Manuskripte

SWR4 Abendgedanken B-W

Woche vom 02.08.2009 bis 08.08.2009


„Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist“ (Herbert Grönemeyer)

Freitag, 07. August 2009     [Druckversion]

Guten Abend, liebe Hörerin, lieber Hörer.
„Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist.“ So heißt es in einem Lied von Herbert Grönemeyer. Nein, hier geht es nicht um eine Jugendliche, die sich einfach gern von Musik in ohrenbetäu-bender Lautstärke zudröhnen lässt. Da steckt mehr dahinter: „Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist, … dann vergisst sie, dass sie taub ist“.
Musik lässt eine Gehörlose ihr Taubsein vergessen? Im ersten Moment kommt einem das vielleicht komisch vor: In der Regel denkt man bei Musik ja zunächst an Melodien, an Harmo-nie und Klang – und das können Gehörlose nicht wahrnehmen. Da gibt es aber auch noch den Rhythmus eines Stücks und die Schallwellen der einzelnen Töne, die das Trommelfell und – in der Regel ganz unbemerkt – den ganzen Körper zum Schwingen bringen. Wenn Musik laut genug ist, sind Rhythmus und Schallwellen körperlich spürbar – das kennen wir alle, wenn uns etwa wummernde Bässe oder Paukenschläge in unmittelbarer Nähe durch Mark und Bein gehen. Gehörlose spüren die feinen rhythmischen Schwingungen der Schallwellen und die Vibrationen des Rhythmus viel besser.
Streng genommen ist es also nicht die Musik, sondern sind es die durch die Musik erlebbaren Rhythmen, die dieses gehörlose Mädchen im Lied von Grönemeyer so glücklich machen und die sie ihr Taubsein vergessen lassen.
Und das nun ist kein Wunder. Rhythmus ermöglicht Leben und zeugt von Leben: Das zeigen etwa die Rhythmen unseres Leibes – der Herzschlag, der Rhythmus von ein- und ausatmen, schlafen und wachen – oder die Rhythmen der Natur – Tag und Nacht, Ebbe und Flut, Som-mer und Winter. Da, wo Rhythmus ist, da ist Bewegung, da ist Leben. Wenn das gehörlose Mädchen laute Musik ‚hört‘, erlebt es Rhythmus und kommt so mit Leben in Kontakt – trotz ihrer ‚toten‘ Ohren und trotz ihrer Isolation. Und das tröstet und belebt sie, das bringt sie in Schwung und sie fühlt sich quicklebendig.
Und so ist es auch mit den Rhythmen des Lebens: Es tut gut, auf den Tages-, Wochen- und Jahresrhythmus zu hören und sich darauf einzulassen. Ein einigermaßen ausgewogener Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung, zwischen Arbeit und Freizeit, fasten und genießen, reden und schweigen, Alleinsein und Gemeinschaft, geben und nehmen, hält ge-sund und macht lebendig. Oder mit anderen Worten: Wer sich auf die Rhythmen des Lebens einschwingt, bleibt im Takt und kommt in Schwung.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen guten Wochenausklang und dann einen schönen Sonntag.

„Sieh doch mein Elend, o Herr“ (Klgl 1,9)

Donnerstag, 06. August 2009     [Druckversion]

