Manuskripte

SWR4 Abendgedanken Rh-Pf

Woche vom 18.09.2011 bis 24.09.2011




Christian Hartung

Von Christian Hartung, Kirchberg, Evangelische Kirche

Die Telefonnummer Gottes

Freitag, 23. September 2011     [Druckversion]

Kennen Sie die Telefonnummer Gottes? 50 15 heißt sie - nach Psalm 50, Vers15. Dort steht: "Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen."
Nun, Gott kann ich natürlich nicht mit dem Telefon anrufen! Oder besser gesagt: Ich brauche dafür kein Telefon. Übers Telefon kann ich andere Notrufe absetzen. Dafür gibt es die Notrufnummern 110 und 112.
Und so alt die "Telefonnummer Gottes" ist - ich kann gar nicht fassen, dass es diese beiden Notrufnummern bundesweit und flächendeckend erst seit 38 Jahren gibt. Ein Kind musste dafür sterben: Björn Steiger. Der Neunjährige wurde im Jahr 1969 auf dem Nachhauseweg vom Schwimmbad von einem Auto angefahren. Passanten alarmierten sofort die Polizei und das Rote Kreuz. Obwohl noch mehrfach angerufen wurde, dauerte es fast eine Stunde, bis der Krankenwagen eintraf. Björn starb nicht an seinen Verletzungen, sondern am Schock. Seine Eltern Ute und Siegfried Steiger gründeten bereits wenige Wochen nach Björns Tod die "Björn Steiger Stiftung". Hilda Heinemann, die Frau des Bundespräsidenten, unterstützte sie und öffnete der Stiftung die Türen in die Politik.
Die Björn Steiger Stiftung setzte sich für deutschlandweite einheitliche Notrufnummern ein. Am 23. September 1973 war es dann endlich so weit: Seitdem haben wir die 110 für die Polizei und die 112 für die Rettungsdienste.
Wenn ich mitbekomme, wie Menschen schwer verletzt werden, dann rufe ich natürlich zuerst die 112 - sie gilt mittlerweile fast überall in Europa. Doch dann darf ich auch Gott anrufen. 5015. Psalm 50, Vers 15. Rufe mich an in der Not. Und ich will dich erretten, verspricht Gott. Also: Einen Moment innehalten. Aus dem Bannkreis des Unglücks heraustreten. Gott kommt nicht mit Blaulicht und Martinshorn. Doch ich spüre, wie er mir seine Stärke, Ruhe und Kraft gibt. Ich lasse die Not einen Moment lang hinter mir und leihe mir Gottes Atem. Im Vertrauen auf diese Kraft des Himmels kann ich vielleicht helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Es ist gut, dass ich alle Notrufnummern kenne: die irdischen und die himmlische.

Das dritte Programm

Donnerstag, 22. September 2011     [Druckversion]

"Das gibt's bei uns nicht! Entweder du hältst dich an unsere Regeln oder du brauchst mit uns nicht mehr zu rechnen! Etwas Drittes gibt es nicht!"
Wie mich solche Sätze aufregen! Und dann ertappe ich mich, wie ich gleich einsteige in dieses Entweder-Oder-Spiel: "Entweder verstehn die mich jetzt - oder sie lassen es eben bleiben!"
Doch manchmal fasse ich mich an den Kopf und frage mich: Gibt's hier eigentlich auch noch ein drittes Programm?!
Im deutschen Fernsehen gibt es das seit heute genau 47 Jahren. Bei uns Christen schon ein paar Jahre länger.
Schalten wir mal um: Jerusalem. Vor fast 2000 Jahren. In einer der Hallen des Tempels sitzt Jesus. Um ihn herum steht eine große Menschenmenge, Juden wie er. Jesus legt ihnen die Gebote Gottes aus, wie sie in den 5 Büchern Mose stehen. Die Leute hängen an seinen Lippen. Wie lebendig er das alles erklärt! Endlich versteht man das mal!
Natürlich passt das den Gelehrten nicht, die eigentlich für diese Auslegungen zuständig sind. Sie bringen eine Frau zu ihm, die beim Ehebruch erwischt wurde, und fragen: Mose hat uns geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?
Ja, was soll Jesus sagen? Da ist sie, diese Entweder-Oder-Falle. Entweder muss die Frau sterben und die vielen Zuhörer werden sich von Jesus abwenden. Oder er nimmt die Partei der Ehebrecherin ein. Dann wird es heißen: Der legt sich die Gebote auch zurecht, wie es ihm gerade passt!
Jesus - bückt sich und schreibt mit dem Finger auf die Erde. Als die Gelehrten ihn weiter bedrängen, sagt er nur diesen einen Satz: "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie." Da gehen sie alle beschämt weg.
Das ist das dritte Programm. Jesus lässt sich nicht in die Entweder-Oder-Falle locken. Er gibt den anderen Zeit, zu erkennen, wie unsinnig ihre Alternative ist. Damit eröffnet er allen einen neuen Weg. Die beschuldigte Frau wird ihn als Erste gehen.
"Entdecke die Möglichkeiten!", fordert eine bekannte Möbelhauskette auf. Ja, ein guter Rat! Denn vor Gott gibt es meistens mehr als zwei Möglichkeiten.

