gestalten. Innerkirchlich gibt es da ganz unterschiedliche Ansätze und Vorgaben. Manche davon führen uns näher zueinander, andere manchmal auseinander. Es geht darum, dass wir die Zukunft gemeinsam gestalten, weil wir daran glauben, dass Gott sie uns geschenkt hat. Gestern haben wir in unseren Gemeinden den Diakonie - oder Caritassonntag begangen und damit einen Blick gerichtet auf die Menschen am Rande unserer Gesellschaft. Diese Menschen stehen oft leider auch am Rande unserer Kirchen, Gemeinden und Gemeinschaften. Sie sehen oft keinen Sinn mehr in ihrem Leben und erkennen für sich keine Zukunft. Konkret sind in unserem Land rund 15 % der Menschen, also etwa 12 Millionen, bedürftig oder von Armut bedroht und leben am Rande des Existenzminimums. Ich glaube, dass ist das, worauf die Menschen in unserem Land hoffen. Dass die Kirchen hier ihren Auftrag stärker wahrnehmen. Wo Gott ist, da ist Zukunft. Dieses Wort bleibt hohl und leer, wenn wir es nicht spürbar mit Leben füllen. Der Papstbesuch in Deutschland hat viel Geld gekostet. Das verstehen viele Menschen nicht. Die Investition hat sich gelohnt, wenn die Botschaft angekommen ist. Wenn das ökumenische Miteinander aller Kirchen einen neuen Schwung erfahren hat. Wenn der Blick neu geschärft wurde für die Menschen, die am Rande ste

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