Manuskripte

SWR4 Abendgedanken B-W

Woche vom 09.08.2009 bis 15.08.2009




Sabine Drecoll

Von Sabine Drecoll, Evangelische Kirche

Labyrinth

Freitag, 14. August 2009     [Druckversion]

Waren Sie schon einmal in einem Labyrinth? Ich meine nicht so ein aufgemaltes wie in der Kathedrale von Chartres. Nein, ich meine einen Irrgarten, ein Labyrinth wie es im Moment in vielen Maisfeldern angelegt ist. Mit hohen Mauern aus Pflanzen links und rechts, mit unübersichtlichen und verwirrenden Wegläufen.

In einem solchen Labyrinth verliert man alle Orientierung. Und wenn sich gerade die Sonne versteckt, dann weiß man noch nicht mal mehr, in welche Himmelsrichtung man gerade läuft und wohin man sich wenden müsste, um hinauszukommen.

Praktisch, dass jetzt jemand herausgefunden hat, wie man aus so einem Labyrinth, wie man aus jedem Labyrinth herauskommen kann:
Sie gehen einfach in das Labyrinth hinein und entscheiden sich für eine Seite, rechts oder links, das ist ganz egal. Dann legen Sie eine Hand an die Wand dieser Seite – und laufen einfach los. Das einzige, was Sie beachten müssen, ist: Sie dürfen nie die Seite und die Hand wechseln, an der entlang Sie Ihren Weg gehen wollen – wenn Sie das beherzigen, dann kommen Sie raus aus dem Labyrinth – ohne große Verirrungen!

Wenn es im Leben nur auch so einfach wäre!
Das Gefühl, dass auch das Leben manchmal wie ein Labyrinth sein kann, das kennen Sie ja wahrscheinlich auch. Das Gefühl, dass man manchmal nicht mehr weiß: wohin soll ich gehen? Was erwartet mich hinter der nächsten Biegung? Und das bange Gefühl, wenn der Weg nicht gerade verläuft und das Ziel noch hinter tausend Ecken und Wendungen versteckt liegt.

Da wäre es schön, wenn es auch für unser Lebenslabyrinth eine Faustregel gäbe, mit der man sicher durchs Leben käme. Und Wände, an denen man sich entlang hangeln kann, bis man den Ausweg findet!

Aber vielleicht gibt es das ja doch.
Jeder von uns hat wahrscheinlich seine eigene Strategie, wie er gut durch`s Labyrinth des Lebens kommt. Und jeder hat hoffentlich auch etwas, auf das er sich stützen kann.
Für mich sind meine Familie und meine Freunde solche Halt gebenden Wände auf meinem Lebensweg. Auf sie konnte ich mich bisher immer verlassen und auf sie kann ich mich stützen, wenn mein Weg gerade besonders steinig oder unübersichtlich ist.

Und für mich ist auch Gott ein solcher Halt. „Du hältst mich bei meiner rechten Hand. Du leitest mich nach deinem Rat“, sagt ein Beter in einem Psalm zu Gott. Solchen Rat findet man auf ganz unterschiedlichen Wegen, glaube ich. Mal in den Worten einer Freundin. Mal buchstäblich über Nacht. Mal nach langem Suchen…
Wenn ich so einen Rat finde, dann merke ich: Gott hält mich an der Hand. Und weil ich darauf vertraue, kann ich meinen Weg sicherer gehen – denn ich weiß: egal, was hinter der nächsten Ecke ist:
Gott ist da und wird mir notfalls den richtigen Weg zeigen.
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Wundersames Bauwerk

Donnerstag, 13. August 2009     [Druckversion]


Ich habe Ihnen für heute Abend eine Geschichte mitgebracht.
Mal sehen, ob Sie darauf kommen, wovon da die Rede ist.

Es kam einmal ein Millionär zu einem Architekten: “Bauen sie mir das höchste Haus der Welt“, sagte er.
“Geld spielt keine Rolle.“ Der Architekt verbeugte sich: “Gerne – ich stehe ganz zu ihrer Verfügung!“

Dann erklärte der Millionär dem Architekten genau seine Wünsche: “Das Haus soll aussehen wie ein hoher, schlanker Turm.“ “Kein Problem!“, antwortete der Architekt.

“Es soll mindestens eintausendfünfhundert Meter hoch sein.“ „Auch das lässt sich machen!“, lächelte der Architekt.

“Und innen in den Hochhaus möchte ich Aufzüge haben und alle notwendigen Versorgungsleitungen und Verbindungsgänge.“ “In Ordnung“, sagte der Architekt schon etwas kleinlauter.

“Das Haus darf aber nur einen Durchmesser von vier Metern haben!“ Der Architekt nickte stumm.

“Und die Wände dürfen höchstens einen halben Meter dick sein.“ Der Architekt schluckte.

Aber die Sonderwünsche des Millionärs waren noch nicht zu Ende:
“Der Turm muss elastisch sein und sich im Wind biegen können“, sagte er. „Und oben in der Turmspitze möchte ich eine Fabrik, die für die Energieversorgung des gesamten Hauses ausreicht.“ Der Architekt wird blass und fällt in Ohnmacht.