Die Blaue Mauritius

Mittwoch, 21. September 2011     [Druckversion]

Es gibt Tage, da mag ich mich gar nicht! Da sehe ich nur, was ich alles nicht kann und nicht weiß. Da fällt mir nur auf, was ich schon wieder nicht geschafft habe. Da bin ich reizbar, unleidlich und unerträglich. Ja, es gibt solche Tage!
Und nun lese ich, dass an diesem Tag, am 21. September, zwei kleine Papierstückchen Geburtstag haben. Die sind so unscheinbar, dass sie auf meinem übervollen Schreibtisch leicht verloren gehen könnten. 164 Jahre sind sie heute alt, die beiden Papierstückchen, weltberühmt - und Millionen wert! Es sind die Rote und die Blaue Mauritius. Die bekanntesten Briefmarken überhaupt. Auch wer keine Marken sammelt, hat irgendwann einmal von ihnen gehört.
So viel Aufhebens um zwei kleine schlecht ausgeschnittene, langweilig bedruckte Stücke Papier?! Das gibt mir zu denken. Ist Gott nicht eigentlich auch so ein Sammler?
Unter den Milliarden Menschen sind ja schon einige recht seltsame Marken! Und leider auch solche, zu denen mir gar nichts mehr einfällt - die finde ich so entsetzlich, um die muss sich Gott selbst kümmern.
Aber ansonsten: Sind wir für Gott nicht auch so eine Blütenlese unkopierbarer Einzelstücke? Je seltener eine Marke, desto teurer ist sie. Von der Blauen Mauritius gibt es nur noch zwölf Exemplare. Na ja, denke ich: Mich gibt es nur einmal! Da stellt sich nicht einmal die Frage nach einem Fehldruck. Und auch der Mensch, der mir da gerade über den Weg läuft und mir sehr seltsam vorkommt, ist ein unbezahlbares Einzelstück in Gottes Sammlung. Nun, jede Sammelleidenschaft hat schon etwas Verrücktes!
Doch seit mir bewusst geworden ist, dass ich auch so ein unbezahlbares Einzelstück bin, gehe ich etwas gnädiger mit mir um. Wenn ich Gott wirklich so viel wert bin, dann kann's schon nicht ganz so schlimm sein! Auch wenn ich vielleicht nicht die Blaue Mauritius in Gottes Sammlung bin! Obwohl - wer weiß?!

Unfollkommen ..., aber geliebt

Dienstag, 20. September 2011     [Druckversion]

