
Von Peter Annweiler, Mannheim, Evangelische Kirche
Protestantische Jugendkirche Ludwigshafen
Mittwoch, 08. September 2010
Vor einem Jahr hat sie ihre Pforten geöffnet: Die protestantische Jugendkirche Ludwigshafen. Jetzt hat sie sich mit Leben gefüllt.
Unter dem Dach der Versöhnungskirche in Ludwigshafen-Süd sind kirchliche Dienste zusammen gerückt. Das hat alle bereichert. Und in der Jugendkirche ist ein „Raum zum Wachsen" entstanden.
Teil I
Aus der Not eine Tugend machen. Das ist die Herausforderung für die Kirche in den großen Städten. So war das auch bei der Jugendkirche. Kerstin Bartels ist die Stadtjugendpfarrerin von Ludwigshafen:
Die Grundlage ist eigentlich ne traurige Geschichte, nämlich die Versöhnungskirche - wie die Jugendkirche auch noch heißt - hatte einen großen Dachschaden, hier ist in großen Mengen Wasser durchs Dach gekommen und die Kirchengemeinde sah sich nicht mehr in der Lage, diese Sanierung aus eigener Kraft zu stemmen.
Und da mussten sie phantasievoll sein, um ihre kirchliche Räume und Angebote erhalten zu können.
2006 fingen in Ludwigshafen die Planungen an, die Räume der Versöhnungskirche zu sanieren und Raum für mehrere Einrichtungen zu schaffen: Für die bisherige Kirchengemeinde, die Jugendkirche, das Stadtjugendpfarramt, die Evangelische Jugend und den Gemeindepädagogischen Dienst.
„Raum zum Wachsen" - so haben die Initiatoren in der Planungsphase ihr Projekt vorgestellt - und wenn ich mir die Ergebnisse anschaue, dann ist da schon ganz schön viel gewachsen: Die neuen Räume sind hell und großzügig. Sie sind voller Leben. Und sie sind gewachsen, weil Jugendliche nach ihren Ideen befragt wurden und sich eingebracht haben. Vor allem aber ist etwas gewachsen, was manche gar nicht mehr für möglich halten: Dass sich Generationen und Dienste mischen. Und nicht nur jeder vor sich hinwurschtelt.
Florian Grieb ist einer der jungen Mitarbeiter:
Ich finde es sehr interessant, dass wir hier so ne WG zusammen leben. Es ist ja nicht nur die Jugend, die hier zu Hause ist, sondern eben auch die Gemeinde, der Kindergarten, der gemeindepädagogische Dienst, das Stadtjugendpfarramt und hier treffen ganz viele Generationen aufeinander. Und es ist so interessant, wenn wir zum Beispiel bei ner Jugendosternacht gemeinsam mit verschiedenen Generationen am Tisch sitzen und das gemeinsam erleben: Mit älteren Leuten, mit jüngeren Leuten, mit Kindern, eben alle zusammen.
Wenn es Kirche gelingt, so mit ihren Räumen umzugehen, dann ist sie nah an ihren Träumen: Unterschiedlichste Menschen und Generationen im Licht von Gottes verbündender Kraft zusammenzubringen, den Traum von der versöhnten Verschiedenheit wirklich werden zu lassen. - Dazu kommt, was Kerstin Bartels glücklich macht:
Und das schönste für mich jetzt hier in Ludwigshafen Stadtjugendpfarrerin zu sein ist, den Vergleich zu haben zwischen vorher: nämlich keine eigene Kirche zu haben, sondern immer andere Kirchen anzufragen, ob wir zu Gast sein dürfen. Und das schönste jetzt ist eben, Gastgeberin sein zu können.
Wenn Kirche gastfreundlich daher kommt, dann ist sie ganz nah an ihrem Auftrag, finde ich.
Teil II
Sofas vom Sperrmüll. Dazu dann mehr schlecht als recht gestrichene Wände. Und das ganze ohne Tageslicht im Keller: So sah es in meiner Jugend oft in Jugendräumen aus. - Das war einmal.
Heute wollen Jugendliche eine ansprechende Umgebung mit frischen Farben, Tageslicht und vielen medialen Möglichkeiten. Selbst wenn es etwas zu essen geben soll, dann muss es nach was aussehen. In der Jugendkirche Ludwigshafen laufen diese Tendenzen erfolgreich zusammen. Gastfreundliche Räume sind entstanden. Sie bieten nicht nur einen Treffpunkt, sondern auch Möglichkeiten für Veranstaltungen.
Vanessa Görner ist 19jährige Schülerin und arbeitet in der Jugendkirche mit:
Es sind meistens über 50 Leute da. Die Atmosphäre ist meistens sehr gemütlich. Es gibt meistens auch Essen: Drei -Gänge -Menue und das Licht ist gedimmt oder bunt. Also, wir lassen uns schon einiges einfallen.
Und dafür sucht die Jugendkirche auch die Kooperation mit anderen Einrichtungen. Die Catering-Klassen der nahen Berufsschule, suchen für ihre Ausbildung Praxisfelder. Das kommt bei den Mitarbeitern der Jugendkirche gut an.