Tag des Gedenkens an den Atombombenabwurf auf Hiroshima 1945

Guten Abend, liebe Hörerin, lieber Hörer.
„Sieh doch mein Elend, o Herr“ (Klagelied 1,9) – im Buch der Klagelieder im Alten Testament lesen wir diese flehentliche Bitte. Und in der Tat: das Elend, das hier beklagt wird, ist ent-setzlich: Jerusalem, eine vormals prächtige Stadt, ist von Feuer verwüstet, der Tempel liegt in Trümmern, Kinder und Greise wurden niedergemetzelt, Mädchen und Frauen vergewaltigt. Ein Großteil der Bevölkerung ist deportiert, die letzten Übriggebliebenen sind verzweifelt, trostlos. Das, was bei der Zerstörung von Jerusalem durch die Babylonier um 590 v. Chr. passiert ist, war für das Volk von Judäa ein Desaster.
Ähnlich entsetzt schauen wir auf die Verheerung der japanischen Stadt Hiroshima am Ende des 2. Weltkriegs. Heute vor 64 Jahren wurde die erste in einem Krieg eingesetzte Atombom-be dort abgeworfen. Eine Katastrophe unbeschreiblichen Ausmaßes: Durch die Druckwelle war innerhalb von einer halben Minute 80 Prozent der Innenstadtfläche dem Erdboden gleich-gemacht. Es entstand ein Feuerball, der so heiß war, dass noch in 10 Kilometer Entfernung Bäume in Flammen aufgingen. Von den 250.000 Einwohnern der Stadt wurden ungefähr 90.000 sofort getötet, in den Wochen danach starben etwa 60.000 weitere Menschen an Verbrennungen, Verletzungen, den Auswirkungen der nuklearen Strahlung.
Es scheint nicht möglich, für solch unsägliches Leid überhaupt Worte zu finden. Und wäre es nicht auch viel angemessener angesichts des Schicksals dieser Stadt und ihrer Bevölkerung zu verstummen?
„Sieh doch mein Elend, o Herr“ – die Menschen des Alten Testaments haben eine Sprache gefunden, die ihrem Entsetzen, ihrer Erschütterung, ihrer Fassungslosigkeit Ausdruck verlieh: das Klagelied. Hier brachten sie das unsägliche, unfassbare Leid ins Wort und vor Gott.
Die Klage benennt die Erfahrungen von Leiden und Not: nichts muss hier verschwiegen, ver-harmlost oder verdrängt werden. So kann sie die Sprachlosigkeit stummen Leidens und un-terdrückten Zorn überwinden: Sein Herz auszuschütten, sich Luft zu machen ist ein erster Schritt aus der Ohnmacht heraus, der Horizont kann sich wieder öffnen, die eigene Sichtwei-se kann sich verändern. Und weil die Klage aufdeckt, was schwer, was unrecht ist, was nicht sein soll, kann sie auch ein wichtiger Impuls zu Veränderungen sein.
Die Klage spricht Gott an. Damit ist sie auch ein Schritt aus dem Gefühl der Gottverlassenheit heraus, ja, das Klagelied ist eine Weise, „Gott daran zu hindern, einen zu verlassen“ – so hat es die jüdisch-niederländische Schriftstellerin Etty Hillesum vor ihrer Deportation nach Auschwitz in ihrem Tagebuch formuliert.
„Sieh doch mein Elend, o Herr!“ Auch wir dürfen klagen: das kann uns helfen, aus der Ohn-macht herauszukommen, Not-wendende Schritte zu sehen und zu gehen und zu spüren, dass Gott uns beisteht.

Vgl. Eingezeichnet in deine Hände, hg. v. C. Stroppel, S. 11

„Welch ein Geschenk ist ein Lied“ (Reinhard Mey)

Mittwoch, 05. August 2009     [Druckversion]