Heute ist Weltkindertag. Richtig, denken vielleicht einige unter Ihnen: Für die Kleinsten unserer Gesellschaft kann nicht genug getan werden! Na ja, wenden vielleicht andere ein: Um unsere Kinder wird doch heute viel zu viel Wesen gemacht! Davon werden sie maßlos und wissen gar nicht mehr, welche Regeln gelten und wo es Grenzen gibt!
Ich sage: Genau darum muss es einen Weltkindertag geben. Nicht um alle Kinder kümmern sich liebevolle Eltern, Großeltern und andere Erwachsene. Nicht alle Kinder haben einen sicheren Rahmen, in dem sie ihre Begabungen entwickeln und entfalten können. Viele Kinder kennen keinen Rahmen, weil es niemanden gibt, der sich darum Gedanken macht. Wir brauchen einen Weltkindertag für die Kinder, die körperlich und seelisch überfüttert werden, die alles haben, nur keinen, der auf ihre Bedürfnisse antwortet. Wir brauchen einen Weltkindertag für die Kinder, denen Unmengen an Lernstoff zugemutet wird, ohne dass sie ihn einordnen können. Und für die Kinder, die alles über Sex wissen, aber nichts von der Liebe. Die nicht wissen, wie Menschen einander Halt und Sicherheit geben und wo sie solchen Halt finden.
Viele Erwachsene interessieren sich für die so genannte Kaufkraft der Kinder. Aber nur wenige für ihre Gaben und Fähigkeiten - und Ausbildung und Arbeit gibt es längst nicht für alle. Nicht nur für Straßenkinder und Ghettojugendliche brauchen wir den Weltkindertag, sondern auch für unsere Kinder. Die unter uns leben. Die laut sind und immer mehr dürfen, aber denen immer weniger zugehört wird.
Sogar die Jünger Jesu haben Erwachsene daran hindern wollen, ihre Kinder zu Jesus zu bringen, lese ich in der Bibel und denke: Also damals auch schon! Als die Kinder dann doch zu Jesus kommen dürfen, geht er ganz anders mit ihnen um, als es die Menschen erwarten. Er nimmt sie in den Arm, er nimmt sie ernst - und sagt den Erwachsenen: Werdet wie die Kinder!
Was heißt das?
Die Antwort habe ich neulich auf dem T-Shirt eines kleinen Mädchens gelesen: "Unfollkommen ..., aber geliebt." "Unvollkommen" mit "f" geschrieben.

Ötzi

Montag, 19. September 2011     [Druckversion]

Erinnern Sie sich an "Ötzi"? Ich meine jetzt nicht DJ Ötzi, den österreichischen Schlagersänger, sondern die Steinzeitmumie aus den Ötztaler Alpen in Südtirol.
Vor über 5000 Jahren kam ein Mann dort ums Leben. Ein Gletscher verbarg die Leiche und konservierte sie. Heute vor 20 Jahren gab der Gletscher die Mumie wieder frei.
Sie wurde untersucht und erforscht. Was bleibt von einem Menschen, wenn keiner mehr lebt, der sich noch an ihn erinnert? Die Mumie erzählt uns, dass Ötzi ein Mensch war.
Aber hatte er auch eine Familie - Menschen, die ihn liebten und die ihn vermissten, als er nicht mehr aus den Bergen zurückkam? Wenn er morgens aufwachte, hatte er dann eine bestimmte Vorstellung von seinem Tagesablauf? Und wenn er sich abends schlafen legte, gingen ihm da Ereignisse und Begegnungen des zu Ende gegangenen Tages durch den Kopf? Welche Hoffnungen, Wünsche und Träume hatte er - und welche Ängste, Sorgen und Nöte? Welches Essen hat ihm besonders gut geschmeckt - auch wenn der Speiseplan in der Steinzeit nicht sehr abwechslungsreich war? Was hat ihn wütend gemacht und was hat ihn zum Lachen gebracht? Was machte ihn glücklich, was betrübte ihn?
Wir haben nichts als eine vom Eis konservierte Mumie. Die beantwortet uns alle diese Fragen nicht. Der Mann aus der Steinzeit bleibt uns fremd - und war doch bestimmt in vielem ganz ähnlich wie wir.
Ungefähr in der Mitte der Zeit, die uns von Ötzi trennt, dichtete ein anderer Unbekannter diese Worte: "Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt."
Wir sind wie Ötzi nur ein Staubkorn in der Geschichte der Welt. Und doch sind wir für Gott etwas Besonderes - auch Sie, auch ich; egal, was kommt. Gott erinnert sich in alle Ewigkeit an uns. Ich finde, das ist ein wunderbarer Gedanke, um mit ihm diesen Tag zu beschließen!