Die Geschichte vom Millionär und seinem Architekten ist natürlich erfunden – aber so einen Turm, der vierhundert Mal höher ist als sein Durchmesser, den gibt es wirklich. Und das nicht nur als einmaliges Weltwunder, sondern millionenfach – und wahrscheinlich sogar ganz in Ihrer Nachbarschaft.

Ein Getreidehalm ist so ein wunderbarer Turm.
Die Wand eines Weizen- oder Roggenhalms ist nur einen halben Millimeter dick, sein Durchmesser beträgt vier Millimeter, seine Höhe rund tausendfünfhundert Millimeter.

Der Getreidehalm ist also tatsächlich vierhundert Mal höher als sein Durchmesser.
Und in seinem Innern gibt es ein Kraftwerk, das fortwährend Wasser, Energie und Nährstoffe transportiert, damit der Getreidehalm ganz oben in der Ähre die Körner produzieren kann.

„Wie wunderbar sind deine Werke, Gott!“ staunt ein Mensch in den Psalmen der Bibel. Ich finde: Allein ein Blick auf einen Getreidehalm gibt ihm Recht.
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Schuld

Mittwoch, 12. August 2009     [Druckversion]


In Reutlingen ist vor einiger Zeit ein Kind gestorben. Ein drei Monate alter Säugling ist an seinen schweren Schädelverletzungen gestorben. Anscheinend hat seine Mutter ihm das zugefügt. Das Jugendamt stand in der Kritik. Aber es trägt keine Schuld, das hat jetzt die behördliche Aufklärung des Falls bestätigt.
Keine Schuld!?
„Wenn am Ende ein Kind tot ist, kann niemand für sich in Anspruch nehmen, dass es gut gelaufen ist.“ Das hat der Reutlinger Landrat in einer Pressekonferenz gesagt. Und hinter diesen Worten klingt die leise Ahnung mit, dass es vielleicht doch eine Schuld geben könnte, die jenseits der offiziellen Rechtsprechung steht.

Warum tun wir uns eigentlich so schwer damit, Schuld zu tragen und Schuld zuzugeben? Warum streiten wir unsere eigene Schuldhaftigkeit so konsequent ab?

Auch ich nehme mich da nicht aus. Ich kann es auch nicht gut haben, wenn ich an irgend etwas schuld bin. Das Gefühl, jemandem etwas Schlimmes angetan zu haben, und sei es nur ein böses Wort, nagt dann in mir und ich versuche, es zu vergessen und zu verdrängen.

Es tut weh, wenn andere einen verurteilen. Und wenn ich mich selbst verurteilen muss, dann schäme ich mich vor mir selbst. Das ist, finde ich, das Schlimmste an der Schuld, das nagende Gefühl in mir selbst, in meinem Gewissen, das keine Ruhe gibt. Man kann versuchen zu vergessen, zu verdrängen, aber davon wird man die Schuld nicht los. Im Gegenteil, sie beherrscht einen immer mehr.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mein Gewissen erst dann Ruhe gibt, wenn ich hin stehe und zu meiner Schuld stehe, wenn ich darüber rede, wenn ich mich entschuldige für ein unbedacht ausgesprochenes Wort oder eine falsche Handlung.

Und was mir auch hilft, ist das Versprechung, dass ich immer auch zu Gott kommen kann.

Das Neue Testament ist voll von Geschichten, wo Menschen mit Schuld auf dem Gewissen zu Jesus kommen – und sie werden nicht enttäuscht. Denn Jesus wendet sich nicht von ihnen ab. Er schaut sie liebevoll an und spricht sie frei von ihrer Schuld: „Dir sind deine Sünden vergeben – gehe hin in Frieden“.

Gott kann Schuld vergeben. Ihm kann man die Schuld eingestehen. Und weiterleben und versuchen, es anders und besser zu machen.
„Geh hin in Frieden“ - ich finde das befreiend – für meine Gewissen und vor Gott.
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Tränen

Dienstag, 11. August 2009     [Druckversion]


Mit welchem Auge beginnen Sie zu weinen?
Bei meiner Tochter ist es auf jeden Fall das linke Auge. Das hat sie mir als wissenschaftliche Erkenntnis vor ein paar Tagen mitgeteilt.
Aber auf ihre Frage, aus welchem Auge denn bei mir die erste Träne kullert, konnte ich ihr keine Antwort geben. Es ist zugegebenermaßen auch schon länger her, seit ich das letzte Mal geweint habe.

„Wenn ich mal wieder weine, achte ich darauf“, habe ich Lena versprochen. „Quatsch!“, hat da mein zweijähriger Sohn gesagt: „Mama weinen nix“.
Und es stimmt: Lena und Jan haben mich, wenn ich mich recht erinnere, noch nie weinen sehen. Für sie ist Weinen eigentlich nur etwas für Kinder.