Guten Abend, liebe Hörerin, lieber Hörer.
„Welch ein Geschenk ist ein Lied“ – so singt Reinhard Mey. Ob der Berliner Liedermacher da-bei wohl auch die Lieder im Sinn hatte, die wir in der Bibel finden können? Biblische Lieder – das sind etwa die Psalmen, das Hohelied der Liebe oder auch die verschiedenen Christus-hymnen in den Briefen im Neuen Testament. Auch das Magnificat, der Lobgesang Marias, gehört hier dazu – und welch ein Geschenk ist dieses Lied!
Das Magnificat hat der Evangelist Lukas überliefert. Er berichtet, dass Maria in die Berge ging, um Elisabeth zu besuchen, eine ältere Verwandte, die ein Kind erwartete. Maria war zu diesem Besuch aufgebrochen, nachdem der Engel Gabriel ihr verheißen hatte, dass auch sie ein Kind bekommen würde und dass dieses Kind Jesus, der Sohn Gottes, ist. Auf die Begrü-ßung von Elisabeth antwortet Maria mit einem Lied.
Es ist allerdings nicht einfach das Lied einer Frau, die ein Kind erwartet und singt, weil sie vor Freude, Glück und Dankbarkeit fast zerspringt oder weil sie vielleicht auch ein bisschen gegen ihre Angst ansingt, schließlich kommen mit der Schwangerschaft tiefgreifende Veränderungen und eine große Verantwortung auf sie zu. Maria singt hier auch kein harmloses Wiegenlied für ihr ungeborenes Kind.
Maria singt ein Loblied auf Gott. Sie preist Gott, weil er sie, eine einfache Magd, auserwählt und ‚Großes an ihr getan hat‘, weil er – so singt sie – „die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht, die Hungernden mit seinen Gaben beschenkt und die Reichen leer aus-gehen lässt“, sie lobt und dankt Gott, weil er mit seinem Volk Erbarmen hat und alle rettet, die an ihn glauben und ihm vertrauen (nach Lukas 1,46-56).
In diesem Lied geht es also nicht um Marias eigenes Leben, ihre persönlichen Hoffnungen, ihre private Familienidylle. Sie singt von dem, was dieses Kind, das sie erwartet, darüberhi-naus bedeutet – und das ist umwerfend: Gott zeigt, dass er eindeutig auf der Seite der Schwachen, der Armen, der Hungernden steht, er kehrt die Verhältnisse um, so dass die Menschen in Not und Elend wieder Leben und Würde gewinnen, dass sich Unterdrückung in Gerechtigkeit wandelt, dass Rettung möglich ist.
Wenn ich die Worte dieses Lobgesangs höre, bete oder singe, geht mir das Herz auf: Die un-bändige Freude Marias steckt mich an, ihr Glaube und ihre Hoffnung helfen mir, zu glauben und zu hoffen, und gleichzeitig spüre ich die Herausforderung und die Ermutigung, meinen Teil mit dazu beizutragen, dass Gerechtigkeit, Würde und Leben möglich werden.
Welch ein Geschenk ist dieses Lied!

„Singt dem Herrn ein Lied“ (Exodus 15,21 bzw. 2. Mose 15,21)

Dienstag, 04. August 2009     [Druckversion]

Guten Abend, liebe Hörerin, lieber Hörer.
‚Vom Regen in die Traufe‘ – so muss es den Israeliten einst vorgekommen sein: Erst leben sie als Gefangene in Ägypten, müssen schwerste Sklavenarbeit verrichten. Dann können sie endlich losziehen, weg von den verhassten Unterdrückern, hin zur Freiheit, hin zu einem bes-seren Leben – aber sie landen in einer Falle: Vor ihnen das Schilfmeer, hinter ihnen die ägyp-tische Streitmacht, die ihnen nachjagt. Da scheint es kein Entrinnen zu geben: Sind sie also aufgebrochen, um dann doch nur zu sterben? Selbst das kümmerliche Leben in Ägypten ist doch immer noch besser als der Tod und die, die gezaudert haben, die lieber da bleiben woll-ten, die das bekannte Elend dem Schrecken des Neuen und Unsicheren vorzogen, scheinen recht behalten zu haben.
Und dann geschieht das ganz und gar Unglaubliche: Das Meer teilt sich, so dass die Israeliten es trockenen Fußes durchqueren können. Und hinter ihnen schlagen die Fluten wieder zu-sammen. Das gesamte ägyptische Heer kann ihnen nichts mehr anhaben. Die Israeliten ha-ben es also tatsächlich geschafft: Die Gefahr ist überstanden, alle Angst fällt von ihnen ab, Unterdrückung und Demütigung liegen hinter ihnen. Sie sind endgültig befreit und gerettet!
Was für eine überwältigende Erfahrung! Worte genügen nicht, um die grenzenlose Erleichte-rung, die überschäumende Freude eines solchen Moments auszudrücken. Da muss man la-chen, jubeln, tanzen, singen. Miriam, die Schwester von Mose und Aaron, lässt ihren Gefüh-len freien Lauf. Sie schlägt die Pauke zum Tanz und stimmt ein Lied an, in dem sie ihre Erfah-rungen zum Ausdruck bringt: „Singt dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben!“ (E-xodus 15,21 bzw. 2. Mose 15,21)
Es ist ein Jubellied, weil sie und ihr Volk gegen jede Hoffnung überlebt haben, weil sie geret-tet und befreit sind. Und gleichzeitig ist es ein Lob Gottes, denn Miriam ist sicher: Das war nicht einfach Glück und das war auch nichts, was man aus eigener Kraft und mit eigenen Mit-teln schaffen kann. Das ist nur Gott zu verdanken: Gott ist es, der rettet. Gott führt auch da ins Freie, wo keine Wege sind. Gott räumt aus dem Weg, was klein macht, lähmt und das Leben bedroht. Gott bewirkt, dass man aufbrechen und durchhalten und ankommen kann.
Für uns ist dies auch ein Hoffnungslied: Das Volk Gottes hatte keine Chance und dennoch hat Gott es gerettet und befreit. Und was damals geschah, ist auch uns zugesagt: dass Gott neue, unerwartete Wege öffnet und aus Not und Bedrängnis hinausführt ins Weite. Aller-dings: Gehen müssen wir selbst.