Christian Fuß:
Es ist super, was die hier aufgetischt haben. Es ist einfach sehr gut, so Fingerfood mal. Und, wo ich mich genau dran erinnern kann, war dann der Nachtisch, wo sie's unten hingestellt haben und haben dann vor allen Leuten Crepes gemacht - also es war einwandfrei, was die geleistet haben.
Dazu kommen dann noch Musik und Technik. Gerade in Jugendgottesdiensten ist es wichtig, eine ansprechende Musik zu haben.
Natürlich hat Gottesdienst mit Technik zu tun. Wenn ne Band spielt, dann muss die abgenommen werden, die Gitarren, ein Klavier, Gesang natürlich- der ist ganz wichtig - das muss alles abgenommen werden. Und da braucht man eben Leute dazu.
Und die kommen, weil Jugendliche hier etwas selbst gestalten, entwickeln und zeigen.
Im Blick auf die Musik startet die Jugendkirche jetzt im September das Bandprojekt „GimmeMusic": Konzert mit Buffet, Casting und Coaching - all das ist vorgesehen, um Jugendliche zu fördern und zu fordern. Räume und Progammm kommen bei Jugendlichen gut an.
Vanessa Augustin kennt die Gründe:
Es ist alles sehr offen. Es ist bunt gestaltet. Und auch Gottesdienste und unsere Veranstaltungen sind nicht eingestaubt, es ist immer Leben drin. Und eigentlich findet jeder was, selbst wenn er sich für die Predigt nicht begeistern kann - gibt's immer Musik oder Workshopangebote, mit denen man jemand gewinnen kann.
Das Motto „Raum zum Wachsen" erfüllt sich so für die einzelnen, die ihren Weg suchen und finden. Aber auch für die Anzahl derer, die die Jugendkirche besuchen. Die wird nämlich immer größer. Und das finde ich erstaunlich in einer Stadt, in der Kirche mit kleiner werdenden Gemeinden klar kommen muss.
Teil III
Jetzt bin ich selber nicht allzu alt, also erst Mitte Dreißig, aber schon viel zu weit weg von dem, dass ich behaupten könnte, dass ich weiß, was Jugendliche wollen. Und dazu brauche ich immer Jugendliche, die ich befragen kann und fragen kann: Eh, was findst du interessant was machst du gerade, wie würdest du Kirche verändern wollen, damit sie auch für dich interessant ist?
Das sagt Kerstin Bartels, die Stadtjugendpfarrerin von Ludwigshafen. Sie liebt an ihrer Arbeit, dass sie ganz dicht dran ist an dem, was junge Menschen empfinden und wollen, eben auch von der Kirche. Und da macht sie auch die Entdeckung,
dass es Jugendlichen wichtig ist, bestimmte Aussagen zu treffen, manche sich auch trauen, über ihren Glauben zu reden. Und, dass da ein ganz großes Bedürfnis ist, in einem geschützten Raum auch über Fragen an Gott aber auch einfach andere Fragen, die das Leben angeht, zu sprechen
Wer genau hinschaut, sieht: Das Bild von Jugendlichen, die ohne Religion leben, ist falsch. In einer unübersichtlichen Welt suchen Jugendliche heute vielleicht sogar mehr als früher nach Lebenssinn. Verändert hat sich freilich die Selbstverständlichkeit, mit der Jugendliche zur Kirche finden.
Vanessa Augustin, ehrenamtliche Mitarbeiterin:
Früher war es eher der Zwang, in die Kirche zu gehen, mein Vater musste als Messdiener so als Familienehre in der Kirche dienen, und die Jugendlichen, die heute in der Kirche mitarbeiten, sind wirklich auch mit Freude dabei. Die bei uns mit dabei sind, machen das gerne und nicht, weil die Eltern sie dahin geschickt haben.
Wichtig ist, Jugendliche über attraktive Formen anzusprechen und so ein Stück gemeinsames Leben aufzubauen. Dann kommen Lebensfragen von alleine. Vanessa Görner weiß, wie sich das für Jugendliche verbindet:
Jeder sucht mal ... nen Halt im Leben. Und meistens finden sie den dann doch bei Gott oder Jesus. Die sehen ja dann unsere Veranstaltungen und werden neugierig und fragen: Kann man da vielleicht helfen? Und da haben wir natürlich offene Türen für. Also Jugend fragt.
Dass es auf diese Fragen auch Antworten gibt, erfährt man eigentlich nur, wenn man nicht nur sitzt und redet. Sondern, wenn man zusammen aufbricht, sich auf den Weg macht, etwas gemeinsam tut. Und das gefällt mir bei der Entwicklung der Jugendkirche Ludwigshafen, die gerade mal den ersten Geburtstag feiert: In gastfreundlichen Räumen, mit toller Musik und kreativen Gottesdiensten machen sich viele unterschiedliche Menschen auf den Weg. Und sie erfahren dabei, was der Philosoph Martin Buber so ausdrückt: „Welchen Raum uns Gott einräumt, können wir nur erkennen, wenn wir drauf losgehen!"
Schön, wenn das in der Jugendkirche gelingt.
Aber es kann auch in Ihrem und meinem Leben gelingen.