Ich weine nur, wenn mal eine besonders traurige Szene im Fernsehen kommt, vielleicht noch beim Tod eines geliebten Menschen – aber das habe ich zum Glück bisher nur selten erleben müssen. Ansonsten verkneife ich mir das Weinen eher, auch wenn mir manchmal schon danach ist.

Meine Kinder sind da anders. Lena und Jan sind glückliche und zufriedene Kinder. Aber sie weinen trotzdem oft. Sie weinen, wenn sie wütend oder eifersüchtig sind. Sie weinen, wenn sie sich hilflos fühlen, ungerecht behandelt und natürlich, wenn sie sich stoßen oder verletzen. In solchen Momenten ist ihnen nur ihr Schmerz wichtig, der äußere oder der innere – alles andere um sie herum tritt in den Hintergrund. Und mir scheint immer: das Weinen tut ihnen gut. Als wenn der Schmerz irgendwie weg gespült wird.

Eigentlich dumm von uns Erwachsenen, dass wir das Weinen so verlernt haben. Denn auch die Wissenschaft zeigt: jede ungeweinte Träne ist schädlich für unseren Körper.
Trauertränen oder Wuttränen haben – biochemisch betrachtet – nämlich eine andere Zusammensetzung als die Tränen, die wir beim Zwiebelschneiden oder aus Freude vergießen. Durch Trauertränen verlassen Giftstoffe den Körper. Werden sie nicht geweint, bleiben sie in uns drin.
Und die „Gefühlstränen“ können sogar noch mehr: Sie enthalten eine Substanz, die schmerzlindernd wirkt. Durch das Weinen beruhigt sich unser Körper also selbst. Jede einzelne Träne, die warm und salzig über unser Gesicht läuft, lässt uns etwas loslassen, reinigt uns, heilt uns.

Ich finde: Tränen sind Gottesgeschenke für unsere Seele und für unseren Körper.
Schade, dass wir Erwachsene uns das so oft entgehen lassen.

Vielleicht sollte ich das nächste Mal, wenn ich traurig oder wütend bin, die Tränen einfach fließen lassen.

Und ich werde dann auf jeden Fall darauf achten, aus welchem Auge die erste Träne kullert
– schließlich bin ich meiner Tochter noch eine Antwort schuldig.
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Worte

Montag, 10. August 2009     [Druckversion]


Es gibt Worte, die können die Welt verändern – manchmal reicht dazu schon ein einziger, gedankenlos ausgesprochener Satz.

Wenn ich meine Freundin Anne ansehe, dann sehe ich eine gepflegte und gut gekleidete 50jährige Frau – normal gebaut, normal attraktiv. Wenn meine Freundin Anne in den Spiegel sieht, dann erblickt sie eine hässliche, bestenfalls unscheinbare graue Maus – und das geht ihr seit 40 Jahren so.
So lange ist es her, dass ihr Vater den einen entscheidenden Satz sagte, der seitdem Annes Bild von sich prägt: „Du bist die Kluge in unserer Familie und Christiane ist die Hübsche.“

Ihr Vater hat diesen Satz nur einmal gesagt und er hat ihn nicht böse gemeint – aber er hat mit seinen Worten Schlimmes angerichtet – bei beiden seiner Töchter.
Denn die hübsche Christiane lebte fortan in dem Glauben, zwar hübsch, aber eben ein bisschen dumm zu sein.
Und die kluge Anne ist seitdem davon überzeugt, dass sie hässlich ist und dass alle Menschen um sie herum das genau so sehen.

Worte können die Welt verändern – diese Aussage gilt leider für negative Worte mehr als für liebevolle Worte. Aber gerade weil das so ist, sollten wir versuchen, so viele gute Worte wie nur irgend möglich in die Welt zu setzen. Immer und überall, wo es sich anbietet – und selbst, wenn solche liebevollen Worte für viele Menschen erst einmal ungewohnt sind.

Ich versuche in meinem Privat- und Berufsleben das Meine dazu beizutragen:
Ich bedanke mich im Geschäft ausdrücklich für die nette Beratung.
Ich sage Männern wie Frauen in meinem Bekanntenkreis, wenn ihnen einen Kleidungsstück besonders gut steht oder sie besonders strahlend aussehen.
Und ich spreche meine Mitarbeiter und Kollegen an auf das, was sie besonders gut können oder was ihnen besonders gut gelungen ist.

Am Anfang haben manche Menschen in meinem Bekanntenkreis fast verschämt oder sogar unwirsch auf solche Komplimente reagiert, aber mittlerweile genießen sie es fast und gehen mit einem Lächeln auf dem Gesicht in den weiteren Tag.

Ich glaube an die Macht der Worte – und ich glaube daran, dass liebevolle und gute Worte auf Dauer sogar die Macht von verletzenden Worten brechen können.
Aber das gelingt nur, wenn die guten Worte die Überhand bekommen!

Darum meine Bitte an Sie: Machen Sie doch einfach mit!
Jeden Tag ein gutes Wort und – Sie werden sehen – die Welt wird sich verändern.
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