„Mein Herz fließt über beim Hören der Musik.“ (Martin Luther)

Montag, 03. August 2009     [Druckversion]

Guten Abend, liebe Hörerin, lieber Hörer.
Schon die alten Griechen haben es gewusst: Musik wirkt und hat Macht. So erzählt die Sage, dass Orpheus mit seinem Gesang und Saitenspiel wilde Tiere zähmte und Felsen zum Weinen brachte. Ja, er schaffte es sogar mit seiner Musik, die Mächte des Totenreiches dazu zu be-wegen, ihm seine geliebte Eurydike wieder zurückzugeben.
Wir erleben aber auch am eigenen Leib, welchen Einfluss Musik auf uns ausüben kann. So fühlen wir uns getröstet, wenn wir unser Lieblingsstück hören, ein Popsong kann die schöns-ten Erinnerungen wachrufen, und auch die langweiligste Arbeit geht uns mit Schwung und Elan von der Hand, wenn wir nebenher flotte Schlager hören. Musik kann beruhigen und be-flügeln, sie kann beleben und in Bewegung bringen, sie kann uns zu Tränen rühren und tiefe Glücksgefühle in uns auslösen. Sie kann aber auch verführen und gleichschalten. In diesem Sinne wird sie dann oft genug benützt und missbraucht: So sollen uns sanfte Töne in Kauf-häusern so einlullen, dass wir unbesorgt unser Geld ausgeben, auf Fußballplätzen und Partei-tagen wird mit Schlachtgesängen das Gemeinschaftsgefühl gestärkt und auf die gleiche Linie eingeschworen.
Musik vermag aber auch noch etwas ganz anderes: Sie kann uns in Berührung mit Gott brin-gen.
Musik bringt uns in Berührung mit Gott, weil von ihr eine heilsame, heilende Kraft ausgehen kann und damit Heil erfahrbar wird. Ein Beispiel dafür finden wir im Alte Testament: Hier wird von König Saul erzählt, der – so würde man wohl heute sagen – an einer Depression litt. Immer wenn er in eines seiner Tiefs abrutschte, dann, so heißt es „nahm David die Harfe und spielte. So wurde es Saul leichter, es ging ihm besser und der böse Geist verließ ihn.“ (1 Samuel 16,23) Ähnlich hat es wohl auch Martin Luther erfahren. Er schrieb: „Mein Herz fließt über beim Hören der Musik, die mich oft … von schweren Ängsten befreit hat."
Musik bringt uns in Berührung mit Gott, weil sie von einer anderen Wirklichkeit kündet. Beim gemeinsamen Singen der meditativen Lieder von Taizé etwa, wenn an Weihnachten das Weihnachtsoratorium von Bach oder an Ostern das Halleluja von Händel erklingt, wenn wir den Psalmgesang der Mönche beim Stundengebet oder die sehnsuchtsvollen Gospels der Schwarzen hören, wird spürbar, dass es mehr gibt als unsere sichtbare, endliche und unvoll-kommene Welt, da zeigt sich Heiles, Ganzes, Unbedingtes, da können wir Vollendung und Ewigkeit ahnen.
Musik bringt uns in Berührung mit Gott, weil sie uns in unserem Innersten ergreifen kann - und somit das Herz öffnet: für ihn!